Drei Studenten, unterwegs (Kleeblatt-Geschichten 1)


Wirf die Scharteken weg, und sauf ein Glas Burgunder.
Was hilft bei Mädchen dir der ganze dumme Plunder?

Justus Friedrich Wilhelm Zachariae: Das Schnupftuch, Ein scherzhaftes Heldengedicht (1754)

Der Fund

Daraus könnte man doch was machen. Ein Druck von 1480. Gleich auf der ersten Seite ein Bild. Von drei Studenten, die um eine allerschönste Wirtin buhlten. Steht zumindest unten drunter. Es sind wohl eher zwei: Links ein Spieler mit Begleiterin, rechts eine Dame am Spinnrad, der sich ein Trinker nähert.

Wenn man schon einen Holzschnitt in Auftrag gibt, dann so, dass man ihn noch woanders wiederverwenden kann, zum Beispiel für zwei Pärchen bei der Abendunterhaltung. Passende Accessoires malen wir kurzerhand mit Tinte nachträglich rein: Mühle, Schach, Trinkbecher.

Drei Studenten buhlen um die Wirtin (1480). Oder sind es doch eher zwei?

Was fangen wir damit an?

Da kann man was draus machen: Zum Beispiel ein Buch über die Heide. Auf dem Cover des einen: Drei Männer ziellos unterwegs. Ein Lied auf den Lippen. Singen von Liebe, die heimlich ist und ernst. „Als ich gestern einsam ging, auf der grünen, grünen Heid, kam ein junger Jäger an, trug ein grünes, grünes Kleid“. Liebe eines Mädchens zum feschen Jäger. Eine Liebe, die wenig mit den drei zerlumpten Gestalten zu tun hat. Mehr Traum als Wirklichkeit.

Drei Wanderer auf der Heide.

Das Buch „Grün ist die Heide“ ist von 1932, reich illustriert mit „Lichtbildern aus dem gleichnamigen Film“. Zu sehen sind vor allem Wanderarbeiter auf dem Weg zur nächsten Kiesgrube, Tagelöhner, kein Glück in der Liebe. „Grün ist die Heide“ ist ein Lönslied. Sehr populär damals, deswegen gibt es einen Schlagerfilm zum Lied. Försterliebe, Wildererleid, karge Heidelandschaft. Und mittendrin drei Wanderer.

Hermann Löns und seine Heide, stockfleckig.

„Hermann Löns und seine Heide“ von 1924 war mal ein prächtiges Bilderbuch, stockfleckig geworden im Laufe der Jahrzehnte. Auf dem Dachboden gelagert, irgendwann vergessen. Da kriecht die Feuchtigkeit rein. Der Zahn der Zeit nagt. Nicht nur am Löns-Buch, auch seine Lieder kennt kaum noch einer: „Rosemarie, sieben Jahre mein Herz nach dir schrie“. „Der Birnbaum blüht nicht bloß aus lauter Freude“. „Auf der Lüneburger Heide, in dem wunderschönen Land“. Mehr so was für Wandervögel, die gerne zur Betreuergitarre singen. Am besten zu dritt. War einmal, kommt nicht wieder.

Aber immer hübsch der Reihe nach.

Rote Lippen, roter Wein

Drei Wanderer. Ein Kleeblatt, trifolium, leaf of trefoil. Fahrende Sänger. Monarchen, Wanderarbeiter.

Daraus könnte man doch was machen. Zum Beispiel einen deftigen Schwank wie Hans Folz, Barbier von Nürnberg im Jahre 1480. Drei Studenten, Männer, die es sich in der Kneipe bei Spiel und Gesang gemütlich machen. Schach, Mühle, es gibt auch was zu bechern. Weil die Becher im Holzschnitt fehlen, hat sie noch jemand fein mit der Feder nachträglich eingezeichnet. Ist so realistischer. Auch der Wirtin hat er rot einen kessen Mund gemalt. Rot sind die Rosen, Rot ist die Liebe.

Das täuscht. Denn die Wirtin, vorbildlich und vernünftig, spinnt Wolle am Spinnrad und macht sich nützlich. Sie hält auf sich und ihren guten Ruf, steht nicht zur Verfügung für eitlen Liebesplausch und Alphamännchen-Eitelkeit. Das hält einen ihrer Gäste aber nicht davon ab, nah und zu nah an sie heranzurücken. Wahrscheinlich der Anführer des Kleeblatts. Gerade die offensichtliche Tugend weckt seinen Erobererinstinkt, fordert ihn heraus.

Der Wirtin wird das Liebeswerben unangenehm. Da muss sich die unfreiwillig Verehrte etwas einfallen lassen, um die drei loszuwerden. Solche Männer packt man mit Mutproben. Folz erzählt, „wie sie den einen in ein Grab redet, die Nacht um ihretwillen darinnen zu bleiben, den anderen, dass er bei dem Grab die Nacht stünd und dem im Grab einen ganzen Psalter betet, und den dritten, dass er in teuflischer Gestalt grausamlich und sehr brummend um die Kirch zu dem Grab liefe, den, der dort betet, furchtig zu machen und ihn ab zu treiben“.

Ein raffinierter Trick: Die bedrängte Wirtin hetzt die drei Studenten gegeneinander auf. Erst kommt der Teufel, dann die lebendige Leiche und am Schluss die nackte Panik.

Das kann nur noch peinlich enden. Es folgt, „wie der im Grab aufhuscht zu entfliehen, und wie sie alle drei vor Schrecken hinfielen“. Grenzenloser Schrecken und Ohnmacht. Die gerechte Strafe für so viel toxische Männlichkeit. „Aber die Wirtin ward rein widerum vergolten“. Sie hat ihnen den Teufel auf den Leib gehetzt, den Teufel, der vor allem und zuerst in ihnen selbst steckt. Ihre Ehre bleibt gewahrt.

Zwischenbilanz

Was haben wir bis jetzt?

1. Drei Studenten. Drei erhöhen den komischen Effekt, ein Erzähltrick, Märchenmagie.
2. Die drei Studenten buhlen um Liebe, die sich nicht erfüllt. Motiv: Vergebliches Liebeswerben.
3. Die drei haben einen dubiosen Status. Studenten, Bummelanten, Herumtreiber, werden Millionär oder Tellerwäscher. Im Moment sind sie jedenfalls noch gar nichts, höchstens auf dem falschen Dampfer.
4. Ein Hang zum Morbiden. Für die Action verkleiden sie sich, der Teufel geht um auf dem Kirchhof, ein Toter steht aus dem Grab wieder auf. Liebe und Tod sind eng verbunden.

Und: Holzschnitte sollte man am besten so zurechtschneiden, dass sie sich gleich für mehrere Bücher wiederverwenden lassen. Dann lohnt es sich wenigstens.

Demnächst

Die drei Herumtreiber feiern erste Erfolge. Für die Wirtin brechen härtere Zeiten an. Liebe und Tod rücken noch enger zusammen. Dies alles und mehr im Kapitel „Drei Burschen, unterwegs“.


Verwendete Literatur

Justus Friedrich Wilhelm Zachariae: Das Schnupftuch, Ein scherzhaftes Heldengedicht. In: Poetische Schriften Bd. 2, Braunschweig 1763. Link zum Deutschen Textarchiv.

Item von dreyen studenten die vm ein aller schonste wirtin pulten. Von der Buhlschaft dreier Studenten, Nürnberg : Hans Folz 1480. https://mdz-nbn-resolving.de/urn:nbn:de:bvb:12-bsb00027019-8.

Hermann Löns: Grün ist die Heide. Eine Auswahl von 25 der besten Novellen, Hannover 1932.

Friedrich Castelle (ed.): Hermann Löns und seine Heide. Eine Wanderung durch die Stätten seiner Werke, Berlin 1924.

Abbildungsnachweise

Item von dreyen studenten die vm ein aller schonste wirtin pulten. Von der Buhlschaft dreier Studenten, Nürnberg : Hans Folz 1480. https://mdz-nbn-resolving.de/urn:nbn:de:bvb:12-bsb00027019-8. Seite 1v (scan 5). Creative Commons License: Namensnennung – Nicht kommerziell – Keine Bearbeitungen 4.0 International (CC BY-NC-ND 4.0).

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