Versetzte Verse ordnen: Zur Geschichte der Methode


Die Erfindung der versetzten Verse

Die Aufgaben auf dieser Webseite geben zurück auf eine alte Methode aus dem Lateinunterricht, die in der Renaissance, genauer gesagt im 16. Jahrhundert, erfunden und bis weit in das 19. Jahrhundert angewendet worden ist.

Im 16. Jahrhundert ist die Reformbewegung der Renaissance auch im Schulunterricht angekommen. Für das Verfassen lateinischer Texte, das zu diesem Zeitpunkt das alleinige Ziel der Gymnasien und Gelehrtenschulen ist, gelten nun die Texte der klassischen Autoren als Vorbild und Maßstab. Es genügt nicht, nur die lateinische Grammatik und die damit die sprachtypischen Regeln zu beherrschen, sondern der Stil der selbstverfassten Texte sollte sich an Cicero, Ovid und Vergil orientieren.

Also müssen die Schüler der humanistischen Gymnasien bei der Komposition eigener Dichtung nicht mehr nur Bauregeln von Hexameter und elegischem Distichon richtig verwenden, sondern vor allem die Modelle der klassischen Autoren beachten und sich daran orientieren. Daher kommt es zur Erfindung einer neuen Unterrichtsmethode, mit der die Komposition lateinischer Dichtung in der Schule beginnt: dem Ordnen versetzter Verse.

Die Methode der Renaissance: Drei Schritte beim Ordnen versetzter Verse

Das Ordnen versetzter Verse folgt auf das Studium vorbildlicher lateinischer Verse der antiken Dichter, in dessen Rahmen die Schüler die Regeln für Hexameter und elegisches Distichon kennenlernen. Die versetzten Verse leiten schrittweise zum Verfertigen eigener Verse an.

Als erstes erhalten die Schüler originale antike Verse, etwa von Ovid, bei denen die Reihenfolge in eine gewöhnliche, aus Prosatexten bekannte Anordnung aufgelöst ist. Hierfür gibt es auch den Begriff der turbierten, also „verwirrten“ oder „durcheinander gebrachten“ Verse, weil die Bausteine zwar noch alle erhalten, aber nicht mehr metrisch korrekt angeordnet sind. Die Schüler erhalten als Aufgabe, die Bausteine wieder zu dem Hexameter- oder Pentametervers umzuformen. Der Vers lässt sich leichter verstehen, weil die freie Wortstellung aufgehoben ist. Die Schüler können sich auf die metrische Analyse und Komposition konzentrieren.

In einem zweiten Schritt sind die Verse nicht mehr nur „turbiert“, sondern einzelne Adjektive sind durch Adjektive mit ähnlicher Bedeutung ersetzt, die aber metrisch nicht mehr passen. Die Schüler müssen also nicht nur die Verse wieder in die metrisch korrekte Anordnung zurücksetzen, sondern auch selbstständig das metrisch passende Adjektiv finden. Hierfür gibt es als Hilfsmittel Nachschlagewerke mit thematisch aufgebautem Wortschatz.

In einem dritten Schritt erhalten die Schüler nur noch den Inhalt eines kurzen lateinischen Textes, etwa eines Distichons oder einer Reihe von Hexameterversen vorgegeben. Sie müssen dann für alle Verse nicht nur selbst die passenden lateinischen Wörter zusammensuchen, sondern sie auch so kombinieren, dass sich eine metrisch korrekte Anordnung ergibt.

Noch gegen Ende des 19. Jahrhunderts gibt es an einigen Gymnasien in Deutschland die Komposition eigener lateinischer Verse als Unterrichtsziel des Lateinunterrichts, zumindest für die Schüler, die sich dies zutrauen.

A Rectore primum dictabatur materia poetica, unde non tam ordinandi, quam fingendi erant versus Latini, hexametri plerumque aut disticha. Qui valebant ingenio et scribendi facultate, poterant hic ostendere, quales essent Phoebi alumni.

Materia illa poetica tribus classibus communiter proponi solebat. Rectius, ni fallor, utiliusque primae et secundae classi data fuisset. Magna certe pars tertiae classis (dicebatur Mittel-Secunda) huic negotio non satis apta erat. Inferiorum ordinum discipulis proponebantur versus Latini distracti, quos iustum in ordinem redigerent.

Friedrich Karl Kraft über schulische Prüfungen in lateinischer Dichtung, 1837

Ordnen versetzter Verse für das 21. Jahrhundert

Heute ist die Komposition eigener lateinischer Texte kein Ziel des Lateinunterrichts mehr. Die Methode, versetzte Verse zu ordnen, ist aber zu Unrecht in Vergessenheit geraten. Die Aufgaben können nämlich so modifiziert werden, dass ein spielerisches Training der beiden wichtigsten Besonderheiten der antiken Dichtung möglich wird: 1. der freien Wortstellung und hier insbesondere der oftmals schwierigen Zuordnung von Adjektiven, 2. der Bauregeln des Hexameters und des elegischen Distichons.

Ein weiterer Vorteile: Die Methode der versetzten Versen eignet sich in besonderem Maße für das Erstellen interaktiver, nur in digitaler Umgebung möglicher Aufgabentypen. Sie können ergänzend oder anstelle analoger Übungen und zur Vertiefung im Lateinunterricht genutzt werden.

Der Aufgabentyp „Turbierte Verse ordnen“ entspricht grundsätzlich dem ersten Schritt der alten Methode, nur sind die Vers-Bausteine jetzt tatsächlich vollständig nach dem Zufallsprinzip „turbiert“. Außerdem muss die Aufgabe für heutige Schüler vereinfacht werden. Damit die Schüler sich auf das Herstellen eines metrisch korrekten Hexameters oder eines Distichons konzentrieren, sind die Bausteine skandiert und zusätzlich ins Deutsche übersetzt.

Der Aufgabentyp „Verse aufräumen“ schließt an das Verfahren aus dem ersten Schritt der alten Methode an, die freie Wortstellung des antiken Verses zugunsten einer normalen Satzreihenfolge aufzulösen und dadurch das Verständnis des Textes zu erleichtern. Das Aufräumen der Verse lässt sich heute noch genauso wie in der Renaissance als Übersetzungshilfe genutzt.

Der Aufgabentyp „Adjektive aus einer Auswahl zuordnen“ schließt an den zweiten Schritt der alten Methode zu den versetzten Versen an. Wie bei der alten Methode müssen die Schüler selbstständig das metrisch und inhaltlich passende Adjektiv finden. Die Suche nach dem Adjektiv wird jedoch jetzt dadurch erleichtert, dass eine Auswahl an Adjektiven mit ähnlicher Bedeutung bereits vorgegeben ist. Außerdem sind die in Frage kommenden Adjektive bereits skandiert. Und alle Texte und Bausteine sind ins Deutsche übersetzt.

Der Aufgabentyp „Adjektive frei zuordnen“ hat keine direkte Entsprechung in der alten Methode, sondern ist als Vorstufe zum Aufgabentyp „Adjektive aus einer Auswahl zuordnen“ konzipiert. Hier werden gezielt Leerstellen im Vers gelassen, die die Schüler selbst mit verschiedenen Adjektiven füllen können. Sie sind zwar an die metrischen Vorgaben gebunden, inhaltlich aber nicht festgelegt. Dadurch können sie die häufig unterschätzte Bedeutung von Adjektiven für die Aussage eines Verses an eigenen Beispielen erproben.