Drei Burschen, unterwegs (Kleeblatt-Geschichten 2)


Eine Eigenart des geheimnisvollen Baues und der rätselhaften Beliebtheit
des Volksliedes sind seine Anklänge an lieb gewordene Phrasen, seine
Ausdrücke und Wendungen, seine Wiederholungen, Umbildungen, Anklänge,
Vorschläge, Elisionen &c.

Conrad Beyer, Deutsche Poetik (1883)

Was bisher geschah

Ein Anfang ist gemacht. Drei Studenten, unterwegs ohne festes Ziel, wollen mit der Wirtin anbandeln. Nichts Ernstes, nur zum Zeitvertreib. Aus der Liebe wird nichts. Die Wirtin konfrontiert sie lieber mit Tod und Teufel, die drei machen sich auf und davon. Das wird ihnen eine Lehre sein.

Auftritt Ludwig Uhland

Daraus könnte man doch noch mehr machen. Und das macht Ludwig Uhland im Jahre 1808.

Ludwig Uhland: Der Wirtin Töchterlein

Es zogen drei Bursche wohl über den Rhein,

Bei einer Frau Wirtin, da kehrten sie ein.

„Frau Wirtin! hat sie gut Bier und Wein?

Wo hat sie ihr schönes Töchterlein?“

„Mein Bier und Wein ist frisch und klar,

Mein Töchterlein liegt auf der Totenbahr.“

Und als sie traten zur Kammer hinein,

Da lag sie in einem schwarzen Schrein.

Der erste, der schlug den Schleier zurück

Und schaute sie an mit traurigem Blick:

„Ach lebtest du noch, du schöne Maid!

Ich würde dich lieben von dieser Zeit.“

Der zweite deckte den Schleier zu,

Und kehrte sich ab, und weinte dazu:

„Ach! dass du liegst auf der Totenbahr!

Ich hab’ dich geliebet so manches Jahr.“

Der dritte hub ihn wieder sogleich,

Und küsste sie an den Mund so bleich:

„Dich liebt’ ich immer, dich lieb’ ich noch heut,

Und werde dich lieben in Ewigkeit.“

Alles wie gehabt. Drei junge Männer, in weinseliger Stimmung unterwegs, wieder auf der Suche nach Liebesabenteuern in einer Kneipe am Wegesrand. Wir verlegen es an den Rhein, sorgt für mehr Kolorit, dort lässt sich auch recht zünftig ein ordentlicher Schoppen Rheinwein trinken. Und für die passende Tonlage borgen wir uns einen rustikalen Volkliedsound. Direkt aus einer aktuellen Volksliedersammlung, heißt „Des Knaben Wunderhorn“, zusammengesammelt von Arnim und Brentano: „Es ritten drei Reiter zum Tore hinaus.“ So wird’s gehen.

Apropos Volksliedersammlung: „Es ist ein Schnitter, der heißt Tod.“ Steht auch bei Arnim und Brentano. Ein bisschen morbide, diese Wendung zum Tod. So ein Sensenmann, der alles niedermäht. „Musst in den Erntekranz hinein, Hüte dich schöns Blümelein!“ Aber hatte die allerschönste Wirtin von 1480 nicht auch schon ein Grab schaufeln lassen und eine mitternächtliche Geisterstunde inszeniert? War nicht schon damals das unkontrollierte Liebesverlangen aufs engste mit dem Tod verknüpft? Muss nicht jeder maßlos Liebende ein Stelldichein mit dem Tode fürchten? Hüte dich schöns Blümelein!

Trotzdem, eine ziemlich misogyne Wendung, die der junge Uhland der ganzen Wirtin-Geschichte gibt. 1480 war noch die tugendsame Wirtin als Siegerin aus dem Gerangel hervorgegangen, weil sie die liebestollen Werber aufeinander losgelassen hat. Jetzt gibt es eine friedlich in Trauer vereinte Männerrunde, die im bittersüßen Liebesdrang zueinander findet. Liegt vielleicht daran, dass der junge Uhland beim Dichten selbst Student war. Student der Rechtswissenschaft. Tübingen. Und seine Freunde im Schwäbischen Dichterkreis auch, etwa der spätere Arzt Justinus Kerner. Die haben bestimmt so manchen Becher gemeinsam gelehrt. Und sich an romantischer Dichtung versucht. Aber bitte mit echtem ehrlichen Gefühl. Wer trifft den hellsten Volksliedton?

Drei Burschen im Bild

Jetzt stehen sie da, an der aufgebahrten Leiche. Alles Männer, vereint in tief empfundenem Schmerz, vor sich die kultisch verehrte, für immer unerreichbare Schöne. Männerfreundschaft, nur über ihre Leiche. Da kann man umso ungehemmter Liebesschwüre schwören. Und sogar die leblose Geliebte küssen. Verliebt in eine Tote, der Nachseite zugewandt. Ein Bündnis mit dem Tode, keine Hoffnung, nirgends. Aber umso schwärmerischer kann man sich seinen Gefühlen hingeben. Der Vorteil: Keiner braucht den Nebenbuhler wirklich zu fürchten, es ist genug Platz für alle da. Und zum Trost bleiben ja immer noch Bier und Wein bei Wirtin senior.

Ludwig Uhland trifft jedenfalls den richtigen Ton. Er bastelt ein Volkslied aus dem Bestand alter Volkslieder. Ein Volkslied larger than life. „Der Wirtin Töchterlein“ wird ein beliebtes Motiv für Gedichtbände und schließlich für Postkarten, die man seinen Freunden und Bekannten von der Ausflugsfahrt mit dem Rheindampfer nach Hause schickt.

Gabriel von Max: Im Halbdunkel.

Bei Gabriel von Max 1867 wird die Trauerszenerie ins Halbdunkel eines Trauerraums verlegt. Der Sarg wartet schon, vorne lehnt der Sargdeckel. Das Spotlight der Tagessohne dringt durch ein enges Fenster, hell strahlt es die Tabuszene an: „Und küsste sie an den Mund so bleich“. Vom Schleier nichts mehr zu sehen. Da ist er, der gar nicht so keusche Kuss des verliebten Jünglings. Als könne er so die Verstorbene wiederauferstehen lassen! Mit dabei der zweite Mitbursche, andächtig gefasst, aufrecht stehend, aber den Blick zum Boden gesenkt. Hinten in der Nische abgewandt der Dritte im Bunde, sein Gesicht verhüllt, er weint genauso wie die Mutter der Verstorbenen, die sich an ein Bettgestell lehnt. Vergraben in der Trauer, düster, finster, der bleichen Schönheit zugewandt.

Ludwig Richter: Singvögel und Haushund.

Ludwig Richter 1878 macht eine drollige Szene aus der Trauergruppe. Singvögel haben in den Fensternischen hinten und auf der Ablage vorne Platz genommen. Sie singen von der verflossenen Liebe zur schönen Maid. Zu spät, zu spät! Die drei Burschen zeigen wieder die ganze Palette männlicher Emotionen, völlige Zerrüttung, Gefasstheit und Andacht und nicht zuletzt übergriffiges Verlangen, zum keuschen Kuss verbrämt, hier nur im Planungsstadium. Und vorne weint wieder die alte Wirtin, das Gesicht verhüllt. Aber jetzt macht ein putziger Haushund Männchen und versucht vergeblich zu trösten.

Archivbesuch
Es zogen drei Burschen – Der zweite deckte den Schleier zu. Postkarte. Datierung durch Poststempel/Sonderstempel 1. August 1912.
Link zur Postkarte.
Archiv: Osnabrücker Bildpostkartensammlung. Sammlung Prof. Dr. Sabine Giesebrecht.

Irgendwie ist es von dort gar kein so weiter Schritt mehr zu den feucht-fröhlichen Saufbruder-Kärtchen, die man 1912 den Verwandten zuhause schickte. Vordergründig ist auf der Postkarte alles beim Alten. Wieder drei Burschen in verschiedenen Trauerposen.

  • Nummer 1. Der melancholisch Veranlagte fasst sich ein Herz. Wird er die Todesbraut gleich küssen, wenn er in den Trauerraum kann? Er muss noch ein bisschen warten.
  • Nummer 2. Der von Trauer Überwältigte verhüllt sein Gesicht, die Tote bei ihm, jetzt sogar mit Schleier. „Der zweite deckte den Schleier zu/ Und kehrte sich ab und weinte dazu.“
  • Nummer 3. Der Starke, Gefasste steht in Kondolenz bei der trauernden Wirtin, spendet Trost wie Richters putziger Haushund beim Männchenmachen.

Aber plötzlich schleicht sich Unbehagen ein. Liegt es vielleicht an den Weinflaschen, die immer noch in Griffweite stehen? Oder daran, dass sich der gefasste Trauerbursche allzu plump vertraulich an die Wirtin heranmacht? Ist vielleicht die ganze Szene nur ein riesengroßer Fake, eine burleske Bühnenshow? Es scheint zumindest möglich, ja naheliegend, dass der Wirtin Töchterlein gleich wieder aufsteht und sich auch einen Schluck aus der Pulle genehmigt, die im Raum nebenan kreist. Dann wäre der Männertraum von Wein, Weib und Gesang endlich in Erfüllung gegangen. Die ersehnte Lösung, ertränkt im Alkohol.

Zwischenbilanz

Die Bilanz nach einem Jahrhundert Uhland:

1. Das berufliche Fortkommen der drei Burschen steht nicht zur Debatte. Wein können sich auf jeden Fall schon mal leisten. Sie scheinen auch was zu gelten bei der Wirtin.
2. Die Zahl Drei: Wichtig, denn wir lehnen drei verschiedene Formen männlicher Trauer kennen.
3. Vergebliches Liebeswerben: Ganz zentral, ja zuggespitzt hin zum Unmöglichen: Totenkult, Verehrung einer Verstorbenen, Nekrophilie. Ja, auf einmal gibt es einen Männerbund, drei Burschen brüderlich vereint. Die Frauen sind im Abseits, entweder Hausfrau, die den Wein einschenkt und in Trauer geht, oder schöne Maid, angehimmelt von reisenden Jünglingen.
4. Es liegt wohl daran, dass Uhland das Morbide einfach den Frauen anhängt. 1480 dürfen Frauen den Männer noch einen Schrecken auf dem Friedhof einjagen. Dann sind sie die Männer geheilt. 1808 suchen sich Männer Frauen auf dem Friedhof, von denen sie sich einen wohlig-gruseligen Schrecken einjagen lassen. Und Heilung ist weit und breit nirgends mehr in Sicht.

Demnächst

Welche Abenteuer erleben die drei Burschen als nächstes? Werden sie von ihrer Misogynie geheilt? Gibt es ein Happy End für die Liebe? Außerdem: Wird aus den Scharteken endlich Weltliteratur?
Und was ist mit den drei lumpigen Gestalten, die singend durch die Birkenallee ziehen, den Wanderarbeitern aus der Heide? 
Freuen Sie sich auf das Kapitel „Drei Handwerker, unterwegs“!


Verwendete Literatur

Ludwig Uhland: Gedichte, Stuttgart 1815, S. 208. Link zum Deutschen Textarchiv.

Es ritten drei Reiter zum Thore hinaus.
Arnim, Achim von; Brentano, Clemens: Des Knaben Wunderhorn. Bd. 1. Heidelberg, 1806., S. 253. Link zum Deutschen Textarchiv.

Es geht ein Schnitter.
Arnim, Achim von; Brentano, Clemens: Des Knaben Wunderhorn. Bd. 1. Heidelberg, 1806., S. 55. Link zum Deutschen Textarchiv.

Conrad Beyer, Deutsche Poetik. Handbuch der deutschen Dichtkunst nach den Anforderungen der Gegenwart. Zweiter Band. Stuttgart, 1883, S. 83. Link zum Deutschen Textarchiv.

Abbildungsnachweise

Ludwig Richter: Aus der Dichtung und Sage: Ernst und Scherz. In Holzschnitten nach Originalzeichnungen von Ludwig Richter. Herausgegeben von Georg Scherer, Leipzig 1878, Scan 19. https://mdz-nbn-resolving.de/urn:nbn:de:bvb:12-bsb11363954-3. Kein Urheberschutz. Nur nichtkommerzielle Nutzung erlaubt.

Holland, Wilhelm Ludwig: Uhlands Gedichte. Mit Holzschnitten nach Zeichnungen von Camphausen, Cloß, Makart, Max, Schrödter, Schütz, Stuttgart: Cotta 1867, S. 278. https://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:hbz:061:2-33884. Public Domain Mark 1.0Creative Commons Gemeinfrei 1.0 International Lizenz.

Es zogen drei Burschen – Der zweite deckte den Schleier zu. Postkarte. Datierung durch Poststempel/Sonderstempel 1. August 1912. Sammlung Prof. Dr. Sabine Giesebrecht. Link zur Osnabrücker Postkartensammlung. CC0 1.0.