Ganghofer: Edelweißkönig. Der gezähmte Wildfang


Edelweißkönig

Der gezähmte Wildfang

Ganghofer: Edelweißkönig

Der gezähmte Wildfang

Zentral für den „Edelweißkönig“, mit Dank an Minna Hillern: 1. Der Abhang am Wildbach, 2. Geisterglaube. Beides zusammengeführt in einer überraschenden Kombination. So schreibt Ganghofer seinen ersten richtigen Bestseller. Wieder mit dabei: ein Liebespaar, eine ungewollte Schwangerschaft.

Baustein 1: Ferdl. Das Bauernkind Ferdl, als Soldat in der Münchnerstadt, stellt Graf Luitpold zur Rede, einen Spielkameraden aus Kindertagen. Vorangegangen ist der Selbstmord der Schwester Johanna: Sie war unverheiratet schwanger vom jungen Leopold und fürchtete um ihren Ruf. Zwischen den Männern kommt zum Streit, Ferdl glaubt, Luitpold getötet zu haben. Er flieht zurück in die heimatlichen Berge, die Polizei wird bei seinem Bruder, dem Finkenbauer Jörg, vorstellig: Ferdl sei, so der Polizist, „vom Regiment desertiert“. Und gesehen worden, wie er eilig aus dem Grafenhaus stürmte. „Und droben haben s‘ den jungen Grafen gfunden, unter der Tür, von Blut übergossen, mit eim Säbelhieb gradaus über d’Stirn. Der Ferdl hat ihn erschlagen, Finkenbauer! Dein Bruder!“

Ferdl will nach Österreich, über die Grenze. Er muss die Berge hinauf, entlang der Höllbachklamm. Dort lauert leider schon die Polizei. Sie ahnt, wo Ferdl lang will und kennt die Stelle, „an der die Schlucht ihre Ränder so nah aneinander zieht, daß sie mit einem herzhaften Sprung zu übersetzen war“. Unten in der Tiefe schäumt der tosende Wildbach, ehrfurchtsgebietend, angsteinflößend.

Ganghofer malt die Wildbach-Szene auch in diesem Roman wieder anschaulich aus, „überall jäh abstürzendes Gestein; bald erweiterte sich die Schlucht zu riesigen Kesseln, in deren Abgrund die milchweiße Brandung kochte, bald wand und krümmte sie sich im Bogen,“ „überall entquoll eine dunstige Kälte dem Abgrund, und dünne Nebel schwebten herauf, um in der Sonne zu zerfließen.“

Ferdls Flucht scheitert. Kommandant und Gendarm stellen ihn, er soll sich ergeben, sie sind bewaffnet. „Schon schnellte sich Ferdl mit hohem Satz hinaus über den Rand der Schlucht. Die Verzweiflung mußte ihm die Kräfte zu solchem Sprunge gegeben haben – glücklich erreichte er auch mit den Füßen das andere Ufer, doch unter der Wucht des Anpralls brachen ihm die Knie.“ Ferdl stürzt jäh den Abhang hinunter. „Ein dumpfer Schlag – das Rasseln und Poltern der nachstürzenden Steine – und aus der Tiefe war nur noch das Brausen und Rauschen des Wassers zu hören.“ Ein Freund, der alles mit ansieht, ist fassungslos: „Er hob die zitternde Hand, bekreuzte das erblaßte Gesicht und sank auf die Kniee nieder zu stillem Gebet.“

Der Finkenbauer, eilig herbeigerufen, sucht vergeblich die Klamm ab. Holzknechte werden an Seilen den Hang hinuntergelassen, wo immer die Klamm zugänglich ist. Ferdl bleibt verschollen.

Baustein 2: Veverl. Veverl ist ein Waisenkind und wohnt beim Finkenbauern, „ein Mädel, das kaum das sechzehnte Jahr überschritten haben konnte“. „In dem halb kindlichen, halb jungfräulichen Gesicht mit dem schlanken Näschen, dem kirschroten Mund und den runden Wangen paarten sich gesunde Frische und ein leiser Ausdruck von Schwermut.“ Liegt es an den „großen Rehaugen“?

Veverl glaubt an Geister, das erzählt sie gerne und oft den Kindern, so wie sie es von ihrem Vater gelernt hat. „Und so hat jeder Stein sein‘ eigenen Geist: der Kreidenstein, der Blutstein, der Eisenstein, der Salzstein, der Marmelstein, und überhaupt a jeder, hat mein Vater gsagt!“ „Die Bäum aber, und die Pflanzen und Blümeln, die haben Geisterinnen, wo man Feyen heißt“. „Und so gibt’s an Almrauschfey, an Enzianweibl und a Steinrautalfin.“

Einen Lieblingsalf hat Veverl auch. „Grad an einzigs Blüml, dös schöne Edelweiß, dös droben wachsen tut z’höchst auf die Berg, dös hat an Mannergeist, der’s hüten tut und schützen. Und dem sein Nam heißt Edelweißkönig. Der hat a freundlichs Gsicht mit blaue Augen, an braunen Bart und braune Lockenhaar.“

Die seligen Fräulein mit den Eisaugen und der eiseskalte Vater Murzoll sind zu niedlichen Märchengestalten umdefiniert. Das Veverl ist ein gezähmter Wildfang. Sie hat da so ihre Ideen, noch von Vaters her, es gibt aber kein Aufbegehren. Den Aberglaube müssen wir ihr trotzdem austreiben, so wie der Pfarrer bei Wally.

Die Verbindung: Die Sage vom Edelweißkönig. Veverl verirrt sich im Wald, ein Unwetter kommt auf und sie gerät in die Nähe des Höllbachklamm. Angsterfüllt pflückt sie ein Edelweiß und beschwört seinen Alfen.

Da loderte mit einem blechernen Donnerschlag, unter dem die Erde bebte, ein Blitzstrahl aus den Wolken, bei dessen flammendem Schein der Wald und die Berge wie in Feuer zu schwimmen schienen. Und mit gellendem Aufschrei warf sich Veverl rückwärts gegen den Fels. Wenige Schritte vor ihr, in der lohenden Helle, sah sie eine Gestalt in grauem Mantel, mit geisterblassem Gesicht, das ein Bart umrahmte. Und über dem dunklen Haar der Spitzhut, den eine Krone von Edelweißsternen schmückte.

Blitz, Donner, Flammenschein, lohende Helle. Berge schwimmen in Feuer. Was für eine Kulisse! Ein geisterblasser Mantelträger, mit Bart und Lockenhaar, Edelweiß am Hut. Das muss er sein, der Märchenprinz!

„Ein seltsames Gefühl, halb Schreck, halb freudiger Schauer, durchzuckte sie bei dem Gedanken, daß es nun wirklich so gekommen war, wie sie in ihrer Not geträumt und gehofft hatte: der beschworene Alf war ihr erschienen“. Es ist, so ahnen wir, natürlich der Ferdl, der in einer Höhle abseits der Klamm Unterschlupf gefunden hat. Und er schlägt sich so durch, weil ihn sein Bruder, der Finkenbauer, heimlich versorgt.

Veverl träumt lieber weiter, für sie scheint „sich das unterirdische Reich des Alfen in jener Pracht [zu] enthüllen, die sie in ihren Träumen sich ausgemalt hatte“. Sie „hörte nur das Knistern der Fackel und jenes geheimnisvolle Murmeln und Rauschen“, das der Höllbach verursacht. „Staunend betrachtete sie die im Fackelscheine glitzernden Wände, die ihr von tausend Edelsteinen übersät schienen. Über diese Wände wölbte sich eine von funkelnden Tropfen und Zacken starrende Kuppel, die bei dem Spiel der zuckenden Lichter und Schatten sich ansah, als tröffe sie von flüssigem Erz – von Gold und Silber, wie Veverl meinte.“

Der Sound. Knistern, Murmeln, Rauschen. Die Stimmung. Funkelnde Tropfen, zuckende Lichter, wie Gold und Silber. Mehr braucht es nicht, Veverl ist träumend entrückt. Und Ganghofers Leser gleich mit.

Ein Happyend gibt’s auch. Luitpold reist an, ist genesen, versöhnt sich mit Ferdl. Alles ein tragisches Missverständnis. Er hätte Johanna geheiratet! Ferdl wird mild bestraft für die Desertion und kann seine Veverl heiraten. Sie muss sich bloß verabschieden von den liebgewonnenen Geistergeschichten.

Kein Schwärmen mehr für den Edelweißkönig, sie umarmt jetzt den echten Ferdl: „Mit aller Innigkeit ihres Wesens umschlang sie den köstlichen Besitz, den ihr Herz gefunden und erworben, während jene traumhafte Welt, in der sie bislang gelebt und geatmet hatte, in Trümmern bracht. Die Königsblume ohne Macht und Geheimnis! Kein Edelweißkönig! Kein Alfenreich! Nicht Wunder noch Zauber! Alles nur greifbare Wirklichkeit!“ Anders als Wally kommt Veverl lieber selber drauf. Und ist zufrieden mit der Liebe zum Ferdl.

Auch wenn er sich fleißig bei Hillern bedient: Erst Ganghofer gelingt es, die Bausteine so kunstvoll zusammenzuführen. 1. Einer stürzt den Abhang hinunter. Verwildert, versteckt sich, schlägt sein Lager in einer dunklen Höhle auf. Und sieht irgendwann aus wie der Edelweißkönig. 2. Die andere glaubt ganz fest an ihre Geister. Nimmt den Anschein für Wirklichkeit, den Ferdl für den Edelweißkönig. Und erkennt erst am Schluss, dass sie sich in einen normalen Menschen verliebt hat.

Seine Leser nehmen Ganghofer die abenteuerliche Konstruktion locker ab und lassen sich verzaubern. Liegt am Happyend. An den Sagen, ihrem Gaukeln und Flüstern. Und an den Emotionen. Schussbereite Polizisten, ein wagemutiger Sprung über den Abgrund, die überwältigende Natur. Wilde Wasser, funkelnde Höhlen. Immer so ein Unbehagen, das erst ganz am Schluss aufgelöst wird: Alles ist doch nur „greifbare Wirklichkeit“. Was für ein Glück!

Verwendete Literatur

Ganghofer, Ludwig: Edelweißkönig, Berlin: Die Buchgemeinde, ohne Jahreszahl.

15-17 Veverl über Alfen und Feyen
121 + 150 Ferdl als Deserteur und Mörder
126-129 Ferdl stürzt ab
236-237, 240, 244 Veverl trifft den Edelweißkönig und schaut sich in seiner Höhle um
345 Happyend für Veverl und Ferdl, ohne Geisterglaube

Abbildungsverzeichnis

Ganghofer, Ludwig: Edelweißkönig, Berlin: Die Buchgemeinde, ohne Jahreszahl. Eigenes Archiv.

Ganghofer, Ludwig: Edelweißkönig. Eine Hochlandsgeschichte. Mit Illustrationen von Hugo Engl. Zweite Auflage, Stuttgart : Bonz & Co. 1894. Public Domain. Link zur Bayerischen Staatsbibliothek.

Veverl erzählt vom Edelweißkönig S. 20, scan 28
Gebet am Abgrund nach Ferdls Sturz, S. 171, scan 179
Ein Holzknecht wird am Seil herabgelassen S. 187, scan 195
Veverl trifft den Edelweißkönig S. 319, scan 327