Ganghofer: Der Jäger von Fall. Vom Volksstück zum Hochlandkrimi


Vom Volksstück zum Hochlandkrimi

Ganghofer: Der Jäger von Fall

Vom Volksstück zum Hochlandkrimi

„Der zweite Schatz. Volksschauspiel in vier Aufzügen“, 1883. Die Handlung seines ersten eigenständigen Bühnenstücks liest sich, als hätte Ganghofer direkt vom Alpenleben-Bilderbogen von 1849 übernommen, was dort als Ort und Liebesgeschichte noch der Fantasie des Betrachters überlassen ist.

Ein fescher Bauernbub, nennen wir ihn Blasi, besucht regelmäßig die schöne Sennerin, wir wollen sie Modei nennen, auf der Alm, wo sie als Sennerin arbeitet und das Butterfass schwingt. Die beiden verlieben sich, es kommt zu Zweisamkeiten, mehr noch, Modei wird schwanger. Der Bauernbub, Sohn eines reichen Großbauern, verspricht ihr die Heirat, das sind aber leere Worte. Es kommt wie, es kommen muss: Das Kind ist auf der Welt. Blasi will sich Modei nur als Geliebte halten, bei der er einen Rückzugsort sicher hat. Ansonsten folgt er lieber den Pläne für die arrangierte Ehe, die sein Vater geschmiedet hat. Modei fügt sich notgedrungen, das Kind muss zu ihrer Mutter ins Dorf.

Später. Blasi schaut weiter bei Modei vorbei, als wäre nichts, macht es sich gemütlich und lässt sich am Herd bewirten. Wenn da nicht noch ein anderer Bauernbub wäre, der Friedl. Er liebt Modei aufrichtig und ist bereit mehr zu sein als ein biologischer Vater, er will sie heiraten und Verantwortung übernehmen. Winkt ihm Modei vielleicht gerade mit ihrem Hut in der Hand zu? Ein Konflikt zwischen den beiden Rivalen zeichnet sich ab.

Ein weiteres Problem: Blasi nutzt Modeis Alm als Versteck und Zwischenstation, wenn er auf Wildererei ausgeht. Denn er ist der Wildschütz, der von allen Jägern gesucht und nach seinem auffälligen Schuhabdruck „Neunnägler“ genannt wird. Der Konflikt verschärft sich: Friedl ist Jagdgehilfe und muss berufsbedingt auch den Wilderer fangen, auf Leben und Tod.

Blasi, der geheimnisvolle Neunnägler, wird uns gleich zu Beginn der Bühnfassung als Unsympath vorgestellt. Er ballert um sich und tötet das Wild, wie es ihm gefällt: „Ja – der Nam‘, der kommt halt von seiner Fährt’n her. Weißt, Füß‘ hat er – a so – und jeder Schuh is in der Mitt’n mit neun Näg’l b’schlag’n. Du mein Gott, wo die Fährt’n hinführt, da möcht’s ei’m graus’n. All’s bringt er um, jahrige Gamskitzl’n, Rehgais’n, Hirschkälber“.

Die gerechte Strafe kommt in Gestalt von Hies, dem Jagdkollege von Friedl. Modei kümmert sich gerade an ihrer Almhütte um Friedl. Plötzlich kracht’s.

(Im gleichen Augenblicke fällt links in die Höhe ein dumpfer, nicht zu sehr hörbarer Schuß.)

Modei (fährt auf).

Friedl. Das war der Hies.

Modei (langsam). I weiß net – mir is der Hall durch und durch ‘gangen.

Was da passiert ist, erfahren wir auf dem Wege des Botenberichts. Hies taucht bei Modei auf und macht wirre Andeutungen. Modei muss raten, ihr Bruder Lenzl bestätigt: Blasi ist tot, gestellt beim Wildern, erschossen vom Hies. Am Ende glühen die Alpen. Und das Liebespaar liegt sich, musikalisch begleitet, schaurig-glücklich in den Armen.

Friedl. Heiliger Gott, Hies – wie schaust Du aus – weiß wie a Wand!

Hies. (langsam dem Hintergrunde zuschreitend). Ja, ja!

Friedl. Wo hin denn?

Hies (im Absteigen). Heim! – I hab‘ am Landg‘richt a G’schäft. (Ab.)

Friedl. Jesses- da is ‘was g’scheh’n!

Modei (springt auf). Der Blasi!

Lenzl. (nickt bejahend mit dem Kopfe).

Modei (sinkt zurück).

Friedl (fängt sie in seinen Armen und drückt sie an sich). […]

(Das rote Licht der untergehenden Sonne fällt auf die Gruppe; Alpenglühen; leise setzt die Musik ein.)

Ganz anders die Romanfassung. Hier gestaltet Ganghofer das Duell breit aus, unterstützt von bewährten Bausteinen aus der Hillern-Werkstatt: dem Zweikampf, auf der Holzbrücke, über dem Wildbach. Vincenz gegen Joseph. Und zur Einführung in die Szene gibt es den staunenden Wanderer.

Gleich zu Beginn des Romans wird der gefährliche Holzsteig vorgestellt, uns Lesern und einem Besucher, der sich die Alpenwelt erstmal erklären lassen muss. Friedl zeigt einem Herrn Doktor Benno Harlander die Jagdgebiete. Der, ein Greenhorn und ganz der Typ staunender Wanderer, ist fasziniert von dem Wildbach, der tief unter der Holzbrücke fließt, „und schaute, über das Geländer gebeugt, hinab in die Tiefe der Schlucht.“ „Je mehr sich die Schlucht senkte, um so näher traten die beiden Wände zueinander, und da von ihnen abwechselnd zu beiden Seiten massige Felsklötze nach der Mitte zu hervorsprangen, bildete die Schlucht ein vielzerrissenes und zerklüftetes Zickzack.“ Unten „floß das Wasser der Dürrach, bald niederrauschend über kleine Fälle, bald tiefe, stille Kessel bildend, bald wieder hinplätschernd über leicht geneigte Kiesgründe.“

Benno kann sich nicht sattsehen an dem „Wasser mit smaragdgrüner Farbe“ und einer sonnenbeschienenen Stelle, wo „die schimmernden Forellen spielen“. Friedl ist schon vorgelaufen und muss den trödelnden Jagdgast aus seiner romantisch-verzückten Stimmung rufen.

Was Harlander bestaunt, wird am Ende des Romans zum Schauplatz eines tödlichen Zweikampfs, Mann gegen Mann. Hies verfolgt Blasi, der sein Gewehr verloren hat, bis auf den Steg über die Dürrach und will ihn mit der Büchse in der Hand zum Aufgeben zwingen. Da taucht Lenzl, Modeis Bruder, auf, und versperrt Blasi den Weg. Hies kann nur noch zuschauen: „Er sah, wie Blasi mit der ganzen Wucht seines Körpers auf Lenzl einsprang, wie dieser wankte und im Wanken mit beiden Händen nach Blasis Joppe griff, wie er fiel und im Fallen den anderen nachriß, und wie die beiden mit einem doppelten Jammerschrei hinunter stürzten in die gähnende Tiefe.“

Hies holt Hilfe, Friedl lässt sich abseilen. Blasi ist tot, Lenzl kann schwerverletzt geborgen werden, stirbt jedoch bald, umsorgt von seiner Schwester Modei.

Geschickt übersteigert Ganghofer die Hillernschen Bausteine. Der staunende Wanderer lässt sich allzu sehr von wild-romantischen Gefühlen hinreißen. Der Wildbach erscheint fast zu beschaulich, der Steig ist nichts weiter als Kulisse. Umso schlimmer endet der Zweikampf. Wo Wally ihren Joseph noch schwer verletzt retten kann, findet Friedl nur mehr einen Toten und einen Sterbenden. Der Kontrast zum malerischen Bild, in dessen Betrachtung sich Benno Harlander andächtig versenkt, könnte größer nicht sein. Hillerns Motive ja, aber auf die Spitze getrieben. Die versonnene Alpenschau trifft auf Mord und Totschlag. Rücksichtslose Wilderer vor der Büchse des Jägers. Halsbrecherische Rangelei auf wackeliger Holzbrücke. Atemberaubend. Schockierend.

Abbildungsverzeichnis

Münchener Bilderbogen Nr. 25 (1849). Ernst Fröhlich, Alpenleben, Link zur UB Heidelberg. Public Domain 1.0

Ganghofer, Ludwig: Der Jäger von Fall. Eine Hochlands-Geschichte. Mit Illustrationen von Hugo Engl. 12. Auflage Stuttgart: Bonz 1906. Eigenes Archiv.

S. 55: Der gefährliche Steig
S. 395: Zweikampf am Abgrund

Verwendete Literatur

Ganghofer, Ludwig: Der zweite Schatz. Volksschauspiel in 4 Aufzügen, Augsburg: Schmid 1883. Link zur Bayerischen Staatsbibliothek.

S. 14 Der Neunnäg‘l
S. 71 Der Schuss von Hies
S. 72+73 Hies taucht auf und will zum Landgericht

Ganghofer, Ludwig: Der Jäger von Fall. Eine Hochlands-Geschichte. Mit Illustrationen von Hugo Engl. 12. Auflage, Stuttgart: Bonz 1906.

S. 53-55 Benno Harlander betrachtet den Wildbach
S. 394-396 Lenzl und Blasi fallen von der Holzbrücke
S. 400-404 Friedl lässt sich abseilen