
Ganghofers Gottversucher
Bausteine für Bestseller
Ganghofers Gottversucher
Bausteine für Bestseller
Es war so in meiner Studienzeit noch an der LMU, da gab es ja den Karstadt in der Fußgängerzone selig. Die hatten unten oft so Bücherwühltische, da hab ich ab und zu neigeschaut. Und die hatten mal einen Tisch mit grünen Bänden Ganghofer 1 DM pro Band.
Und ich halt so mit meinen Vorurteilen, die ich so hatte, wie sie jeder hat gegenüber Ganghofer, dachte mir: „Also den Spaß machste dir jetzt, das kann man bestimmt so schön ironisch feixend lesen und sich drüber lustig machen“, und hab mir halt so zwei drei rausgezogen – – und hatte das große Glück, dass der erste, den ich rausgezogen habe, war „Waldrausch“.
Ja, und das war dann eine ziemliche Überraschung, dass das mich dann doch anders erwischt hat, als ich dachte.
Da bin ich die nächsten Tage dann an die Bücherkiste zurückgekehrt und hab noch den Rest eingesackt, der einzusacken war. Und da begann dann so eine gewisse Leidenschaft für Ganghofer.
Thomas Willmann (Interview im Radiofeature „Heimatkunde-Ermittlungen zu Ludwig Ganghofer“ bayern 2, 18.07.2020, Minute 27:03 – 27:53)
Ganghofers Bahnfahrt
Ludwig Ganghofer fährt Zug. Und weil das 1883 sehr sehr lange dauert, hat er für die Tagesreise eine großzügig bemessene Portion Weltliteratur im Gepäck. Zum Lesen, zum Zeitvertreib. Für die Karriere. Steht alles in seiner Autobiographie:
Im Vorfrühling 1883, wenige Wochen nach der Geburt unseres ersten Kindes, mußte ich von Wien nach München reisen. Zwei Bände Turgenjew, die ich auf die Reise mitgenommen hatte – die „Skizzen aus dem Tagebuch eines Jägers“ – fesselten mich so sehr, daß ich während der ganzen Tagesreise keinen Blick aus dem Fenster warf, nur immer ins Buch guckte, von Wien bis Salzburg. Es fing schon der Abend zu dämmern an, als hinter der Zollschranke die Reise weiterging.
Grenzübertritt. Und dann das. Sonnenuntergang mit Bergkulisse.
Und hinter einer einer von Dämmerung und Glutreflexen umwobenen Landschaft, die schneelos schon dem Morgen des ersten Veilchens entgegenträumte, stieg der beschneite Untersberg wie ein silberweißes, von tiefen Schattenrätseln durchwobenes Märchenbild in die Lüfte, schön und keusch, gewaltig und dennoch zart, umgaukelt von allem Erdenreiz und umflüstert von den Sagen vergangener Zeiten. Und neben ihm – wie Vasallen und Ritter an der Seite ihres Herzogs, mit violettem Stahl oder goldgebuckeltem Silber gerüstet – zogen die Gipfelketten der Berge bis zu endlosen Weiten.
Rätsel. Märchen. Sagen. Flüstern und Gaukelspiel. Unheimlich. Berggipfelketten wie eine Rittertruppe beim Herzog. In Rüstung. Zum Angstbekommen. Und zum romantischem Schwärmen.
Hatte die Lektüre Turgenjews mich vorbereitet auf die Wirkung dieses Bildes?
Wahrscheinlich. Vor allem aber Ganghofers Suche nach einem Romanstoff mit Bestsellerqualitäten. Da kommt ihm so ein bisschen Weltliteratur im Reisegepäck gerade recht. Wie wär‘s mit dem „Tagebuch eines Jägers“, nur aus Deutschland? Vielleicht im Berchtesgadener Land, rund um den Untersberg? Mehr Kulisse geht ja wohl auf keinen Fall. Das wär doch was!
Ganghofer macht allerdings in seinen Erinnerungen lieber die „Schönheit der Stunde selbst“ verantwortlich dafür, dass der „halbverschüttete Jubelbrunnen meiner Bergfahrten von ehemals“, selige Jugenderinnerungen, mit einem Mal wieder zu sprudeln beginnt. Liest sich halt besser. Aber: Wenn ein Schriftsteller aus dem Nähkästchen plaudert, nimmt er es selten mit der Wahrheit ganz genau.
Wer will schon kühl kalkulierende junge Väter auf der angestrengten Suche nach neuen Verdienstmöglichkeiten lamentieren hören, wenn er Sagen, Märchen und die ganz großen Gefühle haben kann. Der hochragende Untersberg. Helden der Vorzeit. Mit dabei: Träumereien von Seelengröße und Rittertum. Und über allem: Schattenrätsel im Glutreflex.
Worum es wohl eher geht und was Ganghofer sich überlegt: Berchtesgaden als naheliegender, noch unerschlossener touristischer Erholungsort, zwischen München und Wien, für die gestressten Großstädter. Das wird kommen. Da will ich hin, da mache ich Urlaub. Fehlt nur noch die passende Reiselektüre. Und genau diese Marktlücke hat Ganghofer, der junge Vater, „wenige Wochen nach der Geburt unseres ersten Kindes“ gerade für sich entdeckt. Und all die vielen, die sich so einen Urlaub gar nicht leisten könne, die freuen sich schon über die Lektüre allein. Flüsternd. Gaukelnd. Zum Träumen. Gewaltig und zart. Sagenhaft.
Ganghofer, Hillern, Freytag: Bausteine für Bestseller
Fehlt nur noch das unverwechselbare Markenzeichen. Und da ist die Geschichte aus Ganghofers Erinnerungen, wie ihn vom Zugabteil aus die Abendkulisse des Untersberg im Schnee ergriffen romantisch schwärmen lässt, mindestens gut erfunden, trifft wahrscheinlich sogar den Kern. Denn hier sind alle Zutaten dabei: 1. Moderne Infrastruktur mit allen Annehmlichkeiten, 2. Fertig gesammelte Sagen, zur bequemen Weiterverwendung, für den wohligen Gruselblick zurück, 3. Die richtige Lektüre als Quelle und Anregungen. Nur dass das bei Ganghofer nicht der Turgenjew ist, sondern Hillerns „Geier-Wally“. Auf kompakte Bausteine reduziert. Die jeder versteht. Die immer funktionieren. Für maximale Wirkung.
Bahnfahren. Moderne Infrastruktur. Wenn Ganghofer im Vorfrühling 1883 eine Zugfahrt von Wien nach München unternimmt, nutzt er eine relativ neuartige Einrichtung. Die Verbindung von Salzburg nach Rosenheim gibt es schon seit August 1860, die Weiterfahrt von Rosenheim in die bayerische Hauptstadt München ist aber erst seit März 1871 möglich. Die Erschließung der touristischen Ziele hat schneller funktioniert. Seit 1866 gibt es eine kleine Bahnlinie, die Bad Reichenhall an die Verbindung Salzburg-Rosenheim anschließt. Und für 1888 steht eine Weiterführung dieser Touristenlinie über Bad Reichenhall bis nach Berchtesgaden an. Ganghofer entscheidet sich beim Blick aus dem Zugabteil nicht ohne Grund für den Untersberg und seine Umgebung. Leser von Romanen können die Sehnsuchtsregion demnächst einfach selbst besuchen und zur Erholung nutzen. Und wer in Berchtesgaden seine Ferien verbringt, liest nachher bestimmt gerne einen Roman zur Urlaubsregion. Die Eisenbahn bringt alle dorthin.
Fertig gesammelte Sagen. Zur bequemen Weiterverwendung. 1883 gibt es einen etablierten Kanon von Sagen rund um das Berchtesgadener Land, allseits bekannt, fertig auserzählt. Ludwig Bechstein hat sie schon 1853 in den „Deutsche Sagen“ gesammelt. Zu Berchtesgaden gibt es ganz viele: Im Untersberg schlummert ein Kaiser und wartet auf bessere Zeiten. Und es gibt wilde Frauen, Riesen und Bergmännlein in seinen unterirdischen Kammern. Der Watzmann schließlich, so erzählt man, trägt seinen Namen nach einem tyrannischen Herrscher: ein „rauer und wilder König“, „ein grausamer Wütherich“, „nur die Jagd war seine Lust“. Eines Tages hetzt er seine Hunde sogar auf eine unschuldige Hirtenfamilie. Das ist zuviel. Zur Strafe machen sich seine Jagdhunde über ihn und seine Familie her.
Aus den Toten entsteht der Berg, „und so steht er noch, der König Watzmann, eisumstarrt, ein marmorkalter Bergriese, und neben ihm, eine starre Zacke, sein Weib und um beide die sieben Zinken, ihre Kinder – in der Tiefe aber hart am Bergesfuß ruhen die Becken zweier Seen, in welche einst das Blut der grausamen Herrscher floß, und der große See hat noch dem Namen Königssee“.

Hätte sich Ganghofer früher an die Arbeit gemacht, wäre die Angelegenheit deutlich komplizierter geworden. 1815 schreibt der Historiker Joseph Ernst von Koch-Sternfeld eine ehrwürdige „Geschichte des Fürstenthums Berchtesgaden und seiner Salzbergwerke“ in drei Bänden, für die er handschriftlichen Quellen und die Chronik des Klosterstifts auswertet. Dort findet sich so etwas wie ein historischer Kern der Sage.
Um 1100 stiftet die adelige Familie, der Berchtesgaden gehört, das abgelegene Gelände für ein Kloster. Eine Gruppe von Mönchen unter Propst Eberwein versucht tapfer die Ansiedlung und gerät, so die Chronik, in schlimmes Wetterbrausen: „Gestirne bewegten sich in ungewöhnlichen Bahnen, und schienen zu fallen; flammende Körper fuhren durch die Luft; vom 3. Jäner Nachts (1117) bis zum 4. Abends, während brausende Orkane Bäume entwurzelten, erbebte die Erde in heftigen Stößen, daß die Gebirge erzitterten, Felsen donnernd in die Thäler stürzten, und die Wände der Bergseen brachen“. Danach geben die Mönche erstmal die Klosterpläne auf.
Erst 1829, für einen Beitrag in „Aurora. Zeitung aus Bayern“, baut ein gewisser Alpinus um die tosenden Vulkane, Donner, Flammen und einstürzenden Felswände herum eine richtige Geschichte, die noch nicht ganz zu Bechsteins Fassung passt und etwas sozialkritischer daherkommt. König Watzmann hetzt seine Hunde in wilder Jagd auf seine Untertanen und freut sich an dem Blutbad. Nach der Gewitternacht sind nur er und ein Sohn in ein Gebirge verwandelt, und der Königssee ist aus dem Blut der getöteten Bauern entstanden, auf das die beiden zur Strafe blicken müssen. Die Sage von Alpinus wandert in leicht abgewandelter Fassung durch weitere Zeitungen, die Märchenzahl sieben für die Kinder des grausamen Königs taucht hier erstmals auf, und Bechstein übernimmt sie nur zu gerne in seine Sammlung hinzu. Macht sich besser.
Die Watzmannsage wird gleich in zweifacher Hinsicht zentral für Ganghofers schriftstellerische Arbeit rund um das Berchtesgadener Land. 1. Der inoffizielle Name für seinen Romanzyklus lautet „Die sieben Watzmannkinder“. 2. Die Hauptrolle im chronologisch ersten Roman, der „Martinsklause“, spielt ein gewisser Herr Waze.
Ganghofer beginnt schon in den Jahren 1883 – 1885, während dreier Sommerurlaube in Berchtesgaden, mit den Planungen für einen Romanzyklus von sieben historischen Romanen, die vor Ort spielen sollen. Er nennt den Zyklus, passend zum Sagenbestand, die „sieben Watzmannkinder“. Für die Idee bemüht er kein weit hergeholtes Vorbild. Die Anregung holt er sich vielmehr aus den unmittelbar vergangenen Jahren, natürlich gleich von dem größten Bestseller im Bereich der Historienromane der siebziger Jahre, dem sechsbändigen Romanzyklus „Die Ahnen“ von Gustav Freytag.
Freytag erzählt darin, basierend auf seiner älteren populärwissenschaftlichen Darstellung „Bilder aus der deutschen Vergangenheit“, die deutsche Geschichte anhand einer einzigen Familie in erzählerischer Form. Dafür greift er pro Band, beginnend mit dem 4. Jahrhundert n. Chr., jeweils eine andere historische Phase aus der deutschen Geschichte heraus und zeigt, wie sich ein Familienmitglied in dieser Zeit so durchschlägt. Freytag kommt in sechs Bänden bis zum 19. Jahrhundert. Die Romane erscheinen in regelmäßiger Folge von 1872 – 1880, jeder Band verkauft sich sofort in höchster Auflage, Freytags Name allein zählt schon als Lese- und Kaufargument.
Ganghofer verändert zwei Größen: Statt der Familie stellt er eine Region in den Mittelpunkt, nämlich Berchtesgaden, und er macht keine größeren zeitlichen Sprünge, sondern konzipiert für jedes Jahrhundert seit Gründung des Klosters Berchtesgaden je einen Roman. Beginnend mit dem 12. Jahrhundert gelangt er bis ins 18. Jahrhundert. Das passt, gibt 7 an der Zahl. Ganghofer schreibt in loser Folge bis an sein Lebensende an den „Watzmannkinder“, ohne sich an die Chronologie zu halten.
Den chronologisch ersten Berchtesgaden-Roman aus dem 12. Jahrhundert veröffentlicht Ganghofer 1894, zuerst in der „Gartenlaube“, dann als Doppelbandroman. Die Watzmannsage, zusammen mit den Untersberg-Sagen, die sich bei Bechstein finden, zieht sich genauso durch den Roman wie die historische Chronik, die Ganghofer bei Koch-Sternberg findet. Ganghofer kombiniert munter die historische Mönchsexpedition, geleitet von Propst Eberwein, mit der Sage, aus der er sich einen Herrn Waze konstruiert. Der sieht die christliche Ansiedlung als Angriff auf seine Herrschaft und will die „Kuttenlupfer“ wieder loswerden, tatkräftig unterstützt von seinen sieben rauhbeinigen Söhnen, die ihren Vater an wüstem Benehmen noch zu übertrumpfen versuchen.
Ganghofer erfindet eine origin-story um Eberwein hinzu, der als Findelkind aufwächst, von Mönchen aufgenommen wird und seinen Namen nach dem Wildschwein trägt, in dessen Nähe er als Kleinkind gefunden wird. Und er ergänzt als achtes Kind eine Tochter des Herrn Waze, die schöne und unabhängige Recka, die sich so gar nicht in die wüste Männertruppe einfügt und vom Andenken an ihre verstorbene Mutter Friderun leiten lässt.
Die historische Chronik nach Koch-Sternfeld bekommt einen Ehrenplatz in der Handlung. Am Schluss des Romans gibt es ein gigantisches Erdbeben, dem der von allen so genannte Berg König Eismann genauso zum Opfer fällt wie der benachbarte Bergsee. Darunter begraben liegen Waze und seine Familie, die gerade die Mönche gewaltsam vertreiben wollten. Anlass genug, die neu entstandene Bergformation Watzmann zu nennen.
Hillern. In kompakten, gut funktionierenden Bausteinen. Ganghofer greift aus dem Alpen-Bestseller, der schon da ist, genau die Elemente heraus, die den maximalen Effekt versprechen. Regel: Es muss jeden packen. Wir lassen weg, was Vorwissen voraussetzt. Stattdessen die großen Gefühle, für jedermann. Schockmomente, Handlung mit Fallhöhe. Was den Leser stark bewegt. Eben noch ruhig, plötzlich aufgewühlt.
Sechs Bausteine, „Geier-Wally“-erprobt, setzt Ganghofer im Laufe seiner Karriere gerne ein, in immer neuer Kombination, und baut sie zu aufregenden Hochlandgeschichten aus:
- Der staunende Wanderer: Die „Geier-Wally“ wird von einem Wanderer bewundert, der sich von einem Ortskundigen informieren lässt. Wie eine Leser-Stellvertreterfigur nimmt der Wanderer aus der Distanz Kontakt zur fremden Welt des Alpenlebens auf. Allmählich lernt er sie kennen. Um sich dann gefangen nehmen zu lassen.
- Der Abhang am Wildbach: Wally steht furchtlos am Abhang und träumt, unter sich die Wildbach-Fluten der Ache. So eine Alpenbewohnerin erträgt die Gefahr und die Kontraste. Wilde Wasser, schroffe Felsen, die Absturzgefahr, so etwas schreckt ihn nicht.
- Den Abhang hinunter zum Geiernest: Schon wieder der Abgrund, diesmal als Szene für den Wildtierfang. Wally lässt sich den Abhang hinunterseilen, hebt mal eben einen Junggeier aus dem Nest. Auch der Angriff eines Elternteils schreckt sie nicht. Der Geier wird dann ihr einziger Freund, mit den Mitmenschen hat sie so ihre Probleme.
- Ein Zweikampf, auf der Holzbrücke, über dem Wildbach: Eine Variante des Abhangs, jetzt mit mehr Action und Todesgefahr. Der mordbereite Vincenz lauert dem Bären-Joseph auf einer Holzbrücke auf, als Auftragskiller. Der Kampf über dem Abgrund ist schon spannend genug. Aber dann fällt auch noch jemand herunter! Dazu gehört der anschließende Rettungsversuch. Wally steigt wieder am Seil die Brücke, auf der Suche nach dem Vermissten und zur Rettung des Schwerverletzten.
- Geisterglaube: Wally glaubt an die seligen Fräulein und Vater Murzoll, mit denen sie in der eisigen Kälte Kontakt aufnimmt. Mag sein, dass das die eigenen Leidenschaften sind, wie der Pfarrer ihr erklärt. Für sie sind die Sagengestalten Realität, von denen die alten Mütterchen ihr glaubhaft erzählt haben.
- Kontinuität des Heidentums: Der Pfarrer schafft es, aus der Dorf-Brunhild Wally eine Christin zu machen. Sie und Joseph finden zusammen, und die heidnischen Gespenster scheinen vertrieben. Aber trotz aller Bekehrungspsychologie tauchen hinter Wally und Joseph am Ende dann doch wieder Brunhild und Siegfried auf. Und man fragt sich: Wieviel Christentum gibt es da eigentlich in der Alpenwelt? Ein unangenehmes Gefühl stellt sich ein: Zu stark sind die heidnischen Typen, denen die Figuren verhaftet sind.
Wie gehabt gibt es dialektales Sprechen, Fußnoten, gelehrte Anspielungen, sogar lateinische Zitate. Bei Ganghofer kommt es auf Sound und Stimmung an. Sein Latein kann man überlesen, sich am Klangfaktor freuen, für ein Schattenrätsel vergangener Zeiten nehmen. Gleich geht es weiter, mit der nächsten, packenden Aktion.
Geschickt gewählt, klug geplant, Herr Ganghofer! Wie immer dauert es ein bisschen mit der Umsetzung.
Das Manuskript des „Klosterjägers“, dem Roman aus dem 14. Jahrhundert, stellt Ganghofer nach einem Jahr Vorarbeiten im Frühling 1891 fertig. Passt zwar chronologisch nicht, traut er sich aber am ehesten zu. Diesen ersten Berchtesgaden-Roman reicht er bei Kröners „Gartenlaube“ ein. Dort ist man begeistert. Der Text – und die Aussicht auf weitere „Watzmannkinder“ – verschafft ihm einen neuen, lukrativeren Vertrag mit dem Wochenblatt, der ihn endlich gut absichert. Ganghofer gibt Ende 1891 seinen Job als Wiener Feuilletonredakteur auf. Ab jetzt schreibt er nur noch Romane und geht die wirklich großen Projekte an.
1892 erscheint der „Klosterjäger“ in der „Gartenlaube“, dann 1894 die „Martinsklause“. 1895 gibt es, diesmal nur als Buchausgabe, „Schloss Hubertus“, sein größter Erfolg außerhalb der historischen Romane. Und so geht es fleißig immer weiter.
Ganghofer hat es geschafft! Parallel zum Schreiben unternimmt er eine Europatour und lässt sich mit gleich zwei Wohnsitzen häuslich nieder. Im Literaturlexikon liest sich das so: „1893 verließ G. Wien, lebte demnächst am Starnberger See, in Meran, in Italien und gründete sich 1895 in München ein festes Heim, das er im Winter bewohnt, während er seit 1897 im Sommer und Herbst auf seinem Besitztum „Hubertus“ auf der Tillfußalpe im Wettersteingebiet weilt“ (Franz Brümmer, Lexikon der deutschen Dichter, 1913).

Auf extra gedrucktem Briefpapier.
Im Ferienhaus wie in der Stadtwohnung empfängt Ganghofer gerne Gäste aus der Münchner Gesellschaft und betätigt sich fleißig als Netzwerker in der Kulturszene. Seine Romane schreibt er meistens nachts, vorher verabschiedet er sich von seinen Besuchern.
Verwendete Literatur
Koch-Sternfeld, Joseph Ernst von: Geschichte des Fürstenthums Berchtesgaden und seiner Salzwerke: in drey Büchern. Bd. 1, 1056 – 1303, Salzburg 1815. S. 41. Link zur Bayerischen Staatsbibliothek.
Aurora. Zeitschrift aus Bayern. Nr. 36. Mittwoch 25.03.1829, S. 148. Link zur Bayerischen Staatsbibliothek.
Bechstein, Ludwig: Deutsches Sagenbuch. Mit sechzehn Holzschnitten nach Zeichnungen von A. Ehrhardt, Leipzig: Wigand 1853, S. 800-813, Watzmann S. 812-813. Link zur Bayerischen Staatsbibliothek.
Inman, Beverly Jeanne: Ludwig Ganghofer’s historical novels, Ann Arbor, Michigan: University of Iowa 1984.
Chiavacci, Vincenz: Ludwig Ganghofer. Ein Bild seines Lebens und Schaffens, Stuttgart: Bonz, 1905 Link zur ÖNB.
S. 80 Beginn der Arbeit für das „Wiener Tagblatt“
S. 107-110 Niederschrift des „Klosterjägers“ für die „Gartenlaube“, Ende der Arbeit für das „Wiener Tagblatt“
Brümmer, Franz: Lexikon der deutschen Dichter und Prosaisten vom Beginn des 19. Jahrhunderts bis zur Gegenwart. Bd. 2. 6. Aufl. Leipzig, 1913, S. 317. Link zum Deutschen Textarchiv.
Abbildungsverzeichnis
Berchtesgaden mit dem Watzmann im Hintergrund, von der Villa Alpenruhe aus gesehen von August Leutner (Künstler_in) – 1891 – Albertina, Austria – Public Domain. Link zu Europeana.
Brief Ganghofers vom 11.07.1910, scan 18: Briefpapier vom Jagdhaus Hubertus.
Joseph Joachim (1822-1882) und Helene Raff (1865-1942) Nachlass: Briefe von Ludwig Ganghofer an Helene Raff – Raffiana VI. Ganghofer, Ludwig. Link zur Bayerischen Staatsbibliothek. Creative Commons 4.0.