Wolzogen’s literarisches Variété: Nobler Dilettantismus
Premiere von „Wolzogen’s buntem Theater“ (1)

Mit seinem literarischen Variété bringt Ernst v. Wolzogen den noblen Dilettantismus auf die Bühne. Das Premierenpublikum, alles Leute vom Bau, ist restlos begeistert. Die oberen Zehntausend bestimmt auch.
Inhalt
- Skandal auf der Secessionsbühne: Der 18. Januar 1901
- Leute vom Bau: Das Premierenpublikum
- Bude als Salon: Direktor Wolzogen
- Spezialitätenbühne für die oberen Zehntausend
Skandal auf der Secessionsbühne: Der 18. Januar 1901

Der junge Theatermacher Dr. Martin Zickel, Regisseur bei der Secessionsbühne, fürchtet einen Eklat, als „Wolzogen’s buntes Theater“ sein Gastspiel beginnt. Zu groß sind Anspannung und Unsicherheit. Der Journalist Max Ehrlich erinnert sich später: „Dr. Martin Zickel kam sogar noch vor der Vorstellung zu mir, nachdem er die Generalprobe gesehen hatte, und sagte, es würde einen ungeheuren Theaterskandal geben.“
Gelingt es Wolzogen, seine Vorbilder, das französische Cabaret der Roulotte, die Satire-Zeitschrift „Simplicissimus“ und die Attraktionen der Pariser Weltausstellung, zu erreichen? Macht er vielleicht sogar Neues daraus? Oder gibt es einen „ungeheuren Theaterskandal“?
Dank der vieler Augenzeugen, die in der Presse von ihren Erlebnissen berichten, können wir uns selbst ein Bild machen.
Was spielt sich ab am 18. Januar 1901 in der Secessionsbühne am Berliner Alexanderplatz 1901, bei der langerwarteten, viel beschworenen, immer wieder verschobenen Premiere von „Wolzogen‘s buntem Theater“, dem „Überbrettl zum rasenden Jüngling“, dem ersten deutschen literarischen Variété?
Der erste in der Reihe ist ein Zeuge eben jener Generalprobe am Vormittag des 17. Januar, nach der Zickels Angst vor einem Skandal aufkommt. Folgt man Leopold Jacobson, dem Chefredakteur des „Neuen Wiener Journals“, lässt sich das kaum nachvollziehen. Zu wenig beeindruckt ist er, ja er schildert die Generalprobe eher als düstere, kalte Veranstaltung.
Sie begann damit, daß Wolzogen alle ungebetenen Gäste, die sich eingefunden hatten, ebenso höflich wie entschieden aufforderte, den Zuschauerraum zu verlassen.
Jacobson darf bleiben und beginnt sofort zu frieren.
So saßen wir denn, eingehüllt in unsere Winterpaletots, in dem ungemütlichen dunklen Saal der Secessionsbühne, wo der rasende Jüngling das Rampenlicht erblicken wird.
Zickel erscheint als Wichtigtuer:
Man mußte sich in Geduld fassen. Hinter dem graugrünen Vorhang hörte man Möbel rücken, Rufen und Sprechen, hie und da steckte Wolzogen auch seinen Kopf hervor und sagt etwas ins Publicum hinein, worauf man den Regisseur der Secessionsbühne sehr wichtigtuend nach der Bühne laufen sah.
Prognosen wagt Jacobson lieber nicht:
Ob das „Überbrettl“ wirklich im Sturm die Leute erobern wird? Prophezeien ist nicht gut. So wie die Sache nach der Generalprobe aussah, war es ein krampfhafter Abklatsch jener Cabarets, die in den Träumen Wolzogen’s eine solche Rolle spielen.
Vielleicht liegt es an der Kälte. Oder weil der frierende Rezensent früher gegangen ist. Jedenfalls löst die Premiere am nächsten Tag genau die Begeisterungsstürme aus, die Jacobson sich so gar nicht vorstellen konnte.
Norbert Falk, Reporter für die „Berliner Morgenpost“ gerät ins Schwärmen und ist so enthusiastisch gestimmt, dass man fast misstrauisch wird. Was hat sich zur Premiere verändert?
Als ich den viereckigen, mattgrün tapezierten Kasten, genannt Secessionsbühne verließ, hatte ich ein Gefühl, auf das ich schon lange hungerte. Das Gefühl der Sättigung. Seelensättigung. […]
Wolzogens Komödiantengesellschaft hat mich amüsiert. Und man muß manchmal Jahre warten, um sich zu amüsieren. Und so müßte ich denn schon darum Wolzogen um den Hals fallen. Aus Dankbarkeit. Und dann müßte ich ihm die Hand drücken. Fest und kräftig dafür, daß er stark war, daß er eine Idee nicht mit sich spielen ließ, daß er sie packte, ihr Gewand gab und sie hinstellte. Da steh‘ und werde was!
Glücklicherweise sitzt auch Fritz Mauthner für das „Berliner Tageblatt“ im Publikum. Er bleibt altväterlich bis professoral, aber wohlgesonnen:
Was wir nun gestern behaglich miterlebt haben, das wird weder die kostbare Moral der deutschen Reichshauptstadt vernichten, noch wird es der Kunst neue Bahnen weisen; aber es war ein ganz amüsanter Abend. Es war beinahe ein Familien-Tingeltangel.
Was an diesem Variété literarisch sein soll, bleibt für Mauthner eher zweifelhaft:
So brachte Wolzogen unermüdlich Leben in seine Bude. Manche der kürzeren Nummern jedoch, die auf dem Programm standen, unterschieden sich von vielen Nummern der gewöhnlichen Tingeltangel oder Wintergärten eigentlich nur dadurch, daß besonders auf Verfasser und Komponisten hingewiesen wurde.
Den Mittelweg zwischen Falk und Mauthner geht Paul Goldmann, der für die Wiener „Neue freie Presse“ die Secessionsbühne besucht:
Man amüsirte sich, es gab Beifall in Fülle. Dieses „Ueberbrettl“ lebt und wird leben bleiben. Auf der deutschen Bühne ist wieder einmal etwas Neues zu sehen, oder wenigstens, da die Neuheit in diesem und jenem Punkte bestritten werden kann, etwas Hübsches und Feines.
Wie Max Osborn im „Prager Tagblatt“ und Alfred Klaar im „Neuen Wiener Tagblatt“ lobt Goldmann und sieht zugleich, was den preußischen Journalisten vor Ort verborgen bleibt. Die wichtigsten Verbesserungsvorschläge kommen von ihm und diesen auswärtigen Kollegen. Das sieht man wohl nur, wenn man sich nicht ausschließlich in Berliner Künstlerkreisen bewegt.
Nach der Vorstellung am 18. Januar sind sich jedenfalls alle einig: „Wolzogen’s buntes Theater“ wird ein Erfolg. Wie sehr, ahnt keiner von ihnen.
Die gute Gesellschaft Berlins wartet sehnsüchtig auf Humor mit guten Manieren. Bis Ende Januar ist Wolzogens Gastspiel in der Secessionsbühne immer ausverkauft. Das Warten hat ein Ende.
Leute vom Bau: Das Premierenpublikum

Wie gelingt Wolzogen, den Unkenrufen zum Trotz, die Eroberung des Publikums im Sturm?
Wolzogen weiß: Die Premiere ist entscheidend für den Erfolg. Alle beobachten genau, was da passiert. Noch während der Generalprobe wird das Programm umgestellt und schließlich für die Premiere gekürzt, weil die Polizeizensur kurzfristig einzelne Texte verbietet. Eine schwierige Ausgangslage.
Also greift Wolzogen zu einem Trick. Keine der angekündigten Premieren wird die wirkliche Premiere.
Wir erinnern uns: In der Presse war zu lesen, dass das Goethefest am Donnerstag 17. Januar in der Berliner Philharmonie den Rahmen für die Premiere bieten soll. Die erste Vorstellung in der Secessionsbühne soll am Sonntag 20. Januar stattfinden.
Wolzogens Truppe nimmt beide Termine wahr. Aber niemand wird sie später „Premiere“ nennen. Die findet heimlich dazwischen statt, am Freitag 18. Januar.

Die Weimarer Hofgesellschaft von 1801, von Schauspielern nachgestellt in Original-Kostümen, inklusive Goethe und Schiller (2. und 3. von rechts). Quelle: ZLB.
Das Goethefest am 17. Januar ist kein guter Rahmen für den Start. „Wolzogen’s buntes Theater“ ist für einen Auftritt spät am Abend vorgesehen, nach vielen anderen Programmpunkten. Darunter eine historisch möglichst exaktes reenactment von Goethe und Schiller am Weimarer Hof, dargestellt von Schauspielern des Hauses, in authentischen Kostümen. Wolzogen, der sich die altfränkischen Biedermeierkostümen von der Roulotte abgeguckt hat und damit einen komischen Effekt wie bei den Karikaturen im „Simplicissimus“ erreichen will, ist in dieser Umgebung denkbar falsch. In der Philharmonie ist jedes Kostüm nach dem wirklichen Leben gearbeitet. Dieser bierernste Historismus trifft auf Wolzogens satirischen Verkleidung. Das wird niemand verstehen. Entsprechend lustlos wird ein Teil des „bunten Theaters“ heruntergespielt.
Am 20. Januar mit weitgehend freiverkäuflichen Tickets zu starten, vor einem Publikum, dessen Reaktion man kaum einschätzen kann, ist viel zu riskant. Die öffentliche Meinung würde sich mehr oder minder unkontrolliert bilden. Mit Wolzogen befreundete Reporter und Journalisten könnten sie zwar lenken und kanalisieren, aber nicht mehr wohlwollend beeinflussen. Auf ihre Unterstützung ist er aber dringend angewiesen. Sonst gibt es tatsächlich einen Skandal.
Wolzogen setzt eine unangekündigte Premiere für Freitag 18. Januar an, zu der sich Journalisten, Schauspielkollegen und befreundete Theatermacher in der Secessionsbühne versammeln. So hatte es die Roulotte vor dem Start ihres Berliner Gastspiels vorgemacht. Aber anders als damals, wo in der Presse ausdrücklich von einer Aufführung für Künstler und Journalisten die Rede ist wreden die Reporter in ihren Augenzeugenberichten über „Wolzogen’s buntes Theater“ wie selbstverständlich behaupten, dass sie eben die Premiere besucht haben.
So nimmt Wolzogen Einfluss auf die öffentliche Meinung, noch bevor sie entstehen kann. Lauter Künstler, die Verständnis für Wolzogen und sein Unternehmen mitbringen. „Leute vom Bau“ eben, wie Klaar bemerkt:
Ganz Berlin war zu dem literarisch theatralischen Ereigniß versammelt— das heißt, was man so „ganz Berlin“ nennt— jener Splitter der Weltstadt, der im Lichte der Öffentlichkeit glänzt und phosphorescirt— die „Leute vom Bau“, Theaterdirectoren, Literaten und Schauspieler, darunter viele Anhänger Wolzogen‘s, der persönliche Freunde hat und verdient.
Deklariert man die Pressevorstellung zur offiziellen Premiere um, entsteht ein Sog: Da möchte ich auch dabei sein, da müssen wird hin. Die Künstler und der Glamour, der sie umgibt, machen es vor. Goldmann beschreibt den Auftakt:
An der Kasse hing (oh lieblichstes aller Secessions-Wunder!) ein Täfelchen mit der Inschrift „Ausverkauft“. In Schaaren waren die Leute gekommen, ein glänzendes Publicum, die ganze künstlerische Gemeinde von Berlin.
Dass sich an diesem Freitag Leute zufällig in die Secessionsbühne verirren, ist eher unwahrscheinlich. Preußen feiert heute das 200jährige Krönungsjubiläum. Alles steht im Schatten der Feierlichkeiten. Vor 200 Jahren ernennt sich sich der Preußische Kurfürst selbst zum „König von Preußen“ und gibt sich den Titel Friedrich I. Seine Nachfahre Kaiser Wilhelm II. nutzt das Jubiläum zur Leistungsschau: Seht wohin, es Preußen gebracht hat. Seht, was das deutsche Kaiserreich seinen Untertanen bieten kann. Das wollen wir ordentlich, aber auch ziemlich formal feiern. Wer etwas auf sich hält oder zur Prominenz gehört, lässt sich bei den offiziellen Terminen des Kaisers sehen.

In seiner Begrüßungsansprache nimmt Wolzogen gezielt auf das Krönungsjubiläum Bezug. Osborn zitiert:
Meine Damen und Herren, wir können nicht, wie der patriotische Preuße heute am glorreichen Kronjubiläumstag von sich und seinem Staate sagen kann, ausrufen: ‚Es ist erreicht!; wir können nur bescheiden melden – -: ‚Wir sind guter Hoffnung‘.
Wolzogens spielt auf die Bartpomade des Hoffriseurs Francois Haby an, mit der er den Schnurrbart des Kaisers zum Stehen bringt. Der Name der Pomade „Es ist erreicht“ deutet den Preußen-Schnäuzer zum Zeichen für vaterländischen Stolz um. Haby verkauft dazu eine passende Bartbinde mit demselben Slogan.


Wolzogen ist nicht der erste, der sich über die groteske Verbindung von Schnurrbart und Nationalstolz lustig macht. Am 9. Dezember 1899 tauscht der „Simplicissimus“ die wehrhafte Germania, die ab Jahresbeginn auf der ersten deutschen Dauerbriefmarken-Serie zu sehen sein wird, gegen Habys Selbstporträt mit deutscher Barttracht aus.
Die satirische Anspielung bleibt zahm. Selbstverständlich schließt sich Wolzogen der Jubelstimmung an und ist stolz auf die Leistungen des Vaterlands. Aber wer so viel erreicht hat, darf sich bei Lachen, Staunen und Wundern erholen. Dafür nimmt Wolzogen ironische Distanz ein und deutet den nationalistischen Slogan „Es ist erreicht“ scherzhaft zum Projekt um. Ein stolzer Staat, der sich seiner Sache sicher sein kann, darf sich so etwas leisten.
Nicht umsonst vergleicht sich Wolzogen in seiner Rede, wie er sich später schreibt, mit einem „Hofnarren“ am Königsthron:
Ich brachte etwas vor von der tieferen Bedeutung des mittelalterlichen Hofnarrenstandes und wünschte dem gekrönten Romantiker Wilhelm II. den nötigen biderben Humor, um sich von wohlmeinenden Dichtern, tiefen Schauern und weisen Traumdeutern, als welche im lustigen Narrengewande auf meinem Brettergerüst ihr fröhliches Wesen treiben sollten, Wahrheiten sagen zu lassen. Das schlug ein und schuf mir einen guten Abgang. Die Stimmung war da.
Adelige Herrscher schätzen das: Gedämpfte Selbstkritik, gekleidet in Witz und Scherz. Jetzt sogar in Preußen! Es ist ja nur Spaß.
Wolzogen übernimmt, so nennt er das später, das Amt eines „Vergnügungsminister“. Im Staatsauftrag übt er Kritik am Staat. Kritisch, aber harmlos. Lustig, aber ohne Beleidigungen. Unter Wahrung der guten Sitten und des Geschmacks.
Bude als Salon: Direktor Wolzogen

Foto aus Hamburg (April 1901). Links, am Klavier: Kapellmeister Waldemar Wendland. Rechts, mit Secessionsstuhl: Frank Ressner beim Gedichtvortrag. Quelle: Annö.
Bei Wolzogens Vorbild, der Roulotte, taucht zu Beginn die Gitanilla aus dem grünen Theaterkarren auf und kündigt in einem Prolog ein buntes Programm wie vom Jahrmarkt an. Die anschließenden Bühnennummern stehen weitgehend für sich selbst. Für ein deutsches Publikum genügt das nicht.
„Wolzogen’s buntes Theater“ eröffnet mit dem Herrn Direktor persönlich, der die ganze Vorstellung über die zentrale Bezugsfigur für sein Publikum bleibt. Statt eines Theaterkarrens sitzt Variétédirektor Wolzogen die ganze Zeit auf der Bühne.
Wir sind zu Gast bei Wolzogen, er moderiert, ordnet ein und kommentiert. Im Zweifel verbürgt er sich mit seinem Dichterruhm für das Programm und verkörpert höchstselbst den literarischen Anspruch.
Trotzdem ist alles nur Theater. Der „Wolzogen“, der auf der Bühne steht, ist gar nicht echt, sondern eine Kunstfigur. Er spielt bloß den Conferencier, Theaterdirektor, Budenbesitzer eines imaginären „bunten Theaters“. Wolzogen nennt das rückblickend die „Idee des vorgetäuschten noblen Dilettantismus“, Leopold Jacobson „gemachte Primitivität“.
Durch den Gegensatz von scheinbarer Unfähigkeit und tatsächlicher Rafinesse entsteht eine zwanglose Atmosphäre:
- dilettantisch: Wolzogen tritt als Budenbesitzer mit ausgebeulten grauen Hosen und gelbem Riesenschlips vor sein Publikum, wie ein unfreiwilliger Clown.
- primitiv: Die Bühneneinrichtung ist karg. Klavier, Stuhl, Teppich und Sitzecke, mehr nicht. Die notdürftig renovierte Secessionsbühne wirkt wie eine in die Jahre gekommene Variétébühne.
- nobel: Wolzogen, ein Mann von Adel und Geschmack steht für Qualität, für die Show hat er gut ausgebildete Schauspieler, versierte Komponisten und bekannte Dichter verpflichtet.
- vorgetäuscht: Das Bühnengeschehen wirkt wie improvisiert, zwanglos und locker, ist aber perfekt durchchoreographiert und folgt einem klaren Plan.
Das Publikum wird bestens unterhalten. Denn eigentlich lädt uns ein adliger Künstler in seinen kultivierten Salon ein. Es sieht bloß nicht danach aus.
Schon die Secessionsbühne selbst führt den Gegensatz von Dilettantismus und Nobilität vor. Alfred Klaar vergleicht sie mit einer notdürftig renovierten Scheune:
Das Haus, das ehemals eine Singspielhalle war, macht den Eindruck einer großen, im secessionistischen Jugendstyl übermalten Scheune, und so war das geplante „Veredlungsverfahren“ schon architektonisch angedeutet.
Der Bühnenaufbau fügt sich ein in das Bild. Einerseits ein eleganter Salon, reduziert eingerichtet im topmodernen Jugendstil. Links ein Klavier, in der Mitte Stuhl und Teppich, rechts eine Sitzgruppe. Mehr nicht. Andererseits Männer in knallbuntem Frack mit schimmernden überdimensionierten Knöpfen, von allem zuviel. Goldmann:
Die Bühne stellt einen eleganten Salon dar mit Möbeln im Secessionssyhl. Links ein Flügel, rechts vorne ein Fauteuil, in dem gelegentlich Herr v. Wolzogen sitzt, wenn er nicht gerade an der Rampe etwas zu reden hat. In der Mitte der Vortragende, gehend oder stehend oder über einen Stuhl gelehnt. Alle, Director, Sänger und Pianist, tragen den farbigen Frack mit Metallknöpfen.
Dazu trägt Wolzogen graue Hosen, einen schwarzen Schlips mit Überlänge und einen riesigen Vatermörderkragen, tritt, so Klaar, auf „mit der Gewandtheit eines Vereinsobmanns“, „als gälte es, der Moderne zu spotten“.
Das ist satirisch gemeint. Der „Simplicissimus“ mit seinen grotesken Karikaturen und die Roulotte mit ihren Biedermeierkostümen stehen Pate. Die Sackklamotten, so wird in Osborns Beschreibung deutlich, sind eine übermütige Phantasie:
Der Herr Director des „Bunten Theaters“ trat im Kostüm der Biedermaierzeit auf: brauner Frack mit goldenen Knöpfen, graue Hosen, riesiger schwarzer Schlips, der sich in vielfachen Windungen um einen köstlichen Vatermörder schlang. Die Toilette der dreißiger und vierziger Jahre war überhaupt, mit phantastischen Variationen, von den Mitwirkenden allgemein angenommen.
Durch die groteske Überzeichnung schafft Wolzogen Nähe, Vertrautheit und persönlichen Kontakt zwischen Bühne und Publikum, wie in einem Variété. Mauthner weiß:
In den ursprünglichsten dieser Bohêmebühnen ist eine innige Fühlung zwischen Publikum und Vortragenden der Hauptreiz. Für diese Fühlung sorgte gestern allein Ernst v. Wolzogen, der im eleganten Biedermeierfrack wie ein idealisirter Budenbesitzer die Honneurs seiner Bude machte. Er stand fast immer auf der Bühne, begrüßte die Zuschauer, stellte die Darsteller vor, machte gute und andere Witze.
Aller Variétégemütlichkeit zum Trotz entsteht der Eindruck, wir wären zu Gast in einem adeligen Salon. Ganz schon nobel. Das liegt an Wolzogen. Er ist laut Osborn
in dauerndem Connex mit dem Publicum. Alles, was er sagte, klang wie improvisirt, wie einem Einfall des Augenblicks entspringend, man konnte sich mit etwas Phantasie in der That einbilden, man befinde sich in einer großen Gesellschaft, in der einige kleine künstlerisch-literarische·Scherze aufgeführt wurden.
Spätestens jetzt wird klar: Die Variétébude ist eine Täuschung. Wir haben es mit vornehmen Leuten zu tun, die genau wissen, was sie tun dürfen und was nicht. Weltmännisch, diskret. Zwanglos, mit Geschmack.
Denn Wolzogen, so Alfred Klaar,
kommt aus der guten Gesellschaft auf das »Überbrettl«, um die gute Gesellschaft zu unterhalten. Er macht als vornehmer Herr, sehr stattlich in seinem blauen Biedermeierfrack, mit discreter Liebenswürdigkeit und weltmännischer Sicherheit die Honneurs seines bunten Theaters. Auch das ist eine Methode. Man kann sehr wol Humor haben mit guten Manieren.
Humor mit guten Manieren! Endlich dürfen wir auch in Preußen lachen! Die Methode: Künstler und Literaten leiten weltmännisch eine Variétébude. Der Anschein täuscht. Hinter den lustigen Kostümen ist noch immer die gute Gesellschaft verborgen. Sie nimmt sich bloß nicht ganz so ernst. Spielt mal Variété. Locker, zwanglos, wie improvisiert. Moderne Unterhaltung eben.
Spezialitätenbühne für die oberen Zehntausend

Wie gut alles wirkt, lässt sich bei Norbert Falk nachlesen. Wolzogen hat ihn schon mit seinen einleitenden Worten für sich eingenommen. So viel Humor steckt an, jedes Knopfloch lacht. Ein lustiger Typ, dieser Wolzogen!
Als er sich so ruhig, die Hände in den grauen langen, faltigen Hosen, hinstellte und seinen Kapellmeister und Magen-Leibkomponisten Oskar Strauß vorstellte, lachten ihm die gelben Knöpfe seines Fracks. Jedes Knopfloch lachte. Es war recht so. Denn der Oskar Strauß, das ist ein famoser Kerl! Seine Musik ist nicht nur echt Brettl – so wie wir es meinen – , sie ist auch voll Melodie.
Beruhigend für Falk: Wolzogen bleibt die ganze Zeit auf der Bühne. Der Herr Direktor nimmt rechts in der Sofecke Platz, begleitete die Vorstellung und hört interessiert zu. Vorbei die Kälte der Generalprobe, der kleiner Junggesellensalon lässt Falk ganz warm ums Herz werden. Und die Damen auch:
Wolzogen saß auf der Bühne. In einem Fauteuil. Beine überschlagen. Hände gefaltet überm Knie. Und so sah er den Sänger an, der sein Knie wieder auf einen Stuhl gestützt hatte, und manchmal den Klavierspieler, der – ebenfalls lange, faltige Hosen und gelbe Knöpfe am Frack – am Flügel saß. Die Gemütlichkeit eines kleinen Junggesellensalons. Das steckt an. Und so wurde es warm unten im Parkett. Die Damen fächelten und lächelten.
Wolzogen hat gewonnen. Ein warmes Parkett, lächelnde Damen, was will man mehr?
Das liegt am „Connex“ zwischen ihm und seinem Publikum. Wolzogen schafft eine besondere Wohlfühlatmosphäre, eine Heimeligkeit, ein gemütliches Miteinander. Genau das Richtige für das verwöhnte Publikum in Berlin, beobachtet Osborn:
Das Publicum ging mit und war von einer geradezu colossalen Vergnügtheit. Wolzogen verstand es, einen so engen Zusammenhang zwischen Zuschauerraum und Bühne herzustellen, dass eine Behaglichkeit über alle Erschienenen kam, die sich nach und nach zu freudiger Dankbarkeit steigerte.
Mit dem einfachen Volk, so Mauthner, hat all das nichts zu tun:
Was wir gestern in guter Laune miterlebt haben, ist weit, weit von solchen Dingen entfernt. Eine neue Spezialitätenbühne für die oberen Zehntausend und für die, die sich gern dazu rechnen.
Auch zum französischen Cabaret, so Goldmann, besteht nur eine entfernte Verwandtschaft. Stattdessen lädt ein Narr ein zu einem „bunten Theater“, das er genauso zusammennäht aus bunten Flicken wie seinen schlechtsitzenden Anzug. Wolzogen
hat aus lustigen Flicken eine Narrenjacke zusammengesetzt, hat aus allerlei drolligen und farbigen Stücklein ein buntes Theater aufgebaut.
Ein patchwork-Theater! Vieles und noch Einiges mehr:
Es ist ein Theater, in dem Vieles aufgeführt wird, und noch Einiges dazu. Es wird gemimt und gesungen, declamirt und getanzt. Bunt, bunt, bunt ist die Losung. Schöne Frauen, deutsche Lyrik, viel Licht und viel Farbe, ein Ringelreihen, ein Tröpfchen Geist, ein Spitzchen Bosheit, Politik, Literatur, ein Schattenspiel, ein Walzer und endlich auch unser armer Freund Pierrot.
Das Programm, das Wolzogen bei der Premiere bietet, ist in zwei Teile eingeteilt. Auf den Variététeil mit Solovorträgen und Couplets folgt nach einer Pause eine Reihe dramatischer Experimente: eine literarische Parodie, ein kurzes Beziehungsdrama, ein Schattenspiel und eine Pantomime. Also ziemlich genau das, was nach Weihnachten in der Presse zu lesen war. Mit einem Unterschied: Wo ist die „Satirerevue mit allen aktuellen Tagesfragen“? Doch zu skandalträchtig?
Das Plakat, das Edmund Edel für Wolzogens Gastspiel in der Secessionsbühne gestaltet hat, stellt jedenfalls diese beiden Teile beispielhaft dar. Links vorne die tief dekolletierte Sängerin im exaltierten Knisterkleid: Variété mit Couplets. Rechts oben ein Pierrot: dramatische Experimente wie zum Beispiel Pantomime. Buntes Theater!
Wolzogen ordnet die Flicken der Narrenjacke so, dass zwei Perspektiven möglich werden: „So neu ist das doch gar nicht“ genauso wie „Wir haben was Neues“. Dann kann keiner meckern.
Eigentlich bietet uns Wolzogen wenig mehr als eine Operette ohne Handlung, die auf ihre zugkräftigsten Couplets reduziert ist, und ein in Einzelszenen aufgelöstes Theater. Anderseits kommt dadurch unerhört moderne Unterhaltung zustande: Satire wie im „Simplicissimus“, eine Bühnenshow wie die französische Roulotte und vor allem neueste deutsche Lyrik, berühmte Namen neben „rasenden Jünglingen“.
Rezensent Falk entscheidet sich für die moderne Sicht. Hellsichtig erkennt er die Vorbilder, entdeckt aber auch „neudeutsche Züge“. Er beschreibt sie wie ein Jugendstilornament in Blütenoptik:
Wir haben was neues! Wir haben, was wir den Franzosen neiden. Wir haben eine leichte, graziöse Fein- und Kleinkunst. Nicht nur im Keim, Nein, die ersten Blüten sind schon da. Rot, voll, langgestielt, nickend und duftend. Das Pariser Vorbild sticht noch scharf unter der deutschen Uebermalung hervor. – Diseuse, kostümiertes Lied, Klavier auf der Bühne, Pantomime, Pierrot, Colombine – ! – , aber mit Kopieren hat ja schließlich alles angefangen. Das Zukunftsichere darin ist das halbe Dutzende echt deutscher Züge. Neudeutsche Züge, die sich vor fünf Jahren im Simplicissimus ankündigten.
Moderne Unterhaltung, stellen wir fest, hat von Anfang an eine nationalistische Note. Ohne Abgrenzung gegen Frankreich scheint es nicht zu gehen.
Was ist das Neue an Wolzogens graziöser Fein- und Kleinkunst? Und vor allem: Woran machen Falk und seine Kollegen die neudeutschen Züge fest?
Abbildungen
Edmund Edel: Ernst von Wolzogen’s Buntes Theater. Plakat 1901. Credit: Staatliche Museen zu Berlin, Kunstbibliothek / Dietmar Katz. Public Domain 1.0. Link zu den Staatlichen Museen Berlin.
Edmund Edel: Ernst von Wolzogen’s Buntes Theater. Plakat 1901. Credit: Staatliche Museen zu Berlin, Kunstbibliothek / Dietmar Katz. Public Domain 1.0. Link zu den Staatlichen Museen Berlin.
Berliner Illustrirte Zeitung 10. Jg. Heft 4 (20. Januar 1901), S. 51. Link zur ZLB.
- Die Feier im Zeughaus zum 18. Januar.
- Vom Goethefest in der Berliner Philharmonie.
Wiener Bilder Nr. 20 (22. Mai 1901), S. 9: Wiener Theaterbilder. Link zu Anno.
- Wolzogen als Ansager auf der Bühne
- Olga d’Estrée singt auf der Bühne, Wolzogen und seine Schauspieler sitzen auf Sofas
Neue Reichspostmarken. Simplicissimus Jg. 4, Heft 37 (1899/1900), 09.12.1899, S. 295.
Verwendete Literatur
[Wiener Journal] Leopold Jacobson [bs]: Generalprobe beim „Ueberbrettl“. Neues Wiener Journal 19.1.1901. Link zu Anno.
[Mauthner] Fritz Mauthner: Das Ueberbrettl. In: Berliner Tageblatt und Handels-Zeitung, Samstag 19. Januar 1901 Morgen-Ausgabe.
Norbert Falk: Das „Bunte Theater“. In: Berliner Morgenpost Samstag 19. Januar 1901. (Vorbericht)
[Falk] Norbert Falk: Vom „Bunten Theater“. In: Berliner Morgenpost Sonntag 20. Januar 1901. (Besprechung)
L.-o.: Theater und Musik. Norddeutsche Allgemeine Zeitung 20.01.1901 Abend-Ausgabe.
[Wiener Tageblatt] Alfred Klaar [A. K.]: Das bunte Theater. Neues Wiener Tageblatt Tagesausgabe 29.1.1901, S. 1+2. Link zu Anno.
[Freie Presse] Paul Goldmann: Das „Ueberbrettl“. Neue freie Presse 24.01.1901, S. 1-4. Link zu Anno.
[Prag] Dr. Max Osborn [Dr. M. O-n.]: Ernst v. Wolzogens „Ueberbrettl‘. Prager Tagblatt 24.1.1901, S. 1-3. Link zu Anno.
Dr. M. M.: Ueberbrettl. Gießener Anzeiger 30.1.1901 Erstes Blatt. Link zum Deutschen Zeitungsportal.