Der Sound der Heide und die Macht

Zurück zum 30. Januar 1933. Stellen wir uns die entscheidende Frage: Ist „Grün ist die Heide“ der Soundtrack der Machtergreifung?
Überraschend ist, wie wenig die Politik ein Thema für die Leute ist, die mit Lied und Film zu tun haben. Was für sie zählt, ist bloß der Erfolg beim Publikum. Ein volles Haus mit zahlenden Gäste. Der Verkauf von Grammophonplatten. Möglichst viele Engagements, gerne auch beim Rundfunk oder im Filmtheater. Der Film soll ein Kassenschlager werden. Es geht um Entertain-Handwerk.
Der außergewöhnliche Erfolg stellt sich ein, weil Song und Film treffend die Stimmung der Zeit abbilden. Die Atmosphäre, die Gemütslage, die Befindlichkeit.
Diese Stimmung ist ziemlich konservativ. Der Film „Grün ist die Heide“ steht für eine Zuwendung zum Ländlichen, die Sehnsucht nach einer kleinen, überschaubaren Welt. Man freut sich an Ordnung und eindeutigen Rollenmustern, Uniformen schaffen Klarheit. Das Titellied wird brav mit Lautenbegleitung vorgetragen, die Jazzvariante bleibt etwas für die Tanzpaläste der Großstadt. Die Gefährdung der Ordnung wird nicht ausgespart: Es gibt Wilderer, Liebesglück könnte scheitern. Die Monarchen führen vor, wie es wäre, mal ganz frei und ungebunden zu sein. Aber die Heide vermittelt ein beruhigendes Gefühl von Kontrolle.
Es ist diese Stimmung, die von den Nazis gekapert und für die Durchsetzung ihrer Politik genutzt wird. Aus der Stimmung lässt sich zwar nicht herleiten, dass es zur Machtergreifung kommt. Es ist aber durchaus möglich. Die Nazis nehmen das Bedürfnis nach Kontrolle und einer überschaubaren Welt wörtlich. Sie teilen die Welt ein in die, die dazu gehören, und die, die draußen sind. Und sie setzen diese Einteilung mit Gewalt durch. Mit solch einer Welt liebäugeln auch die Figuren im Film.
Warum erkennt niemand von den Leuten, die im Sommer und Herbst 1932 den Film „Grün ist die Heide“ drehen, welche Gefahr da lauert? In welche Richtung die Stimmung kippen könnte? Wahrscheinlich ist das einfach zu viel verlangt, wenn Trucks und vier Kameras gegenfinanziert werden müssen, die man in die Lüneburger Heide verfrachtet. It’s only showbusiness.
Auf welche nationalistisch-militärische Welt man sich einlässt, wenn man einen „Löns-Gedächtnisfilm“ dreht, muss von Anfang an klar gewesen sein. Der Label „Löns“, an das Neppach und seine Leute anknüpfen, ist ja von Friedrich Castelle aufgebaut worden, einem rechtskonsevativ-nationalistisch eingestellten Journalisten, der sich seinen Namen während des 1. Weltkriegs als Kriegspropagandist gemacht hat. Sein „Löns“, der in den Gedächtnisfeiern beschworen wird, ist immer schon mindestens genauso Verfechter einer wehrhaften deutschen Nation wie Dichter moderner Heidelieder.
Und Karl Blume mag zwar vor allem ein Lautenspieler mit einschmeichelnder Stimme, vielen Fans und einem echten Hit im Gepäck sein. Er hat aber kein Problem damit, vor paramilitärischen Jägerverbänden aufzutreten, die mit dem verlorenen Weltkrieg hadern. Nach der Machtergreifung tritt er, genauso wie Castelle, sofort in die NSDAP ein und begrüßt den Politikwechsel.
Ein Unterhaltungsfilm bewegt sich nicht im politikfreien Raum. Die Berliner Filmleute setzen Scheeßel mit dem Blick der Profis für publikumswirksame Schauwerte in Szene. Gekonnt filmen sie traditionelle Trachtengruppen vor den Kulissen des Scheeßeler Heimatmuseums. Sie zeigen bodenständige Heimatsitten und echteste Volkskunst. Mittendrin ein weizenblondes Heidemädchen, mit kirschrotem Mund, verliebt in einen Jäger in Uniform. Endlich einer, der Ordnung schafft. Gerade ist die NSDAP bei den Juliwahlen 1932 die mit Abstand stärkste Partei in Deutschland geworden. Die Partei macht Stimmung mit einer nationalistischen Politik, die offen antisemitisch und aggressiv militärisch auftritt. Und Ordnung und Kontrolle verspricht. Darf man da einfach professionell weiter filmen? Den Leuten zeigen, was sie sehen wollen? Weil es das Drehbuch so will?
Der Film „Grün ist die Heide“ führt fast lehrstückhaft vor, was populäre Kultur mit Politik zu tun hat. Und zwar gerade deswegen, weil seine Macher sich gar nicht für Politik interessieren und bloß gute Unterhaltung liefern. Die Zuschauer ansprechen und rühren wollen. Ihre Sehnsüchte, Wünsche und Ängste in Bild und Ton verpacken. Damit füllt man nicht nur Kinosäle, damit wird auch Politik gemacht.
Populäre Kultur und Politik, das wird deutlich, haben etwas gemeinsam, beide machen Stimmung. Aber was unterscheidet sie?
Vielleicht hilft ein Blick ins Jahr 1984, das große Jahr der Popmusik. Alle hören dieselben Hits, die über das gerade neue Musikfernsehen und einige wenige major record labels verbreitet werden. Ein einziger, riesiger mainstream, eine Pop-Monokultur, die die ganze westliche Welt erreicht. Nie wieder gibt es so perfekte Popsongs, die genau das und nichts anders sind: populäre Lieder.
Jetzt wird offen verhandelt, wie Pop zur Politik steht. Und es werden Grenzen markiert.
1984 ist, wir erinnern uns, das Jahr, in dem Alphaville in ihrem Song „Forever Young“ die Klebetechnik vervollkommnen, die Hermann Löns schon 1911 nutzt. Während Löns bloß deutsches Liedgut auswertet, bedient sich Alphaville bei der ganzen zeitgenössischen Populärkultur. Für maximales Gefühl. „Forever Young“ stürmt die Charts und geht in heavy rotation.
1984 veröffentlicht Bruce Springsteen einen seiner größten Hits, „Born in the USA“. Auch er trifft die Stimmungslage in seiner Heimat punktgenau, das Lied wird ein Bestseller. Springsteen nimmt die Perspektive eines desillusionierten Vietnam-Veterans ein, der nach seiner Rückkehr aus dem Krieg zuhause nicht mehr klar kommt. Schon seine Jugend war von Gewalt geprägt (The first kick I took was when I hit the ground) in den Krieg ist er ahnungslos hineingeraten (So they put a rifle in my hand). Jetzt findet er keine Arbeit mehr, die staatliche Veteranen-Unterstützung versagt (Son, don’t you understand). Er weiß nicht wohin (Nowhere to run, ain’t got nowhere to go).
Der eingängige Refrain lässt das Lied wie eine stolze Hymne auf das eigene Land wirken. Weit gefehlt. Springsteen schreibt heartland rock mit sozialkritischem Anspruch, Musik für Arbeiter und Angestellte, über deren Nöte und Schwierigkeiten. Das Bekenntnis zur Nation ist eine Anklage, trotzig und stolz zugleich. Das Leben ist hart. Ich lasse mich nicht unterkriegen. So ist das eben hier bei uns. Born in the USA. Machen wir das Beste draus.
Springsteens Album „Born in the USA“ erscheint mitten im US-amerikanischen Wahlkampf. Es verkauft sich glänzend, die Songs laufen in Endlosschleife, im Radio und im Musikfernsehen. Das weckt Begehrlichkeiten der Politik. Springsteen-Fans sind Wähler. Und wer die meisten Stimmen hat, der gewinnt.
Am 19. September 1984 erklärt der amtierende Präsident Ronald Reagan Springsteen bei einer Wahlkampfrede in Hammonton kurzerhand zu seinem Anhänger. Die Träume, von denen Springsteen singe, die könne er als Präsident in Erfüllung gehen lassen. Springsteen kontert am 21. September, live auf der Bühne in der Civic Arena in Pittsburgh. Der Präsident habe wohl bei seinen Liedern nicht richtig zugehört. Das ruft die Demokraten auf den Plan. Walter Mondale, ihr Spitzenkandidat, baut Springsteens Statement am 1. Oktober ohne Rücksprache in seine Wahlkampfrede in New Brunswick ein und behauptet, Springsteen unterstütze seine Politik. Dieser muss das per Pressemitteilung zurückweisen.
In der Politik gehört man zu der einen Partei, und nicht zur anderen. Man ist für etwas und damit automatisch gegen etwas anderes. Pop ist irgendwo dazwischen. Ein Lebensgefühl. Eine Stimmung. Der Soundtrack meines Lebens. Wechselhaft. Mal so, mal so.
Populäre Lieder haben, für sich betrachtet, erstmal gar nichts mit Politik zu tun. Aber wer populäre Lieder schreibt und singt, tut gut daran, die Grenze zur Politik zu markieren. Hier stehe ich, ich schreibe Lieder. Nicht mehr, nicht weniger. Fühlst du es auch?
[Jene] ernsten und die menschliche Natur untergrabenden Gedichte waren die Lieblinge, die wir uns vor allen andern aussuchten, der eine, nach seiner Gemüthsart, die leichtere elegische Trauer, der andere die schwer lastende, alles aufgebende Verzweiflung suchend. […]
[S]o hatte uns Ossian bis ans letzte Thule gelockt, wo wir denn auf grauer, unendlicher Haide, unter vorstarrenden bemoosten Grabsteinen wandelnd, das durch einen schauerlichen Wind bewegte Gras um uns, und einen schwer bewölkten Himmel über uns erblickten […]; untergegangene Helden, verblühte Mädchen umschwebten uns.
Goethe, Johann Wolfgang: Aus meinem Leben. Dichtung und Wahrheit (1814)
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Abbildungsverzeichnis
Löns-Gedenkstein in den Bockholter Bergen bei Münster, errichtet am 08. Dezember 1934. Eigenes Smartphonefoto. Fotografiert vor Ort am 30. Mai 2024.
Verwendete Literatur
Michaelangelo Matos: Can’t slow down. How 1984 became pop’s blockbuster year, New York: Hachette 2020, S. 273-283.
Jon Pareles, 1984: The Year Pop Stardom Got Supersized. www.nytimes.com. 7. Dezember 2024. Link zum Artikel.
Bruce Sprinsteen: Born in the USA. Link zu Genius.