
Ernst v. Wolzogen kommt mit seinem „Buntem Theater“ für drei Tage nach Dortmund in die Stadthalle, vom 19. bis 21. Juni 1902. Im Interview gewährt er dem Reporter des „Dortmunder Tageblatt“ exklusive Einblicke: Wie bekommt man die Leute ins Theater? Wie wirken sich schlechte Kritiken aus? Welche Rolle spielen Empfehlungen unter Freunden?
In derselben Ausgabe des „Dortmunder Tageblatt“: Eine ausführliche Besprechung der ersten Vorstellung. Elsa Laura überrascht besonders. Sie singt Lieder, „die sie zum Teil mit Talent selbst komponiert hat und meist mit der Guitarre begleitet“.
Wolzogen-Interview.
Hr. v. Wolzogen und seine Gemahlin Frau Elsa Laura hatten gestern die Liebenswürdigkeit, einen Mitarbeiter des „Dortmunder Tageblatt“ im „Römischen Kaiser“ zu empfangen. Der Mitarbeiter berichtet uns.
Dortmunder Tageblatt: Wie sind Sie mit der Teilnahme und dem Verständnis, das Sie auf diesem Gastspiel beim Publikum gefunden haben, zufrieden?
v. Wolzogen: Recht gut, in Elberfeld und Hagen z. B. war das Interesse sehr groß und der Johannisberg in Elberfeld war gestern abend bis auf den letzten Platz gefüllt. Anderswo haben mir die schlechteren Nachahmer viel Schaden getan.
Wir kamen dann bald auf Berlin und die Berliner Presse zu sprechen.
v. Wolzogen: Ich nehme es den einzelnen Referenten, die in diesem Winter über vierzig Vorstellungen zu berichten hatten, nicht übel, daß sie zuletzt verdrossen wurden. Aber es bestand bei Kollegen (von der Litteratur), die mich für einen vom Glück Begünstigten oder gar für einen Millionär hielten, etwas Missgunst, und auch die meisten Zeitungen wurden nachher in ihrer Kritik gehässig.
Dortmunder Tageblatt: Die Berichte der Berliner Blätter machten auf den Außenstehenden doch nicht den Eindruck, daß sie von einer übelwollenden Gesinnung diktiert waren.
v. Wolzogen: Die Unzufriedenheit fing wohl damit an, daß wir öfters dasselbe gaben für ein täglich wechselndes Publikum. Nun fand die Presse natürlich keinen Fortschritt. Das ganze Genre ist eng, das fürs Brettl Geeignete liegt in ganz fest gesteckten Grenzen. Die Produktion, das Angebot von Stücken war allerdings ganz erstaunlich groß, aber unter 1000 Einsendungen waren nur 10 brauchbar. Ich war, wagemutig wie immer, freudig der an mich ergangenen Anregung gefolgt, die vielbesprochene Sache zuerst praktisch zu inszenieren und hatte dabei auch einen litterarischen Ehrgeiz. Sie kennen die litterarische Bedeutung der Sache. Meine Absicht war, auch die seriöse Musik zu pflegen und damit die Langeweile des Konzertsaales zu überwinden, indem wir z. B. dramatische Lieder szenisch und im Kostüm vorführten. Nun regiert aber in Berlin der Schlager. Der „Lustige Ehemann“ mit seinem ewig beliebten Thema der glücklichen Ehe, dazu in der netten Form, stand in der Alleingunst, bis ihn der „Kleine Cohn“ ablöste. Ja, wer könnte nun angeben, was eigentlich diesen Cohn für alle Welt so unwiderstehlich macht? Diesen Schlager hatten nun ja wir nicht, sondern das Zentraltheater. Als wir aber doch immer wieder Neues brachten, politische Satiren z. B., Einakter, da hieß es in der Presse wieder: Nein, wir wollen das liebe alte Ueberbrettl.
Wir kamen auf litterarische und journalistische Einzelheiten, wobei sich Hr. v. Wolzogen seinerseits gegen Niemanden animos zeigte. Ich fand ihn auch gar nicht nervös, trotz des strapazierenden Reisens. Die Direktoren oder Saalinhaber verlangen überall sein persönliches Eröffnen, schon weil man sonst an der Echtheit der Truppe zweifelt.
Elsa Laura: Viele haben wohl auch Werke meines Gatten gelesen und sehen nun gern einmal den Schriftsteller von Angesicht.
v. Wolzogen: Wir sind ganz auf das Verständnis des Wortes angewiesen. Wie ist es denn mit Ihrem Theatersaal?
Dortmunder Tageblatt: Der ist groß, faßt 1500 Personen, und ist namentlich lang, immerhin aber ist die Akustik gut.
Elsa Laura: Und ist es im Saale still und ruhig? Das ist besonders für mich wichtig, weil die Guitarre mein Instrument ist.
Ich durfte versichern, daß das Dortmunder Publikum im Theater eine musterhafte Ruhe beobachtet.
v. Wolzogen: Es ist aber, wie ich höre, ein altes Gebäude.
Ich berichtete, daß in wenigen Wochen der Grundstein zu einem prunkvollen städtischen Theater gelegt werden würde; es sei aber zu befürchten, daß unter den großen Aufwendungen für die Architektur schließlich die Schauspielkunst zu leiden haben werde.
v. Wolzogen: Seit dem Burgtheater ist man doch eigentlich überall von den Prachtgebänden für die Theater abgekommen.
Elsa Laura: Ich kenne auch Beispiele dafür, daß man am Theater sparte, weil man für Äußerlichkeiten zu viel ausgegeben hatte. Das ist ein verkehrtes Sparen.
Der Vorverkauf für den gestrigen Abend war schwach gewesen. Ich äußerte, daß bei uns gewöhnlich der zweite Abend den stärkeren Besuch bringe, weil der vorsichtige Westfale gern erst hört, wie es denn war.
v. Wolzogen: Wenn wir heute zufriedenstellen!
Elsa Laura: Das machen die Menschen wohl überall so. Man ist so vorsichtig sich erst bei Anderen, die zuvor da waren, zu erkundigen.
v. Wolzogen: Nur in Berlin nicht. Da haben wir ein Publikum, das bloß zur ersten Aufführung geht. Die muß also wohl allein taugen.
Daß die Berliner Presse über Erstaufführungen schon am anderen Morgen früh ein wohlerwogenes, breit ausgeführtes Urteil abgeben solle, hielt Hr. v. Wolzogen für kaum möglich und für ein übertriebenes Verlangen. Ich gewann aus Allem den Eindruck, daß die Kritik sich mit dem Begründer des Ueberbretts ohne große Schwierigkeit müsse verständigen können.
Kunst und Litteratur.
Ernst v. Wolzogen hat gestern hier mit der ersten Aufführung seines „Bunten Theaters“ warmen und reichen Beifall gefunden. Mit seinem Original-Ueberbrettl können sich die ähnlichen Unternehmungen, die wir hier gesehen haben, darunter auch jene, für welche Detlev v. Liliencron’s Name benutzt wird, in Bezug sowohl auf den litterarischen Standard wie auf die Tüchtigkeit der darstellenden Kräfte lange nicht messen. Zuerst trug Dora Dorsay drei Lieder vor, die durch die volle, metallische Stimme und die starke Empfindung der Sängerin hinrissen und von denen „Das Lied vom Mädel“ außerdem durch seine herbe soziale Wahrheit erschütterte. Hr. v. Wolzogen selbst— der als conférencier nicht allzu viel Worte machte— trug dann aus„Willy’s Werdegang“ (den unsere Leser kennen) die Theaterszene und die Feier des 16. Geburtstages vor; Willy sprach höchst echt bald Baß, bald Diskant und die rücksichtslose gesellschaftliche Satire besonders des ersten Stückes begegnete im Publikum großer, verständnisvoller Heiterkeit. Olga d‘Estree sang und charakterisierte außerordentlich gut; von ihren teils innig tiefen teils humoristischen Vorträgen seien genannt: Hans der Schwärmer, Am Teetisch (von Heine), Die Chansonette, Das Rosenblatt (von Bierbaum), und Der Schneider Jahrestag (Volkslied). Großes Charakterisierungs- und Nachbildungstalent legte auch eine Dame an den Tag, deren Namen wir leider nicht verstanden, und deren treffende Verspottung der verschiedenen Brettl-Typen dröhnende Heiterkeit und Bewunderung erregte. Elsa Laura v. Wolzogen singt ihre Liedchen, die sie zum Teil mit Talent selbst komponiert hat und meist mit der Guitarre begleitet, ausgezeichnet und überrascht durch ihre Beherrschung der verschiedensten Dialekte. Die zerbrochene Flöte, Sächsisches Minnelied, Modder ich will en Ding han (kölsch), I woas nit wie mer is (bairisch), Flaischlen’s Vagantenlied, Phillis und die Mutter lösten einen sich immer noch überbietenden Beifall aus. Paul Stampa hat ein beneidenswert volles und schönes Organ und wie er in „Die Musik kommt“ alle Teile des Zuges mimisch und in Gesten zu charakterisieren versteht, das ist wohl unerreicht. Es folgten einige prächtige Duette zwischen Stampa und Dora Dorsay (Die Haselnuß und der befestigt populäre Lustige Ehemann), sowie zwischen Olga d’Estree und Elsa Laura (Ach englische Schäferin, Jungfräulein darf ich mit Euch gehn, beides altdeutsche Volkslieder, komponiert von Brahms) und zwei hübsche Vorträge Ernst v. Wolzogen‘s, das satirische „Philisterparadies“ und die Humoreske „Etwas von unseren lieben Sachsen“, worauf Gumppenbergs „Der Nachbar“, eine die grausige Romanlitteratur köstlich persiflierende „Stenotragödie“ mit sieben Personen und in einem einzigen Satz (!) den reichhaltigen Abend angenehm und nach des Aufführungsleiters Hoffnung auch ethisch läuternd beschloß. Das Publikum freute sich bereits auf die heutige Fortsetzung.
Quelle
Dortmunder Tageblatt 20.6.1902: Wolzogen-Interview. Kunst und Litteratur (Rezension zum ersten Gastspiel). Link zu zeitpunkt.nrw.
Abbildungsnachweis
Doppelporträt der Wolzogens (Elsa Laura im Profil). Figaro 3. Oktober 1903. Link zur National Library of Sweden. Public Domain.
Verwendete Literatur
Dortmunder Tageblatt 17.6.1902: Anzeige für das erste Gastspiel Ernst v. Wolzogens „Buntes Theater“ (Ueberbrettl) aus Berlin. Link zu zeitpunkt.nrw.
Neueste Nachrichten für Elberfeld-Barmen 18.6.1902: Ernst von Wolzogens Ueberbrettl. Link zu zeitpunkt.nrw. Name von Helene Land, die zum ersten Mal auftritt.