„Grün ist die Heide“ – Soundtrack der Machtübernahme?


„Grün ist die Heide“ – Soundtrack der Machtübernahme?

„Grün ist die Heide“ ist vom ersten Tag an ein Kassenschlager. Der Rekorderfolg ist messbar.

Vertriebschef Fritz Kaelber lässt sich von den Premierenkinos regelmäßig die Zuschauerzahlen nach Berlin melden. Mit ihnen wird geworben, erst bei den Kinobetreibern, später bei den Zuschauern selbst. Ein Sog entsteht: Den Film muss ich sehen! Die Heide wird zu einer kollektiven Fluchtwelt. Jeder will dabei sein.

Nicht nur „Grün ist die Heide“ ist auf dem Siegeszug.

Nach dem 30. Januar 1933 wirkt der Film plötzlich wie ein Soundtrack zu Hitlers Machtübernahme: Zackige Männer in Uniform marschieren auf und behaupten, sie könnten Ordnung schaffen.

Inhalt

Im Sog der Zahlen

Zu Beginn des Weihnachtsgeschäfts macht die Europa Filmverleih AG offiziell, was Vertriebschef Fritz Kaelber schon am 2. Dezember im Gespräch mit Karl Blume tut. Sie zählt Besucher. Das genügt.

In dicken Lettern listet eine ganzseitige Anzeige am Samstag 17.12. im Kinematographen die aktuellen Besucherzahlen auf, die die Premierenkinos nach Berlin gemeldet haben. Soviel Zuschauer können nicht irren! Ein blockbuster, oder, wie man 1932 sagt, ein „Rekord-Erfolg“:

Diese Zeilen beweisen den Rekord-Erfolg unseres deutschen Volks- und Heimatfilms nach Motiven und Liedern von Hermann Löns Grün ist die Heide!

An zentraler Stelle wird der Genrebegriff „Heimatfilm“ bemüht, kombiniert mit dem Begriff „Volksfilm“. Das macht klar, worum es geht: Alle, aber auch wirklich alle wollen diesen Film sehen. Die Besucherzahlen beweisen es.

Klar, „deutsch“ ist das auch, und bestimmt ziemlich eingleisig, aber genau das ist 1932 ein Gütesiegel: Ein Film als Stadtgespräch, für jedermann, ob jung, ob alt, hier und überall im ganzen Land. Was will man mehr?

Jedenfalls setzen wir Teile der Anzeige in Fraktur. Auch wenn das im modernistischen Schriftbild eher stört. Ist ja ein „deutscher Volks- und Heimatfilm“, das soll man auch sehen. Was ist denn schon dabei?

Passend dazu: „Grün ist die Heide“ ist ab 1. Dezember jugendfrei und trägt seit dem 20. Dezember das Prädikat „künstlerisch wertvoll“. Selbst auf einer Reise nach Übersee kann man der grünen Heide nicht mehr entkommen: Rechtzeitig zu Weihnachten nehmen die Bordkinos der Norddeutschen Lloyd den Film in ihr Programm. Was für Werbeeffekte für den Tourismus, wenn ein Heidefilm auf der Fahrt zwischen Bremerhaven und New York läuft!

Varieté und grüne Heide

Die Kinobetreiber bleiben erstmal bei bewährten Marketingstrategien. Und die haben es in sich. Es treten auf: Filmstars, Weihnachtslieder, Festvorträge, Reiterkunststücke, Schönheitsköniginnen, Akrobaten. Heiterkeit garantiert. Hauptsache, das Haus ist dicht besetzt!

In Hannover und Hamburg bietet man Stars. Für die 100. Vorstellung in den Palast-Lichtspielen am 16. Dezember kommt Camilla Spira nach Hannover. Peter Voß ist für die Premiere im Hamburger Passagetheater vom 6. bis 8. Januar in jeder Vorstellung zu Gast.

Anders in Sachsen. Täglich auf der Bühne Karl Blume, vom 21. bis 26. Dezember im CT Am Riebeckplatz in Halle! Nicht nur die Anzeige in der Saale-Zeitung verbreitet mit einem Rahmen aus Tannenzweigen und -zapfen Feierstimmung. Blume hat seine Liederfolge jahreszeitlich angepasst. Geschickt präsentiert er ein selbstkomponiertes Weihnachtslied „Es war ein Tännlein schmuck und fein“, das – wie der Zufall so will – zeitgleich mit dem ebenfalls gebotenen „Spielmannslied“ gerade als sheet music erschienen ist.

Im Rheinland schließlich das mit Abstand üppigste Programm. Im Elberfelder Thalia-Theater kombiniert Direktor Robert Riemer die Filmpremiere am Freitag 6. Januar 1933 mit einem umfangreichen Varieté. Dafür ist das Theater, 1906 repräsentativ für Operetten und Varieté errichtet, noch immer berühmt, auch wenn es seitdem für den Rundfunk- und später für den Kinobetrieb umgebaut worden ist.

Beim Lesen der Rezension, die zwei Tage nach Filmstart am 8. Januar in der Bergisch-Märkischen Zeitung erscheint, bleibt unklar, was besser gefällt: Film oder Varieté?

Viel spricht für die grüne Heide. Die verjazzte Musik auf dem Trachtenfest, „in der Geige, Klarinette, Trompete, Posaune und Kontrabaß lustig zum „Bunten“ aufspielen“ findet genauso Lob wie der „romantische Zauber der Heidestimmung“. Köstlich auch die drei „Monarchen“, deren Auftreten „allein den Besuch der Vorführung lohnt, und im dicht besetzten Hause viel Heiterkeit weckte“.

Die beigefügte Grafik zeigt allerdings die Attraktionen des Varietés. Mittendrin ein Porträt der bekannten Filmschauspielerin und Kunstreiterin Cilly Feindt, gerade zurück aus USA mit ihren beiden Pferden „Elegant“ und „Nestor“!

Im Begleittext steigert sich der Rezensent in einen Adjektivtaumel. „[I]m Varietéteil sieht man die akrobatischen Leistungen der beiden Al[g]hetis (der tanzende Tor), die famosen olympischen Spiele der hübschen, gutgewachsenen „Schönheitsköniginnen“ Sorelle De[lu]ca, hört die ausgezeichneten italienischen Gesangsvorträge von Bruno Sarti und Ubaldo Russo, hat seine Freude an den prächtigen Reiterkunststücken der blonden Cilly Feindt, die entzückend auf ihrem Schimmel aussieht, und bewundert zum Schluß die vortrefflichen artistischen Leistungen der vier Richys, die mit ergötzlicher Komik aufgezogen sind“. Famos, vortrefflich, entzückend. So viel Freude an einem einzigen Abend.

Das kommt an. Im Berliner Fachblatt Der Kinematograph lässt Vertriebschef Kaelber am 17. Januar vorrechnen: „Im Thalia-Theater in Elberfeld erreichte der Film in den ersten 5 Tagen 18 974 Besucher“.

Im knapp dreißig Kilometer entfernten Düsseldorf, vier Tage später, Dienstag 10. Januar. Das Resi des finanzkräftigen Kinobetreibers Fritz Genandt, der die DLS-Auffanggesellschaft mit Kapital ausgestattet hat, bekommt endlich seine Premiere. „Tannengrün und Jagdembleme schmücken den Eingang des Residenz-Theaters“. Karl Blume, eigentlich von Sonntag bis Donnerstag für den Duisburger Mercator-Palast verpflichtet, kommt auf Stippvisite vorbei, das obligatorische Männergesang-Quartett und er „ernten starken Beifall mit ihren stimmungsvoll vorgetragenen Liedern“ (Düsseldorfer Stadt-Anzeiger 11.1.1933).

Das täuscht. Stimmung war gestern. Gerade hat die Europa Filmverleih AG eine Filiale in Düsseldorf eröffnet. Dort bereitet man den Massenstart in Rheinland-Westfalen vor. Das Motto: „Grün ist die Heide“ – „Der Rekorderfolg der Saison“.

Die Heide als kollektive Fluchtwelt

Am Vertriebssitz in Düsseldorf geht es am 15. Januar mit einer ganzseitigen Anzeige im Mittag los. Der Europa Filmverleih listet alle Theater in Rheinland und Westfalen auf, in denen der Film schon läuft oder bald zu erwarten ist. So geht blockbuster-Kino. „Nach dem unvergleichlichen Siegeszug durch ganz Deutschland“ endlich auch bei uns!

Ein Strategiewechsel. Das Nebeneinander von Heide-Stimmung und blockbuster-Zahlen zeigt sich nirgends so gut wie beim Filmstart im Bielefelder Universum.

In den Rezensionen zur Premiere am 14. Januar, die man als „Hermann-Löns-Festaufführung“ ankündigt, überbieten sich Lokalreporter in poetischen Anwandlungen.

Die Volkswacht kann unterscheiden. Zugegeben, der Film „rührt ein bißchen gar sehr an die Gefühle der Menschen, schwelgt stark in Sentimentalitäten“. Anders bei den Dokumentaraufnahmen, „da ist Heide, Wald, lebendig, unmittelbar, mit den Schönheiten, ist echter Stimmungsgehalt“.

„Heidezauberstimmung“ löst beim Rezensenten des Westfälischen Beobachters bereits der Film-Titel aus. Er läßt „in den Seelen der naturentwöhnten Asphaltmenschen“ „einen Traum wach werden von Erika-Blüten, Bienensummen, sonnenflimmernder Luft und tiefstem Frieden.“ Der „empfindsame Mensch“ „ist in aufnahmebereiter Stimmung, geht erwartungsvoll ins Kino und – wird nicht enttäuscht! Mit einem lustigen Wanderlied wird er sogleich mitten in die blühende Heide“ geführt“ – von den drei „Monarchen“.

Die Wilderergeschichte bringt ein Wechselbad der Gefühle: „Die sonnige Heideblütenstimmung ist verschwunden, graue gespenstische Nebelschwaden ziehen durch den unheimlich gewordenen Wald und über die weite düstere Heide.“ Showdown im Wald: Jäger gegen Wilderer. Am Ende wird’s versöhnlich: „Die Sonne scheint wieder und strahlt Wärme hernieder auf Pflanzen, Tiere und Menschen, auch auf die drei „Monarchen“, die wieder lustig singend und schnorrend durch die blühende Heide wandern“.

Diese „märchenhaft fremde reizvolle Heidestimmung“ „bleibt vom ersten bis zum letzten Bilde erhalten, sie klingt sogar noch nach, während man durch die dunklen naßkalten Straßen nach Hause geht“.

Geworben wird mit Zahlen und Fakten.

Am Premierentag erscheinen große Anzeigen in der Volkswacht und den Westfälischen neuesten Nachrichten, die riesige Besucherzahlen aus Hannover, Bremen, Leipzig, Dresden, Halle und Düsseldorf auflisten: „Dieser Film hat im Sturm alle Herzen erobert“. Vier Tage später meldet eine Anzeige in der Westfälischen Zeitung wie in einer Vollzugsmeldung auch für Bielefeld den erwarteten Erfolg: „Tausende sahen und hörten in den ersten Tagen unseren Hermann-Löns-Tonfilm Grün ist die Heide.“ Als wenn das noch nicht reichen würde: „Das Zentralinstitut für Erziehung und Unterricht hat unserm Hermann-Löns-Film das Prädikat „Künstlerisch“ verliehen und ihn für Jugendliche freigegeben!“

Ein unheimlicher Sog entsteht. Alles so militärisch. Siegeszug durch Deutschland, Eroberung im Sturm. Da muss man wohl jetzt hin. Tausende waren schon da. Wir noch nicht. Da wird’s aber Zeit. Pädagogisch wertvoll, von Amts wegen festgestellt. Die Kinder müssen mit. Das wird schon seine Richtigkeit haben. Heidezauber für naturentwöhnte Asphaltmenschen! Auf den naßkalten Straßen ist es ja eh gerade ziemlich ungemütlich.

Nicht nur „Grün ist die Heide“ ist auf dem Siegeszug.

Aufmarsch der Stoßtrupps

10. Februar. In den Essener Handelshof-Lichtspielen sind endlich die Filme der ersten Saisonhälfte angekommen. Die Theaterbetreiber machen einen militärischen Erfolg daraus:

Handelshof-Lichtspiele Essen am Hauptbahnhof marschieren an der Spitze. Unsere Reserven u. Stoßtrupps stehen bereit. Es erscheinen demnächst die größten Filme der Nachsaison. Als erster Film läuft ab heute: Grün ist die Heide

Unfassbar. Keine zwei Wochen nach Hitlers Machtübernahme reichen Zuschauerzahlen für die Werbung nicht mehr. Auch kein Siegeszug im Sturm. Jetzt kommen die Stoßtrupps und marschieren an der Spitze. So als wäre eine lange schlummernde Sehnsucht nach Bewaffnung endgültig geweckt.

Auf einmal steht „Löns“ nicht mehr wie noch in Bielefeld für vergnügtes Singen zur Laute, Heidezauber, echten Stimmungsgehalt oder tiefsten Frieden. „Löns“ ist wieder das, was er seit der ersten „Löns-Gedächtnisfeier“ war: Anlass für Kriegspropaganda und Vorwand für paramilitärische Aufzüge. Eine Chiffre für Wehrbereitschaft, notdürftig getarnt als Jägertreffen. Alles bloß Verkleidung. Der Jäger zeigt sein wahres Gesicht, die Stoßtrupps marschieren auf!

Es gilt die Deutung, die Friedrich Castelle der Dichtung von Hermann Löns kurz nach seinem Tod im Januar 1916 in der Münsteraner „Löns-Gedächtnisfeier“ gegeben hat: „Löns“ als Soldat, der tapfer im Feld für sein Vaterland kämpft und sein Leben opfert. Seine gefühlvollen Liebeslieder greifen ans Herz, keine Frage, und lassen an bessere Tage denken. Aber höchstens zwischendurch. Dann wird wieder gekämpft.

Erstaunlich, wie leicht die Umdeutung des Films im Sinne der Machtübernahme den Anzeigenmachern von der Hand geht. Du musst nur ein bisschen am Layout drehen.

Die Essener Anzeige vom 10. Februar zeigt auf den ersten Blick genau dieselbe Szene wie die Düsseldorfer vom 15. Januar. Links Camilla Spira als Tierärztin, rechts Peter Voß als Jäger. Zwischen ihnen sind in Essen keine Monarchen mehr platziert, nur noch diffuse Landschaft. Fröhliche Lieder brauchen wir nicht mehr, Schnorrer schon gar nicht.

Stattdessen ist das Verhältnis zwischen Frau und Mann durch eine leichte Verschiebung im Layout völlig neu definiert.

Der Jäger ist nähergerückt, beugt sich leicht zur Frau herunter. Er wirkt irgendwie größer. Einer, zu dem man aufblicken kann. Und vor dem man ein bisschen Angst hat. So fesch und zackig in seiner Uniform. Der versteht keinen Spaß. Dem stellt sich so leicht keiner in den Weg. Ich lieber auch nicht.

Wir erinnern uns: Auf den Kinoplakaten, die das DLS vor ein paar Monaten für Kinobetreiber hat entwerfen lassen, waren die Akzente ganz anders verteilt. Auf Plakatmotiv 1 wandern drei fröhliche Monarchen, singend unterwegs in der Heide. Plakatmotiv 2 zeigt prominent im Vordergrund eine fröhliche Frau im Trachtenlook, die den Betrachter selbstbewusst anschaut. Im Hintergrund ein lachender Jäger und singende Vagabunden.

Mit Hitlers Ernennung zum Reichskanzler hat sich die Stimmungslage komplett geändert. Vorbei die Zeiten sentimentaler Heide-Musik, die drei vagabundierende Heide-Stromer erklingen lassen, jetzt marschieren Männer in Uniform. Nicht mehr bloß als Metapher.

Eben noch blockbuster, jetzt Militärpropaganda? Ist der Film etwa der Soundtrack zur Machtübernahme?

Soundtrack der Machtübernahme?

Statt märchenhafter Heidestimmung plötzlich wehrhafte Stoßtruppen. Ist das etwa ein besonders perfider Trick, mit dem die Macher von „Grün ist die Heide“ da arbeiten? Ist alles von langer Hand geplant? Der Heimatfilm – ein politisch instrumentalisiertes Filmgenre? Der Schlagerfilm – ein Propagandainstrument der Nazis? Zweifel sind angebracht.

Natürlich haben weder die Verantwortlichen beim Deutschen Lichtspielsyndikat noch die Schauspieler und Techniker unter Oberregisseur Behrendt gezielt daran gearbeitet, einen Propagandafilm für Hitlers Machtübernahme zu drehen.

Dafür haben sie die ganze Zeit über viel zu viel damit zu tun, den Film überhaupt fertig zu kriegen und in die Kinos zu bekommen. Das Last-Minute-Casting. Das schlechte Wetter. Erst Regentage in Rotenburg, dann fällt das Trachtenfest ins Wasser. Die Insolvenz des Deutschen Lichtspielsyndikats. Der Trick mit der Auffanggesellschaft. Zum Glück springt die Europa Filmverleih AG ein. Premiere in der Provinz. Hoffentlich klappt das Experiment. Und dann die Überraschung. Ausverkaufte Häuser, gigantische Besucherzahlen. Wer hätte damit rechnen können?

Die Stimmung kippt

Dennoch kann man den Film „Grün ist die Heide“ als Soundtrack der Machtübernahme bezeichnen. Er zeigt, wie die Stimmung kippt.

Während der Außenaufnahmen in der Heide machen die Reporter noch Witze, wenn der Heimatfilm allzu authentisch daherkommt. Alles Inszenierung! Zum Kinostart ist die Heide zu einer hermetischen Fluchtwelt geworden. Abschalten in der Heide. Sich verzaubern lassen von der fremdartigen Landschaft. Die Freiheit der „Monarchen“ genießen, ihren fröhlichen Liedern zuhören. Eintauchen in eine fremde Welt, die nichts mit der eigenen zu tun hat. Und von der man nichts mehr wissen will.

Im Laufe der Arbeit am Film breiten sich Militarismus und Obrigkeitsdenken immer weiter aus. Aus dem Trachtenfest wird ein Schützenfest. Die Werbung wird paramilitärisch, man passt sich schleichend an. Weg von der selbstbewussten schönen Frau und den singenden „Monarchen“, hin zum Jäger mit Waffe und Fernglas. Wehrhaft und entschiedend.

Dank „Löns“, dem zweiten wichtigen Werbeträger neben dem Lied „Grün ist die Heide“, geht der Wechsel fasst unbemerkt vonstatten.

Der Begriff „Löns“ ist, wie viele Filmkritiker anmerken, wenig mehr als ein ziemlich allgemein gefasstes Label. Er bietet eine ideale Projektionsfläche, die man nach Belieben assoziativ füllen kann. Beim Filmstart mit singenden Vagabunden. Ein paar Wochen später mit Jägern in Uniform, die mit der Waffe in der Hand für Ordnung sorgen. Mal so, mal so.

In der harmlosen Variante steht „Löns“ für gute Unterhaltung. Darauf wollen alle die Kritiker hinaus, die von der Stimmung schreiben, die der Film „Grün ist die Heide“ vermittelt. Fröhliche Lieder, Freizeit, Ablenkung vom Alltag. Die großen Gefühle: Liebe in Gefahr, eine Jagd nach dem Wilderer. Etwas für alle, und deswegen auch ziemlich eingleisig. Aber so produziert man blockbuster.

Mit diesem „Löns“ ist es wie mit dem Trachtenkleid, das Camilla Spira in ihre Rolle als Tierärztin Grete trägt. Bei der Party im „Rotenburger Hof“ nimmt ihr schicker Trachtenlook alle ein. Sieh nur mal hin, „das Käppchen aus Goldbrokat auf blondem Haar, der hohe Rüschenkragen, die große Schleife, die das Käppchen hält“! Spira ist „strahlender Mittelpunkt junger Schwärmerei“, „Witz und Humor“ sorgen für „eine ungezwungene Stimmung“. Anders in Scheeßel, auf der Tanzbühne. Hier wird „sittsam, wohlanständig, in gemessenem Ernst“ getanzt, „das Drehbuch will es so“. Regisseur Behrendt muss immer wieder mahnen: „Ernst, Camilla, ernst“!

Das Trachtenkleid ist erstmal nur eine schöne Verkleidung. Sitzt gut, sieht gut aus. Bewundernde Blicke, Scherze. Mal was Neues. Erst wenn du dich bewegen willst, merkst du, wie es kneift. Dich beim Lachen einengt. Ernst, Camilla, ernst! Das ganze Dorf schaut zu. Warum stört das keinen? Vielleicht, weil jeder glaubt, dass man das auch wieder ausziehen kann. Für den nächsten Film dekorieren wir um, da trage ich ein ganz anderes Kostüm. Heute ein Heimatfilm, morgen wieder was anderes.

In der problematischen Variante steht „Löns“ für Ordnung und Wehrbereitschaft. Zu Beginn der Löns-Begeisterung ist er vor allem ein tragischer Held des deutschen Vaterlands.

Auf der ersten Löns-Gedächtnisfeier, mitten im 1. Weltkrieg, erklärt ihn der Journalist Castelle zum Kriegshelden, der für das Vaterland gestorben ist. Die Gedichte aus dem „Rosengarten“ werden zunächst als Kriegslyrik vertont. Besonders beliebt: „Auf Feldwache“, wo ein einsamer Soldat am Rande des Schlachtfelds seinen baldigen Tod erahnt. Wie Löns. Dazu passend wird das Jäger-Porträt ikonographisch. „Löns“ sieht aus wie ein Soldat.

Der Soldat hat sich im Griff, ist verteidigungsbereit und schweigsam. Bloß keine Gefühle. Es geht ums Vaterland, da muss man sich beherrschen. Umso heftiger brechen die Gefühle los, wenn mal gesungen wird. Die Liebesgedichte aus dem „kleinen Rosengarten“ bringen all die Leidenschaft, das Gefühl und die Innigkeit zum Ausdruck, die hinter der ernsten Fassade schlummern. Innen Gefühl, außen Stärke.

Das Atelierfoto von Peter Voß, der im Film den Jäger gibt, versucht, den scharfen Gegensatz zu mildern. Voß lächelt freundlich-jovial, Fernglas und Gewehr baumeln wie Requisiten. So wie das Trachtenkleid von Camilla Spira. Als wäre die zur Schau gestellte Stärke nur eine Fassade, die man nicht allzu ernst nehmen muss.

Ein netter Versuch. Aber ohne Jäger sind die gefühlvollen Lieder nicht zu haben. Und mit der Machtübernahme ist der problematische „Löns“ mit voller Wucht wieder da.

Modernes Unterhaltungskino

Dabei haben die Filmleute vom Deutschen Lichtspielsyndikat doch gerade mit „Grün ist die Heide“ gezeigt, wie modernes Unterhaltungskino geht.

Erstens: Provinz als Strategie ist ein Erfolgmodell. Das beweist nicht nur die spätere Heimatfilm-Welle der fünfziger Jahre, das gilt noch heute bei vielen Fernsehproduktionen. Der „Tatort“ läuft gerade deswegen ununterbrochen seit Anfang der siebziger Jahre, weil er wechselnde Regionen in den Mittelpunkt stellt und bewusst auf Lokalkolorit setzt.

Zweitens: Beim Film geht es um Besucherzahlen und Statistik. Für „Grün ist die Heide“ wird konsequent nachgezählt: Wieviel Leute wollen was genau sehen? Die Zahlen dienen als Verkaufsargument. Heutige Streamingplattformen arbeiten die ganze Zeit mit Statistik und sammeln Daten, um zu entscheiden, welche Serien in Produktion gehen.

Alles umsonst. Auf einmal geht es ums Marschieren, Reserven und Stoßtrupps.

Bei aller Nähe zu Hitler und den paramilitärischen Schlägertrupps, die die Werbeanzeigen nach der Machtergreifung konstruieren: Zu einem offiziellen Soundtrack der Machtübernahme eignet sich „Grün ist die Heide“ nicht.

Die erste Filmpremiere, die Hitler als Reichskanzler besucht, ist das U-Boot-Drama „Morgenrot“ am 2. Februar im Ufa-Palast am Zoo, laut Werbung der „große nationale Film des Jahres 1933“, „in dessen Mittelpunkt das Ringen einer Handvoll Männer für das Vaterland und das Leben der Heimat, für die sie kämpfen, steht“. „Das ist kein üblicher Spielfilm mehr“, meint der Kinematograph am nächsten Tag: „Was hier abrollt, ist das Hohelied der Kameradschaft. Ist das Hohelied jener Vaterlandsliebe, die in jedem Augenblick bereit ist, alles, auch das Leben, hinzugeben.“

Auch Propagandaminister Goebbels hat andere Pläne für den nationalsozialistischen Film. Das macht er am 28. März 1933 in seiner Kaiserhof-Rede vor Filmleuten deutlich. Ab sofort müssen Filme künstlerisch sein und eindeutig nationalsozialistische Überzeugungen vermitteln. Bloß nicht „verwaschen“ oder ohne „Tendenz“. Unterhaltung ist zwar nicht verboten. Aber muss sich an die neuen „Normen“ halten.

Das geht mit einem so vieldeutigen Label wie „Löns“ nicht. Auch wenn es nicht an Versuchen fehlt, „Löns“ für die Ziele der Nazis zu vereinnahmen. Genauso wenig gelingt es nach 1945, ihn getrennt vom Nationalsozialismus zu betrachten. Der problematische „Löns“, der Jäger-Soldat, steht immer im Raum.

Nach 1933 schafft es niemandem mehr, „Löns“ und „Grün ist die Heide“ noch einmal für die moderne Unterhaltung zu nutzen, die während der Produktion des Films und in den Wochen nach der Premiere möglich war.

Das Modernste an „Grün ist die Heide“ sind die „Monarchen“. Sie verkörpern, was erfolgreiche populäre Kultur in den nächsten Jahrzehnten ausmachen wird. Freiheit, Vergnügen, Eintauchen in eine Fantasiewelt. Den Alltag vergessen, als gäbe es kein Morgen. Allen Uniformierten zum Trotz.

Wo kommen die „Monarchen“ eigentlich her? Wie werden daraus Figuren für das Kino?

Zum Inhaltsverzeichnis.
Zum nächsten Kapitel: Die echten „Monarchen“: Wanderarbeiter werden populäre Kultur.

Abbildungsnachweis

Zeitungsanzeigen für den Film „Grün ist die Heide“.

  • Der Kinematograph 26. Jg. Heft 247 (17.12.1932): „Diese Zeilen beweisen den Rekord-Erfolg unseres deutschen Volks- und Heimatfilms“ (ganzseitige Anzeige der Europa-Verleih-AG)
  • Westfälische neueste Nachrichten (Bielefeld) 13.1.1933: „Heute 4 Uhr Beginn der Hermann-Löns-Festaufführung“ (ganzseitige Anzeige des Universum-Kinos)
  • Der Mittag (Düsseldorf) 15.1.1933: „Grün ist die Heide“ Der Rekorderfolg der Saison (ganzseitige Anzeige der Europa-Verleih-AG)
  • Essener allgemeine Zeitung 10.2.1933: „Unsere Reserven und Stoßtrupps stehen bereit“ (ganzseitige Anzeige der Handelshof-Lichtspiele)

Verwendete Literatur

Zuschauerzahlen in der Werbung für Filmpremieren (Dezember 1932 bis Januar 1933):

  • Stuttgarter neues Tageblatt 02.12.1932, S. 9. Film jetzt auch für Jugendliche zugelassen.
  • Der Kinematograph Heft 246 (16.12.1932): 100mal „Grün ist die Heide in Hannover“
  • Der Kinematograph Heft 247 (17.12.1932): Anzeige der Europa-Verleih-AG + Bericht „Europa-Verleih-Erfolge“
  • Der Kinematograph Heft 248 (20.12.1932): „Grün ist die Heide“ künstlerisch wertvoll
  • Saale-Zeitung, 21.12.1932, S. 14: Anzeige für die Weihnachts-Filmaufführungen in Halle mit Blume im Vorprogramm
  • Bergisch-Märkische Zeitung (Elberfeld) 6.1.1933: Anzeige
  • Bergisch-Märkische Zeitung (Elberfeld) 8.1.1933: Kbg., „Der Löns-Film: Grün ist die Heide. Das neue Wochenprogramm des Thalia-Theaters“
  • Der Mittag (Düsseldorf) 10.1.1933: Anzeige für die Düsseldorfer Premiere
  • Düsseldorfer Stadt-Anzeiger 11.1.1933: „Löns-Tonfilm im Residenz-Theater“ (Rezension)
  • Volkswacht (Bielefeld) 13.1.1933: Meldung + Anzeige
  • Westfälische neueste Nachrichten (Bielefeld) 13.1.1933: große Anzeige
  • Volkswacht (Bielefeld) 14.1.1933: Rezension
  • Westfälische neueste Nachrichten (Bielefeld) 14.1.1933: Rezension
  • Westfälischer Beobachter (Bielefeld) 14.1.1933: Rezension
  • Westfälische Zeitung (Bielefeld) 14.1.1933: Rezension
  • Der Kinematograph Heft 11 (17.1.1933): „Grün ist die Heide“ – Erfolge in Rheinland-Westfalen
  • Essener allgemeine Zeitung 10.2.1933: „Unsere Reserven und Stoßtrupps stehen bereit“ (ganzseitige Anzeige der Handelshof-Lichtspiele)

Musikbegleitung in den Filmpremieren (Januar 1933):

  • Rheydt, Rheydt, Palast-Theater + Odeon-Theater (Premiere 6.1.): Rheinisches Volksblatt 7.1.1933
  • Minden, Universum (Premiere 20.1.): Mindener Zeitung 20.1.1933
  • Gelsenkirchen, Apollo (Premiere 20.1.): Gelsenkirchener Allgemeine Zeitung 20.1.1933
  • Dortmund, Ufa-Palast (Premiere 27.1.): Dortmunder Zeitung Morgen-Ausgabe 27.1.1933
  • Buer, Apollo (Premiere 3.2.): Buersche Zeitung 3.2.1933
  • Harburg-Wilhelmsburg, Kammerspiele (3.2.): Volksblatt für Harburg, Wilhelmsburg und Umgebung 2.2.1933

Hagener, Malte: Propaganda auf hoher See. Bordkinos und Reisebilder deutscher Reedereien, 1919-1939. In: Judith Keilbach, Alexandra Schneider (Hg.): Fasten your seatbelt! Bewegtbilder vom Fliegen. Münster: LIT 2009 (Medien’welten. Braunschweiger Schriften zur Medienkultur), S. 187-199. Link zu mediarep.

Joseph Goebbels, Rede im Kaiserhof am 28.3.1933. Link zum Filmportal.

Kinematograph 20 (1933): ganzseitige Anzeige für den Film „Morgenrot“ + Ankündigung der Urafführung im Ufa-Palast am Zoo.

Kinematograph 24 (1933): Stürmisch bejubeltes Morgenrot. Ein Ufa-Spitzenfim bringt Sensationserfolg

,