Oscar Geller: „Das „Ueberbrettl zum rasenden Jüngling“
Eine Unterredung mit Herrn v. Wolzogen

Kürzlich ging durch die Berliner Presse eine Notiz des Inhalts, Herrn v. Wolzogens Projekt, eines litterarischen Tingel-Tangel, das „Ueberbrettl zum rasenden Jüngling“, ins Leben zu rufen, sei nun endgiltig abgethan. Diese Mittheilung beruht auf einem Irrthum; Herr v. Wolzogen ist im Gegentheil augenblicklich sehr intensiv damit beschäftigt, seine Idee endlich zu verwirklichen, bloß das für den Sommer 1901 in Darmstadt in Aussicht genommene Gastspiel hat sich aus rein materiellen Gründen zerschlagen. Dafür gedenkt Herr v. Wolzogen in nächster Zeit schon mit seinem „Ueberbrettl“ eine längere Gastspieltournee durch Deutschland und Oesterreich-Ungarn zu unternehmen, um dadurch gewissermaßen seiner Idee den Musterschutz zu sichern, wie auch, um überall seine Visitenkarte abzugeben.
Selbstverständlich wird dieses Gastspiel auch den künstlerischen Zweck wie das künstlerische Wesen des „Ueberbrettls“ dokumentiren. Es soll uns dies endlich klarlegen, was Herr v. Wolzogen eigentlich beabsichtigt.
So wird uns Deutschen endlich doch das Pariser Cabaret, dieser Tingel-Tangel der feinsinnigen Köpfe, der Stürmer und Dränger, die mit den Formen einer veralteten Kunst gebrochen und einen frischen, neuen Geist in die Bestrebungen der Jungen gebracht haben, erstehen — so wird also der deutschen Bohême endlich doch ein geistiger Mittelpunkt geschaffen werden, auf daß die jungen Brauseköpfe sich austoben mögen, auf daß sie sich nicht fruchtlos zersplittern.
… „Das ist‘s, was mich in erster Reihe darauf gebracht hat, das „Ueberbrettl“ gründen zu wollen,“ führte Herr v. Wolzogen aus, da ich mit ihm darüber in seinem eleganten Berliner Heim plauderte, „wie nicht minder die Erkenntniß, daß es so, wie es überhaupt jetzt geht, auf die Dauer doch nicht fortgehen könne. Das Variété hat heute eine Beliebtheit erlangt, daß es, für die breiten Volksschichten wenigstens, höher als das Theater steht. Diese Beliebtheit ist ein Zeichen unserer nervösen, hastenden Zeit, die eben für große und weitschweifige Genüsse keine Ruhe findet. Wir sind sammt und sonders auf das Aphoristische, Knappe, Packende gestimmt, auf eine intime Kleinkunst, die uns eine schöne Vase liebevoller erscheinen läßt denn eine große Ausstellung, eine feine Radirung denn bemalte Leinwände in den großen Kunstateliers.
Freilich werden dafür an die künstlerische Qualität selbst des kleinsten Schmuckgegenstandes, des kleinsten Gedichtes u.s.w. die höchsten Anforderungen gestellt. Das Variété erfüllt diese Anforderungen, wenigstens für den Geschmack der großen Menge, denn es ist unleugbar, daß die Spezialitäten, die in den großstädtischen Variétés auftreten, durchaus vollendete Künstler sind. Sie würden ja sonst dieser Zuläufe sich nicht erfreuen, auf den sie thatsächlich hindeuten können. Diese Spezialitäten genügen aber bloß jenen, die sich an körperlicher Schönheit, Kraft und Geschicklichkeit erfreuen wollen, sucht man dagegen im Variété Leistungen, die sich an den Geist wenden, erleidet man schon Schiffbruch!
Das Repertoir der Sängerinnen und Humoristen, die Pantomimen der Excentrics und die Darbietungen der Musik stehen auf einem so tiefen Geschmacksniveau, daß es einfach erschreckend ist, wie derlei ruhig hingenommen werden kann. Nun denken Sie sich, daß sich auf einmal wirkliche Künstler, Dichter, Komponisten, Schauspieler und Sänger dieser Variété-Kleinkunst annähmen —“
„Ein kühner Gedanke,“ warf ich ein.
„Nicht im mindestens kühn,“ fuhr Herr v. Wolzogen fort, „denn ich brauche nur darauf zu verweisen, wie sich Maler und Bildhauer der Töpferei, Stickerei, Goldschmiedekunst, Weberei, Tischlerei u.s.w. angenommen haben, und wie dies sowohl der Kunst wie dem Gewerbe ungeheure künstlerische und reale Vortheile brachte! Denken Sie sich nun ein künstlerisches Variété — vielleicht ohne Spezialitäten im alltäglichen Sinne, wie sie im Jargon des Artistenthums verstanden werden —, welch reicher Quell der Anregung für gebildete, geistig anspruchsvolle Menschen müßte sich da aufthun!“
„Aber das Vorurtheil?“
„Das muß eben besiegt werden! Ich hoffe zuversichtlich, daß mein „Ueberbrettl“ dieses von Ihnen berührte Vorurtheil unserer Dichter und Komponisten von Rang und Namen gegen die Prostitution durch das öffentliche Auftreten im Variété überwindet, ebenso gut wie die bildenden Künstler ihr Vorurtheil gegen Bethätigung im Kunsthandwerk überwunden haben. Ich habe das Pariser Cabaret aus eigener Anschauung nicht kennen gelernt. — Aber warum sollen wir Deutschen darin so völlig hinter den Franzosen zurückstehen? Warum soll auch nicht bei uns der Schaffende zugleich zum Ausübenden werden dürfen, so er hierzu nur Talent hat?!
Freilich sind wir Deutschen etwas raffinirter, uns muß eine feine, erwählte Kunst auch in feiner Bequemlichkeit, in einem vornehmen, eleganten Milien geboten werden, sollen wir sie ganz genießen. Unser „Cabaret“ muß somit sehr vornehin ausgestattet sein, muß nach jeder Richtung hin dekorativ wirken. Das wird auch geschehen. Wie ernst es mir mit meiner Idee ist, können Sie schon aus den Vorarbeiten ersehen; ich habe nicht nur feste Zusicherungen, sondern bereits auch Beiträge von Liliencron, Bierbaum, Dehmel, Falke, Salus, Wartleben, Schnitzler, Thoma, Heinrich Hart und von mir selbst. Ebenso habe ich bereits Kompositionen von Richard Strauß, Hans Hermann, Bogumil Zepler, James Rothstein, Adalbert v. Goldschmidt, Ludwig Thuille, Berenyi und mehreren anderen.“
„Kann ich etwas Näheres über das Programm Ihrer Aufführungen erfahren?“
„Alle Arten der stilisirten, modernen Kunst werden zu Worte kommen, sowohl der Einzelvortrag wie das Schattenspiel, die Pantomime und die Revue. Unter Einzelvortrag verstehe ich in erster Reihe das Couplet, sowohl das harmlose Couplet, wie etwa das „politische“, das aber streng über den Parteien wird stehen müssen und einen überlegenen Ton anschlagen. Die „Revue“ wird sich etwa wie ein lebendig gewordenes Witzblatt präsentiren, — nebenher auch noch das „Belebte Lied“ (chanson animée) und meine Neuschöpfung „Der Farbentonrausch“.“
„Farben-Ton-Rausch,“ buchstabirte ich.
«Ganz richtig; Farben, Musik, Licht, Schönheit, Grazie—alles in eins gefaßt! Warten Sie es nur ab. Was die Pantomime betrifft, wird natürlich in erster Reihe der Pierrot gepflegt werden, dabei aber auch noch die moderne französische Pantomime. Eine fernere Neuheit wird wohl die Art meiner Wandeldekoration sein; ich werde mit Hilfe des Szioptikons szenische Effekte zu erzielen suchen, die bisher auf dem Theater noch nicht versucht worden sind, da das Szioptikon mich in die Lage versetzt, ungeheuer rasch jeden möglichen Szenenwechsel herbeizuführen.“
„Werden Sie denn auch Theaterstücke zur Aufführung bringen?“
„Theaterstücke?! Nein, nein,“ wehrte Herr v. Wolzogen lebhaft ab, „nur keine Theaterstücke! Die passen auch gar nicht in den Rahmen eines Variétés. Unter „Stücken“ verstehe ich kleine Szenen, Conferencen, Spiele, Monologe und sonst dergleichen litterarische Feinschmeckereien, wie endlich auch noch Parodien von Christian Morgenstern. Im übrigen ist endlich die Pantomime auch ein Stück.“
„Glauben Sie, Herr Baron, daß das deutsche Publikum dem Pierrot Verständniß entgegenbringen wird?“
„Ich hoffe es zuversichtlich. Wohl mag es welche geben, die den Pierrot nicht verstehen, — man kann es aber lernen, ihn zu begreifen.“
„Wann gedenken Sie Ihr „Ueberbrettl“ endgiltig zu eröffnen?“
„Den genauen Zeitpunkt kann ich jetzt unmöglich angeben, — Eines kann ich Ihnen aber sagen: in Berlin werde ich ständig bleiben, trotz aller Reisegastspiele.“
Quelle
Oscar Geller: Das „Ueberbrettl zum rasenden Jüngling“. Hannoverscher Kurier Mittwoch 31.10.1900 Morgenausgabe, S. 2-3. Link zur Gottfried Wilhelm Leibniz Bibliothek.
Abbildungsnachweis
Ernst v. Wolzogen, Direktor des „Bunten Theaters“ in Berlin. In: Ueberbrettl-Herren-Vorträge I. Herausgegeben von Günther Leu-Steding, mit Buchschmuck von Hermann Hirzel und Max Tilke, 2. Aufl., Berlin: Mayhofer Nachf. 1902, Scan 8. Link zu den digitalisierten Sammlungen der Stabi. Public Domain.