Ernst v. Wolzogens „buntes Theater“: Unterhaltung für das 20. Jahrhundert


Ernst v. Wolzogens „buntes Theater“

Unterhaltung für das 20. Jahrhundert

Inhalt

Gesungener „Simplicissimus“

Wie entscheidend die Nachmittagsmatinée der Roulotte auf der Bühne des Belle-Alliance-Theater am 21. Oktober 1899 für Ernst v. Wolzogen ist, kann man kaum überschätzen. Vorher war Wolzogen ein gescheiterter Dramaturg, weiter denn je entfernt von seinem Traum, Theaterintendant zu werden. Die Show der Roulotte verschafft ihm eine neue, ungeahnte und vor allem realistische Perspektive.

Plötzlich passt alles zusammen.

Wolzogen ist nicht freiwillig in Berlin. Er braucht dringend den Erfolg – und Geld, um die Schulden aus seinem Misserfolg in München zu bezahlen. Vor zwei Jahren schien dort sein Traum zum Greifen nah.

Zu diesem Zeitpunkt beteiligt sich Wolzogen an der Gründung einer „Litterarischen Gesellschaft“, die am 4. November 1897 mit dem angesehenen Bestseller-Autor Ludwig Ganghofer als Vorsitzenden startet. Unter ihrem Dach wird Wolzogen Spielleiter einer „freien Bühne“, die Gastspiele in anderen Theatern ausrichtet. Er will sich als Regisseur für moderne Theaterstücke profilieren.

Wolzogens eigenwillige Interpretation des Shakespeare-Stück „Troilus und Cressida“, am 18. April 1898 auf der Bühne des Theaters am Gärtnerplatz inszeniert, gerät zum Fiasko. Der Versuch, das Drama wie zu Shakespeares Zeiten aufzuführen, mit kostümierten Zuschauern auf der Bühne und Männern in Frauenrollen, überfordert das Münchner Publikum. Das Stück wirkt burlesk und unfreiwillig komisch. Ganghofer und sein Vorstand drängen Wolzogen aus dem Amt. Dieser verabschiedet sich mit einer „Gardinenpredigt“ vor der zweiten und letzten Vorstellung am 19. April. Die Presse habe ihn absichtlich missverstanden und seine Interpretation gezielt schlecht beurteilt.

Neue Ideen müssen her.

Idee Nr. 1: Wolzogen schreibt für das Münchener Satiremagazin „Simplicissimus“ zwei Gedichte, die um die Jahreswende 1898/1899 erscheinen. Die Kritik fand sein Theaterstück burlesk? Gut, dann bekommt sie jetzt etwas wirklich Burleskes. Gedichte, satirisch überzeichnet, arrogant und gehässig. Illustriert von den Grafikern des „Simplicissimus“. Beide Gedichte tragen die Gattungsbezeichnung „Brettlsang“, Dichtung fürs Variété.

Das Gedicht „Laufmädel“ beschreibt mitfühlend und hämisch zugleich ein übereifriges junges Dienstmädchen, das die ganze Zeit zu Fuß Aufträge für ihre Herrschaft erledigen muss. Ihre Gesundheit leidet, zur Ablenkung träumt sie von einem Märchenprinzen, der sie erlöst. Tapfer bekämpft sie jedes Anzeichen von Schwäche und verschleppt eine Erkältung. Schließlich erwartet sie der frühe Tod.

„A fescher Domino“, pünktlich zur Karnevalsausgabe, erzählt aus der Ich-Perspektive einer desillusionierten Karnevalistin. Die Maske bringt ihre wirklichen Gefühle zum Vorschein. Sie wirft sich dem erstbesten Tänzer an den Hals und lässt in breitem Dialekt ihrer Lebenslust freien Lauf. Wolzogen schildert die Stimmung des Mädchens einfühlsam und lebendig, um sie am Ende der Lächerlichkeit preiszugeben. Seine Darstellung bleibt distanziert, er lässt besinnungsloses Vergnügen für sich sprechen.

Idee Nr. 2: Mit Romanen hatte Wolzogen schon vorher Erfolg. Also verfasst er „Das dritte Geschlecht“, einen Schlüsselroman, in dem er Münchener Frauenrechtlerinnen darstellt. Sie wenden sich gegen die traditionelle Rolle als Ehefrau und Mutter, tragen bequeme Reformkleider und sind selbst berufstätig. So etwas lässt sich deutschlandweit an Leserinnen verkaufen. Der Titel kommt, ansprechend illustriert, im Juni 1899 in die Läden.

Idee Nr. 3: Im Frühjahr 1899 reist Wolzogen nach Berlin, um mit dem Schriftsteller Hans Olden ein Theaterstück zu verfassen: „Das Gastspiel“, für eine Aufführung am Deutschen Theater. Vielleicht wird das ja der ersehnte Durchbruch am Theater.

Für Wolzogen steht also eine Menge auf dem Spiel, als er sich am 21. Oktober unter die Berliner Theaterleute und Journalisten mischt, die die Roulotte begutachten. Gestern, am 20. Oktober, hatte ein älteres Drama von ihm Premiere: „Ein unbeschriebenes Blatt“ im Neuen Theater am Schiffbauerdamm. Am 4. November startet „Das Gastspiel“ im Deutschen Theater.

Die Spannung steigt. Immer gut, wenn man da mitbekommt, was die anderen machen und wie gerade die Stimmung ist.

„Das Gastspiel“ wird nach zwei Vorstellungen abgesetzt. Nur das „unbeschriebene Blatt“ kommt an. Und das dank flacher Äußerlichkeiten: „Es ist schade um Ernst v. Wolzogen, daß er mit seinem großen Können und seinem echten, lebensvollen Humor sich neuerdings immer mehr zu Äußerlichkeiten verflacht und nicht mehr in die Tiefen hinabsteigt, in denen die echte Poesie schlummert.“ So meldet Max Schoenau am 14. November 1899 für die Münchner neuesten Nachrichten. Im gleichen Artikel berichtet er zustimmend über den phänomenalen Auftritt der Roulotte. Versteh einer die Kritiker!

Brettlsang. Satire im Simplicissimus. Das Burleske. Oberfläche und Äußerlichkeiten. Gardinenpredigt von der Bühne herab. Moment mal. Was, wenn das angebliche Problem eigentlich die Lösung ist? Bei der Roulotte jedenfalls passt all das zusammen und macht den Zuschauern sogar Spaß! Und ist die Roulotte nicht so etwas wie ein gesungener „Simplicissimus“? Lassen wir die echte Poesie ruhig schlummern. Bewahren wir uns den Humor.

Die Zickel-Connection

Glücklicherweise ist Wolzogen in Austausch mit anderen Berliner Theatermachern. Für ihn der wichtigste: Dr. Martin Zickel, ein theaterbegeisterter junger Germanist, den alle schon mit akademischem Titel anreden, obwohl er seine Dissertation noch am 1. März 1900 verteidigen muss, um ihn wirklich tragen zu können.

Wie Wolzogen träumt Zickel davon, Intendant eines eigenen Theaters zu werden. Trotz des Altersunterschieds verstehen sich die beiden gut. Zickel, am 7. Dezember 1876 geboren, kommt wie Wolzogen aus Breslau. Zickels Vater, ein Kaufmann, stirbt früh. Seine Dissertation widmet er seinem Onkel Salomon, der in New York deutsche Auswanderer mit Büchern und Zeitschriften aus der Heimat versorgt.

Wie Wolzogen will Zickel modernes Theater machen, abseits der großen Häuser, auf eigene Rechnung. Die beiden sind sich einig: Die Roulotte ist der Schlüssel dazu!

Im Gegensatz zu Wolzogen verfügt Zickel über die nötigen Ortskenntnisse und hat beste Verbindungen zur Berliner Theaterszene. Der ehrgeizige Zickel ist künstlerischer Leiter beim akademisch-literarischen Verein der Universität und führt bei zwei Aufführungen im Rahmen der Goethefeier am 18. und 19. November Regie. Sein Organisationstalent hat er zuletzt Anfang September bewiesen, als er für seinen Verein das königliche Operntheater als Spielstätte und das Thalia-Theater für die Proben sicherte.

Außerdem ist Zickel Mitglied in der Künstlervereinigung „Brille“. Außer jungen Schauspielern von den Berliner Bühnen gehören auch Journalisten dazu, die im informellen Kreis neue Theaterideen ausprobieren.

Kaum vier Wochen nach der ersten Matinéevorstellung der Roulotte gehen Zickel und Wolzogen mit ihren Plänen an die Presse. Ihre deutsche Variante, „literarisches Variété“ genannt, wird unter dem Dach von Zickels wichtigstem Projekt starten, der „Sezessionsbühne“.

Rechtzeitig vor der Goethefeier lanciert Zickel eine Meldung im Berliner Tageblatt vom 17. November, die es offiziell macht: „Unter dem Namen „Sezessionsbühne“ hat sich in Berlin eine Vereinigung gebildet, die es sich zur Aufgabe setzt, einige Stücke zur Darstellung zu bringen, denen ihre Eigenart den Zutritt zu den Berliner Bühnen verwehrt.“

Der Name „Sezessionsbühne“ ist nicht zufällig gewählt. Zickel spielt an auf die im Moment wichtigste Strömung in der Bildenden Kunst.

In Berlin hat eine Künstlergruppe gerade offiziell eine eigene Secession gegründet. Sie stellt sich damit in eine Reihe mit der Münchener und Wiener Secession, die seit vielen Jahren für Aufsehen sorgen. Beide Gruppierungen setzen sich für moderne Kunst ein und streben eine Öffnung der akademischen Kunst für Dekoration, Design und das Kunsthandwerk an. Angefangen hat es 1892 in München, wo sich eine Gruppe junger Künstler von der bisherigen Künstlervereinigung abspaltet und eine neue, moderne Gruppe bildet. Nach ihrem Modell formiert sich 1897 die Wiener Secession, die ein Jahr später ein großes, eigenes Ausstellungshaus eröffnet. Das Gebäude wird vom Designer und Architekten Joseph Maria Olbricht im Jugendstil entworfen.

Nach dem Wiener Vorbild präsentiert sich die Berliner Secession seit dem 19. Mai 1899 in einem eilig hergerichteten, eigenen Ausstellungsgebäude in Charlottenburg. Es gibt kunstgewerbliche Kabinette, die moderne Möbel vor gestickter Wandbekleidung zeigen, und einen Illustratorensaal, deren Zeichnungen man an den Wänden studieren oder bequem vom Sessel aus in ausliegenden Büchern durchblättern kann. Kontroverse Bilder, wie Max Slevogts Triptychon „Der verlorene Sohn“, das wegen seiner drastischen Gegenüberstellung von Luxus und Elend zum Ausstellungsbeginn für einen Skandal sorgt, erscheinen da fast als Nebensache.

Zickel findet: Diese Moderne, die sich für lebensnahes Kunsthandwerk einsetzt, gehört endlich auf die Bühne. Als „Freie Bühne“ wollen Zickel und sein Kompagnon, der Schauspieler Paul Martin zwei Matinéevorstellungen moderner Stücke im Neuen Theater ausrichten. Und noch etwas: „Im Februar wird der Versuch gemacht werden, Anregungen zu einem literarischen Variété in einer Matinee zu vereinigen.“ Dem Berliner Tageblatt ist das zu vage. Man erklärt: „Soll wohl bedeuten, nach Art der „Roulotte“ künstlerische Darbietungen leichterer Art zu bringen.“

In den kommenden Wochen versuchen Wolzogen und Zickel, nach französischem Muster Schriftsteller zu gewinnen, die Gedichte für die Vertonung hergeben könnten. Das bleibt mehr oder weniger erfolglos, der Münchener Schriftsteller Frank Wedekind etwa winkt mit Brief vom 28. Dezember ab, als Zickel bei ihm anfragt.

Die Theaterstücke, die Zickel als Oberregisseur inszeniert, kommen dagegen hervorragend an. Schon die erste Matinée der Sezessionsbühne am 10. Dezember erhält gute Kritiken. Angebote für eine Tournee trudeln ein. Dann geht alles ganz schnell. Anfang Januar, pünktlich zur zweiten Matinée am 21. Januar, kann Zickel ankündigen, dass die „Sezessionsbühne“ zu Beginn der nächsten Saison, im Herbst 1900, als stehendes Theater im ehemaligen Alexanderplatz-Theater aufspielen wird. Finanzier im Hintergrund: Der Operntenor Viktor Bausenwein, der das Theater für vier Jahre gepachtet hat und die ehemalige Vaudeville-Bühne für einen zeitgemäßen Spielbetrieb umbaut.

Für Zickel hat sich der Probelauf als „freie Bühne“ schon gelohnt, ab der nächsten Saison ist er Oberregisseur im eigenen Haus. Das wird ein fulltime job. Wolzogen muss das literarische Variété von jetzt an allein verwirklichen.

Der rasende Jüngling

Als Büro nutzt Ernst v. Wolzogen das Cafe des Westens am Kurfürstendamm, den neuen Treffpunkt der Berliner Bohème. Seit Eröffnung im Jahre 1898 dient das Café als Aufenthaltsort und Treffpunkt für junge Theaterbegeisterte. Die Künstlergruppe „Brille“ ist ständig zu Gast. Wolzogen hat es nicht weit, seit seiner Ankunft aus München im Frühjahr 1899 bewohnt er ein paar Häuser ein schlichtes Hinterhauszimmer. Es ist seine Zweitwohnung, Frau und Kind sind in München geblieben.

Wolzogen muss sein literarisches Variété im Frühling 1900 auf drei Ebenen vorantreiben. Er fragt bei modernen Lyrikern an, ob sie ihm Gedichte für sein „Buntes Theater“ überlassen. Außerdem sieht er sich nach einem Ensemble um, mit dem er auf die Bühne gehen kann. Neben den Schauspielern, die die Lieder in Kostümen vortragen können, braucht er einen Kapellmeister am Klavier, der die Stücke vertont und auf der Bühne begleitet. Aber das kann warten. Viel wichtiger: Er muss einen geeigneten Raum finden – und Geldgeber, die das Unternehmen finanzieren. Das wird schwierig.

Wolzogen will unbedingt an die Friedrichsstraße, die Vergnügungsmeile der Stadt. Hier bieten der „Wintergarten“ am Bahnhof Friedrichstraße und das „Apollo“ weiter südlich ein attraktives und immer gut besuchtes Variétéprogramm. Genau die Umgebung, in die man mit einem „bunten Theater“ etwas literarischen Anspruch bringen kann.

Leichte Unterhaltung steht hoch im Kurs. In einer statischen Erhebung, die der Schauspieler Berthold Held für die Saison 1898/1899 über die beliebtesten Werke an deutschen Bühnen angestellt hat, steht der Schwank „Im weißen Rössl“ von Oscar Blumenthal und Gustav Kadelburg mit 1692 Aufführungen weit vorne auf der Liste. Die Autoren sind dank ihrer vielen weiteren Bühnenschwänke die beiden erfolgreichsten Theaterschriftsteller überhaupt, Blumenthal der „König der Tantiemen“. Mit solchen Argumenten dürften sich Geldgeber finden lassen.

Für einen gelungenen Start in die Saison 1900/1901 muss man im Juni klar haben, wie es laufen wird. Mit der Notiz in der Morgenausgabe des „Berliner Tageblatts“, die am Freitag 31. Mai 1900 Wolzogens „Roulotte der Modernen“ zum ersten Mal ankündigt, will er die laufenden Verhandlungen in seinem Sinne lenken.

Der „Hannoversche Kurier“ weiß mehr. Das liegt am Berliner Theaterjournalisten John Schikowski, der regelmäßig nach Niedersachsen das Neuste aus der Hauptstadt meldet. So haben die Hannoveraner schon in der Abendausgabe vom Donnerstag 30. Mai erfahren, was das „Berliner Tageblatt“ einen Tag später von Schikowski abschreibt.

Der Kaiserkeller in der Friedrichstraße ist das Lokal in bester Lage, das Wolzogen mit einem „Buntem Theater zum rasenden Jüngling“ im Herbst beziehen wird. „Zum rasenden Jüngling“, das klingt wie der Name eines staubigen Landgasthofs mit Bühnensaal, nur ironisch verzerrt. Hohe Eintrittspreise machen klar, welches Publikum dort einkehren soll: Reiche Leute, die sich spät abends in exklusivem Ambiente modern amüsieren wollen. Variété oder Theater? Beides!

Ein litterarisches Variété in Berlin. Der schon öfters aufgetauchte Plan der Gründung eines litterarischen Tingeltangels – etwa nach Muster des verflossenen Pariser „chat noir“ — hat jetzt Aussicht auf Verwirklichung. Unter dem Namen „Buntes Theater zum rasenden Jüngling“ wird sich mit Beginn der nächsten Saison in den Räumen des Kaiserkellers in der Friedrichstraße ein Variete aufthun, dessen Organisator und geistiger Leiter Ernst v. Wolzogen ist. Ihm zur Seite steht als artistischer Beirath der Schriftsteller und Dramaturg Dr. Walter Harlan. Der für die Aufführungen eingerichtete Saal soll außer der kleinen Bühne nicht mehr als 300 Zuschauerplätze enthalten und das Entree verhältnißmäßig hoch sein: kein Platz unter 3 M. Beginn der Vorstellungen ist auf eine spätere Abendstunde festgesetzt, als es bei den Berliner Theatern bisher üblich war, nämlich auf ½10 Uhr.

Wolzogen hat ein Publikum im Visier, das sich modern amüsieren will. Leute, die das Geld haben, aber denen Oper und Theater zu anstrengend sind. Leute, die unterhalten werden wollen, sich jedoch nicht mit den derben Krachern des herkömmlichen Variétés zufriedengeben.

Im Gegensatz zu der primitiven Einrichtung des chat noir, wo man bekanntlich auf schlichten Holzbänken Platz nahm, wird die Sitzgelegenheit in bequemen Fauteils bestehen, von denen einzelne besonders bevorzugte die Namen von modernen Dichtern oder litterarischen Persönlichkeiten, die sich um das neue Unternehmen verdient gemacht haben, führen werden. Außer dem Vortrage von kleinen Liedern und Couplets sollen Dramoletts, Pantomimen, Marionettenspiele etc. zur Aufführung kommen. Die Zote ist prinzipiell ausgeschlossen, und der litterarische Charakter des Unternehmens wird in der Zusammenstellung des Programms und in der Art der Darstellung streng gewahrt bleiben.

Luxus in der Ausstattung wird mit leichtem Programm auf der Bühne kombiniert. Gepflegt, in bequemen Sesseln, die die Namen von Dichtern tragen. Gut zu wissen: Die Grenzen des Schicklichen bleiben gewahrt. Auch wenn es gewagt oder gar frivol wird: Hier sind Künstler am Werk. Bloß keine Zoten reißen!

Schikowski schließt optimistisch:

Die nothwendige finanzielle Grundlage für die Realisirung des Wolzogenschen Projektes ist bereits geschaffen, und so wird Berlin voraussichtlich in der nächsten Saison um eine originelle weltstädtische Sehenswürdigkeit reicher sein.

Der Optimismus hält nur bis Montag 3. Juni. Der „Hannoversche Kurier“ muss in seiner Morgenausgabe eine Richtigstellung drucken. Wolzogens Partner und Geldgeber sind in letzter Minute abgesprungen: „Der Eigenthümer des Kaiserkellers in Berlin“ lässt erklären, dass „der Kaiserkeller jedenfalls als Ort der Bethätigung dieser neuesten literarischen Bestrebung im Sinne des gedachten Unternehmens ausgeschlossen“ sei. Verhandlungen habe es zwar gegeben, seien aber „schon vor mehreren Tagen ohne Resultat zu Ende gegangen“. Wolzogen, so wird deutlich, hat mit der verfrühten Pressemeldung Fakten schaffen wollen. Vergeblich.

Die Zeit drängt. Bis Ende Juni muss ein Lokal her, wenn Wolzogen noch in der kommenden Saison dabei sein will. Schnell organisiert er neue Finanziers und, entscheidend, ein neues Lokal. Das Foyer des Hotel Imperial, Unter den Linden 44, an der Kreuzung zur Friedrichstraße, könnte man zu einem Theatersaal umbauen. Das wäre doch was.

Wolzogen benennt sein Projekt um. Ein unverwechselbarer Markenname muss her. Der „rasende Jüngling“ als Name für eine seltsame Gaststätte bleibt. Die Bühne wird ein „Ueberbrett’l“.

„Ueberbrett’l“, nur richtig mit Apostroph und Ue, ist so schwierig zu schreiben, dass es jedem im Gedächtnis bleibt. Die Vorsilbe „Über-“ könnte eine Anspielung auf Nietzsches Übermenschen sein. Das wäre sehr modern. Wahrscheinlicher ist, dass Wolzogen sie wie „mega“, giga“ oder „ultimate“ verwendet und uns besonders gute Unterhaltung verspricht. Auf den Sound kommt es an. Auch Dialektwort „Brettl“ umkreist ironisch, worum es geht. Eine Hintertreppenbühne mit altmodischem, zweitklassigem Programm hat Wolzogen jedenfalls nicht wirklich vor.

Am 28. Juni kündigt die Presse wieder einen unmittelbar bevorstehenden Vertragsabschluss an. Auch erste Namen von beteiligten Dichtern werden kolportiert. Aber wieder ist die Sache nicht so eindeutig, wie Wolzogen glauben machen will.

Ueberbrett‘l zum rasenden Jüngling soll nach den jüngsten Beschlüssen das von Ernst von Wolzogen geplante literarische Variété in Berlin genannt werden. Über die Finanzirung des Unternehmens, welches am 1. Oktober d. J. eröffnet werden soll, wird in den nächsten Tagen in einer Versammlung der Interessenten endgiltig beschlossen werden. Die Lokalfrage beschränkt sich auf die Friedrichstadt, wo allerdings das in Aussicht genommene Lokal für die Zwecke des Unternehmens ausgebaut werden muß. Falls die Arbeiten bis zum 1. Oktober nicht fertig gestellt sein sollten, würde die Eröffnung in einem Interimslokal stattfinden.

Ein paar Tage später gibt die „Berliner Börsen-Zeitung“ das Scheitern bekannt. Wolzogens Finanzier will weitreichende Kontrolle über das Programm, Wolzogen selbst Entscheidungsfreiheit. So wird das nichts. „Herr v. Wolzogen, welcher augenblicklich auf Reisen ist, wird im Herbst noch einmal versuchen, geeignete Interessenten heranzuziehen.“ Erstmal Ferien.

Ende Mai 1900, parallel zu den ersten Pressemeldungen, hatte Wolzogen einen neuen „Brettlsang“ im „Simplicissimus“ veröffentlicht: „Madame Adèle“. Wie schon beim „feschen Domino“ und dem „Laufmädel“ schreibt er aus einer Ich-Perspektive, diesmal der einer Tänzerin und Prostituierten. Ihre illusionslose Sicht auf ein Leben, das sich in Konsum und Luxus erschöpft, den ihr reiche Männer bieten und den sie so lang wie möglich nutzen will, ruft Abscheu und Mitgefühl zugleich auf. Wieder kultiviert Wolzogen die ironische Distanz als überlegene Haltung eines Außenstehenden, der fasziniert und angeekelt zugleich auf etwas starrt, was er nicht sein will: Was ein Glück, das ich nicht so bin. Aber trotzdem faszinierend.

Mit „Madame Adèle“ markiert Wolzogen sein Terrain: Das literarische Variété, der gesungene „Simplicissimus“ kommt. Ausladend, exaltiert, bissig-ironisch.

Die geheimnisvolle Premiere

Der Plan, sich mit einem exklusiven Variété in der Friedrichsstraße anzusiedeln, ist gescheitert. So viel steht nach der Sommerpause fest. Jetzt nimmt Wolzogen den umgekehrten Weg, nach dem vertrauten Modell der „freien Bühne“, Zickel hat es in der letzten Saison vorgemacht. Wolzogen beginnt mit einem Gastspiel in einem Berliner Theater, sucht sich also ein „Interimslokal“. Anschließend geht es auf Tour. Möglichst mondäne Ziele, dort, wo Wolzogens Publikum residiert: Großstädte, Treffpunkte der Reichen und Schönen. Dann, zur nächsten Saison, ein festes Theater in Berlin.

Auch die Pressearbeit wird umgestellt. Als erstes erfahren wir vom Schlusspunkt. Im nächsten Sommer, so das Berliner Tageblatt vom 20. September 1900, gibt es ein vornehmes Gastspiel in der Darmstädter Künstlerkolonie, die gerade im Jugend- und Secessionsstil entsteht. Nur angedeutet wird eine vorgelagerte Tour, mit der Wolzogen „Markenschutz“ betreiben und sein „Überbrettl“ überall bekannt machen will:

Dank der Unterstützung einiger Finanzkräfte wird die Fin de Siècle-Bühne nunmehr in Darmstadt erstehen, das in seiner jungen, frisch aufstrebenden Künstlergemeinde einen ensprechenden Resonanzboden für den dankenswerthen Versuch bietet. Das Theater, mit dessen Bau demnächst begonnen wird, erhält eine transportable Bühneneinrichtung, um sie für die vom Freiherrn v, Wolzogen geplante Tournee benutzen zu können. Das Ueberbrett’l gedenkt, schon im April, spätestens im Mai nächsten Jahres die Vorstellungen zu beginnen und nach einer kurzen Saison in Darmstadt nach Berlin zu übersiedeln.

Der Start, die Eröffnung im Berliner Interimslokal, bleibt erstmal geheim. So wird die Erwartung maximal gesteigert. Ist es dann so weit, haben wir maximale Aufmerksamkeit sicher. In der Zwischenzeit kann man träumen und denken an „Vorführungen im Stil der Roulotte, an einen gesungenen „Simplizissimus“, an eine Stätte übermüthiger Satire, wo sich der Humor und die Laune unserer Dichter richtig austoben“ können. So geht Marketing.

Was Rang und Namen hat, blickt gerade nach Darmstadt.

Fortsetzung folgt!

Zum Inhaltsverzeichnis.

Abbildungen

Willy Ganske: Sterne des Überbrettls. Die Woche Heft 21 Heft Jg. 4 (1902), S. 957-959.

Das Laufmädel. Simplicissimus Heft 23, Jg. 3 (1898/1899), S. 271. Wolzogen, Ernst Frh. v. (Text), Steinlen, Théophile Alexandre (Zeichnung)

A fescher Domino. Münchner Brettlsang. Simplicissimus Heft 47, Jg. 3 (1898/1899), S. 375. Wolzogen, Ernst Frh. v. (Text), Reznicek, Ferdinand Frh. v. (Zeichnung)

Madame Adèle. Simplicissimus Heft 8 Jg. 5 (1900/1901), S. 67
Wolzogen, Ernst Frh. v. (Text), Reznicek, Ferdinand Frh. v. (Zeichnung)

Martin Zickel. Berliner Leben Jg.7 (1904) Heft 5. Link zur ZLB Berlin.

Illustratorensaal in der Berliner Secession (Foto 1899). Deutsche Lesehalle Nr. 24 (1899), S. 188. Link zur BSB München.

Verwendete Literatur

Ernst von Wolzogen: Wie ich mich ums Leben brachte, Braunschweig: Westermann 1922

Wolzogens Erinnerungen werden in den meisten Darstellungen des Überbrettls weitgehend ungeprüft übernommen. In der vorliegenden Studie werden sie nach Möglichkeit nur dann zugrundegelegt, wenn mindestens eine weitere Quelle seine Darstellung bestätigt.

Wolzogen schreibt extrem tendenziös aus einer Rückschau, bei der er seinen gesamten Einsatz für ein literarisches Variété als Irrtum darstellt. Sein Text ist von einem systematischen Antisemitismus geprägt, der die Ereignisse verzerrt widergibt und weite Passagen fast unlesbar macht. Vor allem aber ignoriert Wolzogen die tatsächliche Chronologie und verschweigt zentrale Akteure. So vertauscht er etwa – aus rein erzähltechnischen Gründen – die Saison 1902/1903 mit der Saison 1903/1904. Schwerer wiegt, dass er Martin Zickel, mit dem er 1899 bis 1902 Seite an Seite an seinem Projekt arbeitet, mit keinem Wort erwähnt.

Wolzogen in München:

Börsenblatt des deutschen Buchhandels Nr. 140 (Dienstag 20.06.1899) Jg. 66, S. 4493 + 4620. Anzeige für Wolzogen, Das dritte Geschlecht. Link zur Bayerischen Staatsbibliothek.

Die meistgelesenen Bücher. Ein statistischer Versuch. Das literarische Echo. 1898-1923, 1900-1901 Jg. 3, H. 7 (1.1.1901), Sp. 505-509.

Martin Zickel und der Start der Sezessionsbühne:

Martin Zickel: Die scenarischen Bemerkungen im Zeitalter Gottscheds und Lessings, Berlin 1900. Link zu Google Books.

Die Berliner Kunstausstellungen 1899. Mit fünf Spezial-Aufnahmen für die „Lesehalle“ aus dem Atelier Geifrig, Berlin W. Deutsche Lesehalle Nr. 24 (1899), S. 188-199. Link zur BSB München.

Frank Wedekind an Beate Heine, Festung Königstein 28. Dezember 1899: „Martin Zickel bittet mich um Beiträge und Mitwirkung zu einem literarischen Variété in Berlin. Ich denke nicht im Traum daran, darauf einzugehen“. Link zur Briefedition Wedekind.

Frank Wedekind an Emilie Wedekind, Festung Königstein 28. Dezember 1899: „In Berlin wollen Hartleben und Wohlzogen ein literarisches Variété unter meiner Mitwirkung begründen. Ich bin aber noch sehr im Zweifel ob ich daran theilnehme“. Link zur Briefedition Wedekind.

Wolzogens Pläne für das Überbrettl:

Literatur zum Überbrettl allgemein

Ernst König: Das Ueberbrettl Ernst von Wolzogens und die Berliner Ueberbrett-Bewegung, Kiel: Dissertation 1956, 193 Seiten + Anhang mit Originaltexten.

Frischkopf, Rita: Die Anfänge des Kabarets in der Kulturszene um 1900. Eine Studie über den „Chat noir“ und seine Vorformen in Paris, Wolzogens „Überbrettl“ in Berlin und die „Elf Scharfrichter“ in München, Toronto 1976. Link zur McGill University.

Brigitte Bruns: Schwabing in Ernst von Wolzogens „Das Dritte Geschlecht“. Ein Roman und seine historischen Hintergründe und Debatten. In: Freunde der Monacensia e. V. Jahrbuch 2020, S. 235-258. Link zur Universität München.

Judith Kemp, „Ein winzig Bild vom großen Leben“. Zur Kulturgeschichte von Münchens erstem Kabarett Die Elf Scharfrichter (1901–1904), München 2017 (= Bavaria. Münchner Schriften zur Buch­ und Literaturgeschichte, Bd. 4)

Peter Jelavich: Berlin Cabaret, Cambridge Mass. 1993, S. 36-84.

Birgit Ziener: Avantgarde avant la lettre. Strategien literarischer Popularisierung im Werk von Otto Julius Bierbaum, Wien 2022.

Anita MacMahon: The „Uber“ Movement in Germany. „Uberbrettl“ – The Turkish bath of the modern Soul. In: Temple Bar. A monthly magazine. For town and country readers Vol. 128 No. 516 (November 1903), London: MacMillan and Co. 1903, S. 599 -610. Link zum Internet Archive.

Wolfgang Jansen, Das Varieté. Die glanzvolle Geschichte einer unterhaltenden Kunst, Berlin 1990, S. 155-166.

Wolfgang Jansen: Varieté. Untertitel Geschichte – Spielstätten – Kontexte, Münster: Waxmann 2022, S. 225-238.