Ernst v. Wolzogens „buntes Theater“: Unterhaltung für das 20. Jahrhundert


Ernst v. Wolzogens „buntes Theater“

Unterhaltung für das 20. Jahrhundert

Das 20. Jahrhundert hat begonnen. Es ist Zeit für gute Unterhaltung: Ernst v. Wolzogens „buntes Theater“! Literarisches Variété, für vornehme Leute in der Großstadt. Dekorativ, im Jugendstil.

  • Gesungener Simplicissimus: Für das Satire-Heft „Simplicissimus“ hat Wolzogen Gedichte als „Brettlsang“ geschrieben, illustriert im Jugendstil. Das muss auf die Bühne!
  • Die Zickel-Connection: In Berlin trifft Wolzogen den jungen Theatermacher Dr. Martin Zickel. Der plant eine „Sezessionsbühne“ mit modernem Theater. Ein passender Rahmen.
  • Der rasende Jüngling: Wolzogen sucht eine Location in der Berliner Friedrichstraße. Damit sich die jungen Talente austoben können. Vorne ein Restaurant „Zum rasenden Jüngling“, hinten eine Bühne, das „Überbrettl“. Niemand will so etwas finanzieren.
  • Die geheimnisvolle Premiere: Über ein Jahr versorgt Wolzogen die Presse mit Gerüchten. Wann und wo geht es los? Erst im Sommer 1901 auf der Jugendstilbühne in der Darmstädter Künstlerkolonie? Oder doch in Berlin?
  • Eine Bühne für die Secession: Als Zickel seine „Sezessionsbühne“ im September 1900 als richtiges Theater eröffnet, kommt Bewegung in die Sache. „Wolzogen’s buntes Theater“ könnte ein Gastspiel geben.
  • Der exklusive Preview: Geprobt wird in Wolzogens Wohnzimmer. Er sucht noch immer Dichter, Komponisten und Sänger. Trotzdem lädt er Freunde zum exklusiven Preview. Die Presse natürlich auch.
  • Die erfundene origin story: Noch immer ist nicht klar, was „Wolzogen’s buntes Theater“ bringt. Stattdessen hat Wolzogen eine fantastische Geschichte parat. Alles nur, damit es nicht französisch wirkt.

Inhalt

Gesungener „Simplicissimus“

Wie entscheidend die Nachmittagsmatinée der Roulotte auf der Bühne des Belle-Alliance-Theater am 21. Oktober 1899 für Ernst v. Wolzogen ist, kann man kaum überschätzen. Vorher war Wolzogen ein gescheiterter Dramaturg, weiter denn je entfernt von seinem Traum, Theaterintendant zu werden. Die Show der Roulotte verschafft ihm eine neue, ungeahnte und vor allem realistische Perspektive.

Plötzlich passt alles zusammen.

Wolzogen ist nicht freiwillig in Berlin. Er braucht dringend den Erfolg – und Geld, um die Schulden aus seinem Misserfolg in München zu bezahlen. Vor zwei Jahren schien dort sein Traum zum Greifen nah.

Zu diesem Zeitpunkt beteiligt sich Wolzogen an der Gründung einer „Litterarischen Gesellschaft“, die am 4. November 1897 mit dem angesehenen Bestseller-Autor Ludwig Ganghofer als Vorsitzenden startet. Unter ihrem Dach wird Wolzogen Spielleiter einer „freien Bühne“, die Gastspiele in anderen Theatern ausrichtet. Er will sich als Regisseur für moderne Theaterstücke profilieren.

Wolzogens eigenwillige Interpretation des Shakespeare-Stück „Troilus und Cressida“, am 18. April 1898 auf der Bühne des Theaters am Gärtnerplatz inszeniert, gerät zum Fiasko. Der Versuch, das Drama wie zu Shakespeares Zeiten aufzuführen, mit kostümierten Zuschauern auf der Bühne und Männern in Frauenrollen, überfordert das Münchner Publikum. Das Stück wirkt burlesk und unfreiwillig komisch. Ganghofer und sein Vorstand drängen Wolzogen aus dem Amt. Dieser verabschiedet sich mit einer „Gardinenpredigt“ vor der zweiten und letzten Vorstellung am 19. April. Die Presse habe ihn absichtlich missverstanden und seine Interpretation gezielt schlecht beurteilt.

Neue Ideen müssen her.

Idee Nr. 1: Wolzogen schreibt für das Münchener Satiremagazin „Simplicissimus“ zwei Gedichte, die um die Jahreswende 1898/1899 erscheinen. Die Kritik fand sein Theaterstück burlesk? Gut, dann bekommt sie jetzt etwas wirklich Burleskes. Gedichte, satirisch überzeichnet, arrogant und gehässig. Illustriert von den Grafikern des „Simplicissimus“. Beide Gedichte tragen die Gattungsbezeichnung „Brettlsang“, Dichtung fürs Variété.

Das Gedicht „Laufmädel“ beschreibt mitfühlend und hämisch zugleich ein übereifriges junges Dienstmädchen, das die ganze Zeit zu Fuß Aufträge für ihre Herrschaft erledigen muss. Ihre Gesundheit leidet, zur Ablenkung träumt sie von einem Märchenprinzen, der sie erlöst:

Platschepitsch – Spagatelregen –
Schokolad auf allen Wegen.
Mädel unter Paraplü
Stiefelt tapfer durch die Brüh.
Pflastertreterl,
Armes Peterl!
Mädel, kleines Mädel, laufe –
Aus dem Regen in die Traufe!

Tapfer bekämpft das Mädchen jedes Anzeichen von Schwäche und verschleppt eine Erkältung. Schließlich erwartet sie der frühe Tod:

Fasching kam mit Geigenklingen …
Warum magst denn du nicht springen?
Kille, kille, Kleine,
Brauche deine Beine –
Trippeltrab treppauf und ab,
Stöckelstiefel klippeklapp –
Bald ein End hat alle Not –
Frühling wird’s – dann kommt der Tod!

„A fescher Domino“, pünktlich zur Karnevalsausgabe, erzählt aus der Ich-Perspektive einer desillusionierten Karnevalistin. Die Maske bringt ihre wirklichen Gefühle zum Vorschein. Sie wirft sich dem erstbesten Tänzer an den Hals und lässt in breitem Dialekt ihrer Lebenslust freien Lauf:

Bist amend du gar von Adel?
Schau, i bin an armes Madel:
Alles hab‘ i bis aufs letzt‘
Um den Domino versetzt!
Sag ma g’schwind was liabs ins Ohr
Is net wahr, fo lüag ma’s vor.
Schatz, du, laß an Schampus krachen,
Wer wird heut sich Sorgen machen!
Bis zum Himmi is ma’s z’weit —
Schenk mer hier glei d’Seligkeit!

Wolzogen schildert die Stimmung des Mädchens einfühlsam und lebendig, um sie am Ende der Lächerlichkeit preiszugeben. Seine Darstellung bleibt distanziert, er lässt besinnungsloses Vergnügen für sich sprechen, so als wäre es allein ein Problem der Karnevalistin selbst. Die Ironie verstärkt das Überlegenheitsgefühl des Sprechers.

Idee Nr. 2: Mit Romanen hatte Wolzogen schon vorher Erfolg. Also verfasst er „Das dritte Geschlecht“, einen Schlüsselroman, in dem er Münchener Frauenrechtlerinnen darstellt. Sie stellen die traditionelle Rolle als Ehefrau und Mutter in Frage und sehen kein Problem darin, selbst berufstätig sein. So etwas lässt sich deutschlandweit an Leserinnen verkaufen. Der Titel kommt, ansprechend illustriert, im Juni 1899 in die Läden. Dabei geht es weniger um wirkliche Emanzipation als ironische Kritik an Rollenmustern. Der Skandal besteht darin, dass sie überhaupt thematisiert werden. Was, so eine Protagonistin am Ende des Romans, könnte falsch daran sein, dass „ich so fest auf meinen zwei Beinen stehe wie nur irgend ein Mannsbild und mir von keinem ein X für ein U machen lasse?“

Idee Nr. 3: Im Frühjahr 1899 reist Wolzogen nach Berlin, um mit dem Schriftsteller Hans Olden ein Theaterstück zu verfassen: „Das Gastspiel“, für eine Aufführung am Deutschen Theater. Vielleicht wird das ja der ersehnte Durchbruch am Theater.

Für Wolzogen steht also eine Menge auf dem Spiel, als er sich am 21. Oktober unter die Berliner Theaterleute und Journalisten mischt, die die Roulotte begutachten. Gestern, am 20. Oktober, hatte ein älteres Drama von ihm Premiere: „Ein unbeschriebenes Blatt“ im Neuen Theater am Schiffbauerdamm. Am 4. November startet „Das Gastspiel“ im Deutschen Theater.

Die Spannung steigt. Immer gut, wenn man da mitbekommt, was die anderen machen und wie gerade die Stimmung ist.

„Das Gastspiel“ wird nach zwei Vorstellungen abgesetzt. Nur das „unbeschriebene Blatt“ kommt an. Und das dank flacher Äußerlichkeiten: „Es ist schade um Ernst v. Wolzogen, daß er mit seinem großen Können und seinem echten, lebensvollen Humor sich neuerdings immer mehr zu Äußerlichkeiten verflacht und nicht mehr in die Tiefen hinabsteigt, in denen die echte Poesie schlummert.“ So meldet Max Schoenau am 14. November 1899 für die Münchner neuesten Nachrichten. Im gleichen Artikel berichtet er zustimmend über den phänomenalen Auftritt der Roulotte. Versteh einer die Kritiker!

Brettlsang. Satire im Simplicissimus. Das Burleske. Oberfläche und Äußerlichkeiten. Gardinenpredigt von der Bühne herab. Moment mal. Was, wenn das angebliche Problem eigentlich die Lösung ist? Bei der Roulotte jedenfalls passt all das zusammen und macht den Zuschauern sogar Spaß! Und ist die Roulotte nicht so etwas wie ein gesungener „Simplicissimus“? Lassen wir die echte Poesie ruhig schlummern. Bewahren wir uns den Humor.

Die Zickel-Connection

Glücklicherweise ist Wolzogen in Austausch mit anderen Berliner Theatermachern. Für ihn der wichtigste: Dr. Martin Zickel, ein theaterbegeisterter junger Germanist, den alle schon mit akademischem Titel anreden, obwohl er seine Dissertation noch am 1. März 1900 verteidigen muss, um ihn wirklich tragen zu können.

Wie Wolzogen träumt Zickel davon, Intendant eines eigenen Theaters zu werden. Trotz des Altersunterschieds verstehen sich die beiden gut. Zickel, am 7. Dezember 1876 geboren, kommt wie Wolzogen aus Breslau. Zickels Vater, ein Kaufmann, stirbt früh. Seine Dissertation widmet er seinem Onkel Salomon, der in New York deutsche Auswanderer mit Büchern und Zeitschriften aus der Heimat versorgt.

Vordergründig mag Zickels Dissertation Lessings Theaterarbeit behandeln. Praktisch geht es ihm um eine Theaterreform. Der Regisseur, so Zickels Resumée, trägt entscheidend zum Gelingen eines Stücks bei: „Die Regie ist eine eigene Kunst“, der Regisseur eine „Mittelmacht“. „Er übersetzt die anleitenden, oft unsicher tastenden Worte des Dichters in die feste Sprache der Bühne. Er verlieht ihn Körperlichkeit, Kraft und Leben“. Ohne „den praktischen Blick für die Bühne“ geht das nicht. Das wird Zickels Programm: Den Bühnenraum zur Verbindung zwischen Publikum und Dichteridee machen und die Regie professionalisieren.

Wie Zickel will Wolzogen modernes Theater machen, abseits der großen Häuser, auf eigene Rechnung. Die beiden sind sich einig: Die Roulotte ist der Schlüssel dazu!

Im Gegensatz zu Wolzogen verfügt Zickel über die nötigen Ortskenntnisse und hat beste Verbindungen zur Berliner Theaterszene. Der ehrgeizige Zickel ist künstlerischer Leiter beim akademisch-literarischen Verein der Universität und führt bei zwei Aufführungen im Rahmen der Goethefeier am 18. und 19. November Regie. Sein Organisationstalent hat er zuletzt Anfang September bewiesen, als er für seinen Verein das königliche Operntheater als Spielstätte und das Thalia-Theater für die Proben sicherte.

Außerdem ist Zickel Mitglied in der Künstlervereinigung „Brille“. Außer jungen Schauspielern von den Berliner Bühnen gehören auch Journalisten dazu, die im informellen Kreis neue Theaterideen ausprobieren.

Kaum vier Wochen nach der ersten Matinéevorstellung der Roulotte gehen Zickel und Wolzogen mit ihren Plänen an die Presse. Ihre deutsche Variante, „literarisches Variété“ genannt, wird unter dem Dach von Zickels wichtigstem Projekt starten, der „Sezessionsbühne“.

Zickel lanciert eine Meldung im Berliner Tageblatt vom 17. November, die es offiziell macht: „Unter dem Namen „Sezessionsbühne“ hat sich in Berlin eine Vereinigung gebildet, die es sich zur Aufgabe setzt, einige Stücke zur Darstellung zu bringen, denen ihre Eigenart den Zutritt zu den Berliner Bühnen verwehrt.“

Als „Freie Bühne“ wollen Zickel und sein Kompagnon, der Schauspieler Paul Martin, zwei Matinéevorstellungen moderner Stücke im Neuen Theater ausrichten. Und noch etwas: „Im Februar wird der Versuch gemacht werden, Anregungen zu einem literarischen Variété in einer Matinee zu vereinigen.“ Dem Berliner Tageblatt ist das zu vage. Man erklärt: „Soll wohl bedeuten, nach Art der „Roulotte“ künstlerische Darbietungen leichterer Art zu bringen.“

Der Name „Sezessionsbühne“ ist nicht zufällig gewählt. Zickel und sein Kompagnon spielen an auf die im Moment wichtigste Strömung in der Bildenden Kunst.

In Berlin hat eine Künstlergruppe gerade offiziell eine eigene Secession gegründet. Sie stellt sich damit in eine Reihe mit der Münchener und Wiener Secession, die seit vielen Jahren für Aufsehen sorgen. Beide Gruppierungen setzen sich für moderne Kunst ein und streben eine Öffnung der akademischen Kunst für Dekoration, Design und das Kunsthandwerk an. Angefangen hat es 1892 in München, wo sich eine Gruppe junger Künstler von der bisherigen Künstlervereinigung abspaltet und eine neue, moderne Gruppe bildet. Nach ihrem Modell formiert sich 1897 die Wiener Secession, die ein Jahr später ein großes, eigenes Ausstellungshaus eröffnet. Das Gebäude wird vom Designer und Architekten Joseph Maria Olbricht im Jugendstil entworfen.

Nach dem Wiener Vorbild präsentiert sich die Berliner Secession seit dem 19. Mai 1899 in einem eilig hergerichteten, eigenen Ausstellungsgebäude in Charlottenburg. Es gibt kunstgewerbliche Kabinette, die moderne Möbel vor gestickter Wandbekleidung zeigen, und einen Illustratorensaal, in dem man Zeichnungen an den Wänden studieren oder bequem vom Sessel aus in ausliegenden Büchern durchblättern kann. Kontroverse Bilder, wie Max Slevogts Triptychon „Der verlorene Sohn“, das wegen seiner drastischen Gegenüberstellung von Luxus und Elend zum Ausstellungsbeginn für einen Skandal sorgt, erscheinen da fast als Nebensache.

Zickel findet: Diese Moderne, die sich für lebensnahes Kunsthandwerk einsetzt, gehört endlich auf die Bühne. Ab November 1899 versuchen Wolzogen und Zickel, nach französischem Muster Schriftsteller zu gewinnen, die Gedichte für die Vertonung hergeben könnten.

Hierfür schließen sie sich mit dem Schriftsteller Otto Erich Hartleben zusammen. Der in Hannover geborenen Hartleben, ausgebildeter Jurist, wohnt seit 1890 als freier Schriftsteller in Berlin. Als er 1893 durch eine Erbschaft finanziell unabhängig wird, verlegt er sich aufs Netzwerken unter Künstlern. Allgemein rühmt man seine Trinkfestigkeit. Hartleben ist in gleich mehreren Berliner Künstlergruppen aktiv, gehört zum Herausgeberteam der Kunstzeitschrift PAN, die viel Lyrik bringt. Und er schreibt gelegentlich für die Zeitschriften „Simplicissimus“ und „Jugend“, der der Jugendstil seinen Namen verdankt. Auf der Suche nach modernen jungen Dichter, die Beiträge für Wolzogens und Zickels literarisches Variété liefern könnten, gibt es kaum eine bessere Adresse.

Dennoch bleibt die Suche nach Texten weitgehend erfolglos, Skepsis überwiegt. Der Münchener Schriftsteller Frank Wedekind etwa will Zickels Anfrage ablehnen, wie er im Brief vom 28. Dezember an Beate Heine, Gattin des Theatermachers Dr. Karl Heine, gesteht. Er traut dem Vorhaben nicht. Notfalls wolle er sich auf Verpflichtungen ihrem Mann gegenüber berufen, um eine Ausrede zu haben:

Martin Zickel bittet mich um Beiträge und Mitwirkung zu einem literarischen Varieté in Berlin. Ich denke nicht im Traum daran, darauf einzugehen, da ich Herrn Doctor [Heine] im Herbst auf die gleiche Anfrage beinahe einen Korb gegeben. Wenn das aber auch nicht der Fall wäre, so würde ich mich von der Sache, die meines Erachtens in einen großen Kladderadatsch ausläuft, fernhalten.

Kladderadatsch kann Wedekind, der gerade wegen Majestätsbeleidigung nach einem von ihm anonym im „Simplicissimus“ veröffentlichten Gedicht eine Festungshaft absitzt, nicht gebrauchen. Das erfordert höchste Diplomatie:

[V]on dem Berliner Unternehmen werde ich mich auf alle Fälle fern halten, möchte dadurch aber weder Zickel vor den Kopf stoßen, noch mich mit Hartleben und Wolzogen, die dabei betheiligt sind, noch mehr verfeinden, als ich es schon bin, und deshalb werde ich eine abwartende Stellung einnehmen. Bis jetzt habe ich Zickel noch garnicht geantwortet; drängt er mich, dann berufe ich mich auf meine Gebundenheit an Ihren Herrn Gemahl.

Die Theaterstücke, die Zickel als Oberregisseur der Sezessionsbühne inszeniert, kommen dagegen hervorragend an. Schon die erste Matinée am 10. Dezember erhält gute Kritiken. Angebote für eine Tournee trudeln ein. Dann geht alles ganz schnell. Anfang Januar, pünktlich zur zweiten Matinée am 21. Januar, kann Zickel ankündigen, dass die „Sezessionsbühne“ zu Beginn der nächsten Saison, im Herbst 1900, als stehendes Theater im ehemaligen Alexanderplatz-Theater aufspielen wird. Finanzier im Hintergrund: Der Operntenor Viktor Bausenwein, der das Theater für vier Jahre gepachtet hat und die ehemalige Vaudeville-Bühne für einen zeitgemäßen Spielbetrieb umbaut.

Für Zickel hat sich der Probelauf als „freie Bühne“ schon gelohnt, ab der nächsten Saison ist er Oberregisseur im eigenen Haus. Das wird ein fulltime job. Wolzogen muss das literarische Variété von jetzt an allein verwirklichen.

Der rasende Jüngling

Als Büro nutzt Ernst v. Wolzogen das Cafe des Westens am Kurfürstendamm, den neuen Treffpunkt der Berliner Bohème. Seit Eröffnung im Jahre 1898 dient das Café als Aufenthaltsort und Treffpunkt für junge Theaterbegeisterte. Die Künstlergruppe „Brille“ ist ständig zu Gast. Wolzogen hat es nicht weit, seit seiner Ankunft aus München im Frühjahr 1899 bewohnt er ein paar Häuser ein schlichtes Hinterhauszimmer. Es ist seine Zweitwohnung, Frau und Kind sind in München geblieben.

Wolzogen muss sein literarisches Variété im Frühling 1900 auf drei Ebenen vorantreiben. Er fragt bei modernen Lyrikern an, ob sie ihm Gedichte für sein „Buntes Theater“ überlassen. Außerdem sieht er sich nach einem Ensemble um, mit dem er auf die Bühne gehen kann. Neben den Schauspielern, die die Lieder in Kostümen vortragen können, braucht er einen Kapellmeister am Klavier, der die Stücke vertont und auf der Bühne begleitet. Aber das kann warten. Viel wichtiger: Er muss einen geeigneten Raum finden – und Geldgeber, die das Unternehmen finanzieren. Das wird schwierig.

Wolzogen will unbedingt an die Friedrichsstraße, die Vergnügungsmeile der Stadt. Hier bieten der „Wintergarten“ am Bahnhof Friedrichstraße und das „Apollo“ weiter südlich ein attraktives und immer gut besuchtes Variétéprogramm. Genau die Umgebung, in die man mit einem „bunten Theater“ etwas literarischen Anspruch bringen kann.

Leichte Unterhaltung steht hoch im Kurs. In einer statischen Erhebung, die der Schauspieler Berthold Held für die Saison 1898/1899 über die beliebtesten Werke an deutschen Bühnen angestellt hat, steht der Schwank „Im weißen Rössl“ von Oscar Blumenthal und Gustav Kadelburg mit 1692 Aufführungen weit vorne auf der Liste. Die Autoren sind dank ihrer vielen weiteren Bühnenschwänke die beiden erfolgreichsten Theaterschriftsteller überhaupt, Blumenthal der „König der Tantiemen“. Mit solchen Argumenten dürften sich Geldgeber finden lassen.

Für einen gelungenen Start in die Saison 1900/1901 muss man im Juni klar haben, wie es laufen wird. Mit der Notiz in der Morgenausgabe des „Berliner Tageblatts“, die am Freitag 31. Mai 1900 Wolzogens „Roulotte der Modernen“ zum ersten Mal ankündigt, will er die laufenden Verhandlungen in seinem Sinne lenken.

Der „Hannoversche Kurier“ weiß mehr. Das liegt am Berliner Theaterjournalisten John Schikowski, der regelmäßig nach Niedersachsen das Neuste aus der Hauptstadt meldet. Hartleben zählt ihn zu seinen Freunden. So haben die Hannoveraner schon in der Abendausgabe vom Donnerstag 30. Mai erfahren, was das „Berliner Tageblatt“ einen Tag später von Schikowski abschreibt.

Der Kaiserkeller in der Friedrichstraße ist das Lokal in bester Lage, das Wolzogen mit einem „Buntem Theater zum rasenden Jüngling“ im Herbst beziehen wird! „Zum rasenden Jüngling“, das klingt wie der Name eines staubigen Landgasthofs mit Bühnensaal, nur ironisch verzerrt. Hohe Eintrittspreise machen klar, welches Publikum dort einkehren soll: Reiche Leute, die sich spät abends in exklusivem Ambiente modern amüsieren wollen. Variété oder Theater? Beides!

Ein litterarisches Variété in Berlin. Der schon öfters aufgetauchte Plan der Gründung eines litterarischen Tingeltangels – etwa nach Muster des verflossenen Pariser „chat noir“ — hat jetzt Aussicht auf Verwirklichung. Unter dem Namen „Buntes Theater zum rasenden Jüngling“ wird sich mit Beginn der nächsten Saison in den Räumen des Kaiserkellers in der Friedrichstraße ein Variete aufthun, dessen Organisator und geistiger Leiter Ernst v. Wolzogen ist. Ihm zur Seite steht als artistischer Beirath der Schriftsteller und Dramaturg Dr. Walter Harlan. Der für die Aufführungen eingerichtete Saal soll außer der kleinen Bühne nicht mehr als 300 Zuschauerplätze enthalten und das Entree verhältnißmäßig hoch sein: kein Platz unter 3 M. Beginn der Vorstellungen ist auf eine spätere Abendstunde festgesetzt, als es bei den Berliner Theatern bisher üblich war, nämlich auf ½10 Uhr.

Wolzogen hat ein Publikum im Visier, das sich modern amüsieren will. Leute, die das Geld haben, aber denen Oper und Theater zu anstrengend sind. Leute, die unterhalten werden wollen, sich jedoch nicht mit den derben Krachern des herkömmlichen Variétés zufriedengeben.

Im Gegensatz zu der primitiven Einrichtung des chat noir, wo man bekanntlich auf schlichten Holzbänken Platz nahm, wird die Sitzgelegenheit in bequemen Fauteils bestehen, von denen einzelne besonders bevorzugte die Namen von modernen Dichtern oder litterarischen Persönlichkeiten, die sich um das neue Unternehmen verdient gemacht haben, führen werden. Außer dem Vortrage von kleinen Liedern und Couplets sollen Dramoletts, Pantomimen, Marionettenspiele etc. zur Aufführung kommen. Die Zote ist prinzipiell ausgeschlossen, und der litterarische Charakter des Unternehmens wird in der Zusammenstellung des Programms und in der Art der Darstellung streng gewahrt bleiben.

Luxus in der Ausstattung wird mit leichtem Programm auf der Bühne kombiniert. Gepflegt, in bequemen Sesseln, die die Namen von Dichtern tragen. Gut zu wissen: Die Grenzen des Schicklichen bleiben gewahrt. Auch wenn es gewagt oder gar frivol wird: Hier sind Künstler am Werk. Bloß keine Zoten reißen!

Schikowski schließt optimistisch:

Die nothwendige finanzielle Grundlage für die Realisirung des Wolzogenschen Projektes ist bereits geschaffen, und so wird Berlin voraussichtlich in der nächsten Saison um eine originelle weltstädtische Sehenswürdigkeit reicher sein.

Der Optimismus hält nur bis Montag 3. Juni. Der „Hannoversche Kurier“ muss in seiner Morgenausgabe eine Richtigstellung drucken. Wolzogens Partner und Geldgeber sind in letzter Minute abgesprungen: „Der Eigenthümer des Kaiserkellers in Berlin“ lässt erklären, dass „der Kaiserkeller jedenfalls als Ort der Bethätigung dieser neuesten literarischen Bestrebung im Sinne des gedachten Unternehmens ausgeschlossen“ sei. Verhandlungen habe es zwar gegeben, seien aber „schon vor mehreren Tagen ohne Resultat zu Ende gegangen“. Wolzogen, so wird deutlich, hat mit der verfrühten Pressemeldung Fakten schaffen wollen. Vergeblich.

Die Zeit drängt. Bis Ende Juni muss ein Lokal her, wenn Wolzogen noch in der kommenden Saison dabei sein will. Schnell organisiert er neue Finanziers und, entscheidend, ein neues Lokal. Das Foyer des Hotel Imperial, Unter den Linden 44, an der Kreuzung zur Friedrichstraße, könnte man zu einem Theatersaal umbauen. Das wäre doch was.

Wolzogen benennt sein Projekt um. Ein unverwechselbarer Markenname muss her. Der „rasende Jüngling“ als Name für eine seltsame Gaststätte bleibt. Die Bühne wird ein „Ueberbrett’l“.

„Ueberbrett’l“, nur richtig mit Apostroph und Ue, ist so schwierig zu schreiben, dass es jedem im Gedächtnis bleibt. Die Vorsilbe „Über-“ könnte eine Anspielung auf Nietzsches Übermenschen sein. Das wäre sehr modern. Wahrscheinlicher ist, dass Wolzogen sie wie „mega“, giga“ oder „ultimate“ verwendet und uns besonders gute Unterhaltung verspricht. Auf den Sound kommt es an. Auch Dialektwort „Brettl“ umkreist ironisch, worum es geht. Eine Hintertreppenbühne mit altmodischem, zweitklassigem Programm hat Wolzogen jedenfalls nicht wirklich vor.

Am 28. Juni kündigt die Presse wieder einen unmittelbar bevorstehenden Vertragsabschluss an. Auch erste Namen von beteiligten Dichtern werden kolportiert. Aber wieder ist die Sache nicht so eindeutig, wie Wolzogen glauben machen will.

Ueberbrett‘l zum rasenden Jüngling soll nach den jüngsten Beschlüssen das von Ernst von Wolzogen geplante literarische Variété in Berlin genannt werden. Über die Finanzirung des Unternehmens, welches am 1. Oktober d. J. eröffnet werden soll, wird in den nächsten Tagen in einer Versammlung der Interessenten endgiltig beschlossen werden. Die Lokalfrage beschränkt sich auf die Friedrichstadt, wo allerdings das in Aussicht genommene Lokal für die Zwecke des Unternehmens ausgebaut werden muß. Falls die Arbeiten bis zum 1. Oktober nicht fertig gestellt sein sollten, würde die Eröffnung in einem Interimslokal stattfinden.

Ein paar Tage später gibt die „Berliner Börsen-Zeitung“ das Scheitern bekannt. Wolzogens Finanzier will weitreichende Kontrolle über das Programm, Wolzogen selbst Entscheidungsfreiheit. So wird das nichts. „Herr v. Wolzogen, welcher augenblicklich auf Reisen ist, wird im Herbst noch einmal versuchen, geeignete Interessenten heranzuziehen.“ Erstmal Ferien.

Ende Mai 1900, parallel zu den ersten Pressemeldungen, hatte Wolzogen einen neuen „Brettlsang“ im „Simplicissimus“ veröffentlicht: „Madame Adèle“. Wie schon beim „feschen Domino“ und dem „Laufmädel“ schreibt er aus einer Ich-Perspektive, diesmal der einer Tänzerin und Prostituierten:

Oje, oji, hab nur ka Angst –
Ich sing auch Deutsch, wenns d‘es verlangst,
Denn mein Franzö’sch g’langt nur – o je!
Zum Hausgebrauch fürs Variété:
Ein Franzos’ ist nur mein Schneider –
Echt Paris sind diese Kleider.
Und drunter das ist auch kein Quark:
C’est un jupon pour achtzig Mark,
Die seidnen Strümpf kriegst schon für acht – –
  Trulala, Trulala –
Was glaub‘n Sie, wie das glücklich macht!

Ihre illusionslose Sicht auf ein Leben, das sich in Konsum und Luxus erschöpft, den ihr reiche Männer bieten und den sie so lang wie möglich nutzen will, ruft Abscheu und Mitgefühl zugleich auf. Wieder kultiviert Wolzogen die ironische Distanz als überlegene Haltung eines Außenstehenden, der fasziniert und angeekelt zugleich auf etwas starrt, was er nicht sein will: Was ein Glück, das ich nicht so bin. Aber trotzdem faszinierend.

Mit „Madame Adèle“ markiert Wolzogen sein Terrain: Das literarische Variété, der gesungene „Simplicissimus“ kommt. Ausladend, exaltiert, bissig-ironisch. Arrogant, von oben herab.

Die geheimnisvolle Premiere

Der Plan, sich mit einem exklusiven Variété in der Friedrichsstraße anzusiedeln, ist gescheitert. So viel steht nach der Sommerpause fest. Jetzt nimmt Wolzogen den umgekehrten Weg, nach dem vertrauten Modell der „freien Bühne“, Zickel hat es in der letzten Saison vorgemacht. Wolzogen beginnt mit einem Gastspiel in einem Berliner Theater, sucht sich also ein „Interimslokal“. Anschließend geht es auf Tour. Möglichst mondäne Ziele, dort, wo Wolzogens Publikum residiert: Großstädte, Treffpunkte der Reichen und Schönen. Dann, zur nächsten Saison, ein festes Theater in Berlin.

Auch die Pressearbeit wird umgestellt. Als erstes erfahren wir vom Schlusspunkt. Im nächsten Sommer, so das Berliner Tageblatt vom 20. September 1900, gibt es ein vornehmes Gastspiel in der Darmstädter Künstlerkolonie, die gerade im Jugend- und Secessionsstil entsteht. Nur angedeutet wird eine vorgelagerte Tour, mit der Wolzogen die Marke „Überbrettl“ überall bekannt machen will:

Dank der Unterstützung einiger Finanzkräfte wird die Fin de Siècle-Bühne nunmehr in Darmstadt erstehen, das in seiner jungen, frisch aufstrebenden Künstlergemeinde einen ensprechenden Resonanzboden für den dankenswerthen Versuch bietet. Das Theater, mit dessen Bau demnächst begonnen wird, erhält eine transportable Bühneneinrichtung, um sie für die vom Freiherrn v, Wolzogen geplante Tournee benutzen zu können. Das Ueberbrett’l gedenkt, schon im April, spätestens im Mai nächsten Jahres die Vorstellungen zu beginnen und nach einer kurzen Saison in Darmstadt nach Berlin zu übersiedeln.

Der Start, die Eröffnung im Berliner Interimslokal, bleibt erstmal geheim. So wird die Erwartung maximal gesteigert. Ist es dann so weit, haben wir die Aufmerksamkeit sicher. In der Zwischenzeit, schlägt Berliner Tageblatt vor, solle man träumen und denken an „Vorführungen im Stil der Roulotte, an einen gesungenen „Simplizissimus“, an eine Stätte übermüthiger Satire, wo sich der Humor und die Laune unserer Dichter richtig austoben“ können. So geht Marketing.

Und warum ausgerechnet Darmstadt?

Dort hat Großherzog Ernst Ludwig von Hessen-Darmstadt gerade eine Künstlerkolonie einberufen, deren Mitglieder auf der Mathildenhöhe Häuser und Künstlerateliers im Jugendstil errichten und beziehen sollen. Er erhofft sich Impulse für Handwerk und Wirtschaft seines Landes. Erste Ergebnisse sollen von Mai bis Oktober 1901 auf einer Ausstellung präsentiert werden. Der einzige richtige Architekt unter den Künstlern, die Ernst Ludwig nach Darmstadt einlädt, ist Joseph Maria Olbrich, der sich mit dem Wiener Secessionsgebäude einen Namen gemacht hat und auf der Mathildenhöhe wohnen wird.

Zu den geplanten Bauten gehört ein „Spielhaus“, errichtet als Pop-up-Bühne aus Holz für Aufführungen in den Sommermonaten. Dass Wolzogen dort auftreten kann, verdankt er dem gut vernetzten Otto Erich Hartleben, der als Strippenzieher im Hintergrund wirkt.

Peter Behrens, einer der sieben nach Darmstadt berufenen Künstler, ist mit Hartleben persönlich befreundet. Hartleben hat Behrens gerade erst mit einem showcase in seiner Kunstzeitschrift PAN gefördert, der Ausgabe vom Oktober 1898 liegt ein Holzschnitt bei, der Behrens schlagartig bekannt macht: „Der Kuss“, bei dem die beiden Küssende von ihren ornamental ineinander geschwungenen Haaren gerahmt werden.

Aktuell ist Hartleben damit beschäftigt, sein Esszimmer im Behrens-Look einzurichten. Den Designer hält er per Brief auf dem Laufenden: „Dein Speisezimmer steht nun complet bei mir und erfreut jedes Menschen Auge“. Das Geschirrservice fehlt im August 1900 noch. „Ich warte jedenfalls, bis ich deins kriegen kann, und tröste mich einstweilen mit deinen Gläsern — auch mit deren gelegentlichem Inhalt“. In Darmstadt will Behrens ein ganzes Haus komplett bis in die Inneneinrichtung ausgestalten.

Das Darmstädter Spielhaus soll von allen sieben Künstlern der Reihe nach mit einem je eigenen Programm bestückt werden. Parallel zu moderner Architektur und Handwerk wird neuartiges Theater erprobt. Jugendstil bedeutet nicht nur, eine secessionistische Inneneinrichtung mit Geschirrservice, schwungvollen Tischgruppen und ornamentalen Leuchtern zu entwerfen. Auch Theater und Literatur sollen sich dem Dekorativen öffnen.

Peter Behrens hat gerade eine Denkschrift verfasst, in der er Grundzüge eines modernen Theaters entwirft: „Feste des Lebens und der Kunst“, die sich dem Publikum öffnen und die Distanz zwischen Bühne und Zuschauer abbauen. Da passt Wolzogen mit seinem „gesungenenen Simplicissimus“ hervorragend rein. Behrens setzt „Wolzogen’s buntes Theater“ auf seinen Teil des Spielplans.

Ende Oktober 1900 zündet Wolzogen die nächste Stufe seiner Pressekampagne Jetzt erfahren wir mehr über Ziele und Programm des „Überbrettls“.

Das Interview führt der Berliner Lokaljournalist Oscar Geller, der lose mit dem Künstlerkollektiv „Brille“ verbunden ist. Er verkauft das Gespräch gleich zweimal, einmal als Interview nach Hannover, einmal als Report nach Wien. Dass Wolzogen Geller durch Vermittlung Zickels und aus dem Szenetreff im Cafe des Westens kennt, erfahren die Leser nicht. Erst recht nicht, dass Geller selbst auf Wolzogens Bühne stehen wird.

Dass das Variété so fasziniert, erklärt Geller mit der „Hast und Nervosität unserer Zeit. Vielbändige Romane, langathmige Epopöen, fünfactige Trauerspiele finden kaum noch ein Publicum.“ Die Leute wollen Abwechslung und Zerstreuung, immer wieder etwas Neues.

Die Varieté-Bühne, so wie wir sie haben, erfüllt nun diese modernen Anforderungen, wenigstens für den Geschmack der großen Menge, man kann wol sagen in vollendeter Weise. Akrobaten, Equilibristen, Taschenspieler, Bauchredner, Thierdresseure, Tänzer und Tänzerinnen können sich auf dem hauptstädtischen Brettln überhaupt nicht sehen lassen, wenn sie nichts Vollkommenes leisten, und Staunen erweckt nur noch das ganz Unerhörte auf diesem Gebiete.

Das kann nicht alles sein. Kultivierte Menschen, die auf sich halten, wollen mehr.

Die Freude an körperlicher Schönheit, Kraft und Geschicklichkeit findet also ihre volle Befriedigung durch unsere Specialitäten-Theater, wogegen dessen Leistungen Alles zu wünschen übrig lassen, sobald sie sich an den Geist wenden. Das Repertoire der Chansonnetten und Salonhumoristiker, die Pantomimem der Excentrics stehen auf einem erschrecken tiefen Geschmacksniveau.

Für sein anspruchsvolles Publikum, die Reichen und Schönen der Hauptstadt,

sinnt Herr v. Wolzogen darauf, die Ausstattung der Bühne wie des Zuschauerraumes, die Sitze wie auch die Art der Verpflegung während der Vorstellungen mit allen Mitteln modernster decorativer Kunst auf den Geschmack eines verwöhnten Publicums zu stimmen.

Nichts zeigt das laut Geller besser, als die angedachte Zusammenarbeit mit der Darmstädter Künstlerkolonie. Allerdings sind die hochfliegenden Pläne wieder einmal gescheitert.

Die mobile Bühneneinrichtung, die Wolzogen fantasiert hat, wird nicht gebaut: „Meister Olbrich wollte eine Bühne von absoluter Neuheit errichten und die gesammte Ausstattung mit den übrigen hervorragenden Meistern der dortigen Künstlercolonie übernehmen.“ Das Geld fehlt: „Ein Plan, der leider an der Unannehmbarkeit der materiellen Bedingungen gescheitert ist“.

Faktisch setzt sich Olbrich als Architekt des Spielhauses gegen Behrens durch und bestimmt die Konstruktion allein. Die anderen Künstler müssen diese Bühne akzeptieren. Egal. Die werbewirksame Geschichte kann man trotzdem erzählen.

Viel wichtiger: Jetzt, Ende Oktober, hat Wolzogen endlich enflussreiche Dichter auf seiner Seite. Otto Julius Bierbaum, den Wolzogen seit seiner Münchener Zeit kennt, stellt seine Gedichte zur Verfügung. Christian Morgenstern hat Parodien zugesagt. Es gibt Komponisten, die Vertonungen der Lyrik übernehmen.

Und das ist erst der Anfang. Wolzogen „will der deutschen Bohème einen Mittelpunkt schaffen“, einen „Paukboden“ legen, „auf dem die jungen Brauseköpfe ihre Sträuße mit den älteren Kunstgenossen ausfechten“! Etwas für „rasende Jünglinge“ eben.

Das geplante Programm liest sich wie eine Kopie der Roulotte, erweitert um das Schattenspiel, für das der chat noir berühmt ist – und um diffuse neue Ideen. Wolzogen reiht buzzwords aneinander: Couplet, Revue, lebendiges Witzblatt, chanson animée. Man könnte auch „Schlager“ sagen. Gemeint ist immer dasselbe: vertonte moderne Lyrik, mit satirischem Unterton. Bis Geller nachfragen muss:

Alle Arten der stilisirten, modernen Kunst werden zu Worte kommen, sowohl der Einzelvortrag wie das Schattenspiel, die Pantomime und die Revue. Unter Einzelvortrag verstehe ich in erster Reihe das Couplet, sowohl das harmlose Couplet, wie etwa das „politische“, das aber streng über den Parteien wird stehen müssen und einen überlegenen Ton anschlagen. Die „Revue“ wird sich etwa wie ein lebendig gewordenes Witzblatt präsentiren, — nebenher auch noch das „Belebte Lied“ (chanson animée) und meine Neuschöpfung „Der Farbentonrausch“.

„Farben-Ton-Rausch,“ buchstabirte ich.

Ganz richtig; Farben, Musik, Licht, Schönheit, Grazie—alles in eins gefaßt! Warten Sie es nur ab.

Da kann man lange warten. Der Farbentonrausch wird genauso wenig verwirklicht wie die „Wandeldekoration“, für die Wolzogen eine Art Diaprojektion, das Szioptikon, vorsieht:

[I]ch werde mit Hilfe des Szioptikons szenische Effekte zu erzielen suchen, die bisher auf dem Theater noch nicht versucht worden sind, da das Szioptikon mich in die Lage versetzt, ungeheuer rasch jeden möglichen Szenenwechsel herbeizuführen.

Ähnlich fantastisch entwirft Wolzogen die Ausstattung eines echten festen Theaters. Der „Simplicissimus“ wird nicht nur als „lebendiges Witzblatt“ auf der Bühne gesungen. Er hängt auch an den Wänden. Jugendstil überall. Denn wie jedes Variété wird das „Überbrettl“

ein dazugehöriges, bequemes elegantes Restaurant haben, eine American Bar, die in ihrer Art eine Galerie darstellen wird. In diesem Buffet werden nämlich nicht nur die verkäuflichen Original-Illustrationen des „Simplicissimus“ und der „Jugend“ ausgestellt werden, jeder Künstler, der sich mit der modernen Richtung und ganz besonders mit der des literarischen Tingl-Tangls einverstanden erklärt, wird willkommen sein.

Die Rede vom Couplet zeigt, wo Wolzogen hin will: Der Begriff bezeichnet einzelne, besonders eingängige Musikstücke aus populären Operetten, die in Berlin in den Variétés auf der Friedrichstraße laufen. Wenn es gut läuft, verselbstständigen sich die Titel und werden schließlich überall gesungen, wie bei der „Fledermaus“ oder dem „Zigeunerbaron“ von Richard Strauß.

Die Lieder erscheinen in spezialisierten Verlagen, mit denen die Komponisten ihren Song zu Geld machen. Über Musikalienhändler, die Geschäfte in jeder größeren Stadt unterhalten, werden sie im ganzen Land verkauft. Hausmusik ist um 1900 die einzige Form, um populäre Musik abseits der Bühnen zu genießen. Wenn Gedichteschreiber vertont werden, so Wolzogens Kalkül, könnten sie von diesem Markt profitieren, freilich nur auf Umwegen über den steigenden Absatz ihrer Bücher.

Aber wann geht es los? Das bleibt geheim. Wolzogen hält sich bedeckt: „Den genauen Zeitpunkt kann ich jetzt unmöglich angeben, — Eines kann ich Ihnen aber sagen: in Berlin werde ich ständig bleiben – trotz aller Reisegastspiele“.

Die Reisegastspiele erfüllen eine wichtige Aufgabe. Es geht ums Geschäft. Geller erklärt: Zuerst „gedenkt Herr v. Wolzogen, gleichsam um seine Visitenkarte abzugeben und sich den Musterschutz für seine Idee zu sichern, eine Kunstreise durch Deutschland und Oesterreich-Ungarn anzutreten“.

Wolzogen fürchtet Nachahmer. Für’s erste hilft ein eingängiger Markenname: „Überbrettl zum rasenden Jüngling“. Klingt gut. Ein Patent auf den Namen allein kann man leider nicht anmelden. Hinaus in die Welt! Any promotion ist good promotion.

Insgeheim bereitet Wolzogen eine Berliner Premiere vor. Dafür will er die Infrastruktur nutzen, die Martin Zickel gerade mit der Sezessionsbühne am Alexanderplatz gestartet hat. Frisch umgebaut im Jugendstil, ein Ort für modernes Theater.

Eine Bühne für die Secession

Am 15. September 1900 eröffnet die „Sezessionsbühne“ im eigenen Haus am Alexanderplatz, mit der „Komödie der Liebe“ von Henrik Ibsen in der Übersetzung von Christian Morgenstern. Weder das umgebaute Gebäude noch Ibsens Jugendwerk können Kritik und Publikum überzeugen. Oberregisseur Zickel lässt die Schauspieler in Biedermeierkostümen auftreten, angepasst an die Entstehungszeit, und baut possenhafte Elemente ein. Die Kritik lobt seine ambitionierte Regie, auch wenn der Funke nicht immer überspringt. Liegt es an den Schauspielern?

Die Innenräume wirken nur insoweit „sezessionistisch“, wie es die Abmessungen des „scheunenartigen Raumes“ der alten Variété-Bühne erlauben. Theaterkritiker Schikowski nimmt uns mit auf den Weg in den Theatersaal: „Durch einen engen Gang gelangt man an der Kasse, den Garderoben und dem Foyer – halb Restaurant, halb Kunstausstellung – vorbei“. Erst dann weitet sich der Blick. Überall sezessionistische Schnörkel und Dekoelemente! Eine Treppe hoch führt zum „Lesezimmer“: „Der Raum ist mit Gemälden, Zeichnungen und plastischen Bildwerken moderner Künstler dekorirt; auf dem großen Tische liegen litterarische und Kunstzeitschriften aus.“ Wie in Wolzogens Entwurf. Die Ähnlichkeiten sind kein Zufall. Zickel und Wolzogen arbeiten Seite an Seite für ihr Ziel eines modernen Theaters. Spielt sein „literarisches Variété“ doch noch bei der „Sezessionsbühne“ auf, wie es früher mal geplant war?

Das Bühnenbild zu Ibsens Komödie zeigt starke Anleihen beim Jugendstil und wirkt wie eine Fortsetzung der Saaldekoration. Die Schauspieler verschwinden fast in den zu Ornamenten angeordneten Blumen, die rings herum angeordnet sind und sogar den Soufleurkasten schmücken:

Der Vorhang theilt sich, und wir blicken in einen freundlichen Garten, der im Blüthenschmuck des Frühlings daliegt. In der Ferne leuchtet der Fjord. Unter den duftenden Zweigen sitzen und wandeln Pärchen in dem pedantisch-feierlichen Kostüm der Biedermeierzeit: die Kavaliere, in steifen Bratenröcken oder braunen Fracks, geblümten Westen, hohen Vatermördern und glänzenden Zylindern, die Damen in breitkrempigen Florentinerhüten, alt-fränkischen Tuniken, mit Pompadour und Sonnenschirm.

In ihren ausladenden, altfränkischen Kostümen erinnern die Darsteller an die Roulotte und ihre chansons animées, deren Sänger absichtlich altmodisch ausstaffiert sind.

Am 11. Oktober 1900 veranstalten Zickel und sein Kompagnon Paul Martin einen Einakterabend. Das Plakat schafft Jugendstilstimmung: Eine Dame mit Blumenkranz im Haar und Blumenstrauß in der Hand, schulterfrei im schwarzen Kleid, hängt ihren Gedanken nach.

Wieder erinnert das Programm an die Roulotte, diesmal an die kurzen Szenen, die dort im Wechsel mit den chansons animées und der cantomime stehen. Die drei Stücke sind auf größtmöglichen Kontrast hin angelegt. Theaterkritiker Schikowski ist das zu modern. Auf die Bauerntragödie „Die Bildschnitzer“ folgt das für die Marionettenbühne geschriebene „Daheim“ in Zickels Inszenierung. Seine Regie lässt die Schauspieler „wie Drahtpuppen“ agieren. Fast wie Pierrot und Colombine. Am Schluss steht die „grobe und grelle“ Groteske „Der Bär“ von Anton Tschechow, eine, so Schikowski, „derbe, im modernen Variétéstil gehaltene Posse“:

Eine junge Witwe, die in übertriebener Trauer um den Gatten unter Seufzern und Thränen ihre Tage verbringt, wird durch den unerbetenen Besuch eines ungeschlachten und rücksichtslosen Polterers, der als Gläubiger des Verstorbenen auftritt und durch seine bärbeißige Männlichkeit schließlich das Herz der hysterischen Dame gewinnt, wieder zur Lebensfreude bekehrt.

Die Paralellen zum nächtlichen Ehestreit im Sketch „Minuit et demi“ der Roulotte sind nicht zu übersehen. Über „die nicht immer geschmackvollen Kapriolen“ amüsiert sich das Publikum jedenfalls „prächtig“.

Die experimentell geprägte Aufführungen der „Sezessionsbühne“ mögen gescheitert sein. Für den Variétéstil gibt es ein Publikum. Wie passend, dass im Dezember plötzlich in der Presse immer wieder von Wolzogens „Überbrettl“ die Rede ist!

  • Das „Ueberbrettl zum rasenden Jüngling“ wird seine „Feuertaufe“ beim Goethefest des „Vereins zur Förderung der Kunst“ in der Berliner Philharmonie empfangen (Hannover, 19. Dezember).
  • Verhandlungen zwischen Paul Martin, dem Betreiber der „Sezessionsbühne“, und Ernst von Wolzogens „Überbrettl“ stehen kurz vor dem Abschluss (Berlin, 23. Dezember morgens).
  • Das „Überbrettl“ gibt seine erste Vorstellung am Silvesterabend. Die Verhandlungen sind abgeschlossen (Berlin, 23. Dezember abends).
  • Das „Überbrettl“ tritt doch nicht zu Silvester auf. „Herr v. Wolzogen wird bis zu diesem Termin mit allen seinen Vorbereitungen noch nicht fertig“. Also ist beim Goethefest Premiere. Danach, am 20. Januar, beginnt ein zehntägiges Gastspiel auf der „Sezessionsbühne“ (Berlin 27. Dezember).

Drei verschiedene Daten für die Premiere. Keins stimmt. Was für ein Durcheinander! Wolzogen hat genau den buzz produziert, den er für den Start des „Bunten Theaters“ braucht.

Das Durcheinander hat seinen Grund. Es ist gar nichts klar am 19. Dezember, als der Hannoversche Kurier den Auftritt beim Goethe-Fest wie eine feststehende Tatsache angekündigt. In der Philharmonie soll eine Pantomime gegeben werden, die im Moment „Ein Tripelmord“ heißt. Die Musik dazu hat der Komponist Oscar Strauß bei Wolzogen skizzenhaft vorgespielt, Noten liegen nicht vor.

Wolzogen erkundigt sich am selben 19. Dezember brieflich beim „wertesten Kapellmeister“: Kann er die Noten nachliefern? Und könnte Strauß bei den „Überbrettl“-Proben und später auf der Bühne die Klavierbegleitung selbst übernehmen?

Es ist immer noch nicht bestimmt, wann ich mein Theater eröffne, da noch verschiedene Verhandlungen schweben.
Sicher ist nur, dass ich Ihre Pantomime am 17. Jan. gelegtl. des Goethe-Festes des „Vereins zur Förderung d. Kunst“ im oberen Saale der Philharmonie aufführen möchte, und zwar nur mit Klavier. Die Proben müssten am 1. Jan. beginnen und zwar zunächst in meiner Wohnung.
Es wird Ihnen wohl leicht möglich sein, in der Zwischenzeit den Klavierauszug fertig zu stellen und die Proben nach Ihrer Skizze zu leiten.

Als Anreiz rechnet Wolzogen Strauß eine mögliche Beteiligung an den Einnahmen vor, einen Vertrag gibt es noch nicht. Pläne für eine Tournee dagegen schon. Think big.

Für das Werk selbst würden Sie, wie ich Ihnen schon sagte, an den 10% der Brutto-Einnahme im Verhältnis zur Dauer des Werkes partizipieren. Über die Honorierung für die Proben und Ihre event. Mitwirkung bei den Aufführungen reden wir wohl noch.
Ebenso über die Frage, ob das Werk für die Tournee nicht besser für kleines Orchester instrumentiert wird. Als Titel schlage ich „Ein Tripelmord“ vor.

Wolzogen kann selbstbewusst auftreten. Sein Name klingt, der Roman „Das dritte Geschlecht“ ist mittlerweile zum Bestseller geworden. Bei einer Umfrage unter Leihbüchereien, die die Zeitschrift „Das Litterarische Echo“ zum Jahresende 1900 für den Zeitraum Herbst 1899 bis Herbst 1900 durchführt, gehört Wolzogens „drittes Geschlecht“ zu den sechs meistgelesenen Büchern in Deutschland. Beste Voraussetzungen für den Start des „Überbrettls“.

Der exklusive Preview

Parallel zur Pressearbeit probt Wolzogen mit seiner Schauspielertruppe, auf der Bühne am Alexanderplatz und bei sich zuhause, in den repräsentativen Räumen, die er in der Burggrafenstraße 1 in Zentrumsnähe angemietet hat. Das muss in die Presse.

Direkt nach Jahresbeginn lädt Wolzogen Prominente und Experten aus der Berliner Theaterszene zu sich nach Hause zu einem exklusiven Preview ein. Unter den Eingeladenen: Journalist Oskar Geller, der eine Reportage für die die deutschlandweit verbreitete Illustrierte „Über Land und Meer“ schreiben soll. Sie erscheint kurz nach Beginn des Gastspiels im nächsten Jahr und erklärt alles noch mal: „Buntes Theater“, Paukboden für rasende Jünglinge, literarisches Variété. Damit es alle wissen.

Wolzogen empfängt seine Gäste als leicht trotteliger Besitzer einer altertümlichen Tingeltangelbude, der eine grotesk kostümierte Schauspieltruppe auftreten lässt. Wie die Roulotte und Zickels Ibsen-Ensemble bieten Wolzogen und seine Schauspieler schlecht sitzende Anzüge und aufgeplusterte Kleider auf. Satirisch überzeichnet, wie bei den Witzblattfiguren des „Simplicissimus“.

Geller gefällt’s: „Ein solches „Ueberbrettlkostum“ tragen nicht nur die Mitwirkenden, auch Herr von Wolzogen selbst präsentiert sich darin, und man muß gestehen, dieser braune, „altmodische“ Frack mit den goldenen Knöpfen kleidet ihn recht gut.“ Der „Stil des „Ueberbrettls“ ist Absicht. Er „mag vom Standpunkte der präzisierenden Schule vielleicht stillos erscheinen, aber gerade darin liegt ein eigenartiger Reiz, eine gewisse Originalität, für das Ganze bezeichnend.“ Die sackige Kleidung wird zur Verfremdung eingesetzt. Sie setzt Spielfreude frei. Man muss halt probieren, was geht.

Nur scheinbar sind Dilettanten am Werk. Der hemdsärmelige Eindruck ist eine Aufgabe. Ein Experiment, dem man sich stellt. Mal sehen, wie es klappt. Niemand darf Perfektion erwarten. Keine Präzision um ihrer selbst willen, keine angestrengte Ordnung, die nie durchbrochen wird. Darin liegt das eigentlich Moderne.

Dies wird deutlich bei den inszenierten Regiesitzungen, die Wolzogen seinen Gästen vorführt – und fotografisch festhalten lässt. Geller berichtet: „Herr von Wolzogen präsidiert. Zwanglos gruppieren sich um ihn seine Künstler, von denen jeder sein eigner Regisseur sein muß, – Oberregisseur ist Wolzogen.“ Wie jeder den vorgegebenen Typ genau verkörpert, bleibt ihm überlassen. Wolzogen mag der Chef sein. Aber genauso wie die anderen wirkt er nicht ganz sicher, was er da tut. Schau dir bloß mal den Frack an! Wer trägt denn heut noch gelbe Knöpfe?

Ein Regisseur der „präzisierenden Schule“ würde an der perfekten Illusion feilen, der sich die Künstler unterordnen müssen. Wolzogen räumt seinen Künstlern demonstrativ Mitspracherecht ein: „Nachdem jeder seine Meinung geäußert, trifft er seine endgültige Entscheidung und läßt gleich die Probe arrangieren, die er selbst leitet.“ Sänger, Schauspieler und Kapellmeister sollen sich einbringen, wie Gäste bei einem charmanten, hoffnungslos altmodischem Bretterbudendirektor. Der Abend gelingt erst durch ihr Zutun. Trotzdem bleibt Wolzogen unangefochten der Gastgeber: „Nichts geschieht auf dem „Ueberbrettl“, das nicht unter Wolzogens Augen bis ins kleinste und feinste Detail durchgeführt würde.“ Der Dilettantismus ist bloß vorgespielt.

Wolzogens Schauspieler sollen möglichst frei agieren, „zwanglos“. So entsteht der Eindruck des Lockeren, Improvisierten.

Das Wohnzimmerkonzert nutzt Wolzogen als showcase für die Schauspieler, Sänger und Vortragskünstler, die moderne Lyrik präsentieren werden. Es ist eine bunte Truppe: die Operettensängerin Olga d’Estrée, die Variétésängerin Bodzena Bradsky, den klassischen Sänger Robert Koppel und die Schriftstellerin Olga Wohlbrück.

Olga d’Estrée, eigentlich Steiner-Bettauer, geboren 1875 in Wien, ist die weitaus schillerndste Gestalt. Sie ist gerade mit ihrem Ehemann, dem Journalisten Hugo Bettauer, aus New York zurückgekehrt, wo sie unter dem Künstlername Olga d’Estrée in Operetten gesungen hat.

Olga war 1896 mit ihrem Mann nach New York ausgewandert, der als erstes sein väterliches Erbe bei der bank panic von Chicago im Dezember 1896 verliert. Bei den beiden vom Zahlungsausfall betroffenen Banken hatten vor allem deutsche Auswanderer ihre Ersparnisse eingelagert. Olga schließt sich nach einiger Zeit dem Impresario Heinrich Conried an, der seit 1892 das Irving Place Theatre in New York leitet, auch bekannt als Conried’s Deutsches Theater. Wie George Charton mit seiner Roulotte teilt Conried gerne sein Ensemble, um höhere Einnahmen zu erzielen. In der Saison 1897/1898 spielt Olga d’Estrée in den deutschsprachigen Aufführung der Operette „Waldmeister“ von Johann Strauß.

1899 geht das Ehepaar Bettauer nach Berlin, wo Hugo Bettauer, mittlerweile US-amerikanischer Staatsbürger, sich bei der „Berliner Morgenpost“ als investigativer Journalist betätigt. Schnell gerät seine Aufenthaltsgenehmigung in Gefahr. Ende 1900 deckt Bettauer, während er über den Missbrauchs-Prozess gegen den Bankier August Sternberg berichtet, Korruption bei der Berliner Polizei auf. Olgas Engagement bei Wolzogen kommt ihm gelegen, es lässt sich bei Bedarf als Argument verwenden, sollte es zu einer Ausweisung aus Preußen kommen.

Bozena Bradsky, 1872 in Berlin geboren, steht seit 1890 auf der Bühne und tritt wie d‘Estrée vor allem in Operetten auf. In der Saison 1899/1900 spielt sie in der beliebten „Fledermaus“ von Johann Strauß, für die Saison 1900/1901 ist sie für das Friedrichsbau-Variété in Stuttgart gebucht, von wo Wolzogen sie für sein Theater verpflichtet.

Robert Koppel, 1874 in Bochum geboren, kommt direkt vom Kölner Konservatorium, wo er zum Bariton ausgebildet wurde und mit letzter Prüfung im Juli 1899 die Opern- und Schauspielschule absolviert hat. Er hält sich mit Auftritten beim Kölner Lessingverein über Wasser, Wolzogens „buntes Theater“ ist seine große Chance.

Olga Wohlbrück, 1865 in Niederösterreich geboren, hat ihre Kindheit in Russland verbracht, 1887 spielt sie in Paris am Théâtre National de l’Odéon. Seit 1888 in Berlin, betätigt sie sich als Schriftstellerin und Dramatikerin, immer mit Blick für den Publikumserfolg. Wolzogen nimmt sie in seine Truppe auf, weil sie über Erfahrung mit Pantomime verfügt. Im Januar 1892 übernimmt sie für ein Gastspiel in Dresden die Rolle des Pierrot in der erfolgreichen Pantomime „L’enfant prodigue“ von André Wormser und Michel Carré, einem Import aus Paris.

Den Kapellmeister gibt Oscar Strauß, geboren am 6. März 1870 in Wien. Er begleitet die Aufführungen des „bunten Theater“ am Klavier. Studiert hat Strauß an der Königlichen Akademie der Künste in Berlin in der der Meisterschule für Komposition. Es folgen mehrere Opern, aber der große Durchbruch bleibt noch aus. Gerne nimmt Strauß Wolzogens finanziell attraktives Angebot gerne an.

Die Verwechslungsgefahr mit dem Operettenkomponisten Johann Strauß ist für Wolzogen ein Vorteil, schafft es doch wünschenswerte Aufmerksamkeit. Im Moment dürfen sich die Leute ruhig vertun, so ein bekannt klingender Name ist gut für’s Geschäft.

Mitten unter Wolzogens Gästen, bloß im Hintergrund, befindet sich Martin Zickel. Zwar hat er schon am 10. Dezember im Berliner Tageblatt verkünden lassen, dass er und Paul Martin getrennte Wege gehen. Paul Martin wechsle zur nächsten Saison ans „Neue Theater“, ihre gemeinsame „Sezessionsbühne“ werde aufgelöst. Faktisch besteht sie erstmal weiter, sie dient ab jetzt als Spielstätte für Wolzogens literarisches Variété. Zickel übernimmt darin eine zentrale Rolle, nicht nur als Ansprechpartner im Hause, auf den Wolzogen für seine Aufführungen zurückgreift, sondern als Regisseur eines Einakters, der genauso zum Programm gehören wie die vertonten Gedichte.

Soviel ändert sich also gar nicht auf der „Sezessionsbühne“. Und so neu ist Wolzogens „Buntes Theater“ auch nicht. Die Schwerpunkte verschieben sich, weg von modernen, experimentellen Stücke, hin zum Possenhaften und Burlesken. Beides gab es unter Zickel, beides gibt es bei Wolzogen.

Das Casting für die Rollen, die Wolzogen in seinem Variété besetzen will, ist bis zum Schluss schwierig. Noch kurz vor der Premiere springen Leute, die einen Beitrag zugesagt haben, doch wieder ab. Ein Paukboden für junge Brauseköpfe sieht anders aus.

Am besten hat der Wettbewerb unter den Komponisten funktioniert. Wolzogen gibt die Gedichte, die vertont werden sollen, verschiedenen Leuten. Sie spielen auf seinem Klavier im Zimmer am Kurfürstendamm, er sucht sich die publikumswirksamsten Versionen.

Die Schauspieler und Sänger castet Wolzogen lieber gleich nach festen Typen, die sich zu einer Variétéfamilie ergänzen. Das gibt Flexibilität, weil er für jeden Typ schneller einen möglichen Ersatz suchen kann.

Trotzdem sind kurz vor der Premiere in Wolzogens Variétéfamilie wichtige Typen noch immer unbesetzt. Er verlässt sich aufs Hörensagen und Klatsch unter Künstlern. Und fragt sich durch. Noch am 14. Januar schreibt Wolzogen eine Einladung zum spontanen Casting, die Adressatin ist nicht überliefert:

Ich höre, dass Sie hier in oder bei Berlin verheiratet sind. Haben Sie dem Theater ganz abgeschworen oder machen Sie vielleicht mit dem Überbrett’l eine Ausnahme? Ich bin hier in großer Verlegenheit um eine wirklich gute Soubrette, die eine ausgezeichnete Vortragskünstlerin sein muss. Ich habe Sie zwar nie gehört, aber in München hat man Ihnen allgemein die Qualitäten, die ich suche, zugesprochen.

Wolzogen gibt sich locker. Die Umworbene kann sich gerne erst nach dem Gastspiel auf der Secessionsbühne der Truppe anschließen. Doch die Zeit drängt. Den Brief überbringt ein Bote, Probesingen bitte gleich morgen.

Wenn es möglich wäre, Sie für meine Tournee oder wenigstens für mein Berliner Gastspiel (15 Abende) zu gewinnen, so bitte ich für morgen Nach. zwischen 5. u 7. um Ihren Besuch (Mit Noten).

Die modernen Dichter und Schriftsteller schließlich, die rasenden Jünglingen, die sich auf dem Paukboden duellieren sollen, bleiben vorsichtig. Frank Wedekind jedenfalls verbietet mit Brief vom 12. Januar dem Schauspieler Frank Ressner alias Carl Rössler, den Wolzogen aus München zum Überbrettl geholt hat, ausdrücklich, dort sein Gedicht „Der Tantenmörder“ vorzutragen. Viel zu gefährlich.

Ist das „Überbrettl“ ein Erfolg, wird sich das ändern. Dann wollen alle dabei sein. Umso mehr kommt es darauf an, das „Überbrettl“ richtig aufzustellen. Und das geht in der literarischen Welt am besten mit einer origin story, die man in einem Manifest verkündet und durch eine Anthologie beglaubigt.

Die erfundene origin story

Wolzogen nutzt für seine origin story dasselbe Verfahren, das John Lennon genau 60 Jahre später verwendet, um den Namen „The Beatles“ zu erklären: Er hat eine Vision.

Bei Lennon ist es ein Mann auf einem brennenden Kuchen: „It came in a vision – a man appeared on a flaming pie and said unto them, ‘From this day on you are Beatles with an A’.“ Bei Wolzogen eine „dänisch-deutsche Liedersängerin“ aus dem Berliner Variéte „Wintergarten“. Sie lauert einer Gruppe von betrunkenen Bohemiens beim Zechen in der Kneipe auf und schlägt mal was vor: „Ein literarisches Tingeltangel! Wirklich! So was fehlt!“

Die Dame, „eine geborene Holsteinerin“, spricht „mit einem Anflug von Hamburger Dialekt“ und ist „hübsch, wenn auch nicht mehr ganz jung“. Ganz der nordische Typ, eine Männerfantasie:

Man hätte sie wohl für eine Dänin halten können: Ganz hellblaue Augen mit großem Stern, flachsblonde Haare, die Nase ein klein wenig, aber sehr anmutig abgestumpft; dazu ein sehr kleiner, schön geschwungener Mund, der ganz besonders zu dem kindlichen Ausdruck dieses Gesichtes beitrug. Die Haare trug sie in der Mitte gescheitelt und, die Schläfen wie einen großen Teil der Stirne ganz bedeckend, glatt über die Ohren gelegt; hinten bildete ihre dichte Fülle einen üppigen Zopfkranz. Diese Frisur gab ihr etwas süß Frauliches zu dem Kindlichen.

Wie es sich für eine Vision gehört, ist Wolzogen die Holsteinerin vom Variété nicht in real life erschienen. Er hat von ihr gelesen.

Die „üppig schlanke, theatermäßig geschminkte Dame mit einem weiten blauen Theatermantel und einem riesigen Federhut“ ist eine Figur aus dem satirischen Roman „Stilpe“ seines Münchener Dichterkollegen Otto Julius Bierbaum, seit drei Jahren auf dem Markt.

Bierbaums tragischer Titelheld scheitert mit der Gründung eines deutschen Kabaretts und erhängt sich am Ende auf offener Bühne. Am Anfang steht die flachsblonde Sängerin. Kein Wunder. Sie wirkt harmlos. „Wenn man ihr aber genauer in die Augen sah, so spürte man, daß eine heitere Energie der Grundzug dieses Wesens war“.

Noch im Bierdunst der Kneipe beschließen Stilpe und seine Zechgesellen, ein „Literatur-Variété-Theater“ zu gründen. Im Programm: „Die Renaissance aller Künste und des ganzen Lebens vom Tingeltangel her! Oh, das ingeniöse Mädchen aus Holstein!“ Ein literarisches Tingeltangel eben: „Wo gute Sachen gesungen werden. Sie können ja auch verrückt sein. Aber Sachen von Dichtern.“

Und wie soll das gehen? Stilpe malt die Schnapsidee in den schönsten Farben aus. Das Publikum ist längst da:

Denn zu uns, ins Tingeltangel, werden Alle kommen, die Theater und Museen ebenso ängstlich fliehen, wie die Kirche. Und bei uns werden sie, die blos ein bischen bunte Unterhaltung suchen, das finden, was ihnen Allen fehlt: Den heiteren Geist, das Leben zu verklären, die Kunst des Tanzes in Worten, Tönen, Farben, Linien, Bewegungen.

Bloß ein bisschen bunte Unterhaltung. Unbeschwert. Zum Vergnügen. Man braucht von allem etwas, kunterbunte Attraktionen. Stilpe kommt ins Schwärmen:

Die nackte Lust am Schönen, der Humor, der die Welt am Ohre nimmt, die Phantasie, die mit den Sternen jongliert und auf des Weltgeists Schnurrbartenden Seil tanzt, die Philosophie des harmonischen Lachens, das Jauchzen schmerzlicher Seelenbrunst, —

Ähnlichkeiten zwischen Wolzogen und Stilpe bestehen zweifellos. Wolzogen ist in der Künstlerszene bestens vernetzt: sein Büro im Café des Westens, die Gespräche mit Berliner Theatermachern, solide Kontakte zur Münchener Literaturszene.

Anders als Stilpe betreibt Wolzogen kühl kalkulierte Kaffehausdiplomatie. Keinen Seiltanz auf dem Schnurrbart des Weltgeistes. Die Holsteiner Variététänzerin steht für eine Geschäftsidee: Literatur als Unterhaltung! Stilpe ist Vorlage für eine geschickte Selbstinszenierung.

Mit seiner origin story gibt Wolzogen ein nationalistisches Statement ab: Sein literarisches Variété ist eine nordisch-germanische Angelegenheit, ein Ideal, geschaffen in der eigenen Fantasie. Die Idee kommt im kleinen Kreis unter deutschen Schriftstellern auf, in ihrer Bohème-Kneipe. Angeregt durch das Variété nebenan, das mag sein, aber ausgestaltet in der eigenen Fantasie.

Wolzogens Manifest „Das Ueberbrettl“, das die „Vossische Zeitung“ am 16. Dezember 1900 erstmals abdruckt, verkündet genau diese nationalistische Botschaft. Klar, ein literarisches Variété gibt es in den Pariser Cabarets schon lange. Zugegeben, das deutsche Gastspiel der „Roulotte“ und die Vergnügungsmeile auf der Pariser Weltausstellung haben Bedürfnisse geweckt:

Seit die Pariser „Roulotte“ in Deutschland ihre Gastspielreise unternommen hat und besonders seit so vielen Tausenden deutscher Ausstellungsbesucher die Cabarets bekannt geworden sind, ist in den Kreisen unserer jüngeren Künstlergeneration der Wunsch immer lebhafter zum Ausdruck gekommen, das Experiment des künstlerischen Varietés auch bei uns zu versuchen.

Umso wichtiger, auf einem germanisch-nordischen Ursprung zu bestehen! Wolzogen bezieht seine Anregung aus Büchern. Und die können gar nicht abwegig genug sein. Eigentlich, bekennt er im Manifest, ist ja noch nicht einmal Bierbaums „Stilpe“ die erste Anregung. Sondern der dänische Roman „Verschrieben“, den der Maler, Dichter und Journalist Holger Drachmann Anfang 1892 in deutscher Übersetzung publiziert. Drachmann verarbeitet darin seine eigene, stürmische On-Off-Liebesaffäre mit der deutlich jüngeren Variétésängerin Amanda Nielsen, die er in einer Kopenhagener Singspielhalle kennenlernt. Und zeichnet seinen Weg zum Bohèmien nach.

Ein Poet wie gemacht für Wolzogens Büchertisch:

Ich selbst bin schon vor Jahren nicht durch die Pariser Vorbilder, sondern durch die phantastischen Pläne des prachtvollen skandinavischen Poeten Holger Drachmann und durch Bierbaums Roman „Stilpe“ zum Nachdenken über diese Frage und zum Schmieden eigener Pläne angeregt worden, und im Laufe der letzten zwei Jahre sind wiederholt mündliche und schriftliche Anfragen an mich ergangen, ob ich nicht die Hebung des „Brettls“ in die Hand nehmen wollte.

So machen wir das in Deutschland. Ausgiebig lesen und fantasieren. Dann Nachdenken und Pläneschmieden. Bis einer kommt und die Sache in die Hand nimmt. Endlich. Der muss ganz besonders aufpassen. In der Literatur wird gerne alles auf die Spitze getrieben, für den Effekt. „Stilpe“: Selbstmord auf offener Bühne. „Verschrieben“: Alles Bürgerliche drangeben, hinein ins Liebesabenteuer mit einer 20 Jahre jüngeren Sängerin! Nicht jede Fantasie muss man in die Tat umsetzen.

Die Gefahr, dass Wolzogen Realität und Fantasie verwechselt, besteht erstmal nicht. Die origin story ist gut vorbereitet. Schon beim Interview mit Geller im Oktober behauptet Wolzogen dreist, nie ein Pariser Cabaret besucht zu haben. Das sei auch gar nicht nötig. Deutsche könnten das auch so:  

Ich habe das Pariser Cabaret aus eigener Anschauung nicht kennen gelernt. — Aber warum sollen wir Deutschen darin so völlig hinter den Franzosen zurückstehen? Warum soll auch nicht bei uns der Schaffende zugleich zum Ausübenden werden dürfen, so er hierzu nur Talent hat?!

Geller preist Wolzogens gespielte Ahnungslosigkeit als „Vorzug“: „Das bewahrt ihn vor der bloßen Nachahmung.“

In Wirklichkeit macht Wolzogen genau das: Er ahmt nach. Bei den Proben zum „Überbrettl“ orientiert er sich bis in die Details am Programm der „Roulotte“, die er in Berlin gesehen hat. Die Biedermeierkostüme stammen direkt von dort. Und im Sommer 1900 ist Wolzogen persönlich über die Pariser Weltausstellung flaniert, hat Loie Fuller und Cleo de Merode bewundert.

Im Manifest schreibt Wolzogen, was die besseren Kreise erwarten. Gepflegt, gediegen muss es sein. Und national:

Freilich sind wir Deutschen etwas raffinirter, uns muß eine feine, erwählte Kunst auch in feiner Bequemlichkeit, in einem vornehmen, eleganten Milieu geboten werden, sollen wir sie ganz genießen. Unser „Cabaret“ muß somit sehr vornehm ausgestattet sein, muß nach jeder Richtung hin dekorativ wirken.

Hinter dem Nationalstolz lauert die Unsicherheit. Alles soll so bleiben, wie es ist. Stabilität um jeden Preis. Dekorativ, elegant, vornehm. Bequemer Genuss. Bloß das Erreichte nicht gefährden! Deswegen hat Wolzogen auch nichts gegen die Zensur. Es gibt Sicherheit, wenn der Staat über Ruhe und Ordnung wacht:

Die herrschenden Gewalten haben ja ohne Zweifel recht, wenn sie das Bestehende zu schützen und eine neue Gedankensaat zu vernichten trachten, die Unzufriedenheit mit diesem Bestehenden erzeugen könnte. Das ist einfach eine Pflicht, die der Selbsterhaltungstrieb auferlegt.

Trotzdem darf man ruhig mal etwas locker machen. Schließlich lässt die Zensur ja schon jetzt „dem friedlichen Bürger auch ruhig seine Freude an schlanken Mädchenbeinen“.

Warum auch nicht? Sich mal freuen. Entspannt lachen. Die Zensur sorgt schon dafür, dass es harmlose Schenkelklopfer bleiben. Darf man das? Ja, keine Sorge. Beherzt, vielleicht sogar krachledern, aber immer irgendwie brav. Mit kindlicher Energie. Es ist Zeit für Unterhaltung, auch in Deutschland:

Aber unpsychologisch will es mich bedünken, das freie Gelächter zu unterdrücken. Ein unterdrücktes Gelächter treibt allemal Galle ins Blut, während umgekehrt ein aufgestauter Gallenüberschuß durch kein Mittel leichter entfernt wird als durch eine kräftige Erschütterung des Zwerchfells. Menschen und Dinge, über die man nicht lachen darf, die kann man auch nicht lieben, und die weitgeöffnete Tatze, die sich lachend auf die Schenkel schlägt, ist weit harmloser als die in der Tasche geballte Faust.

So kann man es auch sehen: Lachen darf man nicht unterdrücken. Besser Schenkelklopfer als revolutionäre Schläger. Wolzogen bringt es fertig, Unterhaltung als staatstragend auszugeben.

Vor allem aber geht er eine enge Arbeitsbeziehung mit der Zensur ein. Zensur funktioniert durch Negativkorrektur. Der Theaterbetreiber legt sein Programm vor, die Polizei liest gegen und streicht. Was wird akzeptiert, was fällt durch? Das weiß man erst hinterher. Es gibt weder Handreichung noch Bedienungsanleitung. Man muss probieren.

Die Zensur setzt die Grenze des Schicklichen. An ihr entlang muss man sich bewegen, sonst wird es nicht lustig. Leider weiß man nie so genau, wo die Grenze gerade verläuft. Unterhaltung ist immer das, was noch so gerade eben erlaubt ist. Das ist ab jetzt die entscheidende Frage. Erotik wird dabei eine entscheidende Rolle spielen. „Schlanke Mädchenbeine“ erlaubt die Zensur ja schon. Mal sehen, was da noch so geht.

Schließlich geht es Wolzogen ums Geschäft. Das literarische Variété soll junge deutsche Dichter bekannt machen – und die Verkaufszahlen ankurbeln. Komponisten verdienen über den Verkauf von Notenblättern, wenn sie attraktive Hits produzieren. Die Schriftsteller, die die Textvorlage liefern, müssen Bücher verkaufen.

Rechtzeitig zu Weihnachten 1900, unmittelbar vor dem Start des „Überbrettl“, bringt das Leipziger Verlagshaus Schuster & Loeffler die Anthologie „Deutsche Chansons (Brettl-Lieder)“ in die Buchläden. Mit dabei sind alle die Dichter, die Wolzogen Beiträge für das „bunte Theater“ zugesagt haben.

Herausgeber Bierbaum setzt seine Gedichte ganz unbescheiden in großer Zahl an die erste Stelle der Sammlung. Wolzogens Brettlsang-Texte aus dem „Simplicissimus“ bilden den Abschluss. Dazwischen viele moderne Dichter, jeweils mit den Texten, die sich besonders für eine Vertonung eignen.

Im Vorwort imaginiert Bierbaum, wie er bei einer gut situierten Dame vorspricht. Ein Panorama des Fin-de-siècle. Sie sitzt „in einem mit himmelblauer Seide austapezierten Pavillon“, auf „einem mit meergrünsilber Brokat ausgeschlagenen Fauteil“, lässt den Blick in einen Park schweifen. Überall Ornamente an Fenstern und Spiegeln. Dekorativ, elegant und vornehm. Secessionsstil.

Dann käme Bierbaum und überreichte seine „chansons nouvelles“. Die elegante Dame würde lesen – und befreit lachen.

Und nun führten Sie die goldene Stielbrille ans Auge und begännen sofort zu blättern, zu naschen, zu lesen, und die kleinen heitern Refrains flögen von Ihren frischen Kirschenlippen auf und jagten sich zwischen den vergoldeten Liebesgöttchen über den Spiegeln und Fensterbögen. Schöner aber, heiterer und silbersüßer als die graziösesten Refrains, klänge Ihr Lachen, Ihr lustiges, gesund volles Kinderlachen, wenn Sie – oh glücklicher Dichter! – ein Lied fänden, das Ihnen besonders lustig und lieblich schiene.

Heiter, lustig, lieblich. Refrains, rezitiert von frischen Kirschenlippen, silbersüß. Und doch: „Kunst für das Variété“!

Darf man „Kunst in den Dienst des Tingeltangels stellen“? Ja, sie muss sich dem Leben öffnen, wie die Maler der Secession es vorgemacht haben:

Maler bauen heute Stühle, und ihr Ehrgeiz ist, daß das Stühle seien, die man nicht bloß in Museen bewundern kann, sondern mit denen sich die vier Buchstaben ohne Einbuße an ihrem Wohlbefinden wirklich in Berührung setzen können. So wollen wir auch Gedichte schreiben, die nicht bloß im stillen Kämmerlein gelesen, sondern vor einer erheiterungslustigen Menge gesungen werden mögen. Angewandte Lyrik, – da haben Sie unser Schlagwort.

Lyrik anwenden heißt: Unterhaltung. Das muss man in Deutschland genauer erklären:

Es müssen Lieder sein, die gesungen werden können; das ist das Erste. Das Zweite und nicht minder wesentliche aber ist, daß sie für eine Menge gesungen werden können, die nicht etwas wie das Publikum eines Konzertsaales, darauf aus ist, „Große Kunst“ kritisch zu genießen, sondern die ganz einfach unterhalten sein will.

Kleinkunst. Das ist modern, das passt zum nervösen 20. Jahrhundert, meint Bierbaum:

Der heutige Stadtmensch hat, wenn Sie Gütige mir das gewagte Wort erlauben, Variéténerven; er hat nur noch selten die Fähigkeit, großen dramatischen Zusammenhängen zu folgen, sein Empfindungsleben für drei Theaterstunden auf einen Ton zu stimmen; er will Abwechslung, – Variété.

Manifeste sind das eine. Gedichte das andere. Was bringt Wolzogen auf die Bühne?

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Zum nächsten Kapitel: Nobler Dilettantismus. Vertonte Lyrik in Wolzogen’s buntem Theater (folgt).

Abbildungen

Willy Ganske: Sterne des Überbrettls. Die Woche Heft 21 Heft Jg. 4 (1902), S. 957-959.

Ernst v. Wolzogen (Porträt von Paul Heyse). Paul Heyse, Das literarische München, München : Bruckmann 1899, S. 22r. Link zur BSB. Creative Commons 4.0.

Das Laufmädel. Simplicissimus Heft 23, Jg. 3 (1898/1899), S. 271. Wolzogen, Ernst Frh. v. (Text), Steinlen, Théophile Alexandre (Zeichnung)

A fescher Domino. Münchner Brettlsang. Simplicissimus Heft 47, Jg. 3 (1898/1899), S. 375. Wolzogen, Ernst Frh. v. (Text), Reznicek, Ferdinand Frh. v. (Zeichnung)

Madame Adèle. Simplicissimus Heft 8 Jg. 5 (1900/1901), S. 67
Wolzogen, Ernst Frh. v. (Text), Reznicek, Ferdinand Frh. v. (Zeichnung)

Ernst von Wolzogen: Das dritte Geschlecht. Roman. Mit Buchschmuck von Walter Caspari, Berlin : Eckstein 1899. Link zur BSB München.

  • S. 14: Paare auf dem Weg zum Standesamt.
  • S. 85: Männliche und weibliche Eitelkeit.

Martin Zickel. Berliner Leben Jg.7 (1904) Heft 5. Link zur ZLB Berlin.

Illustratorensaal in der Berliner Secession (Foto 1899). Deutsche Lesehalle Nr. 24 (1899), S. 188. Link zur BSB München.

Das Spiel-Haus. Koch, Alexander [Hrsg.]; Fuchs, Georg [Hrsg.]: Grossherzog Ernst Ludwig und die Ausstellung der Künstler-Kolonie in Darmstadt von Mai bis Oktober 1901. Ein Dokument deutscher Kunst, Darmstadt, 1901, S. 80. Link zu Heidi. In Copyright – Nicht kommerzielle, wissenschaftliche Nutzung.

Peter Behrens: Der Kuss. Kunstsammlung der Universität Göttingen. D 1960/8. Link zur UB Göttingen. Creative Commons 4.0. Zuerst erschienen in: Pan 4 (Oktober 1898), vor S. 117.

Eröffnung der Secessionsbühne, Plakat 1900 Edmund Edel. Credit: Staatliche Museen zu Berlin, Kunstbibliothek / Dietmar Katz. Public Domain Mark 1.0. Link zu den smb.

Eröffnung der Sezessionsbühne. Ibsens Komödie der Liebe. Berliner Leben. Zeitschrift für Schönheit und Kunst Heft 9 Jg. 3 (1900), S. 150 scan 168. Link zur zlb. Public Domain.

Eröffnung der Sezessionsbühne. Ibsens Komödie der Liebe. Berliner Illustrirte Zeitung 9. Jg. Heft 38 (23. September 1900), S. 599. Link zur ZLB. Public Domain.

H. Hendrich: Entwurf einer Dekoration zu Ibsens „Komödie der Liebe“. In: Deutsche Lesehalle Heft 36, 1900, S. 283. Link zum Deutschen Zeitungsportal.

Einakterabend in der Secessions-Bühne Alexanderstrasse 40. Leitung Paul Martin. Plakat 1900, Ferdinand Nigg. Credit: Staatliche Museen zu Berlin, Kunstbibliothek / Dietmar Katz. Public Domain Mark 1.0. Link zu den smb.

Leiter und Darsteller von „Wolzogen’s buntem Theater“. Januar 1901.Berliner Illustrirte Zeitung 10. Jg. Heft 4 (27. Januar 1901), S. 54. Link zur ZLB. Public Domain.

Wolzogen, Koppel und Straus bei der Probevorstellung des „Bunten Theaters“ in Wolzogens Berliner Wohnung. Moderne Kunst: illustrierte Zeitschrift — 15.1902, S. XLV. Link zur UB Heidelberg.

Fotos der Probevorstellung des „Bunten Theaters“ in Wolzogens Berliner Wohnung. Aus: Oscar Geller: Wolzogens „Buntes Theater“. In: Über Land und Meer. Deutsche Illustrierte Zeitung 85. Band Jg. 43, Heft No. 19 (März 1901), S. 308-309. Eigenes Archiv.

Otto Julius Bierbaum. Bühne und Brettl. Illustrierte Zeitschrift für Theater und Kunst 5. Jg. Nr. 3 (1905), scan 61. Link zur ULB Münster. Public Domain 1.0.

Wolzogens Selbstdarstellung

Ernst von Wolzogen: Verse zu meinem Leben, Berlin: F. Fontane & Co. 1907, S. 132-136 (Überbrettl) + S. 180-183 (Elsa Laura)

Ernst von Wolzogen: Überbrettl (Nachwort). In: ders., Ansichten und Aussichten. Ein Erntebuch. Gesammelte Studien über Musik, Literatur und Theater, Berlin: F. Fontane & Co. 1908, S. 233-241.

Ernst von Wolzogen: Wie ich mich ums Leben brachte, Braunschweig: Westermann 1922

Wolzogens Erinnerungen werden in den meisten Darstellungen des Überbrettls weitgehend ungeprüft übernommen. In der vorliegenden Studie werden sie nach Möglichkeit nur dann zugrundegelegt, wenn mindestens eine weitere Quelle seine Darstellung bestätigt.

Wolzogen schreibt extrem tendenziös aus einer Rückschau, bei der er seinen gesamten Einsatz für ein literarisches Variété als Irrtum darstellt. Sein Text ist von einem systematischen Antisemitismus geprägt, der die Ereignisse verzerrt widergibt und weite Passagen fast unlesbar macht. Vor allem aber ignoriert Wolzogen die tatsächliche Chronologie und verschweigt zentrale Akteure. So vertauscht er etwa – aus rein erzähltechnischen Gründen – die Saison 1902/1903 mit der Saison 1903/1904. Schwerer wiegt, dass er Martin Zickel, mit dem er 1899 bis 1902 Seite an Seite an seinem Projekt arbeitet, mit keinem Wort erwähnt.

Verwendete Literatur

Wolzogen in München:

Börsenblatt des deutschen Buchhandels Nr. 140 (Dienstag 20.06.1899) Jg. 66, S. 4493 + 4620. Anzeige für Wolzogen, Das dritte Geschlecht. Link zur Bayerischen Staatsbibliothek.

Die meistgelesenen Bücher. Ein statistischer Versuch. Das literarische Echo Jg. 3 (1900-1901), Heft 7 (1.1.1901), Sp. 505-509.

Berthold Held: Was leistet das gegenwärtige deutsche Theater? In: Bühne und Welt 2 (1899/1900), S. 145-151. Link zum Hamburger Kulturgut digital.

Martin Zickel und der Start der Sezessionsbühne:

Martin Zickel: Die scenarischen Bemerkungen im Zeitalter Gottscheds und Lessings, Berlin 1900, S. 50. Link zu Google Books.

Die Berliner Kunstausstellungen 1899. Mit fünf Spezial-Aufnahmen für die „Lesehalle“ aus dem Atelier Geifrig, Berlin W. Deutsche Lesehalle Nr. 24 (1899), S. 188-199. Link zur BSB München.

Frank Wedekind an Beate Heine, Festung Königstein 28. Dezember 1899: „Martin Zickel bittet mich um Beiträge und Mitwirkung zu einem literarischen Variété in Berlin. Ich denke nicht im Traum daran, darauf einzugehen“. Link zur Briefedition Wedekind.

Frank Wedekind an Emilie Wedekind, Festung Königstein 28. Dezember 1899: „In Berlin wollen Hartleben und Wohlzogen ein literarisches Variété unter meiner Mitwirkung begründen. Ich bin aber noch sehr im Zweifel ob ich daran theilnehme“. Link zur Briefedition Wedekind.

Wolzogens Pläne für das Überbrettl:

  • 31. Mai 1900 Berliner Tageblatt Morgenausgabe. Link zur Zefys.
  • John Schikowski: Ein litterarisches Variété in Berlin. Hannoverscher Kurier Mittwoch 30. Mai 1900 Abendausgabe. Link zu gwlb.
  • Litterarisches Variété in Berlin. Hannoverscher Kurier 3. Juni 1900 Morgenausgabe. Link zum deutschen Zeitungsportal.
  • Ueberbrett‘l zum rasenden Jüngling. General-Anzeiger der Stadt Mannheim 28. Juni 1900. Link zum deutschen Zeitungsportal.
  • Ueberbrett‘l zum rasenden Jüngling. Hannoverscher Kurier 28.6.1900 Morgenausgabe. Link zum deutschen Zeitungsportal.
  • Ernst v. Wolzogens literarisches Variété-Theater. Berliner Börsen-Zeitung 8.7.1900. Link zum deutschen Zeitungsportal.
  • Das Ueberbrett‘l zum rasenden Jüngling. Berliner Tageblatt und Handels-Zeitung 20.09.1900 Abendausgabe. Link zum deutschen Zeitungsportal.
  • Oscar Geller: Das „Ueberbrettl zum rasenden Jüngling”. Eine Unterredung mit Herrn v. Wolzogen. Hannoverscher Kurier 31. Oktober 1900 Morgenausgabe. Link zu gwlb.
  • Oskar Geller: Das literarische Tingl-Tangl. Eine Unterredung mit Freiherrn v. Wolzogen. In: Neue Freie Presse. Morgenblatt. 11. November 1900, S. 31-32. Link zu Anno.

Otto Erich Hartleben: Briefe an Freunde. Herausgegeben und eingeleitet von Franz Ferdinand Heitmüller, Berlin: Fischer 1912, S. 274-275.

Otto Julius Bierbaum an Ernst v. Wolzogen. Brief vom 30. November 1900 („Die Legende von einem Ueberbrettl”). Link zur BSB München.

Zickel, Geller und das Café des Westens:

Martin Zickel und die Sezessionsbühne am Alexanderplatz:

Max Ehrlich: Das Theater als Geschäft, Berlin-Charlottenburg: Juncker [ca. 1911], S. 59-68. Link zur ZLB Berlin.

Berichte zum Start des „Überbrettls“ am Alexanderplatz:

Recherche zu Wolzogens Truppe:

  • This week on our stage (Olga d’Estrée im „Waldmeister“). The Sun. (New York, NY) 28 Nov. 1897, p. 15. Link zur Loc.
  • Strauß’s Operette „Waldmeister“ seitens der „Conried’schen Gesellschaft“ zur Aufführung gebracht. Der Deutsche correspondent. (Baltimore, MD) 11 Feb. 1898, p. 3. Link zur Loc.
  • Aus der Theaterwelt (Wolzogens Erfolg). Der Deutsche correspondent. (Baltimore, MD) 31 Jan. 1901, p. 3. Link zur Loc.
  • Näheres über die Ausweisung des früheren Deutschamerikaners Bettauer aus Preußen. In: Der Deutsche correspondent (Baltimore, Md.), May 27, 1901, S. 3. Link zur Loc.
  • Robert Koppel in Prüfungsaufführungen: Rheinischer Merkur 30.6.1998. Kölnische Zeitung 3.7.1898. Kölnische Zeitung 14.7.1898. Kölnische Zeitung 16.12.1898. Rheinischer Merkur 20.5.1899.
  • Robert Koppels Engagements: Honnefer Volkszeitung 26.7.1899. Kölnische Zeitung 27.12.1899. Kölnische Zeitung 23.5.1900
  • Olga Wohlbrück. Wrede, Richard: Das geistige Berlin. 1, Leben und Wirken der Architekten, Bildhauer, Bühnenkünstler, Journalisten, Maler, Musiker, Schriftsteller, Zeichner, Berlin 1897, S. 22. Link zur Bayerischen Staatsbibliothek.
  • Wohlbrück als Pierrot in Dresden (Freitag 22.1. bis Samstag 30.1.1892). Dresdner Nachrichten Freitag 21.1.1892 (Olga als Pierrot) + Dresdner Journal Freitag 22.1.1892 + Dresdener Journal Samstag 30.01.1892.

Frank Wedekind an Carl Rößler, 12.1.1901. „Bei seinen Freunden sollte man aber vor solchen Streichen doch wol sicher sein“. Link zur Briefedition Wedekind.

Wolzogen, Ernst von: Brief an Oscar Straus. Berlin, 19.12.1900. Wienbibliothek im Rathaus, H.I.N.-201119. Link zu Wienbibliothek digital. Public Domain Mark 1.0

Wolzogen, Ernst von: Brief an … Umlauft. o.O., 11.1.1901. Wienbibliothek im Rathaus, H.I.N.-35452. Link zu Wienbibliothek digital. Public Domain Mark 1.0. Bei der Adressatin könnte es sich um Friederike Gutmann-Umlauft handeln.

John Lennon: Being a short diversion on the dubious origins of the Beatles. Translated from the John Lennon. In: Mersey Beat Vol. 1 Nr. 1 (6.-20. Juli 1961), S. 2.

Hans Olof Gottfridsson: Echoes of the Beatles in Hamburg. Journal of Beatles Studies 2024, S. 9-34. Link zur Liverpool University Press.

Otto Julius Bierbaum: Stilpe. Roman aus der Froschperspektive, Berlin: Schuster & Loeffler 1897, S. 348-358. Link zum Deutschen Textarchiv.

Ernst v. Wolzogen: Das Überbrettl. In: Das literarische Echo Jg. 3 (1900-1901), Heft 8 (15.1.1901), Sp. 542-548. Link zur Universität Innsbruck. Bearbeiteter Wiederabdruck aus der Vossischen Zeitung vom 16. Dezember 1900. Wieder abgedruckt in: Ernst von Wolzogen, Ansichten und Aussichten.
Ein Erntebuch. Gesammelte Studien über Musik, Literatur und Theater
Berlin: F. Fontane & Co. 1908, S. 215-233.

Holger Drachmann: Verschrieben. Roman. Autorisierte Übertragung von Mathilde Mann und Victor Ottmann. 3 Teile, Leipzig: Oltmann 1892. Link zur SLUB Dresden.

Peter Jelavich: Between Elitism and Entertainment. Wolzogen’s Motley Theatre. I: ders., Berlin Cabaret, Cambridge Mass. 1993, S. 36-84.

Birgit Ziener: Der Fluch der Attraktion: Stilpe. In: dies., Avantgarde avant la lettre. Strategien literarischer Popularisierung im Werk von Otto Julius Bierbaum, Wien 2022, S. 106-165.

Otto Julius Bierbaum: Deutsche Chansons (Brettl-Lieder), Leipzig 1900. Link zum Internet Archive.

  • Otto Julius Bierbaum: Ein Brief an eine Dame anstatt einer Vorrede, S. V-XVI.
  • Ernst v. Wolzogen: A fescher Domino, S. 209-211.
  • Ernst v. Wolzogen: Das Laufmädel, S. 211-213.
  • Ernst v. Wolzogen: Madame Adèle, S. 214-217.

Arianna Busato: Zwischen Humor und Ironie. Eine Analyse des literarischen deutschen Kabaretts (1901-1909). Tesi di Dottorato, Universita di Pavia 27.07.2024. Link zur Universität Pavia. (Interpretationen von Wolzogen, S. 89-94, und Bierbaum, S. 102-105).

Literatur zum Überbrettl allgemein

Anita MacMahon: The „Uber“ Movement in Germany. „Uberbrettl“ – The Turkish bath of the modern Soul. In: Temple Bar. A monthly magazine. For town and country readers Vol. 128 No. 516 (November 1903), London: MacMillan and Co. 1903, S. 599 -610. Link zum Internet Archive.

Percival Pollard: Masks and minstrels of new Germany, Boston: Luce and Company 1911. Link zum Internet Archive

Ernst König: Das Ueberbrettl Ernst von Wolzogens und die Berliner Ueberbrett-Bewegung, Kiel: Dissertation 1956, 193 Seiten + Anhang mit Originaltexten.

Frischkopf, Rita: Die Anfänge des Kabarets in der Kulturszene um 1900. Eine Studie über den „Chat noir“ und seine Vorformen in Paris, Wolzogens „Überbrettl“ in Berlin und die „Elf Scharfrichter“ in München, Toronto 1976. Link zur McGill University.

Brigitte Bruns: Schwabing in Ernst von Wolzogens „Das Dritte Geschlecht“. Ein Roman und seine historischen Hintergründe und Debatten. In: Freunde der Monacensia e. V. Jahrbuch 2020, S. 235-258. Link zur Universität München.

Judith Kemp, „Ein winzig Bild vom großen Leben“. Zur Kulturgeschichte von Münchens erstem Kabarett Die Elf Scharfrichter (1901–1904), München 2017 (= Bavaria. Münchner Schriften zur Buch­ und Literaturgeschichte, Bd. 4)

Gunna Wendt: Münchner Boheme im Kaffeehaus (Monacensia Literaturarchiv und Bibliothek). Link zum Literaturportal Bayern. pdf.

Peter Jelavich: Berlin Cabaret, Cambridge Mass. 1993.

Birgit Ziener: Avantgarde avant la lettre. Strategien literarischer Popularisierung im Werk von Otto Julius Bierbaum, Wien 2022.

Wolfgang Jansen, Das Varieté. Die glanzvolle Geschichte einer unterhaltenden Kunst, Berlin 1990, S. 155-166.

Wolfgang Jansen: Varieté. Untertitel Geschichte – Spielstätten – Kontexte, Münster: Waxmann 2022, S. 225-238.

Hans-Peter Bayerdörfer:  Überbrettl und Überdrama. Zum Verhältnis von literarischem Kabarett und Experimentierbühne. In: Hans-Peter Bayerdörfer, Karl Otto Conrady und Helmut Schanze (eds.): Literatur und Theater im Wilhelminischen Zeitalter, Berlin 1978, S. 292-325.