„Wolzogen’s buntes Theater“: Unterhaltung im Jugendstil


„Wolzogen’s buntes Theater“

Unterhaltung im Jugendstil

Das 20. Jahrhundert hat begonnen. Es ist Zeit für gute Unterhaltung: Ernst v. Wolzogens „buntes Theater“! Literarisches Variété, für vornehme Leute in der Großstadt. Dekorativ, im Jugendstil.

  • Die geheimnisvolle Premiere: Über ein Jahr versorgt Wolzogen die Presse mit Gerüchten. Wann und wo geht es los? Erst im Sommer 1901 auf der Jugendstilbühne in der Darmstädter Künstlerkolonie? Oder doch mit Variété in Berlin?
  • Eine Bühne für die Secession: Als Zickel seine „Sezessionsbühne“ im September 1900 als richtiges Theater eröffnet, kommt Bewegung in die Sache. „Wolzogen’s buntes Theater“ könnte ein Gastspiel geben.
  • Der exklusive Preview: Geprobt wird in Wolzogens Wohnzimmer, in Verkleidung. Er sucht noch immer Dichter, Komponisten und Sänger. Trotzdem lädt er Freunde zum exklusiven Preview. Die Presse natürlich auch.
  • Die erfundene origin story: Noch immer ist nicht klar, was „Wolzogen’s buntes Theater“ bringt. Stattdessen hat Wolzogen eine fantastische Geschichte, eine Manifest und eine Anthologie parat. Alles nur, damit es nicht französisch wirkt.

Die geheimnisvolle Premiere

Im Variété schon lange vor Wolzogens „gesungenem Simplicissimus“ eine Nummer: Carl Noisée, die lebende Caricatur. Zeichnung von 1895. Quelle: EPA/OSZK.

September 1900. Allen Widrigkeiten zum Trotz startet Wolzogen in die Saison 1900/1901 mit einem klaren Plan. Er gibt ihn bloß nicht in der Presse bekannt.

Die Reihenfolge: Notfalls muss er doch mit einem Gastspiel in der Berliner Secessionsbühne starten. Zickel nimmt am 15. September den Betrieb auf. Eine Tournee im Frühjahr schließt sich an, den Saisonabschluss gibt es im Juni 1901 auf der Darmstädter Mathildenhöhe. Dann, zu Beginn der Saison 1901/1902, Start im eigenen Berliner Theater.

Von der Idee des gehobenen Lokals, in dem sich ein exklusives Publikum trifft, hat sich Wolzogen noch nicht verabschiedet. Statt eines einzigen, besonders finanzkräftigen Finanziers hat er mehrere Geldgeber versammelt. Zusammen mit dem Geld, das er durch seine Beteiligung bei der Darmstädter Künstlerkolonie erhält, könnte es reichen.

Wieder geht Wolzogen an die Presse, um Fakten zu schaffen. Am 20. September lässt er bekanntgeben, dass eigentlich alles klar ist.

Wolzogens Besuche im Variéte und auf der Weltausstellung färben ab: Diesmal wird Wolzogens literarisches Variété nicht mehr nur mit der Roulotte verglichen, sondern auch als „gesungener Simplicissimus“ bezeichnet.

Allerdings ist die Idee gar nicht so neu. „Lebendige Witzblätter“ gibt es als Nummer im Variété, und zwar als Variante des Schlangenmenschen. Der Österreicher Carl Noisée tritt seit mindestens 1894 als „lebendige Caricatur“ auf. Seine Show steht für die rohe Seite des traditionellen Variétés, wenn Menschen jenseits der Norm als Kuriosität zur Schau gestellt werden.

Als Metapher gar nicht schlecht. Jetzt kommt der „gesungene Simplicissimus“! Ein literarisches Variété, mit gehobenen Inhalten und für ein anspruchsvolles Publikum.

Die Darmstädter Künstlerkolonie

Im nächsten Sommer, so das Berliner Tageblatt vom 20. September 1900, gibt Wolzogens „Fin de Siècle-Bühne“ ein vornehmes Gastspiel in der Darmstädter Künstlerkolonie, die gerade im Jugend- und Secessionsstil entsteht. Nur angedeutet wird die vorgelagerte Tour, mit der Wolzogen die Marke „Überbrettl“ überall bekannt machen will:

Dank der Unterstützung einiger Finanzkräfte wird die Fin de Siècle-Bühne nunmehr in Darmstadt erstehen, das in seiner jungen, frisch aufstrebenden Künstlergemeinde einen ensprechenden Resonanzboden für den dankenswerthen Versuch bietet. Das Theater, mit dessen Bau demnächst begonnen wird, erhält eine transportable Bühneneinrichtung, um sie für die vom Freiherrn v, Wolzogen geplante Tournee benutzen zu können. Das Ueberbrett’l gedenkt, schon im April, spätestens im Mai nächsten Jahres die Vorstellungen zu beginnen und nach einer kurzen Saison in Darmstadt nach Berlin zu übersiedeln.

In der Zwischenzeit, schlägt Berliner Tageblatt vor, solle man träumen und denken an „Vorführungen im Stil der Roulotte, an einen gesungenen „Simplizissimus“, an eine Stätte übermüthiger Satire, wo sich der Humor und die Laune unserer Dichter richtig austoben“ können. So geht Marketing.

Und warum ausgerechnet Darmstadt?

Dort hat Großherzog Ernst Ludwig von Hessen-Darmstadt gerade eine Künstlerkolonie einberufen, deren Mitglieder auf der Mathildenhöhe Häuser und Künstlerateliers im Jugendstil errichten und beziehen sollen. Er erhofft sich Impulse für Handwerk und Wirtschaft seines Landes. Erste Ergebnisse sollen von Mai bis Oktober 1901 auf einer Ausstellung präsentiert werden. Der einzige richtige Architekt unter den Künstlern, die Ernst Ludwig nach Darmstadt einlädt, ist Joseph Maria Olbrich, der sich mit dem Wiener Secessionsgebäude einen Namen gemacht hat und auf der Mathildenhöhe wohnen wird.

Im Sommer 1900 ist man in Darmstadt noch nicht über das Planungsstadium hinaus. Olbrich ist allerdings mit einem eigenen Raum im deutschen Haus auf der Pariser Weltausstellung vertreten. Hier hat Wolzogen seine modernen Möbel gesehen: Alles im Secessionsstil!

Zu den geplanten Bauten gehört ein „Spielhaus“, errichtet als Pop-up-Bühne aus Holz für Aufführungen in den Sommermonaten. Dass Wolzogen dort auftreten kann, verdankt er dem gut vernetzten Otto Erich Hartleben, der als Strippenzieher im Hintergrund wirkt.

Peter Behrens, einer der sieben nach Darmstadt berufenen Künstler, ist mit Hartleben persönlich befreundet. Hartleben hat Behrens gerade erst mit einem showcase in seiner Kunstzeitschrift PAN gefördert, der Ausgabe vom Oktober 1898 liegt ein Holzschnitt bei, der Behrens schlagartig bekannt macht: „Der Kuss“, bei dem die beiden Küssende von ihren ornamental ineinander geschwungenen Haaren gerahmt werden.

Im August 1900 ist Hartleben damit beschäftigt, sein Esszimmer im Behrens-Look einzurichten. Den Designer hält er per Brief auf dem Laufenden: „Dein Speisezimmer steht nun complet bei mir und erfreut jedes Menschen Auge“. Das Geschirrservice fehlt noch. „Ich warte jedenfalls, bis ich deins kriegen kann, und tröste mich einstweilen mit deinen Gläsern — auch mit deren gelegentlichem Inhalt“. In Darmstadt will Behrens ein ganzes Haus komplett bis in die Inneneinrichtung ausgestalten.

Das Darmstädter Spielhaus soll von allen sieben Künstlern der Reihe nach mit einem je eigenen Programm bestückt werden. Parallel zu moderner Architektur und Handwerk wird neuartiges Theater erprobt. Jugendstil bedeutet nicht nur, eine secessionistische Inneneinrichtung mit Geschirrservice, schwungvollen Tischgruppen und ornamentalen Leuchtern zu entwerfen. Auch Theater und Literatur sollen sich dem Dekorativen öffnen.

Peter Behrens hat gerade eine Denkschrift verfasst, in der er Grundzüge eines modernen Theaters entwirft: „Feste des Lebens und der Kunst“, die sich dem Publikum öffnen und die Distanz zwischen Bühne und Zuschauer abbauen. Da passt Wolzogen mit seinem „gesungenenen Simplicissimus“ hervorragend rein. Behrens hat „Wolzogen’s buntes Theater“ auf seinen Teil des Spielplans gesetzt. Wolzogen hofft, von den Mittel zu profitieren, die für den Theaterbau zur Verfügung stehen.

Im Farbentonrausch

Saharet im Simplicissimus
Die Tänzerin Saharet, die regelmäßig im Berliner Variété Wintergarten auftritt, im „Simplicissimus“ vom 1. Oktober 1900: Wenn du tanzt, du Zauberin, /Sind uns enge Räume weit,/ Wie ein königlicher Garten,/ Lustbarkeiten weit und breit./ Mach uns fröhlich, Zauberin.
Illustration von Maurice Biais zum Gedicht „Die Ausgelassenen singen“ von Alfred Walter Heymel. Heymel ist als Autor für „Wolzogen’s buntes Theater“ vorgesehen.

Ende Oktober 1900 stellt sich Ernüchterung ein. Wolzogen hat wieder einmal zu optimistisch geplant. Einer seiner Berliner Geldgeber beharrt auf einem Start in Berlin. Das Geld aus Darmstadt, das Wolzogen großzügig für eine mobile Tourbühne verplant hat, wird höchstens auf der Mathildenhöhe verbaut. Wolzogen muss wohl oder übel in die Secessionsbühne, die Zickel und seine Kompagnon Paul Martin seit September in der Alexanderstraße 40 betreiben.

Der Presse gegenüber gibt Wolzogen sich lieber zugeknöpft. Die Premiere ist ab jetzt ein Geheimnis, Wolzogen verliert sich in rätselhaften Andeutungen.

Geller inszeniert ein Interview mit Wolzogen. Er verkauft das Gespräch gleich zweimal. Das Interview, das am 31. Oktober im Hannoverschen Kurier erscheint, hat John Schikowski vermittelt. Mit seiner Hilfe sind dort schon mehrere Berichte Gellers aus der Welt des Variétés erschienen. Den Report, den die Wiener „Neue freie Presse“ am 11. November bringt, ermöglichen Geller seine eigenen Kontakte.

Dass Geller Wolzogen durch Vermittlung Zickels und aus dem Szenetreff im Cafe des Westens kennt, erfahren die Leser nicht. Erst recht nicht, dass Geller selbst als Pierrot auf Wolzogens Bühne stehen wird. Er tritt auf als neugieriger Reporter zu Gast beim Baron.

Dass das Variété so fasziniert, erklärt Geller in seinem Report mit der „Hast und Nervosität unserer Zeit. Vielbändige Romane, langathmige Epopöen, fünfactige Trauerspiele finden kaum noch ein Publicum.“ Die Leute wollen Abwechslung und Zerstreuung, immer wieder etwas Neues.

Die Varieté-Bühne, so wie wir sie haben, erfüllt nun diese modernen Anforderungen, wenigstens für den Geschmack der großen Menge, man kann wol sagen in vollendeter Weise. Akrobaten, Equilibristen, Taschenspieler, Bauchredner, Thierdresseure, Tänzer und Tänzerinnen können sich auf dem hauptstädtischen Brettln überhaupt nicht sehen lassen, wenn sie nichts Vollkommenes leisten, und Staunen erweckt nur noch das ganz Unerhörte auf diesem Gebiete.

Das kann nicht alles sein. Kultivierte Menschen, die auf sich halten, wollen mehr.

Die Freude an körperlicher Schönheit, Kraft und Geschicklichkeit findet also ihre volle Befriedigung durch unsere Specialitäten-Theater, wogegen dessen Leistungen Alles zu wünschen übrig lassen, sobald sie sich an den Geist wenden. Das Repertoire der Chansonnetten und Salonhumoristiker, die Pantomimem der Excentrics stehen auf einem erschrecken tiefen Geschmacksniveau.

Für sein anspruchsvolles Publikum, die Reichen und Schönen der Hauptstadt,

sinnt Herr v. Wolzogen darauf, die Ausstattung der Bühne wie des Zuschauerraumes, die Sitze wie auch die Art der Verpflegung während der Vorstellungen mit allen Mitteln modernster decorativer Kunst auf den Geschmack eines verwöhnten Publicums zu stimmen.

Nichts zeigt das laut Geller besser, als die angedachte Zusammenarbeit mit der Darmstädter Künstlerkolonie. Allerdings sind die hochfliegenden Pläne wieder einmal gescheitert.

Die mobile Bühneneinrichtung, die Wolzogen fantasiert hat, wird nicht gebaut: „Meister Olbrich wollte eine Bühne von absoluter Neuheit errichten und die gesammte Ausstattung mit den übrigen hervorragenden Meistern der dortigen Künstlercolonie übernehmen.“ Das Geld fehlt: „Ein Plan, der leider an der Unannehmbarkeit der materiellen Bedingungen gescheitert ist“.

Faktisch setzt sich Olbrich als Architekt des Spielhauses gegen Behrens durch und bestimmt die Konstruktion allein. Die anderen Künstler müssen diese Bühne akzeptieren. Egal. Die werbewirksame Geschichte kann man trotzdem erzählen.

Viel wichtiger: Jetzt, Ende Oktober, hat Wolzogen endlich einflussreiche Dichter auf seiner Seite. Zu Schnitzler und Bierbaum hinzugekommen sind Detlev von Liliencron, Richard Dehmel, Hugo Salus und Ludwig Thoma. Christian Morgenstern hat Parodien zugesagt. Es gibt Komponisten, die in größerem Umfang Vertonungen der Lyrik übernehmen, etwa Bogumil Zepler und James Rothstein. Andere, die Wolzogen angeblich fest zugesagt haben, springen später wieder ab.

Aber das ist erst der Anfang. Wolzogen „will der deutschen Bohème einen Mittelpunkt schaffen“, einen „Paukboden“ legen, „auf dem die jungen Brauseköpfe ihre Sträuße mit den älteren Kunstgenossen ausfechten“! Etwas für „rasende Jünglinge“ eben.

Das geplante Programm liest sich wie eine Kopie der Roulotte, erweitert um das Schattenspiel, für das der chat noir berühmt ist – und um diffuse neue Ideen. Wolzogen reiht buzzwords aneinander: Couplet, Revue, lebendiges Witzblatt, chanson animée. Man könnte auch „Schlager“ sagen. Gemeint ist immer dasselbe: vertonte moderne Lyrik, mit satirischem Unterton. Bis Geller nachfragen muss:

Alle Arten der stilisirten, modernen Kunst werden zu Worte kommen, sowohl der Einzelvortrag wie das Schattenspiel, die Pantomime und die Revue. Unter Einzelvortrag verstehe ich in erster Reihe das Couplet, sowohl das harmlose Couplet, wie etwa das „politische“, das aber streng über den Parteien wird stehen müssen und einen überlegenen Ton anschlagen. Die „Revue“ wird sich etwa wie ein lebendig gewordenes Witzblatt präsentiren, — nebenher auch noch das „Belebte Lied“ (chanson animée) und meine Neuschöpfung „Der Farbentonrausch“.

„Farben-Ton-Rausch,“ buchstabirte ich.

Ganz richtig; Farben, Musik, Licht, Schönheit, Grazie—alles in eins gefaßt! Warten Sie es nur ab.

Da kann man lange warten. Der Farbentonrausch wird genauso wenig verwirklicht wie die „Wandeldekoration“, für die Wolzogen eine Art Diaprojektion, das Szioptikon, vorsieht:

[I]ch werde mit Hilfe des Szioptikons szenische Effekte zu erzielen suchen, die bisher auf dem Theater noch nicht versucht worden sind, da das Szioptikon mich in die Lage versetzt, ungeheuer rasch jeden möglichen Szenenwechsel herbeizuführen.

Ähnlich fantastisch entwirft Wolzogen die Ausstattung eines echten festen Theaters. Der „Simplicissimus“ wird nicht nur als „lebendiges Witzblatt“ auf der Bühne gesungen. Er hängt auch an den Wänden. Jugendstil überall. Denn wie jedes Variété wird das „Überbrettl“

ein dazugehöriges, bequemes elegantes Restaurant haben, eine American Bar, die in ihrer Art eine Galerie darstellen wird. In diesem Buffet werden nämlich nicht nur die verkäuflichen Original-Illustrationen des „Simplicissimus“ und der „Jugend“ ausgestellt werden, jeder Künstler, der sich mit der modernen Richtung und ganz besonders mit der des literarischen Tingl-Tangls einverstanden erklärt, wird willkommen sein.

Die Rede vom Couplet zeigt, wo Wolzogen hin will: Der Begriff bezeichnet einzelne, besonders eingängige Musikstücke aus populären Operetten, die in Berlin in den Variétés auf der Friedrichstraße laufen. Wenn es gut läuft, verselbstständigen sich die Titel und werden schließlich überall gesungen, wie bei der „Fledermaus“ oder dem „Zigeunerbaron“ von Richard Strauß.

Die Lieder erscheinen in spezialisierten Verlagen, mit denen die Komponisten ihren Song zu Geld machen. Über Musikalienhändler, die Geschäfte in jeder größeren Stadt unterhalten, werden sie im ganzen Land verkauft. Hausmusik ist um 1900 die einzige Form, um populäre Musik abseits der Bühnen zu genießen. Wenn Gedichteschreiber vertont werden, so Wolzogens Kalkül, könnten sie von diesem Markt profitieren, freilich nur auf Umwegen über den steigenden Absatz ihrer Bücher.

Aber wann geht es los? Das bleibt geheim. Wolzogen hält sich bedeckt: „Den genauen Zeitpunkt kann ich jetzt unmöglich angeben, — Eines kann ich Ihnen aber sagen: in Berlin werde ich ständig bleiben – trotz aller Reisegastspiele“.

Die Reisegastspiele erfüllen eine wichtige Aufgabe. Es geht ums Geschäft. Geller erklärt: Zuerst „gedenkt Herr v. Wolzogen, gleichsam um seine Visitenkarte abzugeben und sich den Musterschutz für seine Idee zu sichern, eine Kunstreise durch Deutschland und Oesterreich-Ungarn anzutreten“.

Wolzogen fürchtet Nachahmer. Für’s erste hilft ein eingängiger Markenname: „Überbrettl zum rasenden Jüngling“. Klingt gut. Ein Patent auf den Namen allein kann man leider nicht anmelden. Hinaus in die Welt! Any promotion ist good promotion.

Treffpunkt Alexanderplatz

Alexanderplatz 40. Spielstätte von Quarg’s Vaudeville-Theater 1872 bis 1884, danach wechselnde Namen. Ab September 1901 Sitz der Secessionsbühne (Foto von 1902). Quelle: Wikipedia.

Im Geheimen bereitet Wolzogen eine Berliner Premiere vor. Dafür wird er die Infrastruktur nutzen, die Martin Zickel gerade mit der Sezessionsbühne in der Alexanderstraße 40 gestartet hat. Frisch umgebaut im Jugendstil, ein Ort für modernes Theater.

Falsch ist die Umgebung nicht. Im Grand Hotel am Alexanderplatz hat Richard Quarg zusammen mit seinem Schwiegersohn seine alte Vaudeville-Bühne in zeitgemäßem Gewand wiederaufleben lassen. Fast wie das Apollo! Die Show füllte mehrere Jahre den Festsaal.

Gegenüber, jenseits des Alexanderplatzes und auf der anderen Seite der Schienen, sind sich auf beiden Straßen die Königskolonnaden aufgereiht. In einem Hinterbau der Kolonnaden auf der Südseite liegt Kaufmann’s Variété, das die Gebrüder Herrnfeld zu einer erfolgreichen Lustspielbühne umgestaltet haben.

Für die die Secessionsbühne hält man sich links vom Grand Hotel, die Straße herunter, ein paar Häuser weiter. In der Alexanderstraße 40 hat Richard Quarg in den siebziger Jahren, zu seiner besten Zeit, ein Singspielhallen-Variété betrieben, das jeder Berliner allein seines zweifelhaften Rufs wegen kannte. Mehr Variété-Tradition geht nicht!

Das ist zwar etwas anderes als die ersten Häuser in der Friedrichstraße. Aber hier hat Wolzogen gleich nebenan echtes Variété mit Budapester Flair. Aus der zweiten Reihe vielleicht, aber die Gebrüder Herrnfeld machen bestimmt noch große Karriere.

Im Interview mit Wolzogen spielt Geller nicht umsonst auf die Entwicklung an, die die Variétébühnen am Alexanderplatz gerade hinter sich haben. In Quargs Vaudeville-Theater sind genau die „Akrobaten, Equilibristen, Taschenspieler, Bauchredner, Thierdresseure, Tänzer und Tänzerinnen“ aufgetreten, von denen Geller Wolzogens Unternehmen abgrenzt. Auch in „Gebrüder Herrnfeld’s Budapester Theater“ gibt es außer Possen und Lustspiele weiter einen Variététeil. Umso mehr betont Geller, dass Wolzogens „Chansonnetten und Salonhumoristiker“ moderne Dichter vortragen und seine „Pantomimem der Excentrics“ von Schriftstellern verfasst sind.

In der Alexanderstraße 40 ist der echte Tingeltangel nicht weit entfernt. Das kann von Vorteil sein, ist vielleicht sogar besser als die Friedrichstraße, wo alles eine Spur zu professionell läuft.

In der Alexanderstraße muss Wolzogen sich mit „Gebrüder Herrnfeld’s Budapester Theater“, wo das Variété zum Lustspiel weiterentwickelt wird, genauso vergleichen lassen wie mit „Quarg’s Vaudeville-Theater“, das bis Sommer 1898 klassisches Artisten-Variété geboten hat.

Eine Nähe, die auch auf Zickels Secessionsbühne abfärbt. Man könnte sogar sagen, dass Zickel nichts anderes als eine intellektuelle Variante zum Lustspieltheater der Herrnfelder versucht.

„Wolzogen’s buntes Theater“ als Name für das „Überbrettl“ hat jetzt die besten Karten.

Anfang November steht für Wolzogen fest, dass er auf der Secessionsbühne starten muss. Zickels dramatische Experimente seit Saisonstart am 15. September haben bisher keinen Anklang gefunden. Gibt es da überhaupt eine Chance für Wolzogens literarisches Variété?

Eine Bühne für die Secession

Am 15. September 1900 eröffnet die „Sezessionsbühne“ im eigenen Haus am Alexanderplatz, mit der „Komödie der Liebe“ von Henrik Ibsen in der Übersetzung von Christian Morgenstern. Weder das umgebaute Gebäude noch Ibsens Jugendwerk können Kritik und Publikum überzeugen. Oberregisseur Zickel lässt die Schauspieler in Biedermeierkostümen auftreten, angepasst an die Entstehungszeit, und baut possenhafte Elemente ein. Die Kritik lobt seine ambitionierte Regie, auch wenn der Funke nicht immer überspringt. Liegt es an den Schauspielern?

Daphne verwandelt sich in einen Baum: Jugendstil für die Secession.
Plakat von Albert Klingner für die Secessionsbühne (Entwurf 1900).

Die Innenräume wirken nur insoweit „sezessionistisch“, wie es die Abmessungen des „scheunenartigen Raumes“ der alten Variété-Bühne erlauben. Theaterkritiker Schikowski nimmt uns mit auf den Weg in den Theatersaal: „Durch einen engen Gang gelangt man an der Kasse, den Garderoben und dem Foyer – halb Restaurant, halb Kunstausstellung – vorbei“. Erst dann weitet sich der Blick. Überall sezessionistische Schnörkel und Dekoelemente!

Pegasus am Brunnen: Jugendstil für die Secession.
Plakat von Albert Klingner für die Secessionsbühne (Entwurf 1900).

Eine Treppe hoch führt zum „Lesezimmer“: „Der Raum ist mit Gemälden, Zeichnungen und plastischen Bildwerken moderner Künstler dekorirt; auf dem großen Tische liegen litterarische und Kunstzeitschriften aus.“

Wie in Wolzogens Entwurf. Die Ähnlichkeiten sind kein Zufall. Zickel und Wolzogen arbeiten Seite an Seite für ihr Ziel eines modernen Theaters. Spielt sein „literarisches Variété“ doch noch bei der „Sezessionsbühne“ auf, wie es früher mal geplant war?

Zickels Experimente

Das Bühnenbild zu Ibsens Komödie zeigt starke Anleihen beim Jugendstil und wirkt wie eine Fortsetzung der Saaldekoration. Die Schauspieler verschwinden fast in den zu Ornamenten angeordneten Blumen, die rings herum angeordnet sind und sogar den Soufleurkasten schmücken:

Der Vorhang theilt sich, und wir blicken in einen freundlichen Garten, der im Blüthenschmuck des Frühlings daliegt. In der Ferne leuchtet der Fjord. Unter den duftenden Zweigen sitzen und wandeln Pärchen in dem pedantisch-feierlichen Kostüm der Biedermeierzeit: die Kavaliere, in steifen Bratenröcken oder braunen Fracks, geblümten Westen, hohen Vatermördern und glänzenden Zylindern, die Damen in breitkrempigen Florentinerhüten, alt-fränkischen Tuniken, mit Pompadour und Sonnenschirm.

In ihren ausladenden, altfränkischen Kostümen erinnern die Darsteller an die Roulotte und ihre chansons animées, deren Sänger absichtlich altmodisch ausstaffiert sind.

Am 11. Oktober 1900 hat das nächste Projekt von Zickel und seinem Kompagnon Paul Martin Premiere. Das Plakat ihres Einakterabends schafft Jugendstilstimmung: Eine Dame mit Blumenkranz im Haar und Blumenstrauß in der Hand, schulterfrei im schwarzen Kleid, hängt ihren Gedanken nach.

Wieder erinnert das Programm an die Roulotte, diesmal an die kurzen Szenen, die dort im Wechsel mit den chansons animées und der cantomime stehen. Die drei Stücke sind auf größtmöglichen Kontrast hin angelegt. Theaterkritiker Schikowski ist das zu modern. Auf die Bauerntragödie „Die Bildschnitzer“ folgt das für die Marionettenbühne geschriebene „Daheim“ in Zickels Inszenierung. Seine Regie lässt die Schauspieler „wie Drahtpuppen“ agieren. Fast wie Pierrot und Colombine. Am Schluss steht die „grobe und grelle“ Groteske „Der Bär“ von Anton Tschechow, eine, so Schikowski, „derbe, im modernen Variétéstil gehaltene Posse“:

Eine junge Witwe, die in übertriebener Trauer um den Gatten unter Seufzern und Thränen ihre Tage verbringt, wird durch den unerbetenen Besuch eines ungeschlachten und rücksichtslosen Polterers, der als Gläubiger des Verstorbenen auftritt und durch seine bärbeißige Männlichkeit schließlich das Herz der hysterischen Dame gewinnt, wieder zur Lebensfreude bekehrt.

Die Paralellen zum nächtlichen Ehestreit im Sketch „Minuit et demi“ der Roulotte sind nicht zu übersehen. Über „die nicht immer geschmackvollen Kapriolen“ amüsiert sich das Publikum jedenfalls „prächtig“. Der moderne Variétéstil kommt an.

Insgesamt bleibt die Resonanz für die Secessionsbühne aber gering. Weder die weiteren Lustspiele jüngerer Autoren, die Zickel und Martin präsentieren, noch das Konzept einer Sonntagsmatinée, in der dramatische Experimente unternommen werden, können Publikum und Feuilleton überzeugen.

Die Aufführung zweier barocker Lustspiele von Andreas Gryphius am 14. Oktober endet sogar in einem Theaterskandal. Unzufriedene Zuschauer unterbrechen „die Vorstellung durch Pfeifen, Johlen und laute Zwischenbemerkungen“. Es kommt zur Abstimmung mit den Füßen: „Geräuschvoll verließen viele Besucher das Theater und verlangten an der Kasse ihr Geld zurück.“ Kurz vor Schluss eskaliert die Situation, als ein wütender Zuschauer aufsteht und herumschreit:

„Sagen Sie Ihrem Direktor, es ist eine Frechheit, uns so etwas zu bieten!“ Auf die Zurufe, sich hinzusetzen, wiederholte er seine beleidigenden Worte einige Male und verließ mit seinen Freunden das Theater. Unter Lärm, Johlen und Pfeifen wurde das Stück mühsam zu Ende gebracht.

Wolzogens Variété

Die experimentell geprägten Aufführungen der „Sezessionsbühne“ mögen gescheitert sein. Für den Variétéstil gibt es ein Publikum.

Anfang November fängt Wolzogen an, Schauspieler für sein „buntes Theater“ zu buchen. Vor allem braucht er eine Hauptdarstellerin, eine Variétésängerin, die auch Literatur singen kann. Der Moment ist günstig. Nie zuvor war die Grenze zwischen Theater und Variété so durchlässig. Und nirgendwo wird das so deutlich wie im Apollo-Theater auf der Friedrichstraße. Wolzogen muss sich praktisch nur im Schaukasten mit den Künstlerbildern umschauen.

Im Dezember wird es ernst. Wolzogen bezieht eine repräsentativer Wohnung in der Burggrafenstraße 1 in Zentrumsnähe. In den großzügigen Räumlichkeiten können die Proben für das bunte Theater stattfinden, bei Bedarf kann Wolzogen standesgemäße Empfänge ausrichten.

Plötzlich liest man in der Presse wieder von Wolzogens „Überbrettl“:

  • Das „Ueberbrettl zum rasenden Jüngling“ wird seine „Feuertaufe“ beim Goethefest des „Vereins zur Förderung der Kunst“ in der Berliner Philharmonie empfangen (Hannover, 19. Dezember).
  • Verhandlungen zwischen Paul Martin, dem Betreiber der „Sezessionsbühne“, und Ernst von Wolzogens „Überbrettl“ stehen kurz vor dem Abschluss (Berlin, 23. Dezember morgens).
  • Das „Überbrettl“ gibt seine erste Vorstellung am Silvesterabend. Die Verhandlungen sind abgeschlossen (Berlin, 23. Dezember abends).
  • Das „Überbrettl“ hat ein Programm: „Der erste Theil besteht in Solovorträgen und Couplets, der zweite enthält eine Pantomime, ein Schattenspiel oder einen Solotanz, während der dritte eine Parodie bringt. Zum Schluß sollen in einer satirischen Revue alle aktuellen Tagesfragen behandelt werden“ (München 26. Dezember).
  • Das „Überbrettl“ tritt doch nicht zu Silvester auf. „Herr v. Wolzogen wird bis zu diesem Termin mit allen seinen Vorbereitungen noch nicht fertig“. Also ist beim Goethefest Premiere. Danach, am 20. Januar, beginnt ein zehntägiges Gastspiel auf der „Sezessionsbühne“ (Berlin 27. Dezember).

Drei verschiedene Daten für die Premiere. Keins stimmt. Was für ein Durcheinander! Wolzogen hat genau den buzz produziert, den er für den Start des „Bunten Theaters“ braucht.

Das Durcheinander hat seinen Grund. Es ist gar nichts klar am 19. Dezember, als der Hannoversche Kurier den Auftritt beim Goethe-Fest wie eine feststehende Tatsache angekündigt.

Wie immer bei Wolzogen sind die Pressemeldungen mehr Wunschdenken als Spiegel der Wirklichkeit.

Der Posten des Kapellmeisters, der das Programm am Klavier begleitet, ist noch immer unbesetzt. Die größte Sorge gilt der Pantomime. Auch wenn Wolzogen seit Monaten von ihr als wichtigem Programmpunkt spricht: Noch immer fehlen Szenario und Musik. Für beides arbeitet Oscar Geller, als Pierrot fest eingeplant, dringend an einer Lösung.

Kapellmeister gesucht

Oscar Strauß, Foto von 1901.

Geller spricht den jungen Komponisten Oscar Strauß an. Als Journalist vom Variété weiß er, wo er ihn finden kann. Strauß hält sich, wenn er gerade kein Engagement als Pianist in einem Variété wahrnimmt, wie viele andere stellungslose Artisten, Musiker und Schauspieler im Café Westminster auf, Unter den Linden 17/18, unweit des Brandenburger Tores.

Der Journalist Julius Jellinek, selbst häufig Gast, beschreibt anschaulich die Atmosphäre im Saal, der im Erdgeschoss des Hotel Westminster liegt. Variétékünstler und bartlose Schauspieler teilen sich das Café mit Teppichhändlern und Immobilienmaklern. Es gibt eine feste Sitzordnung:

Der langgestreckte Saal des ‚Café Westminster‘ erstrahlte mit seinen weißen Wänden, dem Goldstuck und den glänzenden Marmorsäulen in freundlichem Licht. Es war Spätnachmittag, und wie gewöhnlich um diese Zeit kein Stuhl mehr leer.

Vorn, an den großen Fensterscheiben auf die Linden hinaus, saß vorwiegend Laufpublikum: einige Kaufleute, Fremde, etwas Artistenwelt, Chanteusen und auch andere hübsche Damen, die hier eine Gastrolle gaben.

In der Mitte des Raumes aber sah man fast durchweg nur Herren mit bartlosen Gesichtern. Hier war das Hauptquartier der Berliner Schauspieler und der Provinzmimen, die kein Engagement gefunden hatten.

Hinten bis ans Büfett und im anstoßenden Spielzimmer war der Winkel der Geschäftsleute: meistens Teppichhändler, Häuseragenten, berufsmäßige Sportsleute, Zigarettenreisende und dunkle Existenzen.

Oscar Strauß, geboren am 6. März 1870 in Wien, befindet sich gerade am Tiefpunkt seiner Karriere. Er kommt aus Wien, ist aber nicht mit dem Operettenkomponist Johann Strauß verwandt. Nach einem Studium an der Königlichen Akademie der Künste in Berlin in der der Meisterschule für Komposition schreibt Oscar Strauße mehrere Opern, aber der Durchbruch bleibt aus. Engagements am Hamburger und Mainzer Stadttheater scheitern, Strauß muss es ab 1898 in Berlin versuchen. Hier schlägt sich der mittlerweile dreifache Familienvater mit Jobs als Pianist im Variété durch.

Geller sucht das Gespräch. Strauß erinnert sich:

Eines schönen Tages, nachdem von Wolzogens Plänen schon einiges durch die deutsche Presse gegangen war, erschien besagter Geller im Café Westminster und erklärte mit der größten Selbstverständlichkeit, daß er nicht mehr Geller, sondern Spontelli heiße, nicht mehr Journalist, sondern Pantomimiker sei und daß er in dieser Eigenschaft ein Engagement bei Wolzogen angenommen habe.

Der junge Journalist Rudolf Schanzer, ein weiterer Bekannter des umtriebigen Gellers, hat ein Szenario mit dem Titel „Trippelmord“ geschrieben. Ziemlich ambitioniert.

Strauß nimmt Geller nicht weiter ernst: Ein Journalist als Pierrot? Noch ein anderer als Szenarist? Dann erhält er Anfang Dezember eine Rohrpostkarte von Wolzogen persönlich. Strauß ist in der Bredouille:

Ich hatte tatsächlich nicht eine Note komponiert und auch mit Ausnahme eines im Kaffehaus scherzhaft gemachten Vorschlages keine Ahnung von einer dramatischen Idee.

Trotzdem lässt er sich die Chance nicht entgehen. Strauß kreuzt bei Wolzogen in dessen neu angemieteter, repräsentativer Wohnung in der Burggrafenstraße 1 in Zentrumsnähe auf. Strauß gibt sich, trotz bester Adresse und Rohrpost, möglichst unbeeindruckt:

Da ich mir aber die Bekanntschaft mit Wolzogen, diesem feinsinnigen Dichter, den man nie genügend geschätzt hat, nicht entgehen lassen wollte, ging ich, jung und frech wie ich damals war, kurzerhand in die freiherrliche Wohnung.

Der Herr Baron empfing mich mit ausgesuchter Liebenswürdigkeit und forderte mich auf, meine Musik vorzuspielen. Da ich nun unmöglich damit debütieren konnte, ihm zu eröffnen, dass ich überhaupt keine Musik geschrieben hätte, setzte ich mich kurz entschlossen ans Klavier und spielte ihm, was ich so an musikalischen Skizzen in der letzten Zeit angesammelt hatte, untermischt mit freien Phantasien vor.

Das Unbegreifliche – hier ward’s Ereignis. Wolzogen war entzückt von der Musik und brachte mich nur noch dadurch in Verlegenheit, dass er einiges über den Inhalt der Pantomime wissen wollte.

Offenbar genügt, was Strauß aus dem Gespräch mit Geller von Schanzers Szenario behalten hat.

An eben jenem 19. Dezember jedenfalls, als die Berliner Presse den Start des Überbrettls wie eine feststehende Tatsache ankündigt, macht Wolzogen Oscar Strauß brieflich ein Angebot, das dieser nicht ablehnen kann:

Es ist immer noch nicht bestimmt, wann ich mein Theater eröffne, da noch verschiedene Verhandlungen schweben.

Sicher ist nur, dass ich Ihre Pantomime am 17. Jan. gelegtl. des Goethe-Festes des „Vereins zur Förderung d. Kunst“ im oberen Saale der Philharmonie aufführen möchte, und zwar nur mit Klavier. Die Proben müssten am 1. Jan. beginnen und zwar zunächst in meiner Wohnung.

Es wird Ihnen wohl leicht möglich sein, in der Zwischenzeit den Klavierauszug fertig zu stellen und die Proben nach Ihrer Skizze zu leiten.

Als Anreiz rechnet Wolzogen Strauß eine mögliche Beteiligung an den Einnahmen vor, einen Vertrag gibt es noch nicht. Pläne für eine Tournee dagegen schon. Think big.

Für das Werk selbst würden Sie, wie ich Ihnen schon sagte, an den 10% der Brutto-Einnahme im Verhältnis zur Dauer des Werkes partizipieren. Über die Honorierung für die Proben und Ihre event. Mitwirkung bei den Aufführungen reden wir wohl noch.
Ebenso über die Frage, ob das Werk für die Tournee nicht besser für kleines Orchester instrumentiert wird. Als Titel schlage ich „Ein Tripelmord“ vor.

Strauß erinnert sich, wie er hektisch loslegt:

Mit den Proben wurde sofort begonnen, so daß ich nicht einmal Zeit fand, das Nötigste zu Papier zu bringen und mir damit half, daß ich während der Probe das auf dem Wege des Phantasierens zustande Gebrachte nach der Probe fixierte.

Aus dem „Trippelmord“ wird bis zur Premiere „Pierrots Tücke, Traum und Tod“. Hauptsache, die Musik stimmt. Auch wenn es gar keinen Klavierauszug gibt.

Wolzogen ist von Strauß so begeistert, daß er ihn zum alleinigen Kapellmeister macht.

Wolzogen kann selbstbewusst auftreten. Sein Name klingt, der Roman „Das dritte Geschlecht“ ist mittlerweile zum Bestseller geworden. Bei einer Umfrage unter Leihbüchereien, die die Zeitschrift „Das Litterarische Echo“ zum Jahresende 1900 für den Zeitraum Herbst 1899 bis Herbst 1900 durchführt, gehört Wolzogens „drittes Geschlecht“ zu den sechs meistgelesenen Büchern in Deutschland. Beste Voraussetzungen für den Start des „Überbrettls“.

Der exklusive Preview

Über Neujahr wird weiter geprobt, mal in der Secessionsbühne, mal bei Wolzogen zuhause. Einige Tage vor der Premiere lädt Wolzogen Prominente und Experten aus der Berliner Theaterszene zu sich nach Hause zu einem exklusiven Preview ein.

Wolzogen hat einen Fotografen engagiert, der medienwirksame Bilder für die deutschen Illustrierten aufnimmt. Eine der Reportagen, nämlich die für die deutschlandweit verbreitete Illustrierte „Über Land und Meer“, schreibt Oscar Geller gleich selbst.

Das timing ist perfekt. Kurz nach der Premiere wird ganz Deutschland mit eigenen Augen sehen, wie Wolzogens Truppe auftritt. In den Illustrierten wie auf der Bühne geht es um ein Gefühl der Nähe. Es ist, als wäre man dabei, wie das Überbrettl Gestalt annimmt.

Überbrettlkostüme

Wolzogen empfängt seine Gäste als leicht trotteliger Besitzer einer altertümlichen Tingeltangelbude, der eine grotesk kostümierte Schauspieltruppe auftreten lässt. Wie die Roulotte und Zickels Ibsen-Ensemble bieten Wolzogen und seine Schauspieler schlecht sitzende Anzüge und aufgeplusterte Kleider auf. Satirisch überzeichnet, wie bei den Witzblattfiguren des „Simplicissimus“.

Geller gefällt’s: „Ein solches „Ueberbrettlkostum“ tragen nicht nur die Mitwirkenden, auch Herr von Wolzogen selbst präsentiert sich darin, und man muß gestehen, dieser braune, „altmodische“ Frack mit den goldenen Knöpfen kleidet ihn recht gut.“ Der „Stil des „Ueberbrettls“ ist Absicht. Er „mag vom Standpunkte der präzisierenden Schule vielleicht stillos erscheinen, aber gerade darin liegt ein eigenartiger Reiz, eine gewisse Originalität, für das Ganze bezeichnend.“ Die sackige Kleidung wird zur Verfremdung eingesetzt. Sie setzt Spielfreude frei. Man muss halt probieren, was geht.

Nur scheinbar sind Dilettanten am Werk. Der hemdsärmelige Eindruck ist eine Aufgabe. Ein Experiment, dem man sich stellt. Mal sehen, wie es klappt. Niemand darf Perfektion erwarten. Keine Präzision um ihrer selbst willen, keine angestrengte Ordnung, die nie durchbrochen wird. Darin liegt das eigentlich Moderne.

Dies wird deutlich bei den inszenierten Regiesitzungen, die Wolzogen seinen Gästen vorführt – und fotografisch festhalten lässt. Geller berichtet: „Herr von Wolzogen präsidiert. Zwanglos gruppieren sich um ihn seine Künstler, von denen jeder sein eigner Regisseur sein muß, – Oberregisseur ist Wolzogen.“ Wie jeder den vorgegebenen Typ genau verkörpert, bleibt ihm überlassen. Wolzogen mag der Chef sein. Aber genauso wie die anderen wirkt er nicht ganz sicher, was er da tut. Schau dir bloß mal den Frack an! Wer trägt denn heut noch gelbe Knöpfe?

Ein Regisseur der „präzisierenden Schule“ würde an der perfekten Illusion feilen, der sich die Künstler unterordnen müssen. Wolzogen räumt seinen Künstlern demonstrativ Mitspracherecht ein: „Nachdem jeder seine Meinung geäußert, trifft er seine endgültige Entscheidung und läßt gleich die Probe arrangieren, die er selbst leitet.“ Sänger, Schauspieler und Kapellmeister sollen sich einbringen, wie Gäste bei einem charmanten, hoffnungslos altmodischem Bretterbudendirektor. Der Abend gelingt erst durch ihr Zutun. Trotzdem bleibt Wolzogen unangefochten der Gastgeber: „Nichts geschieht auf dem „Ueberbrettl“, das nicht unter Wolzogens Augen bis ins kleinste und feinste Detail durchgeführt würde.“ Der Dilettantismus ist bloß vorgespielt.

Wolzogens Schauspieler sollen möglichst frei agieren, „zwanglos“. So entsteht der Eindruck des Lockeren, Improvisierten.

Wohnzimmerkonzert

Budenbesitzer Wolzogen und seine Wandertruppe (Foto)

Budenbesitzer Wolzogen und seine Wandertruppe.
Von links nach rechts: Oscar Straus, Olga Wohlbrück, Oscar Geller, Robert Koppel, Olga d’Estrée, Carl Rössler, Otto Fritzsche, Bozena Bradsky, Ernst v. Wolzogen. Quelle: Eigenes Archiv.

Das Wohnzimmerkonzert nutzt Wolzogen als showcase für die Schauspieler, Sänger und Vortragskünstler, die moderne Lyrik präsentieren werden. Es ist eine bunte Truppe: die Operettensängerin Olga d’Estrée, die Variétésängerin Bodzena Bradsky, den klassischen Sänger Robert Koppel und die Schriftstellerin Olga Wohlbrück repräsentieren den Variététeil.

Olga d’Estrée, eigentlich Steiner-Bettauer, geboren 1875 in Wien, ist die weitaus schillerndste Gestalt. Sie ist gerade mit ihrem Ehemann, dem Journalisten Hugo Bettauer, aus New York zurückgekehrt, wo sie unter dem Künstlername Olga d’Estrée in Operetten gesungen hat.

Olga war 1896 mit ihrem Mann nach New York ausgewandert, der als erstes sein väterliches Erbe bei der bank panic von Chicago im Dezember 1896 verliert. Bei den beiden vom Zahlungsausfall betroffenen Banken hatten vor allem deutsche Auswanderer ihre Ersparnisse eingelagert. Olga schließt sich nach einiger Zeit dem Impresario Heinrich Conried an, der seit 1892 das Irving Place Theatre in New York leitet, auch bekannt als Conried’s Deutsches Theater. Wie George Charton mit seiner Roulotte teilt Conried gerne sein Ensemble, um höhere Einnahmen zu erzielen. In der Saison 1897/1898 spielt Olga d’Estrée in den deutschsprachigen Aufführung der Operette „Waldmeister“ von Johann Strauß.

1899 geht das Ehepaar Bettauer nach Berlin, wo Hugo Bettauer, mittlerweile US-amerikanischer Staatsbürger, sich bei der „Berliner Morgenpost“ als investigativer Journalist betätigt. Schnell gerät seine Aufenthaltsgenehmigung in Gefahr. Ende 1900 deckt Bettauer, während er über den Missbrauchs-Prozess gegen den Bankier August Sternberg berichtet, Korruption bei der Berliner Polizei auf. Olgas Engagement bei Wolzogen kommt ihm gelegen, es lässt sich bei Bedarf als Argument verwenden, sollte es zu einer Ausweisung aus Preußen kommen.

Bozena Bradsky, 1872 in Berlin geboren, steht seit 1890 auf der Bühne und tritt wie d‘Estrée vor allem in Operetten auf. In der Saison 1899/1900 spielt sie in der beliebten „Fledermaus“ von Johann Strauß, für die Saison 1900/1901 ist sie für das Friedrichsbau-Variété in Stuttgart gebucht, von wo Wolzogen sie für sein Theater verpflichtet.

Robert Koppel, 1874 in Bochum geboren, kommt direkt vom Kölner Konservatorium, wo er zum Bariton ausgebildet wurde und mit letzter Prüfung im Juli 1899 die Opern- und Schauspielschule absolviert hat. Er hält sich mit Auftritten beim Kölner Lessingverein über Wasser, Wolzogens „buntes Theater“ ist seine große Chance.

Olga Wohlbrück, 1865 in Niederösterreich geboren, hat ihre Kindheit in Russland verbracht, 1887 spielt sie in Paris am Théâtre National de l’Odéon. Seit 1888 in Berlin, betätigt sie sich als Schriftstellerin und Dramatikerin, immer mit Blick für den Publikumserfolg. Wolzogen nimmt sie in seine Truppe auf, weil sie über Erfahrung mit Pantomime verfügt. Im Januar 1892 übernimmt sie für ein Gastspiel in Dresden die Rolle des Pierrot in der erfolgreichen Pantomime „L’enfant prodigue“ von André Wormser und Michel Carré, einem Import aus Paris.

Als Repräsentanten für die dramatischen Experimente, die den zweiten Teil des „Bunten Theaters“ füllen, hat Wolzogen weitere Schauspieler eingeladen, allen voran Oscar Geller, der zusammen mit Olga Wohlbrück in der Pantomime auftritt. Frank Ressner alias Carl Rössler, der schon in „Troilus und Cressida“ engagiert war, hat Wolzogen aus München zum Überbrettl geholt. Er wird zusammen mit Otto Fritzsche eine literarische Parodie bringen. Später sollen beide auch Gedichte vortragen.

Den Kapellmeister gibt Oscar Strauß, dessen musikalische Skizzen Wolzogen beim Vorspielen so gefallen haben. Die Verwechslungsgefahr mit dem Operettenkomponisten Johann Strauß ist für Wolzogen ein Vorteil. Im Moment dürfen sich die Leute ruhig vertun, so ein bekannt klingender Name ist gut für’s Geschäft. Das schafft wünschenswerte Aufmerksamkeit.

Mitten unter Wolzogens Gästen, bloß im Hintergrund, befindet sich Martin Zickel. Zwar hat er schon am 10. Dezember im Berliner Tageblatt verkünden lassen, dass er und Paul Martin getrennte Wege gehen. Paul Martin wechsle zur nächsten Saison ans „Neue Theater“, ihre gemeinsame „Sezessionsbühne“ werde aufgelöst. Faktisch besteht sie erstmal weiter, sie dient ab jetzt als Spielstätte für Wolzogens literarisches Variété. Zickel übernimmt darin eine zentrale Rolle, nicht nur als Ansprechpartner im Hause, auf den Wolzogen für seine Aufführungen zurückgreift, sondern als Regisseur eines Einakters, der genauso zum Programm gehört wie die vertonten Gedichte.

Soviel ändert sich also gar nicht auf der „Sezessionsbühne“. Und so neu ist Wolzogens „Buntes Theater“ auch nicht. Die Schwerpunkte verschieben sich, weg von modernen, experimentellen Stücke, hin zum Possenhaften und Burlesken. Beides gab es unter Zickel, beides gibt es bei Wolzogen.

Immerwährendes Casting

Noch am 14. Januar schreibt Wolzogen eine Einladung zum spontanen Casting, die Adressatin ist nicht überliefert:

Ich höre, dass Sie hier in oder bei Berlin verheiratet sind. Haben Sie dem Theater ganz abgeschworen oder machen Sie vielleicht mit dem Überbrett’l eine Ausnahme? Ich bin hier in großer Verlegenheit um eine wirklich gute Soubrette, die eine ausgezeichnete Vortragskünstlerin sein muss. Ich habe Sie zwar nie gehört, aber in München hat man Ihnen allgemein die Qualitäten, die ich suche, zugesprochen.

Wolzogen gibt sich locker. Die Umworbene kann sich gerne erst nach dem Gastspiel auf der Secessionsbühne der Truppe anschließen. Doch die Zeit drängt. Den Brief überbringt ein Bote, Probesingen bitte gleich morgen.

Wenn es möglich wäre, Sie für meine Tournee oder wenigstens für mein Berliner Gastspiel (15 Abende) zu gewinnen, so bitte ich für morgen Nach. zwischen 5. u 7. um Ihren Besuch (Mit Noten).

Die modernen Dichter und Schriftsteller schließlich, die rasenden Jünglingen, die sich auf dem Paukboden duellieren sollen, bleiben vorsichtig. Frank Wedekind jedenfalls verbietet mit Brief vom 12. Januar dem Schauspieler Frank Ressner ausdrücklich, dort sein Gedicht „Der Tantenmörder“ vorzutragen. Viel zu gefährlich!

Du weißt, daß ich damit beschäftigt bin, für meine Gedichte entsprechende Vortragsweisen zu schaffen. Wenn mir ein Fremder die Gelegenheit, damit an die Oeffentlichkeit zu gelangen, vor der Nase wegschnappt, dann kann ich mich nicht dagegen wehren. Bei seinen Freunden sollte man aber vor solchen Streichen doch wol sicher sein.

Dazu kommt folgendes, daß der „Tantenmörder“ ausgesucht das bedenklichste und gefährlichste meiner Sachen ist. Ich würde mich damit eventuell hervorwagen, wenn ich das Publicum durch vorhergegangene Productionen vollkommen in meiner Gewalt hätte und sicher wäre, ihm etwas starkes zumuthen zu können.

Ist das „Überbrettl“ ein Erfolg, wird sich das ändern. Dann wollen alle dabei sein. Journalisten mit schriftstellerischen Ambitionen, wie Oscar Geller oder Rudolf Schanzer, gehören schon dazu, weitere „rasende Jünglinge“ werden sich melden. Vielleicht befinden sich unter den Hobbyschriftstellern und dichtenden Rechtanwälten weitere Talente.

Genauso wie bei den Schauspielern und Dichtern bleibt auch bei den Komponisten alles im Fluß. Auf drei Komponisten hat sich Wolzogen festgelegt: James Rothstein, Victor Hollaender und Bogumil Zepler. Teilweise haben sie dieselben Lieder vertont, ins Programm kommt dann nur die überzeugendste Fassung. Andere werden für später zurückgehalten oder gelangen nie zur Aufführung.

Die sprunghafte Arbeitsweise Wolzogens wird durch Oscar Strauß verstärkt. Dessen Fähigkeit, gefällige Melodien on the spot herbeizukomponieren, passt hervorragend zu Wolzogens Versuchen und Ausprobieren. Was heute als Lösung erscheint, könnte morgen wieder verworfen werden.

Kurz vor dem Start kommt es darauf an, das „Überbrettl“ richtig aufzustellen. Und das geht in der literarischen Welt am besten mit einer origin story, die man in einem Manifest verkündet und durch eine Anthologie beglaubigt.

Die erfundene origin story

Wolzogen nutzt für seine origin story dasselbe Verfahren, das John Lennon genau 60 Jahre später verwendet, um den Namen „The Beatles“ zu erklären: Er hat eine Vision.

Bei Lennon ist es ein Mann auf einem brennenden Kuchen: „It came in a vision – a man appeared on a flaming pie and said unto them, ‘From this day on you are Beatles with an A’.“ Bei Wolzogen eine „dänisch-deutsche Liedersängerin“ aus dem Berliner Variéte „Wintergarten“. Sie lauert einer Gruppe von betrunkenen Bohemiens beim Zechen in der Kneipe auf und schlägt mal was vor: „Ein literarisches Tingeltangel! Wirklich! So was fehlt!“

Die Dame, „eine geborene Holsteinerin“, spricht „mit einem Anflug von Hamburger Dialekt“ und ist „hübsch, wenn auch nicht mehr ganz jung“. Ganz der nordische Typ, eine Männerfantasie:

Man hätte sie wohl für eine Dänin halten können: Ganz hellblaue Augen mit großem Stern, flachsblonde Haare, die Nase ein klein wenig, aber sehr anmutig abgestumpft; dazu ein sehr kleiner, schön geschwungener Mund, der ganz besonders zu dem kindlichen Ausdruck dieses Gesichtes beitrug. Die Haare trug sie in der Mitte gescheitelt und, die Schläfen wie einen großen Teil der Stirne ganz bedeckend, glatt über die Ohren gelegt; hinten bildete ihre dichte Fülle einen üppigen Zopfkranz. Diese Frisur gab ihr etwas süß Frauliches zu dem Kindlichen.

Wie es sich für eine Vision gehört, ist Wolzogen die Holsteinerin vom Variété nicht in real life erschienen. Er hat von ihr gelesen.

Die Vision: Das ingeniöse Mädchen aus Holstein

Die „üppig schlanke, theatermäßig geschminkte Dame mit einem weiten blauen Theatermantel und einem riesigen Federhut“ ist eine Figur aus dem satirischen Roman „Stilpe“ seines Münchener Dichterkollegen Otto Julius Bierbaum, seit drei Jahren auf dem Markt.

Bierbaums tragischer Titelheld scheitert mit der Gründung eines deutschen Kabaretts und erhängt sich am Ende auf offener Bühne. Am Anfang steht die flachsblonde Sängerin. Kein Wunder. Sie wirkt harmlos. „Wenn man ihr aber genauer in die Augen sah, so spürte man, daß eine heitere Energie der Grundzug dieses Wesens war“.

Noch im Bierdunst der Kneipe beschließen Stilpe und seine Zechgesellen, ein „Literatur-Variété-Theater“ zu gründen. Im Programm: „Die Renaissance aller Künste und des ganzen Lebens vom Tingeltangel her! Oh, das ingeniöse Mädchen aus Holstein!“ Ein literarisches Tingeltangel eben: „Wo gute Sachen gesungen werden. Sie können ja auch verrückt sein. Aber Sachen von Dichtern.“

Und wie soll das gehen? Stilpe malt die Schnapsidee in den schönsten Farben aus. Das Publikum ist längst da:

Denn zu uns, ins Tingeltangel, werden Alle kommen, die Theater und Museen ebenso ängstlich fliehen, wie die Kirche. Und bei uns werden sie, die blos ein bischen bunte Unterhaltung suchen, das finden, was ihnen Allen fehlt: Den heiteren Geist, das Leben zu verklären, die Kunst des Tanzes in Worten, Tönen, Farben, Linien, Bewegungen.

Bloß ein bisschen bunte Unterhaltung. Unbeschwert. Zum Vergnügen. Man braucht von allem etwas, kunterbunte Attraktionen. Stilpe kommt ins Schwärmen:

Die nackte Lust am Schönen, der Humor, der die Welt am Ohre nimmt, die Phantasie, die mit den Sternen jongliert und auf des Weltgeists Schnurrbartenden Seil tanzt, die Philosophie des harmonischen Lachens, das Jauchzen schmerzlicher Seelenbrunst, —

Ähnlichkeiten zwischen Wolzogen und Stilpe bestehen zweifellos. Wolzogen ist in der Künstlerszene bestens vernetzt: sein Büro im Café des Westens, die Gespräche mit Berliner Theatermachern, solide Kontakte zur Münchener Literaturszene.

Anders als Stilpe betreibt Wolzogen kühl kalkulierte Kaffehausdiplomatie. Keinen Seiltanz auf dem Schnurrbart des Weltgeistes. Die Holsteiner Variététänzerin steht für eine Geschäftsidee: Literatur als Unterhaltung! Stilpe ist Vorlage für eine geschickte Selbstinszenierung.

Mit seiner origin story gibt Wolzogen ein nationalistisches Statement ab: Sein literarisches Variété ist eine nordisch-germanische Angelegenheit, ein Ideal, geschaffen in der eigenen Fantasie. Die Idee kommt im kleinen Kreis unter deutschen Schriftstellern auf, in ihrer Bohème-Kneipe. Angeregt durch das Variété nebenan, das mag sein, aber ausgestaltet in der eigenen Fantasie.

Das Manifest: Schlanke Mädchenbeine

Wolzogens Manifest „Das Ueberbrettl“, das die „Vossische Zeitung“ am 16. Dezember 1900 erstmals abdruckt, verkündet genau diese nationalistische Botschaft. Klar, ein literarisches Variété gibt es in den Pariser Cabarets schon lange. Zugegeben, das deutsche Gastspiel der „Roulotte“ und die Vergnügungsmeile auf der Pariser Weltausstellung haben Bedürfnisse geweckt:

Seit die Pariser „Roulotte“ in Deutschland ihre Gastspielreise unternommen hat und besonders seit so vielen Tausenden deutscher Ausstellungsbesucher die Cabarets bekannt geworden sind, ist in den Kreisen unserer jüngeren Künstlergeneration der Wunsch immer lebhafter zum Ausdruck gekommen, das Experiment des künstlerischen Varietés auch bei uns zu versuchen.

Umso wichtiger, auf einem germanisch-nordischen Ursprung zu bestehen! Wolzogen bezieht seine Anregung aus Büchern. Und die können gar nicht abwegig genug sein. Eigentlich, bekennt er im Manifest, ist ja noch nicht einmal Bierbaums „Stilpe“ die erste Anregung. Sondern der dänische Roman „Verschrieben“, den der Maler, Dichter und Journalist Holger Drachmann Anfang 1892 in deutscher Übersetzung publiziert. Drachmann verarbeitet darin seine eigene, stürmische On-Off-Liebesaffäre mit der deutlich jüngeren Variétésängerin Amanda Nielsen, die er in einer Kopenhagener Singspielhalle kennenlernt. Und zeichnet seinen Weg zum Bohèmien nach.

Ein Poet wie gemacht für Wolzogens Büchertisch:

Ich selbst bin schon vor Jahren nicht durch die Pariser Vorbilder, sondern durch die phantastischen Pläne des prachtvollen skandinavischen Poeten Holger Drachmann und durch Bierbaums Roman „Stilpe“ zum Nachdenken über diese Frage und zum Schmieden eigener Pläne angeregt worden, und im Laufe der letzten zwei Jahre sind wiederholt mündliche und schriftliche Anfragen an mich ergangen, ob ich nicht die Hebung des „Brettls“ in die Hand nehmen wollte.

So machen wir das in Deutschland. Ausgiebig lesen und fantasieren. Dann Nachdenken und Pläneschmieden. Bis einer kommt und die Sache in die Hand nimmt. Endlich. Der muss ganz besonders aufpassen. In der Literatur wird gerne alles auf die Spitze getrieben, für den Effekt. „Stilpe“: Selbstmord auf offener Bühne. „Verschrieben“: Alles Bürgerliche drangeben, hinein ins Liebesabenteuer mit einer 20 Jahre jüngeren Sängerin! Nicht jede Fantasie muss man in die Tat umsetzen.

Die Gefahr, dass Wolzogen Realität und Fantasie verwechselt, besteht erstmal nicht. Die origin story ist gut vorbereitet. Schon beim Interview mit Geller im Oktober behauptet Wolzogen dreist, nie ein Pariser Cabaret besucht zu haben. Das sei auch gar nicht nötig. Deutsche könnten das auch so:  

Ich habe das Pariser Cabaret aus eigener Anschauung nicht kennen gelernt. — Aber warum sollen wir Deutschen darin so völlig hinter den Franzosen zurückstehen? Warum soll auch nicht bei uns der Schaffende zugleich zum Ausübenden werden dürfen, so er hierzu nur Talent hat?!

Geller preist Wolzogens gespielte Ahnungslosigkeit als „Vorzug“: „Das bewahrt ihn vor der bloßen Nachahmung.“

In Wirklichkeit macht Wolzogen genau das: Er ahmt nach. Bei den Proben zum „Überbrettl“ orientiert er sich bis in die Details am Programm der „Roulotte“, die er in Berlin gesehen hat. Die Biedermeierkostüme stammen direkt von dort. Und im Sommer 1900 ist Wolzogen persönlich über die Pariser Weltausstellung flaniert, hat Loie Fuller und Cleo de Merode bewundert.

Im Manifest schreibt Wolzogen, was die besseren Kreise erwarten. Gepflegt, gediegen muss es sein. Und national:

Freilich sind wir Deutschen etwas raffinirter, uns muß eine feine, erwählte Kunst auch in feiner Bequemlichkeit, in einem vornehmen, eleganten Milieu geboten werden, sollen wir sie ganz genießen. Unser „Cabaret“ muß somit sehr vornehm ausgestattet sein, muß nach jeder Richtung hin dekorativ wirken.

Hinter dem Nationalstolz lauert die Unsicherheit. Alles soll so bleiben, wie es ist. Stabilität um jeden Preis. Dekorativ, elegant, vornehm. Bequemer Genuss. Bloß das Erreichte nicht gefährden! Deswegen hat Wolzogen auch nichts gegen die Zensur. Es gibt Sicherheit, wenn der Staat über Ruhe und Ordnung wacht:

Die herrschenden Gewalten haben ja ohne Zweifel recht, wenn sie das Bestehende zu schützen und eine neue Gedankensaat zu vernichten trachten, die Unzufriedenheit mit diesem Bestehenden erzeugen könnte. Das ist einfach eine Pflicht, die der Selbsterhaltungstrieb auferlegt.

Trotzdem darf man ruhig mal etwas locker machen. Schließlich lässt die Zensur ja schon jetzt „dem friedlichen Bürger auch ruhig seine Freude an schlanken Mädchenbeinen“.

Warum auch nicht? Sich mal freuen. Entspannt lachen. Die Zensur sorgt schon dafür, dass es harmlose Schenkelklopfer bleiben. Darf man das? Ja, keine Sorge. Beherzt, vielleicht sogar krachledern, aber immer irgendwie brav. Mit kindlicher Energie. Es ist Zeit für Unterhaltung, auch in Deutschland:

Aber unpsychologisch will es mich bedünken, das freie Gelächter zu unterdrücken. Ein unterdrücktes Gelächter treibt allemal Galle ins Blut, während umgekehrt ein aufgestauter Gallenüberschuß durch kein Mittel leichter entfernt wird als durch eine kräftige Erschütterung des Zwerchfells. Menschen und Dinge, über die man nicht lachen darf, die kann man auch nicht lieben, und die weitgeöffnete Tatze, die sich lachend auf die Schenkel schlägt, ist weit harmloser als die in der Tasche geballte Faust.

So kann man es auch sehen: Lachen darf man nicht unterdrücken. Besser Schenkelklopfer als revolutionäre Schläger. Wolzogen bringt es fertig, Unterhaltung als staatstragend auszugeben.

Vor allem aber geht er eine enge Arbeitsbeziehung mit der Zensur ein. Zensur funktioniert durch Negativkorrektur. Der Theaterbetreiber legt sein Programm vor, die Polizei liest gegen und streicht. Was wird akzeptiert, was fällt durch? Das weiß man erst hinterher. Es gibt weder Handreichung noch Bedienungsanleitung. Man muss probieren.

Die Zensur setzt die Grenze des Schicklichen. An ihr entlang muss man sich bewegen, sonst wird es nicht lustig. Leider weiß man nie so genau, wo die Grenze gerade verläuft. Unterhaltung ist immer das, was noch so gerade eben erlaubt ist. Das ist ab jetzt die entscheidende Frage. Erotik wird dabei eine entscheidende Rolle spielen. „Schlanke Mädchenbeine“ erlaubt die Zensur ja schon. Mal sehen, was da noch so geht.

Schließlich geht es Wolzogen ums Geschäft. Das literarische Variété soll junge deutsche Dichter bekannt machen – und die Verkaufszahlen ankurbeln. Komponisten verdienen über den Verkauf von Notenblättern, wenn sie attraktive Hits produzieren. Die Schriftsteller, die die Textvorlage liefern, müssen Bücher verkaufen.

Die Anthologie: Deutsche Chansons

Rechtzeitig zu Weihnachten 1900, unmittelbar vor dem Start des „Überbrettl“, bringt das Leipziger Verlagshaus Schuster & Loeffler die Anthologie „Deutsche Chansons (Brettl-Lieder)“ in die Buchläden. Mit dabei sind alle die Dichter, die Wolzogen Beiträge für das „bunte Theater“ zugesagt haben.

Herausgeber Bierbaum, der die Sammlung schon Ende September abgeschlossen und in Druck gegeben hat, setzt seine Gedichte ganz unbescheiden in großer Zahl an die erste Stelle der Sammlung. Wolzogens Brettlsang-Texte aus dem „Simplicissimus“ bilden den Abschluss. Dazwischen viele moderne Dichter, jeweils mit den Texten, die sich besonders für eine Vertonung eignen. Nicht alle kommen wirklich auf Wolzogens Bühne, würden aber dorthin passen.

Im Vorwort imaginiert Bierbaum, wie er bei einer gut situierten Dame vorspricht. Ein Panorama des Fin-de-siècle. Sie sitzt „in einem mit himmelblauer Seide austapezierten Pavillon“, auf „einem mit meergrünsilber Brokat ausgeschlagenen Fauteil“, lässt den Blick in einen Park schweifen. Überall Ornamente an Fenstern und Spiegeln. Dekorativ, elegant und vornehm. Secessionsstil.

Dann käme Bierbaum und überreichte seine „chansons nouvelles“. Die elegante Dame würde lesen – und befreit lachen.

Und nun führten Sie die goldene Stielbrille ans Auge und begännen sofort zu blättern, zu naschen, zu lesen, und die kleinen heitern Refrains flögen von Ihren frischen Kirschenlippen auf und jagten sich zwischen den vergoldeten Liebesgöttchen über den Spiegeln und Fensterbögen. Schöner aber, heiterer und silbersüßer als die graziösesten Refrains, klänge Ihr Lachen, Ihr lustiges, gesund volles Kinderlachen, wenn Sie – oh glücklicher Dichter! – ein Lied fänden, das Ihnen besonders lustig und lieblich schiene.

Heiter, lustig, lieblich. Refrains, rezitiert von frischen Kirschenlippen, silbersüß. Und doch: „Kunst für das Variété“!

Darf man „Kunst in den Dienst des Tingeltangels stellen“? Ja, sie muss sich dem Leben öffnen, wie die Maler der Secession es vorgemacht haben:

Maler bauen heute Stühle, und ihr Ehrgeiz ist, daß das Stühle seien, die man nicht bloß in Museen bewundern kann, sondern mit denen sich die vier Buchstaben ohne Einbuße an ihrem Wohlbefinden wirklich in Berührung setzen können. So wollen wir auch Gedichte schreiben, die nicht bloß im stillen Kämmerlein gelesen, sondern vor einer erheiterungslustigen Menge gesungen werden mögen. Angewandte Lyrik, – da haben Sie unser Schlagwort.

Lyrik anwenden heißt: Unterhaltung. Das muss man in Deutschland genauer erklären:

Es müssen Lieder sein, die gesungen werden können; das ist das Erste. Das Zweite und nicht minder wesentliche aber ist, daß sie für eine Menge gesungen werden können, die nicht etwas wie das Publikum eines Konzertsaales, darauf aus ist, „Große Kunst“ kritisch zu genießen, sondern die ganz einfach unterhalten sein will.

Kleinkunst. Das ist modern, das passt zum nervösen 20. Jahrhundert, meint Bierbaum:

Der heutige Stadtmensch hat, wenn Sie Gütige mir das gewagte Wort erlauben, Variéténerven; er hat nur noch selten die Fähigkeit, großen dramatischen Zusammenhängen zu folgen, sein Empfindungsleben für drei Theaterstunden auf einen Ton zu stimmen; er will Abwechslung, – Variété.

Manifeste sind das eine. Gedichte das andere. Was bringt Wolzogen auf die Bühne?

Zum Inhaltsverzeichnis.
Zum nächsten Kapitel: Nobler Dilettantismus. Vertonte Lyrik in Wolzogen’s buntem Theater (folgt).

Abbildungen

Willy Ganske: Sterne des Überbrettls. Die Woche Heft 21 Heft Jg. 4 (1902), S. 957-959.

Raum der Darmstädter Künstlerkolonie auf der Pariser Weltausstellung. Dekorative Kunst . Illustrierte Zeitschrift für angewandte Kunst Bd. 4 (1899), S. 469. Link zur BSB München.

Peter Behrens: Der Kuss. Kunstsammlung der Universität Göttingen. D 1960/8. Link zur UB Göttingen. Creative Commons 4.0. Zuerst erschienen in: Pan 4 (Oktober 1898), vor S. 117.

Saharet, Maurice Biaise (Zeichnung), Alfred Walter Heymel (Gedicht). Simplicissimus Jg. 5 Heft 27 (1900/1901) 1. Oktober 1900, S. 216.

Laverrenz, Victor. Grüsse aus Berlin und Umgebung in Bild und Wort. Verlag und Druck Kunstanstalt W. Sommer, 1898. Link zur Humboldt-Universität Berlin.

  • Hotel Westminster
  • Blick auf den Bahnhof Alexanderplatz
  • Grand Hotel am Alexanderplatz

Königskolonnaden Berlin. Berliner Leben 1903, Heft 9, S. 18. Link zur ZLB.

Eröffnung der Secessionsbühne, Plakat 1900 Edmund Edel. Credit: Staatliche Museen zu Berlin, Kunstbibliothek / Dietmar Katz. Public Domain Mark 1.0. Link zu den smb.

Albert Klingner, Plakate für die Secessionsbühne. Berliner Architekturwelt Zeitschrift für Baukunst, Malerei, Plastik und Kunstgewerbe der Gegenwart 4 (1902), S. 215 + 222. Link zum Internet Archive.

Eröffnung der Sezessionsbühne. Ibsens Komödie der Liebe. Berliner Leben. Zeitschrift für Schönheit und Kunst Heft 9 Jg. 3 (1900), S. 150 scan 168. Link zur zlb. Public Domain.

Eröffnung der Sezessionsbühne. Ibsens Komödie der Liebe. Berliner Illustrirte Zeitung 9. Jg. Heft 38 (23. September 1900), S. 599. Link zur ZLB. Public Domain.

H. Hendrich: Entwurf einer Dekoration zu Ibsens „Komödie der Liebe“. In: Deutsche Lesehalle Heft 36, 1900, S. 283. Link zum Deutschen Zeitungsportal.

Einakterabend in der Secessions-Bühne Alexanderstrasse 40. Leitung Paul Martin. Plakat 1900, Ferdinand Nigg. Credit: Staatliche Museen zu Berlin, Kunstbibliothek / Dietmar Katz. Public Domain Mark 1.0. Link zu den smb.

Leiter und Darsteller von „Wolzogen’s buntem Theater“. Januar 1901.Berliner Illustrirte Zeitung 10. Jg. Heft 4 (27. Januar 1901), S. 54. Link zur ZLB. Public Domain.

Wolzogen, Koppel und Straus bei der Probevorstellung des „Bunten Theaters“ in Wolzogens Berliner Wohnung. Moderne Kunst: illustrierte Zeitschrift — 15.1902, S. XLV. Link zur UB Heidelberg.

Fotos der Probevorstellung des „Bunten Theaters“ in Wolzogens Berliner Wohnung. Aus: Oscar Geller: Wolzogens „Buntes Theater“. In: Über Land und Meer. Deutsche Illustrierte Zeitung 85. Band Jg. 43, Heft No. 19 (März 1901), S. 308-309. Eigenes Archiv.

Otto Julius Bierbaum. Bühne und Brettl. Illustrierte Zeitschrift für Theater und Kunst 5. Jg. Nr. 3 (1905), scan 61. Link zur ULB Münster. Public Domain 1.0.

Wolzogens Selbstdarstellung

Ernst von Wolzogen: Verse zu meinem Leben, Berlin: F. Fontane & Co. 1907, S. 132-136 (Überbrettl) + S. 180-183 (Elsa Laura)

Ernst von Wolzogen: Überbrettl (Nachwort). In: ders., Ansichten und Aussichten. Ein Erntebuch. Gesammelte Studien über Musik, Literatur und Theater, Berlin: F. Fontane & Co. 1908, S. 233-241.

Ernst von Wolzogen: Wie ich mich ums Leben brachte, Braunschweig: Westermann 1922

Wolzogens Erinnerungen werden in den meisten Darstellungen des Überbrettls weitgehend ungeprüft übernommen. In der vorliegenden Studie werden sie nach Möglichkeit nur dann zugrundegelegt, wenn mindestens eine weitere Quelle seine Darstellung bestätigt.

Wolzogen schreibt extrem tendenziös aus einer Rückschau, bei der er seinen gesamten Einsatz für ein literarisches Variété als Irrtum darstellt. Sein Text ist von einem systematischen Antisemitismus geprägt, der die Ereignisse verzerrt widergibt und weite Passagen fast unlesbar macht. Vor allem aber ignoriert Wolzogen die tatsächliche Chronologie und verschweigt zentrale Akteure. So vertauscht er etwa – aus rein erzähltechnischen Gründen – die Saison 1902/1903 mit der Saison 1903/1904. Schwerer wiegt, dass er Martin Zickel, mit dem er 1899 bis 1902 Seite an Seite an seinem Projekt arbeitet, mit keinem Wort erwähnt.

Verwendete Literatur

Martin Zickel und die Sezessionsbühne am Alexanderplatz:

Max Ehrlich: Das Theater als Geschäft, Berlin-Charlottenburg: Juncker [ca. 1911], S. 59-68. Link zur ZLB Berlin.

Berichte zum Start des „Überbrettls“ am Alexanderplatz:

Recherche zu Wolzogens Truppe:

  • This week on our stage (Olga d’Estrée im „Waldmeister“). The Sun. (New York, NY) 28 Nov. 1897, p. 15. Link zur Loc.
  • Strauß’s Operette „Waldmeister“ seitens der „Conried’schen Gesellschaft“ zur Aufführung gebracht. Der Deutsche correspondent. (Baltimore, MD) 11 Feb. 1898, p. 3. Link zur Loc.
  • Aus der Theaterwelt (Wolzogens Erfolg). Der Deutsche correspondent. (Baltimore, MD) 31 Jan. 1901, p. 3. Link zur Loc.
  • Näheres über die Ausweisung des früheren Deutschamerikaners Bettauer aus Preußen. In: Der Deutsche correspondent (Baltimore, Md.), May 27, 1901, S. 3. Link zur Loc.
  • Robert Koppel in Prüfungsaufführungen: Rheinischer Merkur 30.6.1998. Kölnische Zeitung 3.7.1898. Kölnische Zeitung 14.7.1898. Kölnische Zeitung 16.12.1898. Rheinischer Merkur 20.5.1899.
  • Robert Koppels Engagements: Honnefer Volkszeitung 26.7.1899. Kölnische Zeitung 27.12.1899. Kölnische Zeitung 23.5.1900
  • Olga Wohlbrück. Wrede, Richard: Das geistige Berlin. 1, Leben und Wirken der Architekten, Bildhauer, Bühnenkünstler, Journalisten, Maler, Musiker, Schriftsteller, Zeichner, Berlin 1897, S. 22. Link zur Bayerischen Staatsbibliothek.
  • Wohlbrück als Pierrot in Dresden (Freitag 22.1. bis Samstag 30.1.1892). Dresdner Nachrichten Freitag 21.1.1892 (Olga als Pierrot) + Dresdner Journal Freitag 22.1.1892 + Dresdener Journal Samstag 30.01.1892.

Frank Wedekind an Carl Rößler, 12.1.1901. „Bei seinen Freunden sollte man aber vor solchen Streichen doch wol sicher sein“. Link zur Briefedition Wedekind.

Wolzogen, Ernst von: Brief an Oscar Straus. Berlin, 19.12.1900. Wienbibliothek im Rathaus, H.I.N.-201119. Link zu Wienbibliothek digital. Public Domain Mark 1.0

Wolzogen, Ernst von: Brief an … Umlauft. o.O., 11.1.1901. Wienbibliothek im Rathaus, H.I.N.-35452. Link zu Wienbibliothek digital. Public Domain Mark 1.0. Bei der Adressatin könnte es sich um Friederike Gutmann-Umlauft handeln.

John Lennon: Being a short diversion on the dubious origins of the Beatles. Translated from the John Lennon. In: Mersey Beat Vol. 1 Nr. 1 (6.-20. Juli 1961), S. 2.

Hans Olof Gottfridsson: Echoes of the Beatles in Hamburg. Journal of Beatles Studies 2024, S. 9-34. Link zur Liverpool University Press.

Otto Julius Bierbaum: Stilpe. Roman aus der Froschperspektive, Berlin: Schuster & Loeffler 1897, S. 348-358. Link zum Deutschen Textarchiv.

Ernst v. Wolzogen: Das Überbrettl. In: Das literarische Echo Jg. 3 (1900-1901), Heft 8 (15.1.1901), Sp. 542-548. Link zur Universität Innsbruck. Bearbeiteter Wiederabdruck aus der Vossischen Zeitung vom 16. Dezember 1900. Wieder abgedruckt in: Ernst von Wolzogen, Ansichten und Aussichten.
Ein Erntebuch. Gesammelte Studien über Musik, Literatur und Theater
Berlin: F. Fontane & Co. 1908, S. 215-233.

Holger Drachmann: Verschrieben. Roman. Autorisierte Übertragung von Mathilde Mann und Victor Ottmann. 3 Teile, Leipzig: Oltmann 1892. Link zur SLUB Dresden.

Peter Jelavich: Between Elitism and Entertainment. Wolzogen’s Motley Theatre. I: ders., Berlin Cabaret, Cambridge Mass. 1993, S. 36-84.

Birgit Ziener: Der Fluch der Attraktion: Stilpe. In: dies., Avantgarde avant la lettre. Strategien literarischer Popularisierung im Werk von Otto Julius Bierbaum, Wien 2022, S. 106-165.

Otto Julius Bierbaum: Deutsche Chansons (Brettl-Lieder), Leipzig 1900. Link zum Internet Archive.

  • Otto Julius Bierbaum: Ein Brief an eine Dame anstatt einer Vorrede, S. V-XVI.
  • Ernst v. Wolzogen: A fescher Domino, S. 209-211.
  • Ernst v. Wolzogen: Das Laufmädel, S. 211-213.
  • Ernst v. Wolzogen: Madame Adèle, S. 214-217.

Arianna Busato: Zwischen Humor und Ironie. Eine Analyse des literarischen deutschen Kabaretts (1901-1909). Tesi di Dottorato, Universita di Pavia 27.07.2024. Link zur Universität Pavia. (Interpretationen von Wolzogen, S. 89-94, und Bierbaum, S. 102-105).

Stefan Frey: Oscar Straus, in: Lexikon verfolgter Musiker und Musikerinnen der NS-Zeit, Claudia Maurer Zenck, Peter Petersen, Sophie Fetthauer (Hg.), Hamburg: Universität Hamburg, 2017. Link zur Uni Hamburg.

Franz Mailer: Weltbürger der Musik. Eine Oscar-Straus-Biographie, Wien: Österreichischer Bundesverlag 1985, S. 24-28.

Jellinek, Josef: Kunstkaufleute. Roman aus der Berliner Theater- und Journalistenwelt, Berlin: Hermann Walther Verlagsbuchhandlung 1907, S. 39. Link zur ZLB.

Literatur zum Überbrettl allgemein

Anita MacMahon: The „Uber“ Movement in Germany. „Uberbrettl“ – The Turkish bath of the modern Soul. In: Temple Bar. A monthly magazine. For town and country readers Vol. 128 No. 516 (November 1903), London: MacMillan and Co. 1903, S. 599 -610. Link zum Internet Archive.

Percival Pollard: Masks and minstrels of new Germany, Boston: Luce and Company 1911. Link zum Internet Archive. 

Ernst König: Das Ueberbrettl Ernst von Wolzogens und die Berliner Ueberbrett-Bewegung, Kiel: Dissertation 1956, 193 Seiten + Anhang mit Originaltexten.

Frischkopf, Rita: Die Anfänge des Kabarets in der Kulturszene um 1900. Eine Studie über den „Chat noir“ und seine Vorformen in Paris, Wolzogens „Überbrettl“ in Berlin und die „Elf Scharfrichter“ in München, Toronto 1976. Link zur McGill University.

Brigitte Bruns: Schwabing in Ernst von Wolzogens „Das Dritte Geschlecht“. Ein Roman und seine historischen Hintergründe und Debatten. In: Freunde der Monacensia e. V. Jahrbuch 2020, S. 235-258. Link zur Universität München.

Judith Kemp, „Ein winzig Bild vom großen Leben“. Zur Kulturgeschichte von Münchens erstem Kabarett Die Elf Scharfrichter (1901–1904), München 2017 (= Bavaria. Münchner Schriften zur Buch­ und Literaturgeschichte, Bd. 4)

Gunna Wendt: Münchner Boheme im Kaffeehaus (Monacensia Literaturarchiv und Bibliothek). Link zum Literaturportal Bayern. pdf.

Peter Jelavich: Berlin Cabaret, Cambridge Mass. 1993.

Birgit Ziener: Avantgarde avant la lettre. Strategien literarischer Popularisierung im Werk von Otto Julius Bierbaum, Wien 2022.

Wolfgang Jansen, Das Varieté. Die glanzvolle Geschichte einer unterhaltenden Kunst, Berlin 1990, S. 155-166.

Wolfgang Jansen: Varieté. Untertitel Geschichte – Spielstätten – Kontexte, Münster: Waxmann 2022, S. 225-238.

Hans-Peter Bayerdörfer:  Überbrettl und Überdrama. Zum Verhältnis von literarischem Kabarett und Experimentierbühne. In: Hans-Peter Bayerdörfer, Karl Otto Conrady und Helmut Schanze (eds.): Literatur und Theater im Wilhelminischen Zeitalter, Berlin 1978, S. 292-325.