„Buntes Theater“ aus Paris: Die Roulotte


„Buntes Theater“ aus Paris

Die Roulotte

Inhalt

Die Roulotte zu Besuch in Berlin

Plakat für die Roulotte (1896, Quelle: BNF, Gallica)
Plakat für die Roulotte an ihrem Pariser Stammsitz in Montmartre. Die Gitanilla sitzt vor dem Planwagen der bunten Theatertruppe. Jeden Abend wechselndes Programm! (1896, Quelle: BNF, Gallica)

Die Berliner Künstler, Schriftsteller und Journalisten, die die französische Theatergesellschaft La Roulotte am 21. Oktober 1899 beim Preview im Berliner Belle-Alliance-Theater zu sehen bekommen, sind fassungslos. An diesem Nachmittag haben sie exklusiv die Gelegenheit, Georges Charton und seine bunte Schauspieltruppe kennenzulernen. Sie kommen direkt aus Montmartre, dem Pariser Vergnügungsviertel, und zeigen eine ganz neue Form der Unterhaltung. Theater wie auf dem Jahrmarkt, ständige wechselnde Attraktionen, keine Nummer länger als zehn Minuten. Kurze Schwankszenen, Sketche, Pantomimen mit Gesangsbegleitung, Lieder, von Schauspielern als Rollenspiel aufgeführt. Zwischendurch politische Anspielungen, immer wieder pikante Liebesszenen, hart an der Grenze des Schicklichen. Keine Atempause, alles kunterbunt gemischt. Mit diesem Programm reist die Roulotte noch bis Januar durch mehrere Großstädte in Deutschland und Österreich.

Erst Stille, dann Beifall, erst zögerlich, schließlich immer mehr. Die Kollegen aus Deutschland sind begeistert. Was die sich trauen! Und das habt ihr an der Zensur vorbei geschmuggelt? Das hat die Berliner Polizei erlaubt?

Im Publikum, unter den geladenen Gästen, befindet sich Ernst von Wolzogen, Baron und Freiherr, weitläufig mit Friedrich Schiller verwandt. Vor allem aber ist der 44-jährige Wolzogen ein erfolgreicher Schriftsteller, gut vernetzt in der Münchener Künstlerszene. Wolzogen hält sich eher zufällig in Berlin auf. Gleich zwei seiner Theaterstücke feiern gerade Premiere, und er nutzt die Gelegenheit, um sich in den Theatern der Stadt umzusehen und mit den Kollegen über neue Trends auszutauschen. Da kommt die Nachmittagsmatinée bei der Roulotte gerade richtig.

Man ist sich einig. In Deutschland fehlt das Unterhaltungstheater, das in Paris schon seit vielen Jahren funktioniert: Spaß, Zerstreuung und Ablenkung wie im Varieté, aber geschrieben von richtigen Schriftstellern und vor allem nicht schmierig. Mag sein, dass man in Paris auch schmuddelige Absteigen aufsucht, weil Sängerinnen und Schauspieler dort die neuesten Chansons angesagter junger Dichter zum Besten geben. So etwas geht in Deutschland nicht, hier muss es gediegen und sittsam sein. Später kann man vielleicht die Grenzen des Schicklichen wieder verschieben. Ganz vorsichtig, versteht sich. Wenn es zu pikant, kokett oder sinnlich wird, könnten sich prüdere Zuschauer gestört fühlen.

Man munkelt, dass die deutsche Polizeizensur stark an den Texten der Roulotte gekürzt hat. Der Reporter des Berliner Tageblatt kommentiert mit beißendem Spott:

An dem Repertoir der Aufführung hat, wie verlautet, die Theaterpolizei einen sehr eingreifenden Anteil genommen. Der gegenwärtige Inhaber des Belle-Alliance-Theaters hat nämlich keine Theaterkonzession, und die Theaterpolizei hat sich mit Eifer und scharfer Schere der Aufgabe gewidmet, alles das auszumerzen, was aus dem belebten Lied in das Schauspiel hinüberragt. Klipp, klapp, so war es abgeschnitten. Ist der künstlerische Genuß hierdurch auch hier und da gemindert worden, so erfüllt es doch den Bürger mit hoher Befriedigung, daß so sorgfältig über die polizeiliche Korrektheit und Reglementation seines Vergnügens gewacht wird.

Die eigentliche Sensation bleibt, dass die scharfe Schere überhaupt etwas übrig gelassen hat. Liegt es daran, dass im nächsten Jahr in Paris die Weltausstellung stattfindet? Dass man sich in Deutschland weltmännisch und großzügiger geben möchte? Vielleicht hat ein modernes buntes Theater endlich eine Chance. Ein Vergnügen wäre es doch, allen Reglementationen zum Trotz.

Für Wolzogen ist jedenfalls klar: Er macht jetzt auch buntes Theater, nach dem Modell der Roulotte. Das kann man eins zu eins kopieren.

Unterwegs mit grünem Planwagen

Georg Chartons Roulotte, direkt aus Montmartre, als Gastspiel in Berlin. Gerade noch rechtzeitig, im November 1899, kommt die moderne Unterhaltung für das 20. Jahrhundert auch in Deutschland an. Davon können sich nach den Berlinern noch mehrere andere Großstädte überzeugen. Überall spielt Chartons Truppe vor vollen Häusern, in Hamburg werden gleich zwei Abschiedsvorstellungen anberaumt. Und das, obwohl die Truppe nur französisch spricht!

Die Tournee ermöglicht hat die Berliner Theateragentin Dora Bauer-Sachse. Ihr Büro zählt zu den 13 großen Agenturen der Stadt, über die Engagements für die deutsche Theaterlandschaft vermittelt werden. Bauer-Sachse expandiert. Im März ist sie in größere Räume in der Neuen Wilhelmstraße gezogen. Dort bietet sie einen vollständig ausgestatteten Theatersaal, in dem Schauspieler für interessierte, aus der Provinz angereiste Intendanten Probeaufführungen abhalten können. Bauer-Sachse bemüht sich schon seit mehreren Jahren, die französische Starsängerin Sarah Bernhardt für Deutschland zu buchen, und ist regelmäßig in Paris. Bernhardt hat sie noch nicht verpflichtet, jetzt aber wenigstens die Roulotte.

Tournee der Roulotte durch Deutschland und Österreich, Oktober 1899 bis Januar 1900

21. – 31. OktoberBerlin, Belle-Alliance-Theater
1. – 5. NovemberHamburg, Hotel Hamburger Hof
9. – 10. NovemberHalle, Thalia-Theater
18. – 20. NovemberLeipzig, Carola-Theater
2. + 3. DezemberBerlin, Victoria-Theater + Neues Theater
5. – 7. DezemberWien, Jantsch-Theater
23. DezemberGießen, Stadt-Theater
27. – 29. DezemberMannheim, Apollo-Theater
30. DezemberHeidelberg, Stadt-Theater
8. – 10. JanuarAachen, Bernarts‘ Theater

Die Roulotte gibt es seit dem 27. Oktober 1896. An diesem Tag feiert Georges Charton, Sänger und Schauspieler im komischen Fach, berühmt für sein ausdrucksloses stone-face, Premiere im Stammhaus in der Rue Dorsai in Montmartre. In Montmartre gibt es viele sogenannte Cabarets, Bühnen, die ein am Varieté orientiertes, buntes Programm bieten. Sie verbinden tagesaktuelle Satire und launige Chansons mit Schauwerten, die man von billigen Varietés kennt: frivole Szenen, schöne Frauen und gewagte Texte. Aber nie zu viel davon, und immer mit literarischem Anspruch. Hinzu kommen spezielle Attraktionen. So lockt das bekannteste Cabaret, Le chat noir, mit raffiniert konstruierten Schattenspielen. Charton tritt dort als Komiker auf, bevor er sich mit einem eigenen Cabaret selbstständig macht. Mit der Roulotte setzt er geschickt eigene Akzente.

Auf dem Jahrmarkt

Chartons Markenzeichen: Die Roulotte als Kulisse, die Gitanilla zum Einstieg. Und dann das Programm! Chansons animées, cantomimes, tragikomische Einakter, Singspiele und burleske Fantasien.

Die Roulotte. Auf der Bühne steht die ganze Zeit ein grüner Planwagen, die roulotte. Die deutsche Presse hat Schwierigkeiten, das zu übersetzen: Ist es eine Schmiere, ein Roll-, ein Künstler- oder ein Zirkuswagen? Oder ein Gefährt, mit dem fahrende Komödianten durch die Lande ziehen, um in den Dörfen ihre Hanswurstiaden zum Besten zu geben? Manche ziehen den Vergleich zum antiken Thespiskarren, benannt nach einem angeblichen Erfinder des Dramas: Thespis, der mit seiner Wanderbühne in einem Karren durch Griechenland zieht.

Roulotte bedeutet, dass wir ein buntes Programm zu sehen bekommen, zusammengebastelt nach dem Baukastenprinzip. Die Roulotte stellt den Rahmen, erklärt Paul Kirstein, der für das Stuttgarter Neue Tagblatt aus Berlin schreibt:

Hebt sich der Vorhang, so sieht man als Symbol der Vorstellung rechts den grün angestrichenen Reisewagen, links einen einfachen Flügel, an dem die Gesänge, Pantomimen und sonstigen Scenen begleitet werden.

Mit so einem Bühnenaufbau bleibt man flexibel. Direktor Charton kann Schauspieler oder gleich ganze Programmpunkte austauschen sowie die Reihenfolge beliebig ändern. Problemlos kann eine zweite Truppe parallel durch andere Städte tingeln, während parallel dazu weiter am Montmartre die Stammschauspieler auftreten. Das steigert den Profit.

Die Gitanilla. Bevor es losgeht, trägt eine fahrende Sängerin, die gitanilla, zur Erläuterung einen Prolog vor, schon 1896 zum Start verfasst vom Dichter Hugo Delormes. Die gitanilla sorgt für einen Wiedererkennungseffekt, zumindest beim Rezensenten des Berliner Tageblatts. Da stört es nicht, dass Francine Lorée, die Charton mit nach Deutschland nimmt, nur eine von mehreren Schauspielerin ist, die die Rolle verkörpern. So perfekt ist die Illusion der fahrenden Sängerin:

Aus dem Wagen schlüfte ein reizendes Geschöpf, Mademoiselle Francine Lorée, allen Denen, die in Paris gewesen, schon durch die riesigen Plakatbilder bekannt, die an allen Ecken und Enden angeschlagen sind. In einem kleinen Prolog erklärt sie, daß sie die Muse des Jahrmarkts sei, und daß man auch nur Jahrmarktswaare von ihr erwarten dürfe. Das war indessen mit soviel Grazie gesagt, daß man seine Ansprüche doch gleich etwas höher spannen durfte.

Gerade das offenkundig Gekünstelte macht den besonderen Reiz des Abends aus. Eigentlich treten da vor uns ernstzunehmende Künstler auf. Mit Grazie und Anspruch, nur eben ohne allzuviel Tiefgang. Wir tun aber so, als wären wir auf dem Jahrmarkt. Geboten bekommen wir etwas ganz Neues: Gepflegte Unterhaltung, Vergnügen wie sonst nur auf dem Rummel. Ganz reizend!

Chansons animées und cantomimes

Die chanson animées. Auf deutsch wahlweise „lebende Lieder“ oder „lebende Gesänge“. Selbstredend stammen die Texte und deren Vertonung nicht von irgendwem. Charton hat junge französische Dichter für die Texte gewonnen, die Vertonung übernimmt der musikalische Leiter des Abends, der Komponist Xavier Privas. Die Lieder werden mit Klavierbegleitung in passenden Kostümen vorgetragen, wie kleine Theaterstücke. Geht es im Lied um einen Pagen, der ganz gegen die Etikette mit seiner Königin flirtet, dann treten Schauspielerinnen eben in mittelalterlichen Kostümen auf. Flirtet ein Soldat mit einem jungen Mädchen, trägt einer der beiden Sänger eben eine Uniform. In Deutschland lässt Charton zwei chansons animées immer wieder geben: Dans le bois und Effronté comme un page. Ein Reporter der Münchner neuesten Nachrichten schaut in Berlin zu und berichtet nach Hause.

Chanson animée Nr. 1: Ein Spaziergang durch die freie Natur. Zwei best-ager, altfränkisch kostümiert und sehr sehr lange verheiratet, entdecken ihre Liebe neu: Dans le bois (Im Wäldchen).

Ungemein reizvoll wirkte ein zärtlich-sentimentales Liebesduett, in welchem ein Ehepaar in dem Walde, in welchem er und sie sich einst zuerst ihre Liebe gestanden, noch einmal das längst erklungene Glück der Jugend durchträumen.

Chanson animée Nr. 2: Ein Ausflug ins Mittelalter. Ein aufdringlicher Diener ringt der Königin, die sich zugeknöpft gibt, einen Kuss ab: Effronté comme un page (Frech wie ein Page).

Noch kecker, aber fast noch graziöser das Duett „Effronté comme un page“. Vor der schönen Königin im mittelalterlichen Gewande kniet der junge, verliebte Page. Sie singt ihm ein Lied von Tugend und Vernunft, während er sie immer zärtlicher und verlanger mit stummen Liebekosungen umschmeichelt. Und zuletzt finden sich die Lippen der Königin und des Pagen doch in süßem Kusse, und die schöne Frau singt schmachtend, daß der kecke Page nach diesem einen Kusse, den sie ihm gewähre, wieder ganz brav sein müsse. Holde Sinnlichkeit ist in diesen Liedern in anmuthigste Form gegossen.

Der Münchner Rezensent hat erkennbar Schwierigkeiten mit so viel Unmoral. Ein Kuss, noch dazu auf offener Bühne. Eine Königin, schon etwas älter, Respektperson und Autorität, lässt sich dreist verführen. Trotzdem muss er zugeben: Das macht Spaß. Zu guter Unterhaltung gehört das Kokettieren mit dem Verbotenen. Verlangen, Schmachten, Liebkosen. Ungebremste Sinnlichkeit? Das verhindern die Künstler auf der Bühne, indem sie dafür die „anmutigste Form“ finden. Beide Rollen werden von Frauen gespielt, sie übertreiben das Kecke genauso wie das Matronenhafte. So bleibt die ganze Zeit klar, dass alles nur ein Spiel ist.

Die Cantomimes. Eine Pantomime mit Pierrot und Colombine, bei der die stumme Handlung durch ein hinter den Kulissen gesungenes Lied mit Klavierbegleitung erläutert wird. Die Roulotte bietet in Deutschland neben „Pierrots Weihnachten“ noch das „Testament des Pierrot“ auf, in dem sich die trostlose Colombine um ihren sterbenden Geliebten Pierrot bemüht.

Mondscheinstimmung und Schlafzimmerblicke, morbide und erotisch. Pierrot auf einem Bett, Colombine ihm zu Füßen. Was sich da alles abspielen könnte! Glücklicherweise, so der Rezensent der Halleschen Zeitung,

wurde die etwas sehr vorgeschrittene Pikanterie der Handlung durch die graziöse Naivität des Vortrags derartig nett und anscheinend harmlos, daß auch die prüderen Zuschauerinnen kaum errötheten und vergnügt kicherten.

Nochmal Glück gehabt. Wir dürfen kichern. Keine Angst vor roten Köpfen!

Sketche und burleske Fantasien

Sketche. Auch die kurzen Einakter, die zwischendurch zur Aufführung gelangen, manövrieren erfolgreich entlang der Grenze des Schicklichen. Leidenschaftlich geht es in dem Singspiel „Les trois mousmes“ zu, wo drei japanische Grazien einen weltfremden Dichter zu verführen suchen.

In einem anderen Sketch gibt es schon wieder Blicke hinter die Schlafzimmertür. Diesmal ein Ehekrieg, ein Revolver – und ein Nachttopf. Direktor Charton und Francine Lorée spielen, die Wiener Arbeiter-Zeitung berichtet:

Voll drastischer Komik ist die parodistische Tragödie Minuit et demi (Halb ein Uhr nachts), eine kecke Nachtszene vom ehelichen Kriegsschauplatze. Ihre eigentliche Pointe bildet der Einfall des Ehemannes, den angedrohten Selbstmord seiner Frau dadurch unmöglich zu machen, daß er die Revolverpatronen in einem ungenannt sein wollenden Gefäß verbirgt.

Eine heikle Situation, aber von Charton mit dem nötigen Fingerspitzengefühl gemeistert. Im Leipziger Tageblatt lobt Rudolf von Gottschall ihn für sein diskretes Spiel, bei dem

er die kitzlige Aufgabe hat, aus dem Bett aufzustehen, sich anzuziehen, sich wieder auszuziehen, sich dann von Neuem niederzulegen, wobei sein Costüm meistens in einem allerdings sehr decenten Nachthemde besteht. Er löste diese Aufgabe aufs Beste, während seine eifersüchtige Gattin von Francine Lorée mit heißblütiger Leidenschaft gespielt wurde.

Das ist noch nicht alles.

Burleske Fantasien. Als Kracher an den Schluss setzt Charton eine schrille Revue mit tagesaktuellen politischen Anspielungen: Honni soit qui mal y danse. Ein Gendarm belagert die Insassen der Roulotte, die heimlich Proviant zugeworfen bekommen. Genauso hat sich Ende August der militante französische Journalist Jules Guérin zwei Wochen lang in einer Pariser Wohnung verschanzen können, die von Polizisten umstellt war. Für die Wiener Arbeiter-Zeitung eine Posse, „die der Gattung des höheren Blödsinns angehört, und in der gute und schlechte Kalauer durcheinanderwirbeln“.

Das ist die moderne Unterhaltung, nach der sich das deutsche Publikum sehnt. Wie gelingt das? Die Zeitungen erklären, meist mit Hilfe des Presseheftes der Roulotte:

  • Nicht zu anstrengend: Charton geht „von der Überzeugung aus, daß das Publikum von heute durch allzu komplizirte oder ernste Stücke ermüdet würde, und er schuf daher ein Schauspiel, daß den Sinnen und dem Geschmack schmeichelte, das geistvoll war und dabei doch jede geistige Anstrengung ausschloß“. (Halle)
  • Ablenkung und Abwechslung: „Das Publikum war entzückt, sich zu zerstreuen und und in dieser Zerstreuung doch immer neue Eindrücke und Anregungen zu erhalten.“ (Mannheim)
  • Temperamentvoll und erfrischend: „Ein Akt der „la Roulotte“ spielt sich in zehn Minuten ab; und in diesen zehn Minuten tritt eine ganze Reihe prickelnder Sensationen zusammen.“ (Halle)
  • Von allem etwas: Die Künstler wissen „alle Kunstgattungen miteinander zu verschmelzen“ (Gießen).
  • Schöne Frauen: „Eine so liebenswürdige und ungezwungene Grazie, wie sie sich in dem Spiel der drei mitwirkenden Damen, die sich z. Th. durch große Schönheit auszeichnen, kundgiebt, ist wohl einzig nur bei Französinnen zu finden“ (Halle).
  • Frivol und gewagt, aber künstlerisch: Es wimmelt von „aktuellen politischen Anspielungen und allerliebsten Frivolitäten“ (München). Die Roulotte „bietet ein buntes lebhaftes Durcheinander, das – selbst bei den gewagtesten Scenen – immer künstlerisch, immer in den Grenzen vornehmster Grazie sich hält“ (Stuttgart).

Für die Roulotte geht es nach der Deutschland-Tournee munter weiter. Im Sommer 1900 bespielt sie eine der Buden auf der Vergnügungsmeile der Pariser Weltausstellung. Die sogenannte Rue de Paris, soll das ganze Panorama an Unterhaltung abbilden, die das Montmartre im neuen Jahrhundert zu bieten hat. Fast wie Disneyland.

Auf der Pariser Weltausstellung

Die Pariser Weltausstellung, die am 12. April 1900 eröffnet, ist vor allem ein showcase für die ausstellenden Staaten und neue Technologien. Auch für das Vergnügen wird gesorgt: In zweiter Reihe, rechts und links neben einem großen Aquarium und den Gewächshäusern des Palais de Horticulture am Seineufer. In der sogenannten Rue de Paris reihen sich kleine Schauräume aneinander: Variétés und Buden, dazwischen Restaurants. Angeblich direkt vom Montmartre, tatsächlich aber angepasst an das Setting der Weltausstellung, gibt es die Attraktionen, für die man Eintritt zahlen muss. Das will gut überlegt sein.

Besuchen wir die Marionetten im Theatre de Bonhommes Gulliaume, die tableaux vivants, von Schauspielern nachgestellte historische Ereignisse, oder die Filmprojektionen im Gruselkabinett des Grand Guignol? Sehen wir uns den Magier Le Professeur Dicksonn an oder lieber die Stummfilme, die im Phonocinothéâtre mit Ton von Schellackplatten unterlegt werden?

Genauso interessant: Frauen beim Tanzen. Im Palais de Danse führt Cleo de Merode, die schönste Frau der Welt, vorgeblich fernöstliche Tänze auf, nicht weit davon entfernt zeigt die US-Amerikanerin Loie Fuller in eigenem Theater ihren berühmten Serpentinentanz. In einer ausgeklügelten Choreographie bewegt sie riesige, geschickt beleuchtete Seidenschleier. Die Illusionen von Blumenlandschaften, Schmetterlingen oder loderndem Feuer, die sie auf diese Weise erzeugt, begeistert schon seit vielen Jahren ein Publikum auf der ganzen Welt.

Mittendrin in diesem Sammelsurium von Attraktionen und Kuriositäten: Die Roulotte und ihre chansons animées, die in verschiedenen Sprachen, in jeweils passender Landestracht und begleitet von bekannten volkstümlichen Melodien vorgeführt werden.

Am 31. Mai 1900, als Theodor Wolf in seiner Serie „Tagebuchblätter von der Weltausstellung“ für das Berliner Tageblatt einen Besuch in der Rue de Paris schildert, gibt es in derselben Ausgabe zwei Spalten entfernt nebulöse Andeutungen zu einer sogenannte „Roulotte der Modernen: ein literarisches Variété-Theater, an dessen Spitze kein geringerer als Ernst v. Wolzogen stehen soll!“ Davon habe man schon vor einigen Monaten etwas gehört. Jetzt sei es endlich so weit.

Wolzogens Botschaft ist eindeutig. Was ihr in Paris auf der Weltausstellung zu sehen bekommt, gibt es demnächst auch in Berlin. Nur viel besser. Lasst mich nur machen!

Zu „Wolzogen’s buntem Theater“: Unterhaltung für das 20. Jahrhundert.
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Abbildungen

Poster der Roulotte. Roedel, Auguste (1859-1900): La Roulotte, 42 rue de Douai, directeur Georges Charton, Paris: Affiches-Rapide 1896. Link zu Gallica bei der BNF. Public Domain. Wissenschaftliche Nutzung.

Lucien Métivet: La revue de la Roulotte (Ausschnitt). Le Rire. Journal humoristique, 16. Oktober 1897, Paris: F. Juven, S.8. Link zu Gallica bei der BNF. Public Domain. Wissenschaftliche Nutzung.

Coverabbildung. Ferny, Jacques: Chansons de la roulotte, dites par l’auteur au théâtre de la Roulotte de 1896 à 1899, au Carillon et au Tréteau de Tabarin en 1899-1900, Paris: E. Fromont 1900. Link zu Gallica bei der BNF. Public Domain. Wissenschaftliche Nutzung.

La Gitanilla. Lyse Berty (Sängerin), Georges Charton (Musik), Maxime Formont (Text). Gil Blas illustré, 9. April 1897, S. 8. Link zu Gallica bei der BNF. Public Domain. Wissenschaftliche Nutzung.

Georges Charton, Direktor der Roulotte. Die Woche. Moderne illustrierte Zeitschrift. Jg. 1 (1899), Heft 33, S. 1285. Link zur Bayerischen Staatsbibliothek München.

Chanson animée „Dans le bois“ + Cantomime „Le Testament de Pierrot“. Szenenfotos. Deutsche Lesehalle Heft 43 (1899), 22. Oktober 1899, S. 343. Eigene Fotos. Public Domain. Link zur Bayerischen Staatsbibliothek.

Francine Lorée (1905). Paris qui chante. Revue hebdomadaire illustrée des concerts, théâtres, cabarets artistiques, musics-halls Heft 150 (03 décembre 1905). Public Domain. Link zu Gallica bei der BNF.

Rue de Paris, Blick auf das Théâtre de Bonhommes Guillaume und das Grand Guignol. Meier-Graefe, Julius [Hrsg.]: Die Weltausstellung in Paris 1900, Paris 1900, S. 59. Link zur UB Heidelberg. Public Domain.

Le Théâtre / [directeur : M. Manzi], Paris, Heft 12/1898 (1. Dezember). Link zu Gallica bei der BNF.

  • Loie Fuller (cover, scan 1)
  • Cléo de Merode (scan 20)

Verwendete Literatur

Berliner Börsen-Zeitung 20.10.1899. Notiz zur Erstaufführung des Lustspiels „Ein unbeschriebenes Blatt“ von Ernst von Wolzogen am 20. Oktober 1899 im Neuen Theater. Link zum Deutschen Zeitungsportal.

Berliner Tageblatt 22.10.1899: F. D., Belle-Alliance-Theater. Tournée de la Roulotte, Théâtre Montmartrois, unter Direktion von Georges Charton. Link zum Deutschen Zeitungsportal.

Neues Tagblatt und General-Anzeiger für Stuttgart und Württemberg 27.10.1899: Paul A. Kirstein, Berliner Theater. Link zum Deutschen Zeitungsportal.

Norddeutsche allgemeine Zeitung 29.10.1899: Notiz zur Erstaufführung der Komödie „Das Gastspiel“ von Ernst von Wolzogen am 4. November 1899 im Deutschen Theater. Link zum Deutschen Zeitungsportal.

Münchner neueste Nachrichten 14.11.1899 Vorabendblatt: Max Schoenau, Berliner Plaudereien. Link zur Bayerischen Staatsbibliothek.

Arbeiter-Zeitung (Wien) 9. Dezember 1899, S. 3: Paris in Wien. Link zu Anno.

Hallesche Zeitung 11.11.1899: Thalia-Theater. Link zum Deutschen Zeitungsportal.

Leipziger Tageblatt und Anzeiger. Frühausgabe 18.11.1899: Rudolf von Gottschall, Literatur und Theater. Carola-Theater. Link zur SLUB Dresden.

Gießener Anzeiger Erstes Blatt 21.12.1899: La Roulotte. Link zum Deutschen Zeitungsportal.

General-Anzeiger der Stadt Mannheim Mittagsausgabe 23.12.1899: Die sensationelle französische Theatertruppe „La Roulotte“. Link zum Deutschen Zeitungsportal.

General-Anzeiger der Stadt Mannheim Mittagsausgabe 28.12.1899 Mittagsblatt: Die französische Theatergesellschaft „La Roulotte“. Link zum Deutschen Zeitungsportal.

Recherche zur Tour der Roulotte in Deutschland:

Recherche zu den Anfängen der Roulotte in Paris 1896:

  • Le Gaulois 28. Oktober 1896: Ouverture de la roulotte. Link zu Gallica/BNF.
  • La Petite Gironde. Journal républicain quotidien. 30. Oktober 1896: Albert Robert, Lettres parisiennes du jeudi. Link zu Gallica/BNF.
  • Revue d‘art dramatique 1. November 1896, S. 131. Link zu Gallica/BNF (chanson animée eine Erfindung von Xavier Privas).
  • Figaro. Journal non politique 5. November 1896, S. 5: Spectacles et concerts. Link zu Gallica/BNF.
  • Le Progrès artistique 5. November 1896: Léo Deville, Les premières. Link zu Gallica/BNF.
  • Montmarte, Georges Renault et Henri Cateau, Paris: Flammarion 1897, p. 279.

Xavier Privas, Chansons chimériques (5e éd.), Paris: P. Ollendorff 1905. Link zur Gallica bei der BNF.

  • S. 213-218: Noël de Pierrot
  • S. 223-228: Le Testament de Pierrot

Recherche zu Dora Bauer-Sachse:

Guide Lemercier: Exposition Universelle de 1900, Paris 1900, S. X (Plan der Rue de Paris), S. 130 (Roulotte), S. 128-137 (Beschreibung der Rue de Paris)