Die „Löns-Gedächtnisfeier“
Die Heide beim Westdeutschen Rundfunk


Rechts: Friedrich Castelle. Künder deutscher Wortkunst.
Durch die „Gedächtnisfeier für Hermann Löns“ am 29. August 1927 beim Düsseldorfer Rundfunk wird „Grün ist die Heide“ endgültig zum Schlager. Und Komponist und Lautensänger Karl Blume zum Star.
Der Journalist Friedrich Castelle erfindet die „Löns-Gedächtnisfeier“ 1916 für die einflussreiche „Literarische Gesellschaft“ in Münster. Mitten im 1. Weltkrieg veranstaltet er in Erinnerung an den gerade im Feld gefallenen Löns eine Dichterlesung mit biographischer Würdigung. Live von einem Mädchenchor gesungene „Lieder zur Laute“ sind schmückendes Beiwerk. Mit seiner Textauswahl zielt Castelle auf Kriegspropaganda.
1927 ist Friedrich Castelle am Ziel. Gerade zum Leiter des neuen Rundfunk-Studios Düsseldorf ernannt, will er die Reichweite des Radios für national-konservative Akzente nutzen. Und geht mit einer „Löns-Gedächtnisfeier“ auf Sendung.
An Lautensänger Karl Blume führt kein Weg vorbei. Seine Lieder sind der emotionale Höhepunkt, Vortrag und Dichterlesung bilden den ordnenden Rahmen.
Fast scheint die Kriegspropaganda vergessen.
Wären da nicht die vielen Löns-Gedächtnissteine, die Jäger in Uniform an vielen Orten in Deutschland errichten und zur nationalistischen Selbstbesinnung nutzen.
Inhalt
- Karl Blume als Rundfunkpionier
- Teezimmer in Münster
- Eine Widmung für Elberfeld
- Die Störteufel von Langenberg
- Friedrich Castelle und seine Löns-Gedächtnisfeiern
- Castelles Weg zum Kriegspropagandisten
- Die erste Löns-Gedächtnisfeier in Münster
- Der Erfolg der Löns-Gedächtnisfeiern
- Castelle wird Löns-Experte
- Löns-Gedächtnisfeier im Rundfunk: Blume und Castelle als Team
- Löns-Gedenksteine: Politik und Militarismus
Karl Blume als Rundfunkpionier

Der am 19. September 1925 in Betrieb genommene Sender ermöglicht erstmals den Rundfunkempfang im Ruhrgebiet und in Düsseldorf. Auch das französisch besetzte Köln wird erreicht.
Der Rundfunk kommt eher holprig an im Gebiet von Rhein und Ruhr. Blume und seine „Lieder zur Laute“ sind von Anfang an dabei. Ein entscheidender Startvorteil.
Die „Westdeutsche Funkstunde AG“ (WEFAG) nimmt ihren Sendebetrieb am 10. Oktober 1924 im abgelegenen Münster auf. In der seit 1921 entmilitarisierten Zone des Rheinlands, die durch den Einmarsch französischer und belgischer Truppen im September 1923 auf das Ruhrgebiet ausgedehnt wird, ist der Rundfunkbetrieb verboten. Damit Rhein und Ruhr trotzdem mithören können, gehen am 18. und 19. September 1925 die Sendestellen Dortmund und Elberfeld in Dienst. Das Programm kommt täglich wechselnd live aus einem der drei Senderäume. Der dazugehörige Sendeturm ist jeweils Hauptsender, die anderen strahlen dessen Funksignal per Relaisschaltung in den anderen Sendegebieten aus.
Teezimmer in Münster
In Münster befinden sich Sender und Senderaum auf dem Gelände des städtischen Elektrizitätswerks im Industriegebiet am Hafen. Die Antenne ist am höchsten Schornstein angebracht, Büro- und Aufnahmeräume liegen nebenan. Das Gebäude ist für Künstler und Vortragsredner bequem mit der Straßenbahn zu erreichen. Kurz vor der Einweihung am 10. Oktober 1924 bewundert das Fachblatt Funk die Ausstattung. Alles ordentlich am Platz:
Wer aber die Künstlerzimmer und die Aufnahmeräume betritt, dem stockt erstaunt auf der Schwelle der Fuß. Im Teezimmer der Künstler z.B. grüne Möbel und bunte Stofftapete mit japanischem Muster; im großen Aufnahmeraum über einen lila Teppich Tageshelle ausgegossen, von einem Lichterhimmel, pyramidenförmige Lampenschirme, 6 mal 8 in Reih und Glied, durch lang herabhängende Fransen jedesmal getrennt.
Zwei Monate später sitzt Karl Blume im Teezimmer, erfreut sich an der japanischen Stofftapete und spielt live unter Lampenschirmen im Aufnahmeraum: „Lieder zur Laute“, am 15. Dezember 1924 um 8.30 abends. Er sammelt in Ruhe Sendeerfahrung. Es gibt kaum Hörer, die zuhause ein Empfangsgerät stehen haben.
Nach der Radiosendung fährt Blume mit der Münsteraner Straßenbahn zurück zum Hotel Kaiserhof, direkt gegenüber vom Bahnhof. Noch am selben Abend schreibt er eine Kurznachricht an seine Frau Ida, auf gefaltetem Papier, mit Bleistift: „In Münster gut gelandet. Radio war sehr gut. Tadellos gefallen“.
Offenbar so tadellos, das Direktor und Kapellmeister des Senderaums Blume sechs Wochen später für einen weiteren Auftritt nach Münster holen. Karl Blume gibt, völlig unbeachtet, am Freitag 29. Januar 1925 sein erstes Löns-Konzert im Rundfunk. Er bietet alle von ihm im Druck vorliegenden, eigenen Löns-Kompositionen auf, mit einer Ausnahme: „Das Geheimnis“ fehlt! Will er sein gefälligstes Löns-Lied für später aufheben? Jedenfalls hat er sich schon mal als Löns-Sänger profiliert.
Auch beim nächsten Auftritt in den Räumen im Münsteraner Elektrizitätswerk, am Freitag 29. Mai 1925, ist „Das Geheimnis“ nicht dabei. Blume spielt fast nur Kompositionen aus seinen Notenhefte und setzt Akzente bei Soldatenliedern: Überbrettl-Lieder („Rieke im Manöver“ von Otto Julius Bierbaum, „Nachtwandler“ von Gustav Falke) stehen neben Vertonungen des nur vor Ort bekannten rheinischen Dichters Franz Peter Kürten („Die drei Linden“, „Manöver“). Am Schluss ein westfälisches Dialektlied über den Bauern („Das Burlala“). Aus dieser Gegend kommen ja die wenigen Hörer.
Eine Widmung für Elberfeld

Erst im September 1925, als Elberfeld und Dortmund auf Sendung gehen, ist ein Rundbetrieb für eine nennenswerte Zahl von Hörern möglich. Anders als in Münster liegen die beiden Sender außerhalb der Stadt. Nur die Senderäume werden in den Innenstädten eingerichtet. In Elberfeld nutzt man das Thaliahaus, einen Anbau zum dortigen Thalia-Theater, einer üppig ausgestatteten Operetten- und Varietébühne.
Dort tritt Karl Blume gleich in der ersten Sendewoche auf: „Lieder zur Laute“, Freitag 25. September 9.30 abends. Er weiß schließlich, wie man vor Rundfunk-Mikrofonen am besten singt. Und ist in Rheinland und Ruhrgebiet, dem Haupteinzugsbereich des Senders, überall bekannt. Die Fachzeitschrift Funk ist begeistert:
Einen hervorragenden Genuß bescherte uns der treffliche Lautensänger Karl Blume: er gefiel im Hören musikalisch noch besser als sonst im Konzertsaal, schade, daß ihm anscheinend die Zeit für seine Vorträge beschnitten war.
Blume hat, was man für den Rundfunkgenuss braucht: eine radio voice, Medienpräsenz und einen klangvollen Namen in der Region. Fehlen nur noch ein paar Vorträge.
In Elberfelder Thaliahaus hinterlässt Blume jedenfalls Spuren. Das Wartezimmer der Künstler, die sich auf ihren Auftritt vorbereiten, ist mit modernen expressionistischen Gemälden geschmückt. Eines der ersten Fotos mit Widmung, die dazwischen aufgehängt werden, kommt von Lautensänger Karl Blume.
Die Störteufel von Langenberg

Die Empfangssituation in Rheinland-Westfalen ändert sich zum 01. Januar 1927, als die jetzt so bezeichnete „Westdeutsche Rundfunk AG“ (WERAG) ihre Zentrale in Köln bezieht und ab dem 15. Januar 1927 den topmoderne Sender Langenberg in der Nähe von Düsseldorf in Betrieb nimmt. Er kommt zum richtigen Zeitpunkt. Immer mehr Leute haben jetzt einen Kristall-Detektor zuhause, mit dem sie „Unterhaltungs-Rundfunk“ hören wollen.
Langenberg ist der reichweitenstärkste Sender in ganz Europa, mit etwas Glück kannst du ihn sogar in Übersee hören, auf jeden Fall weit über das Rheinland hinaus in ganz Deutschland. Mit einem Mal ist Rheinland-Westfalen technologisch ganz vorne.
Wieder gehört Blume zu den ersten, deren Stimme und Musik über den reichweitengestärkten Äther geht. Am 4. März 1927, 9 Uhr abends, kaum zwei Monate nach Sendebeginn, spielt er im neuen Senderaum Düsseldorf „Lieder zur Laute“.
In der Zeitung, die mittlerweile das Rundfunkprogramm auflistet und bespricht, bekommt seine Show großes Lob. Das Echo der Gegenwart aus Aachen meint:
Karl Blume, der bekannte Sänger zur Laute, ein Künstler, der wirklich Eigenes zu sagen hat und dem zuzuhören man nicht so leicht ermüdet, gab einen Abend in Düsseldorf. Er flocht einen entzückenden Kranz feiner, schelmischer Lieder. Besonders gut wirkten auch seine eigenen Kompositionen, Vertonungen Lönsscher Poesie, darunter das vielgesungene „Geheimnis“ („Ja, grün ist die Heide“).
Das „Geheimnis“ ist zu diesem Zeitpunkt schon so etwas wie ein Hit. Vielgesungen! In Klammern steht der Refrain dahinter. Unter diesem Titel spielen Salonorchester den Song, nach Lülings „symphonischer Paraphrase“. Du kennst es bestimmt auch schon!
Da hört man gerne zu. Und dass, obwohl beim Sender Langenfeld die Störteufel dazwischenspuken. Dabei habe ich doch eifrig die Kristalle meiner Detektoren geputzt! Von wegen „Unterhaltungs-Rundfunk“! Auch hierüber schreibt das Echo der Gegenwart:
In diesen Tagen wird man wohl eifrig die Kristalle der Detektoren geprüft und gesäubert haben, oder man hat verzweiflungsvoll Spulen und Röhren untersucht— und dennoch hörte man Langenberg nicht oder nur sehr schlecht. Doch lag dies nicht an den Empfangsgeräten, sondern Langenberg wurde rückfällig, d. h. es traten während einiger Tage wieder mehr oder weniger große Störungen in Erscheinung. Hoffentlich gelingt es recht bald, die „Störteufel“ aus dem Sendehaus für immer zu verjagen.
Blume kann das nichts anhaben. Er hat vor dem Mikrophon zu singen gelernt, als das Publikum noch klein war, und in aller Ruhe an seiner radio voice gefeilt. Er stellt sich die nächste Frage: Wie kann man die neue Bekanntheit nutzen?
„Vertonungen Lönsscher Poesie“. Das könnte der Weg zum ganz großen Erfolg sein. Ausprobiert hat Blume es schon vor mehr als zwei Jahren in Münster, als es Detektoren kaum und den Sender Langenberg überhaupt nicht gab. Dass Blume ausgerechnet mit Löns der große Durchbruch gelingt, liegt an Friedrich Castelle.
Friedrich Castelle und seine Löns-Gedächtnisfeiern
Friedrich Castelle ist der Erfinder der Löns-Abende. Die sind 1927 ganz groß in Mode und werden überall in Deutschland nach einem ähnlichen Muster veranstaltet. Das Modell „Löns-Abend“ entsteht, wie Blumes Vertonung des „Geheimnis“, schon während des ersten Weltkriegs, diesmal nicht im Schützengraben, sondern zuhause in der Heimat. Und genauso wie Blumes Vertonung wird es diesen Entstehungskontext nie wieder los.
Castelles Weg zum Kriegspropagandisten
Friedrich Castelle, im Münsterland geboren und ein Jahr jünger als Karl Blume, startet als Journalist, ab 1904 im Feuilleton des Münsterschen Anzeigers, später auch bei anderen Zeitungen. Sein Studium an der Universität Münster schließt er erst 1906 mit einer Promotion über Eichendorff ab, unter dessen Gedichten sich neben den heute vor allem bekannten romantischen Volksliedern ganz selbstverständlich auch patriotische Kriegslyrik („Auf Feldwacht“, „Waffenstillstand der Nacht“, „Soldatenlied“) befindet. Auch der modernen deutschen Lyrik, die Wolzogen für sein buntes Theater nutzt, steht Castelle augeschlossen gegenüber: 1909 erscheint eine Einführung in die Dichtung Gustav Falkes.
Ab 1913 übernimmt Castelle von Düsseldorf aus die Schriftleitung des Monatshefts Deutschland. Organ für die deutschen Verkehrs-Interessen. Amtliche Zeitschrift des Bundes Deutscher Verkehrs-Vereine. Das Heft gibt es seit 1911 und dient als Informations- und Werbeblatt für den Tourismus, anfangs erscheint sogar eine American Travellers‘ Edition mit den attraktivsten Reisezielen. Mit Kriegsbeginn ändert sich alles. Castelle ersetzt die bunt zusammengewürfelten Reportagen über das schöne Rheinland, die schwäbische Alb oder deutsche Weinsorten durch patriotische Kriegsberichterstattung und deutet in erbaulichen Leitartikeln das Kriegsgeschehen: „Weltgeschichte – Weltgericht!“ „Deutsche Frauen – deutsche Treue!“
Castelle versteht sich als Schriftsteller und Künstler. Zum Kaisergeburtstag am 17. Januar 1915 widmet er dem Jubilar in der Zeitschrift Deutschland ein Gedicht:
Du stehst im Sturme wilder Ungewitter
Dein deutscher Friede ist in Bann und Acht.
Stehst still und stumm, ob Splitter auch um Splitter
Der kriegentbrannten Menschheit Dich umkracht. […]Das Weltall wankt in den urew’gen Gründen,
Das Weltmeer glüht und schäumt von Menschenblut –
Doch Du stehst über all den Donnerschlünden
In Deines Volkes, Deines Heeres Hut.
Parallel tritt Castelle auf Vortragsreisen auf, weihevolles Herrscherlob und Festreden liegen ihm. Er kommt herum und pflegt Kontakte zu den Leuten, die seinen feierlich-pathetischen Ton zu schätzen wissen. Und das sind nicht wenige. Wie in den tendenziösen journalistischen Texten betreibt er auch in seinen Vorträgen Kriegspropaganda.
Vor der einflussreichen Literarischen Gesellschaft in Münster, zu deren Mitgliedern Castelle zählt, spricht er am 18. März 1915 zu dem Thema „Der deutsche Krieg im deutschen Lied“. Der Münsterische Anzeiger lobt Castelle zwei Tage später für seine Vortragstechnik und die geschickte Auswahl historischer und zeitgenössischer Kriegslyrik: „Flammende Begeisterung, stimmungsvolle Seelengemälde, kraftvolle Schlachtschilderungen und humorgewürzte Einzelbilder geben dem Vortragenden reiche Gelegenheit, der Dichter und des eigenen Schaffens Kunst in vollendeter Form zu zeigen.“ Hier versteht sich einer darauf, den Krieg in leuchtenden Farben zu malen.
Einen besonderen Platz räumt Castelle dem gerade verstorbenen Löns ein. Er ist Krieger und Dichter zugleich, als Held im Krieg gefallen. Und er steht für einfache Volkslieder („Der kleine Rosengarten“) und nationalistische Kriegsprosa („Der Wehrwolf“) zugleich. Mehr geht nicht:
Mit warmen Worten gedachte der Redner unseres niederdeutschen Landsmanns Hermann Löns, der schon in seinem „Wehrwolf“ und „Kleinen Rosengarten“ echte Töne heimischer und kriegerischer Gesinnung fand, bevor er als Kriegsfreiwilliger als einer der ersten sein Leben dem Vaterlande opferte.
Münsterischer Anzeiger 20.03.1915, S. 2
Dass Castelle ausgerechnet Löns so hervorhebt, kommt nicht von ungefähr. Löns hatte am 15. und 16. April 1910 in Münster bei der Literarischen Gesellschaft aus seinen Werken gelesen, Castelle war mit ihm gut bekannt. Löns gilt bereits etwas in der Stadt.
Mit seinen nationalistischen Vorträgen und Texten will sich Castelle offenbar für das Amt des Presseaufsehers qualifizieren, das er ab Anfang 1916 beim Armee-Oberkommando in Münster übernimmt. Seit Kriegsbeginn ist die Pressefreiheit aufgehoben und die deutschen Zeitungen unterliegen der Militärzensur. Als Militärbeamter bei der Zensurstelle Münster kontrolliert Castelle die Presselandschaft und entscheidet darüber, was gedruckt werden darf. Ein enormer Karrieresprung.
Die erste Löns-Gedächtnisfeier in Münster
Für Sonntag, den 9. Januar 1916, lädt die Literarische Gesellschaft in Münster wieder zu einem Castelle-Vortrag ein. Per Zeitungsannonce wird eine „Hermann Löns Gedenkfeier“ „abends 3¼ Uhr in der Aula des Städtischen Gymnasiums“ angekündigt. „Mitwirkende: Der Berliner Lautenchor unter Leitung des Komponisten Max Battke: Dr. Friedr. Castelle.“

Was nicht in der Einladung steht: Der Festredner wird bald Zensor beim Militär und bestimmt, was man in der Presse sagen und lesen darf. Auch wenn Castelle vordergründig über „Löns“ spricht: Er setzt vor allem programmatische Schwerpunkte für sein Amt und führt die Grenzen des Sagbaren vor.


Das Covermotiv des achtseitigen Programmhefts, das die Literarische Gesellschaft Münster zur Feier herausgibt, wird von Castelle mit Bedacht gewählt. Es gibt viele Fotos von Löns, alle beim beim Fotografen inszeniert. Sie zeigen ihn als Dandy, gesetzten Herrn oder Wanderer mit Spazierstock. Castelle wählt Löns als Jäger, mit Fernglas im Jagdrock, die Waffe in der Hand. Ein Mann in Uniform, fast ein Soldat. Das passt zur Situation: Deutschland ist im Krieg, Löns im Feld gefallen. Löns, der Mann in Uniform, ein Held der vaterländischen Sache, ein Sinnbild der wehrhaften Nation. Genau das, was Castelle für seine Kriegspropaganda braucht.
Dies setzt sich in Castelles Redebeiträgen fort. Gezielt stellt Castelle den „Wehrwolf“ in den Mittelpunkt und trägt eine Schlacht- und Kampfszene vor. Damit treffe er, so der Rezensent des „Münsterischen Anzeigers“ vom 12. Januar, „wunderbar die Stimmung, die gerade in gegenwärtiger Zeit uns alle durchbebt“. „Für viele mag hier zum ersten Male der Krieg Plastik, lebendige Anschauung und farbige Vorstellung gewonnen haben“. Harm Wulf, der „Wehrwolf“ aus Löns‘ Roman, ist ein Vorbild für den Deutschen im Krieg. „Der unbeugsame Wille, die bis zum letzten Nerv gespannte Energie des Wulfbauern, die Greuel der Kämpfe selbst“, „das alles kam in seinem Farbenreichtum überaus wirkungsvoll, ja geradezu meisterhaft zur Geltung.“ Der ausverkaufte Saal erliegt der Farbenpracht. „Nicht enden wollender Beifall rief denn auch Herrn Dr. Castelle nochmals heraus.“ Bravo.
Der Rahmen, in den Castelle den „Wehrwolf“ stellt, lässt die propagandistische Botschaft um so heller leuchten. In einleitenden Gedächtnisworte porträtiert Castelle, „der dem von uns gegangenen Dichter in jahrelanger Freundschaft nahestand“, Löns als unerbittlichen „Kämpfer“, „der einen Tod in Schönheit fand, wie er ihn sich immer geträumt hatte“. Und die Groteske „Hubb der Hüne“ soll gerade dadurch wirken, dass sie einen „Gegensatz“ zur „Aktualität“ des „Wehrwolf“ bildet. Sie „führt aus der Gegenwart — der Wulfbauer war Gegenwart — in die Märchen= und Traumwelt“.
Bei der Auswahl des Lautenchors erweist sich Castelle als geschickter Kulturmanager – würde er die Kultur nicht rigoros propagandistischen Zwecken unterordnen. Der Berliner Musikpädagoge Max Battke ist gerade der Löns-Komponist mit dem größten Repertoire. Und dem größten Renomée. Castelle lässt ihn aus Berlin anreisen, nur für die Gedenkfeier. Battkes Lieder werden von gleich zwölf jungen Frauen mit Lauten präsentiert, sie bieten alle von Battke vertonten Löns-Kompositionen auf. Das sind nicht wenige.
Wieder dreht sich alles um den Krieg und Soldaten in Uniform. Die unverdächtigen Liebeslieder, die als „Volkslieder“ ausgewiesen sind, gibt es erst später im Programm, direkt nach dem Hauen und Stechen des „Wehrwolfs“. Als Ausgleich, Trost und emotionaler Höhepunkt. Hier ist Platz für das Gefühl, die Sehnsucht, die Verzweiflung. All das Traurige, das der Krieg über die Menschen bringt.
Gerahmt, umstellt, eingehegt werden die „Volkslieder“ von zwei Blöcken mit „Soldatenlieder“. Alles ist dabei. Das „Ulaneneinmaleins“, in dem ein Soldaten nachts seine Geliebte besucht („Ulanen lieben treu und heiß“) kommt relativ harmlos daher. Aber das aggressive „Matrosenlied“, der vorletzte Song, ist gezielt zur Kriegsagitation ausgewählt. Deutsche Seeleute wappnen sich für den Krieg gegen England („Leb wohl, mein Schatz, leb wohl,/ Denn wir fahren gegen Engelland“) und bekunden ihre Bereitschaft, für das Vaterland zu sterben („Weine nicht um mich, mein Schatz, und denke,/ Für das Vaterland da floß sein Blut“). Am Ende singt der „Grenadier“ vom drohenden Tod und seiner unerfüllten Liebe: „Wenn die blauen Bohnen fliegen,/ Wenn da fließt das rote Blut,/ Deiner werde ich gedenken,/ Denn ich bin dir gar zu gut.“ Punkt. Ende der Gedenkfeier. Kaum auszuhalten. Da muss man tapfer sein.
Nicht alles, entnehmen wir dem rezensierenden „Münsterischen Anzeiger“, läuft bei der Gedenkfeier so wie geplant: „Infolge großer Zugverspätungen traf der Chor erst um 8 Uhr abends in Münster ein, daher auch die Verzögerung des Beginns der Feier. Außerdem beeinflußte der große Temperaturunterschied zwischen Stimmzimmer und Vortragssaal die Stimmung der Lauten.“ Verstimmtes Ploingploing auf der Klampfe, und dann auch Verspätung! Den „tiefsten Eindruck auf die Zuhörer“ hinterlassen ohnehin „die Vorträge von Herrn Dr. Castelle aus den Prosawerken von Hermann Löns“, die Texte durch „seine feine Hand“ ausgewählt. „Die vollendete, reife Vortragskunst des Herrn Dr. Castelle hielt die Hörer vom ersten bis zum letzten Wort in atemloser Spannung.“
Die Atemlosigkeit dringt bis ins ferne Köln, wo der „Kölnische Anzeiger“ am 16. Januar mitteilt, wie Castelle in Münster „die fast tausendköpfige Zuhörerschaft als Vortragskünstler von reicher technischer Ausdrucksfähigkeit und nachschöpferischer Innerlichkeit mit sich fortriß.“ Löns ganz tief innen nachgeschöpft, im Vortrag technisch perfekt. 1000 Leute, fortgerissen. Vergessen all die Missklänge und Verstimmungen. Das könnte eine ganz große Sache werden!
Der Erfolg der Löns-Gedächtnisfeiern

Woher kommt der Erfolg? Castelle baut im Januar 1916 eigentlich bloß die Merkmale, die er Löns schon in seinem Kriegsvortrag von 1915 zuspricht, zu einem abendfüllenden Programm aus. Der Rezensent des Münsterischen Anzeigers bezeugt, wie gut das ankommt.
1. Löns als Person steht für Vaterlandsliebe, Wehrhaftigkeit und bedingungslosen Verteidigungswillen. Denn Löns, „der ein Kämpfer war bis zum letzten Atemzuge, der einen Tod in Schönheit fand, wie er ihn sich immer erträumt hatte“, ist „ein auf dem Felde der Ehre gefallene[r] Dichter“.
2. Seine Texte lassen sich für nationalistische Ziele nutzen. Der „Wehrwolf“ zeigt Hingabe und Opferbereitschaft für das Vaterland, hat Vorbildfunktion für jeden Deutschen. Hier wird der Krieg „Plastik, lebendige Anschauung und farbige Vorstellung“.
3. Löns-Lieder rühren an die ganz großen Emotionen. Der Lautenchor präsentiert ihre „ganze Buntheit“: „Die übersprudelnde Lebendigkeit und Lebensfreude des ‚Ulanenliedes‘, den bittersüßen Unterton des ‚Liedes von der Nachtigall‘, das wiederholt werden mußte, den schmerzvollen Trotz verschmähter Liebe in dem Gedichte ‚Der eine allein‘, Trauer, Verzweiflung, nie enden wollendes Leid im ‚Irrlicht‘, das von männlichem Willen und Ernst gebändigte Abschiedsweh in dem unvergleichlichen ‚Matrosenlied‘“. Bittersüß, schmerzvoll, trotzig, verzweifelt. Trauer, Wille, Lebensfreude. In nur fünf Liedern! Das muss wiederholt werden.
Schon in der ersten Löns-Gedächtnisfeier baut Castelle „Löns“ als Marke mit hohem Wiedererkennungswert auf. Ihm gelingt es, die Leute emotional anzusprechen und zu packen, indem er Löns zu einem gefühlvoll-patriotischen Dichter stilisiert. Dabei überwiegt eine politische Zielsetzung. Castelle nutzt das Label „Löns“ für Agitation und Propaganda, spricht für eine Gesellschaft mitten im Krieg.
Unterhaltung kommt bloß am Rande vor und muss sich selbstverständlich anderen Zielen unterordnen. Die Emotionen, die mit den Löns-Liedern verknüpft werden, sind vom Krieg bestimmt. Aber schon hier werden Löns-Lieder gesungen, die Laute ist das Begleitinstrument, das Publikum emotional bewegt.
Eins wird klar: Von den Löns-Liedern geht eine manipulative Kraft aus. Noch steht sie im Dienst der Politik, sie könnte auch bloß unterhalten, wie richtige populäre Kultur. Später vielleicht?
Castelle wird Löns-Experte

Castelle geht mit seinen Vorträgen während der Kriegsjahre auf Tour durch ganz Deutschland. Am 15. November 1917 gibt der „Paderborner Anzeiger“ eine Presseschau. Berlin, Düsseldorf, Danzig. Überall schwärmt man von Castelle. „Seine Stimme, die klangvoll und stark ist, beherrscht er in allen Lagen, wie der Meister des Orgelspiels die Register seines Instruments.“ Ein Mann wie eine Orgel. Klangvoll, stark, beherrscht. Wie gelingen ihm „stürmische Erfolge“? Castelle erzählt die Lönstexte „frei aus dem Gedächtnis so ursprünglich und lebendig, daß man den Eindruck hat, er gestalte im Augenblick des Erzählens die Geschichten aus eigenem dichterischen Erleben.“ Du meinst, Löns selbst plaudert da aus dem Nähkästchen, nur die besten Geschichten.
1919 sind Löns-Abende so fest etabiliert, dass Seminar-Oberlehrer Karl Hemprich aus Merseburg für die Broschürenreihe „Jugendabende. Darbietungen für unsere Jugend im Jugendheim“ eine didaktische Handreichung über „Hermann Löns im Jugendverein und auf Volksbildungsabenden“ schreiben kann. Die vorgeschlagene Choreographie: „1. Herm. Löns als Dichter des Rosengartens. II. Als Dichter der Heimatschönheit und sinnigen Naturbetrachtung. III. Als Dichter des bäuerlichen Epos, des Wehrwolfs und IV. als Dichter der Heimatpflege und des Heimatschutzes“. Volkslieder, Heimatdichtung, wehrhafte Krieger, Naturschutz. Das alles passt zusammen? Erst, wenn man Hermann Löns drüberschreibt. Nicht vergessen, liebe Pädagogen: Die Musik ist der Schlüssel für die Botschaften der Heimatliebe, „in den Stunden, wo Liebe zur Löns’schen Muse erweckt werden soll, müssen unbedingt einige seiner Lieder gesungen werden.“
Der unbestrittende Star der professionellen Löns-Abende bleibt weiterhin Friedrich Castelle. Heute hier, morgen da. On tour mit seinem Best-of-Löns-Programm, auswendig dahergesagt und nachgefühlt. Alternativ hat er auch andere Dichter im Gepäck. Fleißig pflegt Castelle, der gelernte Journalist, die Kontakte zu seinen Kollegen. Der „Schriftleitung der Casseler Allgemeinen Zeitung“ dankt er 1922 artig mit personalisierter Postkarte für die Besprechung eines Wilhelm-Busch-Abends. „Darf ich Sie bitten, dem Verfasser meinen herzlichen Dank übermitteln?“ Und macht Werbung: „Der nächste Abend wird Wilhelm Raabe gewidmet“. Gute Freunde muss man haben. Damit der nächste Abend gebucht wird. Und die Welle nicht abebbt. „Ergebenst Ihr Friedrich Castelle.“
Parallel zu den Dichterabenden baut Castelle im Printbereich seinen Ruf als Nachlassverwalter und Künder des Löns-Erbe aus. Der kommt nämlich am besten an. 1923 gibt Castelle die „gesammelten Werke“ des Heidedichters heraus, 1924 folgt der Prachtband „Hermann Löns und seine Heide“, in dem Bildmotive aus der Heide mit Beiträgen von Castelle und weiteren Löns-Deutern kombiniert sind. „Eine Wanderung in Bildern durch die Stätten seiner Werke.“ Löns selbst kommt nur noch mit einigen Texten vor, längst geht es um mehr: die Heide als Gefühl, als Sehnsuchtsort, wo Liebende sich treffen und der Jäger einsam sinnend umherstreift. Wo der Tod im Schützengraben unvergessen bleibt. Das Buch zum Löns-Abend, für zuhause zum Nachblättern und Mitwandern in Gedanken.

1926 ist es soweit, Castelle kann mit seiner Hermann-Löns-Show auf Rundfunksendertournee gehen, topmodern mit Flugzeug, rund um den Dichter-Geburtstag. „Im Flugzeug auf Rundreise“, alles planmäßig mit Lufthansa: „Friedrich Castelle, der ein begehrter Sprecher im deutschen Rundfunk geworden ist, macht zur Zeit aus Anlaß des 60. Geburtstages von Hermann Löns eine Vortragsreise, die ihn über die Sender Königsberg, Hamburg, Münster, Frankfurt, Breslau führt. Er legt die ganze Reise in den planmäßigen Flugzeugen der Lufthansa zurück. In Münster spricht Castelle Mittwoch, 25. August, Dichtungen von Hermann Löns“ (Wittener Volkszeitung am 23.08.1926).
Die Show vom 25. August 1926 aus dem Senderaum Münster ist musikalisch untermalt, noch nicht von Blume. Castelles radio voice, weich und sympathisch, steht im Mittelpunkt der Zeitungsberichterstattung. Das Liedersingen kommt am Rande vor. Ein anderer Löns-Sänger hat den Zuschlag bekommen, reichlich traurig, langsam, hundertfach vertont: „Am Löns-Abend gedachte Friedrich Castelle des Sechzigjährigen, indem er mit seiner weichen, sympathischen Stimme aus seinen Werken vorlas; es waren Stunden stiller Freude mit dem Frühverstorbenen. Dazwischen sang Paul Schröder, Hattingen, reichlich traurig und langsam einige von den hundertfach vertonten Löns-Liedern“ (Rheinische Volkswacht 31.08.1926).
Was dem Vortragsreisenden Castelle fehlt, allen Flugreisen zum Trotz, ist die Festanstellung. Er ist weiterhin Zeitschriftenredakteur, auch Dozent akademischer Kurse in Düsseldorf. Das allein ernährt einen Mann aber nicht, deswegen die vielen Löns-Abende und das Klinkenputzen bei Zeitungsschriftleitungen.
Anfang 1927 könnte es endlich soweit sein. Castelle soll hauptamtlicher Dozent im Freihochschulwesen zu Düsseldorf werden. Aber seine Berufung scheitert im März 1927 überraschend im Stadtrat, vor allem die Sozialdemokraten lehnen ihn wegen seiner Tätigkeit für das Armeeoberkommando in Münster während des Krieges ab. Kurzzeitig ist er als Intendant des Theaters im Gespräch. ÜBerall stößt der national-konservative Castelle auf großen Widerstand. Seine Unterstützer finden dann doch noch etwas für ihn: Castelle geht zum Rundfunk.
Am 15. Januar, parallel zum Start des Senders Langenberg, hat in Düsseldorf eine Nebenstelle der WERAG, die ab jetzt ihren Hauptsitz in Köln erhält, ihren Betrieb aufgenommen. Ein ehemaliges Offizierskasino in der Roßstraße 133 im Düsseldorfer Stadtteil Derendorf ist kurzerhand zum Rundfunksitz umdefiniert worden. Zur Eröffnung gibt es nicht mehr als einen Besprechungsraum, in dem ein kleines Orchester Teemusik spielt. Die Sendeantenne, mit der an den Sender Langenberg übertragen wird, wird vor dem Gebäude errichtet. Ein großer Saal wird nach dem Elberfelder Vorbild ausgestattet, mit Plüschstoffen und basttistenen Zwischendecken feilt man am Sound.
Castelle, endlich auf einem Posten mit Einfluss, ergreift die Gelegenheit. Jetzt kann er unbehelligt und selbstständig ein Programm gestalten und erreicht ein großes Publikum mit seinen nationalistischen Zielen. Der Kult um Hermann Löns, den er seit der ersten Löns-Gedächtnisfeier Anfang 1916 in Münster systematisch aufgebaut hat, ist sein wirksamste Mittel. Ein Held, gestorben im Kampf für sein Vaterland. Ein wehrhafter Soldat, den Castelle zum Vorbild stilisiert für die wiedererstarkte Nation, die ihm vorschwebt. Kaum ist Castelle im Amt, bringt er Löns groß heraus.
Löns-Gedächtnisfeier im Rundfunk: Blume und Castelle als Team
Am 29. August 1927, zum Löns-Geburtstag, richtet Castelle wieder einen Gedenkabend aus. Diesmal arbeitet er Hand in Hand mit Blume. Der beste Lönsdeuter und Festredner mit dem besten Lönssänger und Lautenspieler.
An Blume führt kein Weg mehr vorbei. Er hat nicht nur bei seinem Rundfunkkonzert am 4. März 1927 mit dem „Geheimnis“ gepunktet. Blume war kurz darauf mit lustigen Zecher-Liedern an gleich zwei Rhein-Abenden beteiligt, die der Leiter der WERAG-Abteilung Oper, Siegfried Anheißer, im Senderaum Köln ausrichtet:
- Der Rhein in Sage und Dichtung, Donnerstag 7. April 1927 (8.30-10.30 abends)
- 2. Rheinischer Abend, Freitag 22. Juli 1927 (ab 21.00 Uhr abends)
Blume hat jetzt so etwas wie eine feste Position als der Lautensänger bei der WERAG. Da können wir keinen x-beliebigen Sänger mehr buchen.
Ein weiterer Vorteil: Blume wohnt, genauso wie Castelle, in Düsseldorf, man kennt sich aus der lokalen Künstlerszenen und von so manchem gemeinsamen Kneipenabend. Castelle rekrutiert gezielt Düsseldorfer Künstler für seinen Senderaum.
Bei dieser „Löns-Gedächtnisfeier“ läuft alles rund. Die Störteufel sind vertrieben, die Kristall-Detektoren der Rundfunkhörer geputzt. Die Laute ist perfekt gestimmt, Sänger Blume schmettert seine radio voice. Und was für ein Publikum dank Langenberg! Rheinland, Westfalen, Deutschland, Übersee. Alles auf der Mittelwelle. Die Feier kann beginnen. Bei der Songauswahl wird das vielgesungene „Das Geheimnis“, der offizielle Titel von „Grün ist die Heide“, prominent an erster Stelle platziert.
Rundfunk, Montag 29. August
20.30—22.15 Uhr: Düsseldorf (für La, Mü, Do): Gedächtnisfeier für Hermann Löns. Mitwirkende: Karl Blume (mit eigenen Löns=Liedern zur Laute), Dr. Friedrich Castelle (Ansprache und Rezitationen).
Wittener Volkszeitung 29.08.1927, S. 5
- 1. Eine kleine Geburtstagsrede (Friedrich Castelle).
- 2. Lieder zur Laute: a) Das Geheimnis; b) Der Tauber (Karl Blume).
- 3. Rezitation: Doris (Aus den „Häusern vom Ohlenhof“), (Friedrich Castelle).
- 4. Lieder zur Laute: a) Das Irrlicht; b) Schäferlied (Karl Blume)
- 5. Rezitation: Der Schwedensturm (Aus dem „Werwolf“), [Friedrich Castelle]
- 6. Lautensolo: Auf Feldwache (Karl Blume).
- 7. Rezitation: Hausfriedensbruch (Aus „Mümmelmann“), (Friedrich Castelle).
- 8. Lieder zur Laute: a) Der Kuckuck und der Piedewitt; b) Das Heckenkind (Karl Blume).
- 9. Rezitation: Hahnenfieber (Aus „Kraut und Lot“), (Friedrich Castelle).
- 10. Lautensolo: Der Grenadier (Karl Blume).
Eine ziemlich steile Karriere für Blume, bedenkt man, dass Castelle früher lieber Lautenchöre aus Berlin per Bahn herbei organisiert und seriöse Sänger für die musikalische Untermalung engagiert hat.
Jetzt ist Blume ein Star, das „Geheimnis“ ein Hit, vielgesungen, allseits bekannt. Castelle, wenn überhaupt, nur die Nummer 2. Oder? So einfach ist das nicht.
Löns-Gedenksteine: Politik und Militarismus
Es gibt noch einen anderen Grund dafür, dass Blume 1927 so viel Erfolg mit seinen Löns-Liedern hat. Wie bei den literarisch-besinnlichen Löns-Abende von Friedrich Castelle geht es auch hier um Nationalbewusstsein und Militarismus.
Überall im Land werden fleißig Löns-Gedenksteine errichtet, meist von Jägerverbänden, immer in einer Umgebung, die zumindest Wald, am besten aber Heide als Kulisse bietet. Klar, Löns war Jäger und liebte die Natur. Aber da ist ja auch noch die Sache mit den erbarmlos mordenden Wehrwölfen. Und Naturpflege ist ja auch immer patriotische Heimatliebe. Das ganze kommt ziemlich militärisch-nationalistisch daher.
Der erste Löns-Gedenkstein, ein Findling mit Inschrift, wird am 26. September 1919 anlässlich seines 5. Todestags in Soltau eingeweiht. Zwei Jahre später, auf dem Wietzer Berg in der Südheide, gibt es ein deutlich pompöseres Bauwerk. Wieder ein wuchtiger Steinklotz, diesmal getragen von einem kräftigen Mauerwerk. Darin eingelassen eine Löns-Plakette, die den Dichter im Jägerornat zeigt.

Löns-Gedenksteine dienen als Anlass für nationale Feierstunden. Am 18. September 1926 ist es auch in Solingen soweit. Der „Allgemeine Deutsche Jagdschutz-Verein“ enthüllt ein wuchtiges Denkmal im Wald, natürlich mit Plakette, gebaut mit Unterstützung örtlicher Betriebe und Künstler. Ehren will der Verein den „Jäger-Dichter Hermann Löns“, „zugleich auch seine im Weltkrieg gefallenen Mitglieder.“ Und, so der Reporter vom „Solinger Tageblatt“, „noch ein Drittes war symbolisch für diese Weihestunde: die Liebe zur Heimat und zum Vaterland, die nicht in überschwänglichen Worten kam, die aber doch jeder der zahlreichen Festteilnehmer und Gäste deutlich heraus fühlte.“
Sind wir erstmal beim patriotischen Fühlen, ist auch das sehnsuchtsvolles Hoffen nicht mehr weit, auf den nationalen Wiederaufstieg, da sind sich alle einig. Angeblich liegt das an der „Spätsommersonne“, so „als sollten diese Strahlen des nun sinkenden Tagesgestirns die Hoffnung verstärken, auf den endlichen Wiederaufstieg, nach dem wir uns alle sehnen.“
Im Gedenken an Löns, so wird deutlich, kommt eine kriegstraumatisierte Gesellschaft zu sich selbst. Die Erinnerung an die gefallenen Freunde und Kameraden. Die Begeisterung für die heimische Natur. Erleichterung über das Ende der Ruhrbesetzung. Der Wunsch nach einer wirtschaftlich und militärisch starken Nation. Dafür braucht es Typen. Jäger in Uniform, die nicht viel Worte machen. Frauen, die davon schwer beeindruckt sind. Und Lieder, in denen all die unausgesprochenen Gefühle besungen werden.
Das Abendprogramm in Solingen wird nach dem Muster der Löns-Abende gestaltet, viele Festreden, musikalisch gerahmt von Männergesangsverein, Orchester – und Lautenspieler Blume. 1000 Leute sind da!
In dem mit Tannengrün und vielen Jagdtrophäen herrlich geschmückten großen Saal des Volksgartens fand abends eine von etwa 1000 Personen besuchte Hermann Löns-Feier statt, bei welcher der M.G.V. „Ossian“, Lautensänger Karl Blume und das Volksgarten-Orchester mitwirkten. Blume, der im Felde (1915) zuerst den Löns’schen Rosengarten vertonte, trug aus dessen Schatz den „Tauber“, das „Geheimnis“, das „Tanzlied“ und die „Grenadiere“ vor. Später brachte er noch einige lustige Lieder und erntete mit seinen Darbietungen stärksten Beifall.
Solinger Tageblatt 17.09.1926, S. 13.
„Lustige Lieder“. Von wegen. Ganz so harmlos ist das nicht. Na gut: Rendevous zu zweit im weichen Heidemoos („Geheimnis“). Aber auch: Mit Trommeln und Pfeifen in den Krieg, ein letzter Gruß an die Liebste am Fenster („Grenadiere“). Und in Solingen im Publikum: Jäger, bewaffnet in Uniform, Trophäen an den Saalwänden. Machen wir uns nichts vor: Die Löns-Lieder stehen mindestens genauso für tief gefühlte Vaterlandsliebe und Nationalismus wie für Liebe unter grünen Tannen. Das muss man aushalten können.
Blume kann das. So neu ist die Verbindung von leichter Unterhaltung und ernster politischer Botschaft ja auch gar nicht. Sie begleitet ihn, seit er als Löns-Sänger auftritt. Löns-Abend oder Weihestunde am Gedenkstein: Löns ist nicht einfach nur Dichter, sondern Kultfigur, larger than life. Ein Heimatliebhaber, der für sein Vaterland im Krieg gefallen ist. Ein treuer Kamerad, ein echter deutscher Soldat. Ziemlich viel Säbelrasseln, findest du nicht? Ach was! Welcher Musikant würde da nicht freudig aufspielen? Bei dem Beifall!
Blume, seine Laute und die Löns-Lieder liefern den Soundtrack für ein neues, einheitsstiftendes Heimatgefühl. So geht Erfolg, jetzt endlich auch im Rundfunk.
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Abbildungsverzeichnis
Karl Blume mit seiner Laute, ca. 1927. Westfälisches Musikarchiv im Stadtarchiv Hagen.
Detektorempfang des Senders Elberfeld in Rheinland und Ruhrgebiet. Funk 47/1925, S. 560. Public Domain.
Aufnahmeraum der Sendestelle Dortmund. Funk 40/1925, S. 491. Public Domain.
Werbeprospekt: AEG Rundfunkgeräte AEG Neutrodyn, AEG Detektorempfänger Modell D, AEG Zweiröhren-Niederfrequenz-Verstärker Modell Dv, sowie AEG Lautsprecher und Radio-Voltmeter, Deutsches Technikmuseum. Creative Commons 4.0. Link zur Deutschen Digitalen Bibliothek.
Zeitungsankündigung für die Hermann Löns Gedenkfeier der Literarischen Gesellschaft im Städtischen Gymnasium Münster. Münsterischer Anzeiger 06.01.1916, Zweite Ausgabe, S. 4. Public Domain. Link zum Deutschen Zeitungsportal.
Literarische Gesellschaft Münster: Hermann Löns. Gedenkfeier am 9. Januar 1916. Programmheft mit 8 Seiten. Cover und Vortragsfolge, S.[1] und [2.]. Universitäts- und Landesbibliothek Münster. Nachlass Apffelstaedt. Sammlung Hermann Löns. Public Domain.
Castelle, Friedrich. Brief von Friedrich Castelle an Casseler Allgemeine Zeitung, Kassel. Postkarte und Lichtbild. Bochum 07.11.1922. Universitätsbibliothek Kassel, Landesbibliothek und Murhardsche Bibliothek der Stadt Kassel. Link zum Brief. Creative Commons 4.0.
- Postkartentext. Link zur Universitätsbibliothek Kassel.
- Lichtbild. Link zur Universitätsbibliothek Kassel.
Der Lönsstein auf dem Wietzer Berg, Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg. Kollodiumpapier; Schwarzweißpositivverfahren. Höhe: 8,9 cm; Breite: 11,8 cm. Fotografiert von Johann Hamann. Link zur Deutschen Digitalen Bibliothek. Public Domain 1.0.
Verwendete Literatur
Recherche im Deutschen Zeitungsportal und bei zeitpunkt.nrw.
- Westfälischer Merkur 12.04.1910, S. 4: Löns in Münster
- Münsterischer Anzeiger 20.03.1915, S. 2: Literarische Gesellschaft. Der deutsche Krieg im deutschen Lied.
- Münsterischer Anzeiger 06.01.1916, S. 4: Anzeige zur Hermann-Löns-Gedenkfeier
- Münsterischer Anzeiger 12.01.1916, S. 2: Rezension zur Hermann-Löns-Gedenkfeier
- Kölnische Zeitung 20.01.1916, S. 7: Bericht zur Hermann-Löns-Gedenkfeier
- Paderborner Anzeiger 15.11.1917, S. 3: Presseschau zu Castelles Löns-Abenden
- Dortmunder Zeitung 24.09.1925, S. 10: Ankündigung eines Rundfunkkonzerts von Karl Blume
- Wittener Volkszeitung 23.08.1926, S. 3: „Im Flugzeug auf Rundreise“ über Friedrich Castelle
- Rheinische Volkswacht 31.08.1926, S. 12: Nachbericht über den Lönsabend mit Friedrich Castelle aus dem Senderaum Münster
- Solinger Tageblatt 17.09.1926, S. 13: „Die Enthüllung des Solinger Löns-Denkmals“
- Düsseldorfer Stadt-Anzeiger (15.01.1927): Der Besprechungsraum im Rundfunkhaus.
- Düsseldorfer Stadt-Anzeiger (15.01.1927): Berufung Friedrich Castelles geplant
- Düsseldorfer Stadt-Anzeiger (16.3.1927): Berufung Friedrich Castelles abgelehnt
- Echo der Gegenwart, 19.03.1927, S. 13: Bericht eines Rundfunkkonzerts von Karl Blume
- General-Anzeiger für Dortmund und das gesamte rheinisch-westfälische Industriegebiet (20.3.1927): Dr. K.L., Um die Nachfolge des Düsseldorfers Intendanten
- Ratinger Zeitung 06.04.1927: Programm von Blume beim Rundfunk (Der Rhein in Sage und Dichtung)
- Dülmener Zeitung 22.07.1927: Programm von Blume beim Rundfunk (2. Rheinischer Abend)
- Langenberger Zeitung 16.8.1927: Ein Besuch bei der WERAG in Elberfeld.
- Wittener Volkszeitung 29.08.1927, S. 5: Programm der Gedächtnisfeier für Hermann Löns mit Karl Blume und Friedrich Castelle. Im Rundfunkprogramm der Zeitungen wird die Rezitation des „Schwedensturms“ fälscherlicherweise Karl Blume zugeordnet. Dies ist mit Sicherheit ein Übertragungsfehler, der aus der offiziellen Programmzeitschrift „Die Werag“ übernommen wird und sich in allen publizierten Rundfunkprogrammen findet.
Recherche zu Geschichte der WERAG in der Fachzeitschrift „Funk. Die Wochenschrift des Funkwesens“. Link zu soundandscience.
- Funk 23/1924, S: 336: Der neue Rundfunksender in Münster
- Funk 25/1924, S. 360: Die Einweihung des neuen Senders in Münster
- Funk 27 (1924), S. 494-395: Aus den deutschen Sendestädten (Frankfurt a. M.)
- Funk 34/1925: Aus den deutschen Sendestädten (Probesendungen aus Dortmund)
- Funk 40/1925, S. 489 + 491: Aus den deutschen Sendestädten (Sendebeginn in Elberfeld und Dortmund)
- Funk 47/1925, S. 559-560: Die Reichweite des Rheinland-Senders (Detektorempfang des Senders Elberfeld in Rheinland und Ruhrgebiet)
Blumes Auftritten in der Fachzeitschrift „Funk. Die Wochenschrift des Funkwesens“. Link zu soundandscience.
- Funk 33 (1924), Programmteil S. 22 (Blume in Münster 15. Dezember 1924))
- Funk 38 (1925), S. XVI (Blume in Elberfeld 25. September 1925)
- Funk 9 (1927), S. XX (Blume in Düsseldorf 4. März 1927)
- Funk 14 (1927), S. XVII (Blume in Köln 7. April 1927 bei: Der Rhein in Sage und Dichtung)
- Funk 29 (1927), S. XX (Blume in Köln Freitag 22. Juli 1927 beim 2. Rheinischen Abend)
- Funk 35 (1927), S. VII (Gedächtnisfeier für Hermann Löns, Blume und Castelle in Düsseldorf 29.08.1927)
Brief von Karl Blume an seine Frau Ida: „In Münster gut gelandet“. Brief vom 15. Dezember 1924. Westfälisches Musikarchiv im Stadtarchiv Hagen.
Josef F. Lodenstein: Funkhaus im Kasino. Jubiläum Westdeutscher Rundfunk. In: Das Tor. Düsseldorfer Heimatblätter 43. Jg. Heft 3 (März 1977). S. 47-49.
Ralf J. Günther: Vom Kasino über Funkwellen zur Stiftungsarbeit. In: NRW — Natur Heimat Kultur. Das Magazin der Nordrhein-Westfalen-Stiftung 1 (2024), S. 27-29. Link zur NRW Stiftung (pdf).
Deutschland. Organ für die deutschen Verkehrs-Interessen. Amtliche Zeitschrift des Bundes Deutscher Verkehrs-Vereine 2 (1911/1912). Sammelband mit der American Travellers‘ Edition 1911 im Anhang: Link zum Internet Archive.
Deutschland. Organ für die deutschen Verkehrs-Interessen. Amtliche Zeitschrift des Bundes Deutscher Verkehrs-Vereine 4 (1913). Friedrich Castelle wird erstmals als Schriftleiter genannt. Link zum Internet Archive.
Castelle, Friedrich: Dem Kaiser! Zum 27. Januar 1915. In: Deutschland. Zeitschrift für Heimatkunde und Heimatliebe. Organ für die deutschen Verkehrs-Interessen 6 (1915), S. 4. Link zum Internet Archive.
Dupke, Thomas: Hermann Löns in Westfalen. Die Löns-Rezeption dargestellt am Beispiel von Friedrich Castelle, Wilhelm Deimann und Josef Bergenthal. In: Literatur in Westfalen. Beiträge zur Forschung 3 (1995), S. 45-66.
Friedrich Castelle. Link zum Lexikon Westfälischer Autorinnen und Autoren.
Die im Lexikon zu lesende Angabe, Friedrich Castelle sei 1921 Leiter der Sendestelle Düsseldorf gewesen, ist falsch. Sie ist ungeprüft aus einem Zeitungsartikel zu Castelles 60. Geburtstag übernommen, wo 1921 gedruckt, aber ganz offensichtlich 1927 gemeint ist (Münsterischer Anzeiger 30. April 1939, S. 2). Link zum Deutschen Zeitungsportal.
Straßennamen in Münster: Castelleweg. Link zur Stadt Münster.
Steffen Stadthaus: Friedrich Castelle. Ein politischer Heimatschriftsteller. Matthias Frese (ed.): Fragwürdige Ehrungen?! Straßennamen als Instrument von Geschichtspolitik und Erinnerungskultur, Münster: Ardey 2012, S. 233-249.
Birgit Bernard: Der Westdeutsche Rundfunk (1924-1942/1945). Link zum LVR.
Hemprich, Karl: Hermann Löns im Jugendverein und auf Volksbildungsabenden, Langensalza: J. Beltz 1919. Link zur Staatsbibliothek Berlin. Public Domain Mark 1.0.
Die politischen Ordonnanzen der Interalliierten Rheinlandkommission und ihre Anwendung in den Jahren 1920 – 1924. Eine Sammlung von Belegstücken, Berlin: Heymann 1925. Link zur Universität Düsseldorf.