Hexenmeister in Bielefeld. Berichte zur „Castelle-Blume-Löns-Show“


Berichte zur „Castelle-Blume-Löns-Show“ 1929

Über die Castelle-Blume-Löns-Show 1928/1929.
Zu den Monarchen der Heide.

Der Erfolg von „Grün ist die Heide“ ist nur möglich dank der Düsseldorfer Film- und Unterhaltungsbranche der zwanziger Jahre.

In Düsseldorf wird in der Saison 1928/1929 das Filmevent „Hermann Löns und seine Heide“ als Kombination von Dokumentarfilm, biographischem Vortrag und live gespielter Musik gestartet. Dabei treten zwei Düsseldorfer Künstler auf: der in Rheinland und Westfalen enorm beliebte Lautensänger Karl Blume sowie der nationalkonservative Löns-Deuter Friedrich Castelle.

Das Programm wird zu einem Überraschungserfolg mit ständig ausverkauften Kinos und läuft über insgesamt drei Saisonen. Ermutigt durch diesen Erfolg bringt das Deutsche Lichtspielsyndikat aus Berlin zur Saison 1932/1933 den Heimatfilm „Grün ist die Heide“ in die Kinos, mit Karl Blume in einer Hauptrolle.

Inhalt


Bielefelder pilgern zu Löns.

Friedrich Castelle, Karl Blume und Löns=Film.

Bielefeld, 11. März.

„Löns=Morgenfeier im Gloria= und Palast= Theater“ — so las man in der Voranzeige, und selbst jene ganz Ernsthaften im Lande, die den Kinos nicht sonderlich gewogen sind, die Bildungswarte und Kulturbolde, nickten, beifällig schmunzelnd, ob so literarischen Kinogebarens.

Wir nickten und schmunzelten nicht, sondern sprangen — hallo! — freudig elektrisiert vom Stuhl auf. Warum? Weil wir einen lieben, vertrauten Namen lasen: Friedrich Castelle!

(Wie manche schöne Erinnerung verbindet uns mit dir prächtigem Künder deutscher Wortkunst! Mitten im Krieg war‘s, da brachte dein beredter Mund an einem trüben Oktoberabend die Beglückungen heimatlicher Dichtung in feldgraues Einerlei. Übrigens auch damals: Löns! Später, in unfrohen, kunstarmen ersten Nachkriegsjahren, da zeigten deine Löns=, Storm=, Raabe= und Droste=Abende immer wieder, welche unverlierbaren Schätze, allen Verlusten zum Trotz, unserem Volke geblieben sind. Und wie köstlich war dann nach Erledigung des offiziellen Programms verschiedentlich der — nun, der inoffizielle Teil! Halli und Hallo! Doch Schluß mit dieser ein wenig ins Private abgerutschten Paranthese!) Grüß Gott, lieber Friedrich Castelle!


Und noch ein bekannter Name: Karl Blume! Der Spielmann und Sänger. Mit Lied und Laute zieht er durch die Lande, wie einst die Minnesinger und Troubadoure. Lockt die Leute in hellen Scharen heran, wie einst Hamelns Rattenfänger die Kinder; singt ernste, gefühlvolle, galante und lustige Weisen, und den Hörern schlägt das Herz genau in dem Takte, den der vielgewandte, melodienreiche Hexenmeister da oben auf dem Podium angibt. Auch er — nebenbei — ein patenter, lustiger Geselle, dem man‘s anmerkt, daß ihm Gefühl und Galanterie und Zecherlustigkeit nicht nur Podium-Requisiten sind.


Kurzum: diese beiden Leute würden mit ihrer ganz poselosen, erlebnishaften Art geeignet erscheinen, dem Vaganten und Poeten Löns neue Freunde zu werben, selbst wenn man nicht wüßte, daß Castelle ein verdienstvoller Löns-Herausgeber und Biograph, Blume ein liebevoll die Rosengarten=Verse nachformender Löns=Komponist ist.

Aber wer das nicht wußte, der hat‘s gestern erfahren. Und das waren nicht wenige. In hellen Scharen pilgerten die Bielefelder zu den beiden Kinos, wo Lied und Wort und Film sich vereinigten, in wintermüde Stadtseelen einen naturhaften Hauch aus Lönsscher Welt zu tragen.


Da singt also Blume zu den Klängen der Laute mit seinem weichen, eindringlichen Bariton das Lied „Wenn ich meine Schafe weide“; eine Weise zärtlich schwingender Erinnerung hat er dazu ersonnen. Dann — empfindungsvoll, ans Herz greifend — „Über die Heide geht mein Gedenken“; und weiter: „Horch, was der Tauber ruft“ und das süß=wissende, verhaltene „Grün ist die Heide …..“

Einfach, melodisch=einprägsam, volksliedhaft blüht das alles vor uns auf, und Castelle, der nun vor den Vorhang tritt, kann mit Recht auf diesen echten Volkston der Löns=Lieder hinweisen; und doch wähnte man das Volkslied schon ein Jahrhundert tot.

Und Castelle erzählt, wie Löns durch einen Zufall zum Liederdichter wurde, als ein Ulanen-Wachtmeister, der seine Schar durch die Eilenriede führte, den am Soldatensang Kritik übenden „Fritz von der Leine“ aufforderte, doch „Besseres“ als die üblichen Lieder zu dichten. Im Handumdrehen entstand auf diese Anregung hin der „Kleine Rosengarten“.


Und Castelle erzählt weiter. Umreißt mit schlichten, kräftigen Strichen das Bild dieses seltsamen, begnadeten Poeten, der dennoch ein zutiefst ruheloser, unglücklicher Mensch war. Seine ewig brennende Sehnsucht nach „Annemieke“, der einfachen, naturnahen, erlösungbringenden Frau aus alten niederdeutschen Liedern und Mären, sein Schweifen als „Hermann Heimlos“, endlich sein Tod vor Rheims— dies ganze bittere Dichterschicksal wird uns in Castelles knappem, wundervoll gemeistertem Wort wieder nahe und lebendig und klingt im Herzen nach, wenn dann im Film-Bild die eigentliche Löns=Welt sichtbar wird: die Lüneburger Heide.

Ein großangelegter Film zeigt die ganze vielfältige Schönheit jener Stätten im Wechsel der Jahreszeiten, Land und Leute, und vor allem die eigenartige, im Naturschutzpark umhegte Tierwelt.

Kam man sich nicht vor, als werde man von einem kundigen Jägersmann in all diese kleinen und großen Geheimnisse der Natur eingeführt? War es nicht, als begleite man Hermann Löns auf einem Pirschgang?

Fritz Chlodwig Lange.


Wie wir hören, wird die Löns=Erinnerungsstunde mit vermehrten Gesangs= und Rezitationsvorträgen am Freitag als Nachtvorstellung wiederholt.

Westfälische Zeitung Montag 11. März 1929


5000 Menschen hören Hermann Löns

Essener Ufa=Palast Schauburg: Zum 3. Mal Löns-Morgenfeier

Psychologie des Kinos

An drei aufeinander folgenden Sonntagen gibt das Lichtspielhaus Löns=Morgenfeiern. Jedesmal ist das Theater fast ausverkauft. Man kann sagen, es haben 5000 Menschen insgesamt Löns gehört. Auch an diesem letzten Morgen ist, trotz Schneegestöbers, ununterbrochenes Strömen der Menschen. Als das Licht ausgeht, sind alle Plätze des Riesenraums besetzt. Dabei war nichts anderes angekündigt, als: Vortrag über Löns. Lautenlieder, ein Heidefilm.

Magie des Kinos! Diese Morgenfeier, an anderer Stelle, hätte die Parkettreihen vielleicht halb gefüllt.


Vorn, im Foyer des Lichtspielhauses, stand eine Bronzebüste des Dichters. kantig und hager ist die Landschaft des Gesichts. Einsam stand die Büste, und man hätte sie gern in der allerbesten Gesellschaft gesehen, von den Büchern des Dichters umgeben. Eine große leere Vitrine lud dazu ein. Warum ließen die Essener Verleger diese Gelegenheit ungenutzt?


Dr. Friedrich Castelles Rede über Hermann Löns ist ein Hymnus auf den Dichter. Er spricht ihn frei, mit edlem Feuer. Das Bild des Dichters entsteht aus wenigen wesenhaften Zügen. Es ist ja so einfach, so ungebrochen, so klar heute — — — nachdem 15 Jahre, seit seinem Tode, manches weggeschwemmt haben, was es trüben könnte.

Das Volkslied, das man seit Achim von Brentano verschwunden wähnte, lebt wieder in Löns. Er weist es von sich, ein Dichter des Volksliedes zu sein. Es ist einfach da, sagt er. Etwas vom alten Volkstum, aus dem diese einfachen Verse aufsteigen, ist in ihm. Er hat nicht viel Mühe damit, ihm Worte zu geben. In dem ganzen Kleinen Rosengarten, eine der schönsten Sammlungen von Volksliedern, ist in der Urschrift ein einziges Wort verbessert worden. Das andere stand von Anbeginn fertig da. „Ueber die Heide geht mein Gedenken, Annemarie …“ heißt es in einem Annemarie oder Annemieke, das ist das niedersächsische Gretchen. Die Frauengestalt seiner Sehnsucht, ganz Naturkind, ein Wesen, das aus der Zeit kommt, wo die Bäume rote Herzen trugen und die Flammen ihre Sprache redeten. Immer geht Annemarie durch seine Lieder. Im Zweiten Gesicht wird sie Gestalt.

Löns‘ Dichtertum erwuchs ganz aus der Natur. In jungen Jahren kommt er nach Deutsch=Krone in Ostpreußen. Dies Land ist Niedersachsen verwandt, die Heimat dunkler Wälder, geheimnisvoller Seen. Die Natur wird ihm tiefstes Erlebnis. Er durchstöbert das Land. Ein Fünfzehnjähriger stellt in lückenloser wissenschaftlicher Methode eine Liste aller Vogelarten des Landstrichs um Deutsch=Krone auf, wie es keinem Fachprofessor bis dahin gelungen war. Dieser Fünfzehnjährige ist Löns.

Mit 17 Jahren ist er wieder in Niedersachsen und empfindet die Landschaft bewußt. Jetzt kennt er seinen Weg. Jetzt beginnt das große Schaffen. Seine ersten Tiergeschichten entstehen: er hat Fallgruben in der Heide gebaut, darin alles Getier, feindliches und freundliches, hineinpurzelt, und nun liegt er über der Oeffnung und blickt hinunter in eine kleine große Welt voll Freundschaft und Liebe und Vernichtung. So werden die ersten Tiergeschichten.

Und wieder eine Etappe. Hannover — — — die Lüneburger Heide. Das Wunder der Einsamkeiten. Die herben Schönheiten. Die schwermütige ernste Musik, gewoben aus zarten Birken, dunklen Föhren, blühendem Heidekraut — — — das lebt nun unvergänglich in seinen Geschichten.

Jetzt formt er auch seine größten Gestalten, die Bauern aus dem 30jährigen Krieg, ein hartes Geschlecht, mit der Natur verwachsen und mit ihrer Urkraft gesegnet …. die Bauern des Wehrwolfs im Kampf gegen die mordbrennenden schwedischen Landsknechte. Dieses trotzige Buch war 1910 zu Ende geschrieben. Im November. In diesem Buch blieb das Beste des Dichters zurück. Er zerbrach körperlich und seelisch daran, er war fertig.

Zwei Jahre irrt er ruhelos umher. Läßt alles hinter sich. In allen Winkeln Deutschlands ist er. In Oesterreich. In der Schweiz. Aus einem Schweizer Hotelzimmer schreibt er, Weihnachten 1911, an einen Freund: „Ich habe niemals Liebe gekannt.“ Und er unterschreibt: Hermann Heimlos.

Er ist ein Heimatloser.

Ein Abenteurer, ein Landsknecht, so nennt er sich selbst …. wo ist für ihn anders Platz, als in vorderster Linie, 1914 im Krieg? Am 24. September 1914 fällt er. Die Kugel ging mtten durchs Herz. Blattschuß.

Man hat ihn 1918 umgebettet. Jetzt liegt er an der großen Straße von Reims nach Laon, über die sehr viel gezogen sind, die nicht mehr wiederkamen. Man weiß aber einmal nicht, ob es wirklich Löns war, den man begrub.

Karl Blume sang Lieder von Löns. Der Barde der Laute hat viel zur Volkstümlichkeit Löns‘scher Gedichte beigetragen. Sie wandern heute, in seiner Vertonung, mit der Jugend durch die sommerliche Welt. Blume sang auch das beinahe zum Schlager (im besten Sinne) geworden: Grün ist die Heide.

Zum Schluß lief eine Zusammenstellung von Filmen aus der Heide und der ostpreußischen Landschaft.

Kasa

Essener Anzeiger Montag 28. Januar 1929


Hermann Löns und seine Heide.

Dr. Castelle=Vortrag und Kulturfilmschau.

Wohl selten sah ein Lichtspielhaus ein so zahlreiches und aufmerksames Publikum zu einer wirklich volksbildenden Veranstaltung versammelt, wie es an den letzten Sonntagen der große Ufapalast zu Essen begrüßen konnte.

Zwei ausverkaufte Matineen, an die 4000 Menschen, aller Stände und Klassen, aller Berufsschichten, aller Konfessionen. Eine weihevolle Stimmung lag über dem weiten Parkett, ernstes Gedenken wurde geseiert. Keine Sensationen konnten erwartet werden, keine Erotik, keine geistlose Groteske, keine prickelnde Bühnenschau, und doch— kein leerer Platz. Also auch so etwas will man haben; wie innerlich entleert und ausgedörrt greift das Volk nun wieder zum Geistigen, zum Wertvollen, zur Seele. Und niemand hat es bereut, teilgenommen zu haben, man nahm endlich einmal etwas mit nach Hause, Anregungen zum Nachdenken, Besinnung auf urgesundes, naturverwachsenes Volkstum, mitten im rauchenden Industrieland, mitten in der schollenlosen Heimat, aber doch in der deutschen Heimat.— Ein kleines Funklein wurde zur Flamme:

Deutsche Theaterbesitzer, hier schürt weiter, daß sie nicht zurückglimme zur Asche, hier setzt an an diesem gesunden Volksempfinden— auch hierbei werden die Billettrommeln abgerollt, wenn ihr es nur richtig aufzieht. Es geht gewiß nicht alltäglich, aber einmal im Monat, bald jede Woche wirkliche Volksbildung im Kino, und ihr verdient euch den Dank eines ganzes Volkes, eures Volkes


Dr. Friedrich Castelle, der Biograph des großen Niedersachsensohnes, neden Wilhelm Deimann der beste Kenner Lönsschen Geistes, Lonsscher Literatur, suchte den Menschen in dem Dichter nahezubringen, jenen unruhigen Kampfergeist, der fast gleichzeitig der zerrissenste und doch wieder der klarste unserer Dichter war. Jenen kernigen Niederdeutschen, der an der Kultur, der schlechten Kultur seiner und unserer Zeit litt und sich deshalb von ihr zu befreien suchte. Unstetes Sehnen schüttelte ihn, verließ ihn nimmermehr, fand unvergleichlichen Ausdruck in dem schlichten und gleichzeitig einem der schönsten Volkslieder:„Ueber die Heide geht mein Gedenken.“ Annemarie ist hier, wie im Hochdeutschen erwa Greichen, der Inbegriff des reinsten und einfältigsten Naturwesens. Löns suchte aus der Zerrissenheit unferer Zeit Frieden durch die Rückkehr zur einfachen Natur. Und es mag wohl keinen Deutschen geben, der die Natur so innig erlebt, wie Hermann Löns sie gestaltet hat. Die ganzen niederdeutschen Walder und Auen sind seine Welt, so das Naturparadies um DeutschKrone in Westpreußen, so auch das Wallbeckenland bei Münster, besonders aber die weite, herrliche Lüneburger Heide, die norddeutschen More mit dem millionenfältigen Leben der geliebten Tierwelt. Wie aus unversiegbarem Bache strömen dem Dichter aus der Welt der Natur die Stoffe entgegen, werden unter dem begnadeten Griff diees Künstlers zu gar lieblichen, unsterblichen Werken gestaltet: die Lieder seines Rosengartens, sein zweites Gesicht, die wie uralte Wisente trotzenden Kerle des Werwolfs. Wehmütig gedachte Castelle des Dichters, der das

gewaltige Völkerringen vorausahnte, das seinem Leben ein o frühes Ende setzen sollte. Unsterbliches Vermächtnis lieb uns! In dankbare Herzen aber fielen die Worte des getreuen Sachwalters von Hermann Löns Erbe.

Ein Film, den man Kulturfilm in des Wortes reinster Bedeutung nennen möchte, schloß sich dem Vortrage Friedrich Castelles an: ein Film von der Heide. Es ist der Heidefilm, denn wohl nie sind Aufnahmen aus jener unendlich dünkenden Landschaft in solcher Schönheit und Wahrhaftigkeit, in so klarem, gleichsam dichterischen Schauen im Sinne Hermann Löns zusammengestellt worden wie hier. Augen und Herz müssen sich in hellem Entzücken weiten bei solchem Schauen. Das war Hermann Löns Land mit den spitzen Giebelhäusern und den Herden zahlloser Schnucken, mit dem Gekrabbel munterer Bienen und Ameisen, dem Wunderland der Vogelwelt, der Tieridylle. Die Heide in ihrer stillen, abgeklärten Schönheit, mit den wetterharten und doch versonnenen Menschen, welche auch heute noch leben wie die Urvorderen mit dem Vieh unter gleichem Dache, am offenen Kaminfeuer, in den schrankartigen Schlafputzen. Menschen, die arm sind, dem mageren Boden nur das allernötigste abgewinnen, die weit ab vom Strom der Zeit in den nordwestdeutschen Mooren Torf stechen und Buchweizenpfannkuchen essen. Menschen, die ein stilles Glück leben und treu wie Gold sind: Niedersachsen. Der auch hier bestens bekannte Komponist und Lautensänger Karl Blume sang einige Lönslieder zur Laute und erntete stürmischen Beifall. Castelles Vortrag und dieser Film waren in ihrem Wesen gleichsam zusammengeschweißt zu einer Symphonie der Heide.

So wurde diese Veranstaltung zu einem Erlebnis.

S. R.

Essener Volkszeitung Montag 21.1.1929


Ufa=Palast: Lönsfeier.

Am Sonntag morgen zeigte der Ufa=Palast einen Kulturfilm, der in seinem 1. Teil (Wilseder Naturschutzpark) landschaftliche Schönheiten der Lüneburger Heide, im 2.(In Bruch und Moor) das Leben der Menschen und besonders der Tiere verschiedener Heideländer anschaulich vorführte. Der Film war wohl geeignet, nachhaltige Eindrücke von der einsamen und doch so schönen Welt der Lüneburger Heide hervorzurufen. Viele Bilder waren von hervorragender Schönheit, nur wurde der Streifen vielleicht doch etwas zu schnell gedreht. Die Bauern benahmen sich beim Treten des Backtorfes wie Jazztänzer. Aber der Gesamtwirkung des Streifens, der durch entzückende Tierszenen angenehm belebt wurde, tat das kaum Abbruch.

Karl Blume, der auch in Dortmund sehr geschätzte Lautensänger und Komponist, sang eine Reihe eigener Vertonungen von Lönsliedern und erntete besonders mit dem „Geheimnis“ und „Über die Heide geht mein Gedenken“ reichen Beifall.

Friedrich Castelle gab vor dem Ablauf des Films, dessen Inhalt mit Löns nur mittelbar zusammenhing, eine Übersicht über das Schaffen und das Werk des großen Heidedichters. Besonders gedachte er in seiner von äußerem, wie innerem theatralischen Pathos nicht ganz befreiten Rede (man muß nicht Ausbrücke gebrauchen wie „mit Herzblut hingehauen“, auch das dauernde Jonglieren mit Worten wie „Menschen, Dichtertum und Frauentum“ ist vom Übel) des innigen Verhältnisses, das Löns mit dem Industriegebiet und besonders mit Dortmund verband, ferner der großen Bekenntniswerke („Das zweite Gesicht“ und „Der Werwolf“) und seines Heldentodes. Weiter gab Castelle seiner Befriedigung Ausdruck, daß die „Lönsmode“ abgeebbt, das Geschwätz um ihn verstummt (?) sei und nunmehr der Weg zu seinen Büchern frei läge, die allein Führer zu dem Wesen und Wollen des Dichters sind.                             

S.

Dortmunder Zeitung 18. Februar 1929


Ein Löns=Abend in Beckum.

Im Palast=Theater sprach gestern abend der Intimus und Freund des großen Heidedichters Hermann Löns, Dr. Friedrich Castelle, vor 380 Zuhörern über „Hermann Löns und seine Heide“. Friedrich Castelle, der dem Dichter im Leben nahegestanden hat, brachte ihn auch gestern abend seinen Zuhörern menschlich näher. Das war auch wohl der große Erfolg des Abends. Löns, der Niedersachse, wurde uns hier geschildert als ein Mensch, dem die Heimat seiner Ahnen, das Land zwischen Rhein und Weser, mit den selig stillen Schönheiten seiner Wälder und Heiden, seiner Wallhecken und Wasserburgen die erste Offenbarung niederdeutschen Wesens wird, und der dann ganz Niedersachse wird in der weiten Heide mit der Stadt Heinrichs des Löwen, Lüneburg.

Löns ist es in erster Linie zu danken, daß sich die deutsche Heimatbewegung so gesund ausbreiten und so sicher festsetzen konnte. Durch ihn hat der Großstadtmensch wieder sehen und hören gelernt, durch ihn ist ihm das Gefühl für die Notwendigkeit, Zweckmäßigkeit und Schönheit des Naturlebens wieder offenbar geworden.

Mit Löns, so führte Dr. Castelle aus, konnte man wandern und genießen in unaussprechlicher Freude in seinen Plaudereien, aber mehr noch an seiner Seite. Und dieser Löns ist nicht mehr! Der rauhe Sturmwind des Krieges hat auch dieses bißchen Hoffnung zertreten. Wie eine dunkle Frage lastet sein Schicksal noch über allen, die sein Leben und sein künstlerisches Schaffen mit liebevoller Hingabe begleiteten, die den kernigen, straffen Menschen liebten um seiner Härte und seiner Güte willen, die seine bittere Not und seine lachende Selbstzucht kannten. An der Straße von Laon nach Reims liegt ein Grab mit der Aufschrift: „Hier ruht der Kriegsfreiwillige Hermann Löns.“ Aufgestützt in einem Granatloch, traf ihn hier am Morgen des 26. September 1914 die Kugel eines Senegalesen. „Mich hat es angebleit“, waren seine letzten Worte.

So wie sein Tod war auch sein Leben. Es ist eine rührende Bescheidenheit in diesem Menschen gewesen: „Einen Bogen Löschpapier, ein Schultintenfaß, ein Topf Gummiarabikum, ein Pinsel, eine Papierschere, ein Federhalter und zwei Bleistifte sowie zwei bis drei Chausseesteine als Briefbeschwerer sind genügend persönlicher Besitz“. So klingt es aus den Briefen her, die der 25jährige Löns an seine Freunde in Münster schrieb, und die er mit Hermann Heimatlos zeichnete. Hermann Löns, der von sich sagte, daß er in seinem Leben keine Liebe gekannt habe, weder im Elternhause noch in der Ehe, ruht nun, fern der Heimat, in Feindesland. Ob das Grab seine sterblichen Ueberreste birgt, wer weiß es nach den vielen Umbettungen, die mit ihm vorgenommen wurden?

Geradezu ungeheuer war die Arbeitskraft dieses Mannes. Er schuf zum Beispiel seinen Roman „Der Werwolf“ neben der vielen Redaktionsarbeit — Löns war mit Leib und Seele Journalist, der in allen Sätteln sicher war— in zwölf Tagen. Mit seinen Plaudereien im „Hannoverschen Anzeiger“, die er unter seinem Pseudonym „Fritz von der Leine“ schrieb, machte er die bis dahin nahezu unbekannte Heide volkstümlich. Er war einer der ersten, der die Schönheiten dieses stillen Landes entdeckte, und er pries sie in immer neuen Liedern. Auf seinen Jagdfahrten wohnte er bei dem Heidjer und lebte oft längere Zeit mit ihm zusammen. Da lernte er diesen herrlichen Menschenschlag kennen, der in stiller, harter Arbeit neues Land eroberte, in dem er Oedland unter den Pflug nimmt. Da fand er Menschen, die von gleichem Fleisch und Blut waren wie er. Er, der hagere Mann mit dem langen, schmalen Gesicht und der ausdrucksvollen Nase, fand sich hier im Kreise von Stammesgenossen.

Von alledem erzählte uns Dr. Castelle. Er konnte uns so manches aus dem Leben dieses Dichters mitteilen. Der Tod setzte seinem Leben ein zu frühes Ende, und viele große Pläne ruhen mit ihm in französischer Erde. Ueber dem Haupt dessen, der sein Erbe antreten sollte, lastet derselbe Dämon, der auch ihn zeitlebens verfolgte: Löns einziges Kind, ein Junge von 20 Jahren, ist geistig umnachtet und auf beiden Augen blind. „Schicksal des Menschen, wie gleichst du den Wassern, Schicksal des Menschen, wie gleichst du dem Wind“, möchte man auch hier sagen.— Herr Karl Blume, Düsseldorf, sang dann zur Laute Lieder aus dem „Kleinen Rosengarten“. Es waren lauter Lieder, wie sie die Bauernjungen und =mädchen in der Lüneburger Heide noch heute singen. Und was uns da vorklang. war fertige Melodie. Man hätte Herrn Blume am liebsten stundenlang zuhören mögen.— Mit dem fesselnden Kulturfilmwerk aus des Dichters Heide machten sich auch die Ufa und das Palast=Theater alle Ehre. Wohl nie sind Aufnahmen in solcher Schönheit und Wahrhaftigkeit, in so klarem, gleichsam dichterischem Schauen im Sinne von Hermann Löns zusammengestellt worden wie hier.

Kw.

Die Glocke 25. April 1929

Quellennachweis

Fritz Chlodwig Lange: Bielefelder pilgern zu Löns. In: Westfälische Zeitung. Bielefelder Tageblatt 11.03.1929, S. 2. Link zum Deutschen Zeitungsportal.

Kasa: 5000 Menschen hören Hermann Löns. Essener Ufa=Palast Schauburg: Zum 3. Mal Löns-Morgenfeier. In: Essener Anzeiger 28.1.1929, S. 10. Link zu zeitpunkt.nrw.

S.R.: Hermann Löns und seine Heide. Dr. Castelle=Vortrag und Kulturfilmschau. In: Essener Volkszeitung Montag 21.1.1929. Link zu zeitpunkt.nrw.

S.: Ufa-Palast: Lönsfeier. Dortmunder Zeitung 18. Februar 1929, S. 7. Link zum Deutschen Zeitungsportal.

Kw: Löns-Abend in Beckum. In: Die Glocke 25. April 1929, S. 3. Link zum Deutschen Zeitungsportal.

Abbildungsnachweis

Anzeige für die „Castelle-Blume-Löns-Show“ in Remscheid am 16. Mai 1929. Remscheider General-Anzeiger 13.5.1929. Public Domain.