Alles last minute: „Grün ist die Heide“ in der Friedrichstraße


Alles last minute

„Grün ist die Heide“ in der Friedrichstraße

Überall DLS, das wird das Motto der neuen Saison! Beim Deutschen Lichtspielsyndikat in der Berliner Friedrichstraße beginnen die Planungen für die Verfilmung von „Grün ist die Heide“.

Der Termindruck ist hoch. Wir brauchen

… ein gutes Drehbuch. Sprachrohr der Heide-Romantik wird ein lustiges Kleeblatt: drei Landstreicher, die sich „Monarchen“ nennen. Für die Spielhandlung kombinieren wir drei Erfolgsformeln: eine Liebesgeschichte, ein Wildererdrama, die Landschaft der blühenden Heide.

… geschicktes Casting. Aber erst auf den allerletzten Drücker. Wer mitspielen darf, wird ganz am Schluss geklärt. Drei Tage vor Drehbeginn.

Alles last minute. So geht das beim DLS.

Inhalt

Überall DLS, überall last minute

Die Presse wird schon informiert, bevor jemand mit der Arbeit beginnt. Die Filmbosse beim Deutschen Lichtspiel-Syndikat kombinieren einfach die zwei entscheidenden keyphrases: „Grün ist die Heide“ + „Der kleine Rosengarten von Hermann Löns“, dem Jäger, der das Lied gedichtet hat. Mehr braucht man nicht:

  • Hamburg 10. Juli 1932: „Hermann Löns als „Film-Manuskript“. Die „DLS“ hat als neue Produktion den Film „Grün ist die Heide“ in Bearbeitung, dem inhaltlich verschiedene Werke von Hermann Löns zu Grunde liegen“ (Hamburger Tageblatt).
  • Bielefeld 14. Juli 1932: „Der erste Hermann=Löns=Film! Endlich hat man eines der herrlichsten Lieder von Hermann Löns zum Inhalte eines Films gemacht. Nach dem Liede aus dem „Kleinen Rosengarten“: Grün ist die Heide dreht das D.L.S. in der Lüneburger Heide ein Filmwerk, das im Herbst uraufgeführt werden soll“ (Westfälische Zeitung).

Nicht nur die Presse, auch das Fachpublikum hält man auf dem Laufenden. Schon am 9. Juli steht es im Kinematographen, dem traditionsreichen, fünfmal wöchentlich erscheinenden Infoblatt für Kinoinhaber:

Die DLS.-Ankündigung eines großen Films „Grün ist die Heide“ nach dem „Kleinen Rosengarten“ von Hermann Löns hat bei Theaterbesitzern und beim Publikum außerordentliches Interesse gefunden, wie aus zahlreichen Zuschriften an das DLS. von Jägern und Löns-Verehrern aus allen Teilen des Reiches hervorgeht. […] Die Verbreitung der Löns-Lieder aus dem „Kleinen Rosengarten“ ist ungeheuer. Von dem Lied „Grün ist die Heide“ existieren allein 42 verschiedene Schallplattenaufnahmen.

Ungeheure Verbreitung. Verehrer in allen Teilen des Reiches. Und: 42 Schallplattenaufnahmen! Was kann da noch schiefgehen? In der Welt des Kinos, im Jahr 1932, eine ganze Menge.

August Weinschenk, Generaldirektor der DLS AG, muss das Filmprojekt durch eine turbulente Welt steuern. Zum 2. Mai 1932 hat der Aufsichtsrat Weinschenk zum Alleinvertreter der DLS AG gemacht. Man erhofft sich schnellere und unkomplizierte Entscheidungen. Und das ist bitter nötig.

Jetzt muss Weinschenk liefern. Ein Wettlauf mit der Zeit beginnt.

Der versierte Theatermacher Dr. Martin Zickel, den Weinschenk im Februar 1931 als Produktionschef geholt hat, hat seine Expertise in die Planung für die kommende Saison 1932/1933 eingebracht. Wenn es um populärer Stoffe geht, die sichere Einnahmen an der Kasse garantieren, macht ihm niemand etwas vor. Wie seit vielen Jahren schon bleibt Zickel nur kurz bei einem Projekt. Im Juni verlässt er das DLS, plant schon wieder Neues, wahrscheinlich im Bereich von Operette und Lustspiel.

Dazu kommt es nicht. Kaum hat Zickel das DLS verlassen, erkrankt er an einem Nierenleiden und stirbt am 14. Juli im Berliner Urban-Krankenhaus.

Trotzdem: Das Programm trägt Zickels Handschrift. Damit die Umsetzung klappt, hat er kurz vor seinem Weggang Hans v. Wolzogen als Produktionsleiter zum DLS geholt. Zusammen mit Wolzogens Vater hat Zickel 1901 das literarische Variété nach Berlin gebracht. Der jüngere Wolzogen war einer der ersten Studenten an der Schauspielschule Max Reinhardts, mit dem Zickel für das Kabarett „Schall und Rauch“ zusammengearbeitet hat. Er weiß, worauf es Zickel ankommt.

Gegen die Kinomüdigkeit: Das DLS-Saisonprogramm

Donnerstag, 28. Juli, 10 Uhr. In den Räumen des DLS. an der Friedrichstraße startet die dreitägige Vertretertagung. Die Berliner Mitarbeiter stellen den Regionalvertretern, die aus verschiedenen Teilen Deutschlands angereist sind, ein ehrgeiziges Programm von vorläufig 14 Filmen vor, die im Laufe der Saison 1932/1933 gedreht und an die Kinos verliehen sollen. Montag, 8. August, beginnt die Vermietung. Dann können die angeschlossenen Kinos festlegen, welche Filme sie buchen wollen.

Schon im März auf der Generalversammlung des Vereins im luxuriösen Hotel Kaiserhof hatte Generaldirektor Weinschenk angekündigt, dass die Filmtheater eine große Anzahl Film verpflichtend anmieten sollen. Man wünscht sich nichts mehr als Planungssicherheit.

Auf der Tagung redet die DLS-Spitze gegen die Krisenstimmung an. Wegen der andauernden wirtschaftlichen Rezession haben die Leute kein mehr Geld für Vergnügungen übrig, die Sitzplätze in den Kinos bleiben leer. Zugleich ächzen die Theaterbesitzer unter der Schuldenlast. Die Umstellung auf den Tonfilm hat ihnen zu teure Investitionen abverlangt.

In einem Impulsreferat verbreitet DLS-Generaldirektor Kurt Weinschenk Zweckoptimismus. Er gibt sich optimistisch, „dass in der kommenden Saison bestimmt wieder eine Belebung des Kinogeschäfts festzustellen sein wird“. Und hat die richtige Strategie. Er sieht in der „guten und geschäftssicheren Produktion die durchgreifenden Hilfsmittel für den Theaterbesitzer zur Bekämpfung der Kinomüdigkeit“. Vertriebschef Fritz Kaelber stellt seine „unerschütterliche Zuversicht auf den geschäftlichen und künstlerischen Erfolg“ aus. Das wird schon! Man muss nur kräftig die Werbetrommel rühren. Werbechef Karl Klär erläutert die „Unterstützung der Vertreter und Theaterbesitzer durch die D.L.S-Programmabteilung“.

Die 14 Filme, die zwei Mitarbeiter des DLS, Reinhold Meißner und Ausstattungschef Robert Neppach, bei der Tagung vorstellen, befinden sich häufig noch im Planungsstadium. Unter den anvisierten Filmtitel befinden sich solche, die lediglich eine Zielgruppe („Männer zwischen 40 und 50“), den Plot („Prinz Louis Ferdinand und die Postmeisterin“) oder ein Milieu umreißen („Der geheimnisvolle Kommissar“).

Das Programm geht gezielt auf die Forderungen ein, die Vertriebschef Kaelber aus seinen Gesprächen mit den Kinobesitzern zur Genüge kennt.

Grüne Heide, sündiges Dorf, Burschen in Sonne und Wind

Auch im Fachblatt Film-Kurier, wo das Programm am 8. August vorgestellt wird, steht die Publikumsorientierung im Vordergrund. Den Leuten soll etwas geboten werden für ihr Geld. Diesmal sind es 19 Filme:

Was die Theaterbesitzer von den verschiedenen Tribünen aus in den letzten gefordert haben – Bevorzugung der Freiaufnahmen, gegenwartsnahe Stoffe, wirksame Besetzung, reichhaltige Ausstattung, Abwechslung in den Sujets – in der neuen DLS.-Produktion wird diesen berechtigten Wünschen in weitgehendem Maße Rechnung getragen.

„Grün ist die Heide“, Zickels wichtigste Erwerbung, wird als ein „besonderer Schlager“ angekündigt:

Aus Kreisen der Theaterbesitzer hat das DLS. bereits erfahren, mit welchem Interesse man gerade diesen Film erwartet, der durch die Verbreitung der Hermann-Löns-Lieder im Reich eine Vorerwartung für sich hat, wie sie das Ideal jedes Theaterbesitzers ist.

Ähnliches gilt für „Das sündige Dorf“ nach dem Schwank von Max Neal. Auch hier darf man den Einfluss Dr. Zickels vermuten. Ein erfolgreicher Bühnenschwank wird zu einem Film im Alpenlook ausgebaut, Trachten inklusive:

Ein Volksstück, d.h. eine Bauernkomödie wird der Film „Das sündige Dorf“, der in Oberbayern spielt und vor dem Hintergrund der deutschen Alpenwelt die bayrischen Bauern mit ihrer drastischen Komik zeichnet. Die Ganghofer-Thoma-Truppe, wohl die bekannteste Bauerntruppe Deutschlands, garantiert dem Film die Originaltreue der bayrischen Atmosphäre.

Hinter der Ganghofer-Thoma-Truppe verbirgt sich nichts anderes als das seit 1892 bestehende Schlierseer Bauerntheater vom Tegernsee. Zickel kennt die Gesellschaft, die ursprünglich aus Laienschauspielern zusammengesetzt wurde, seit seinen eigenen Anfängen als Theatermacher. Im November 1899, als das Berliner Gastspiel des französisches Cabaret Roulotte Wolzogen und Zickel zur Gründung eines literarischen Variétés anregt, sind es die Schlierseer, die die Roulotte im Belle-Alliance-Theater ablösen und dort für jubelnden Beifall sorgen.

Anders als die Roulotte haben die Schlierseer 1899 schon eine USA-Tournee hinter sich und es bis in die New Yorker Metropolitan Opera geschafft. Zum Höhepunkt ihres Programms gehört das Stück „Jägerblut“ um einen reuigen Wilderer in den Alpen. Es bietet eine Kirchweih mit Schuhplattlertanz und Schnadahüpferln. Die komische Rolle übernimmt Xaver Terofal als Bader Zangerl, ein Original wie später Guido Thielscher im „Lustspielhaus“. Nummern, wie gemacht für das „Das sündige Dorf“!

Wie ernst es dem DLS mit „Abwechslung in den Sujets“ ist, zeigt das Sozialdrama „Burschen in Sonne und Wind“, inszeniert von einer Schülerin Max Reinhardts. Leontine Sagan ist durch den Film „Mädchen in Uniform“ bekannt geworden, der gleichgeschlechtliche Liebe in einem von rigidem preußischen Drill beherrschten Mädchenpensionat behandelt. Für das DLS sollen es um die Nöte prekär lebender Studenten gehen. Ungeschminkt, tatsachengetreu und auch ein bisschen reißerisch:

Mit dem Film „Burschen in Sonne und Wind“ will das DLS. eine moderne, von jeder Sentimentalität und falschen Romantik freie Behandlung des aktuellen Werkstudentenproblems bringen und auf Grund von Tatsachenberichten, die durch ein Preisausschreiben des Deutschen Studentenwerkes beschafft werden, ein ungeschminktes Bild von der sozialen und geistigen Krise der heutigen deutschen akademischen Jugend bringen.

Es wirkt, als wollte Zickel mit diesem Projekt zurück zu den Ideen seiner Frühzeit, dem experimentellen Theater auf der Secessionsbühne am Alexanderplatz.

Schwierig bleibt die Finanzierung. Das D.L.S. kann zwar den Vertrieb übernehmen, hat aber nicht die Mittel, um die Filme selbst zu produzieren. Andere müssen einspringen. Für „Grün ist die Heide“ tritt Robert Neppach auf den Plan, Ausstattungschef des DLS. Nicht umsonst ist er einer der beiden Mitarbeiter, die den Vertretern das Saisonprogramm vorstellen.

Als Neppach am 17. August seine neue Produktionsfirma, die „Robert-Neppach-Filmproduktion“ als GmbH ins Handelsregister eintragen lässt, muss „Grün ist die Heide“ noch warten. Sein erster Film wird das abtreibungskritische Sozialdrama „Das erste Recht des Kindes“ nach Thea von Harbou unter der Regie von Fritz Wendhausen. Gedreht wird ab dem 24. August in der zweiten Halle im D.L.S.-Atelier in Berlin-Staaken, direkt neben „Gehetzte Menschen“, einen Kriminalfilm unter der Regie von Friedrich Feher, dessen Finanzierung bereits geklärt war.

Langsam wird es eng. Das Zeitfenster für den Dreh in der Heide schließt sich bald, die Heide blüht höchstens bis Mitte September.

Försterliebe, Wilderer, Monarchen der Heide: Das Drehbuch

Am Freitag, 26. August, meldet der „Kinematograph“, dass das D.L.S. den Vielschreiber Bobby E. Lüthge und den Kriminalschriftsteller Curt J. Braun tatsächlich wie geplant für das Drehbuch engagiert hat. Viel Zeit bis zum Samstag 10. September, dem geplanten Drehbeginn, ist da ja nicht gerade. Eine Herausforderung, die die Routiniers gerne annehmen. „Nervenspannung“ und Teamwork gehören ja zum Geschäft. Außerdem sind Lüthge und Braun alte Weggefährten von Neppach und haben schon öfter gemeinsam Filmanuskripte verfasst.

Lüthge und Braun machen das, was die Zeitungen ankündigen, sie stellen das Lied in den Mittelpunkt. Um irgendwie Löns-Stimmung in die Handlung zu bekommen, bedienen sie sich aber lieber beim literarischen Variéte „Hermann Löns und seiner Heide“ als bei den Löns-Werken selbst.

Die drei Bausteine, aus denen der Film zusammengesetzt ist, stehen später in der Kino-Werbung: „Ein Film vom deutschen Wald und deutscher Heide mit einer spannenden Wilderer-Geschichte und einem bezaubernden Liebes-Roman, vor dem Hintergrund blühender Heide.“ So einfach ist das.

Försterliebe: Das magische Heidekraut

"Grün ist die Heide": Tierärztin und Jägersmannbei den grünen Tannen

Das Löns-Lied eins zu eins umgesetzt. Die junge Tierärztin Grete Lüdersen geht einsam auf der grünen Heide umher, da kommt ein – gar nicht mehr so – junger Jäger an, Walter, der neue Forstgehilfe, er trägt ein grünes, grünes Kleid. Die beiden treffen sich, wo die grünen Tannen stehen und das grüne Moos wächst.

Es ist Liebe auf den ersten Blick, noch ein wenig verschämt. Die beiden sind füreinander bestimmt. Sie, eine selbstständige, berufstätige Frau, er, ein Jäger mit sicherem Job und passablen Aufstiegschancen. Schön.

Nur wie kommen sich die beide näher?

Walter: Wissen Sie, wenn ein Mann eine Frau liebt – und sie gar nichts von ihm wissen will – oh, da gibt es ein wunderbares Mittel.
Grete: Ach.
Walter: Ja, ja- er muß´ in einer Vollmondnacht mit ihr durch die Heide gehen – ja, und dann muß er drei Heidekräuter finden – so.
Grete: Ja und?
Walter: So – ja, diese drei Kräuter muß er ihr dann über die Schulter werfen – so.
Grete: Ja und dann?
Walter: Dann muß sie ihn liebhaben, ob sie will oder nicht.
Grete: Das habe ich noch nie gehört.
Walter: Ich auch nicht – ich habe es gerade eben erfunden.
Grete: Ach so! Dann fürchte ich, daß es leider nicht wirken wird.
Walter: Ach, das wär‘ schade. Jedenfalls weiß sie dann, daß er sie liebt.

Das magische Heidekraut ist keine neue Idee. Bobby E. Lüthge hat sie schon 1928 für das Drehbuch des Stummfilms „Saxophon-Susi“ mit Anny Ondra verwendet, um einen Flirt in Szene zu setzen.

Die Titelheldin, die tanzverrückte Susi, sträubt sich gegen den ersten, stürmischen Kuss ihres Partners Lord Herbert. Dieser nutzt einen Mistelzweig, der im Seitentrakt des englischen Jazzlokals, in den sich die zwei zurückgezogen haben, wie zufällig von der Decke hängt:

Wenn eine junge Dame mit einem Herrn unter einem Mistelzweig sitzt, muss sie ihm nach englischer Sitte einen Kuss geben. Leider gilt das aber nur am Weihnachtsabend.

Lord Herbert zeigt auf den zwischen einigen Dekobäumen ausliegenden Tageskalender: Leider ist erst der 23. Dezember! Susi zögert nicht lange. Zwischen den beiden ist aus ihrer Sicht alles klar. Sie blättert heimlich um, zeigt Herbert das neue Datum, und er darf sie küssen.

Für Lord Herbert ist die Magie der Blütenstrauchs genauso ein Trick wie für Walter, und Grete weiß genauso wie Susi, dass alles arrangiert ist. Der angebliche alte Brauch ist ein Mittel zum Zweck für ganz aktuelle Liebesinteressen. So kann man seine Liebe zeigen oder den Beziehungsstatus klären.

Gerade noch Mistelzweig, jetzt eben blühende Heide. Für Lüthge und Braun ist die Heide nur eine Bühnenrequisite, ein Gegenstand, mit dem sich die Handlung nach vorne bringen lässt. Und ein modisches Accessoire, das gerade im Trend liegt.

Für viel mehr haben sie auch keine Zeit, im Sommer 1932. Das Drehbuch muss schnell fertig werden.

Wilderer: Ich schieße, wenn ich will

Wir brauchen noch einen Konflikt, der die Liebe gefährdet. Sonst wird’s langweilig. Jetzt kommt Löns ins Spiel, so wie wir ihn aus der Castelles Deutungen kennen. Auf der einen Seite der Naturliebhaber, der die Heide durchstöbert und ihre Tierwelt studiert. Auf der anderen Seite das rastlose Dichtergenie, voller unerfüllter brennender Sehnsucht, bitterunglücklich.

Lüthge und Braun machen einfach zwei Typen draus, a) den Jäger, der die Natur hegt und pflegt, und b) den Wilderer, der triebgesteuert auf wehrlose Hirsche ballert. Die traute Zweisamkeit zwischen Grete und Walter wird gestört durch einen Dritten: Gretes Vater Lüder Lüdersen, ein verarmter Gutsbesitzer, der in den Wäldern, die ihm nicht mehr gehören, als Wilderer unterwegs ist. Grete, hin- und hergerissen zwischen Vater und Geliebtem. Walter, hin- und hergerissen zwischen Liebe und Försterpflicht. Und Lüdersen, hin- und hergerissen zwischen Trieb und Vernunft. Unlösbare Konflikte, wie wir Kinogänger sie lieben!

Grete: Vater, warum tust du das?
Lüdersen: Weil ich muß! Weil ich nicht anders kann! Ich kann nicht an dagegen. Sieh mal, wenn man hier geboren ist – wenn man dieses Land – wenn man den Wald da – wenn man so alles in sich drin hat, wenn man hier gewachsen ist, wie der Baum da draußen – dann ist man ein Stück davon – dann gehört man dazu. Die Tiere da, das sind meine Tiere … der Hirsch, den ich kenne, das ist mein Hirsch, den schieße ich!
Grete: Aber Vater, es gehört uns doch nichts mehr. Wenn Du durchaus jagen willst – Du hast doch Freunde.
Lüdersen: Was denn – Freunde – ich soll mich einladen lassen, wo mir mal alles gehört hat und noch mehr dazu – nee, nee, ich schieße, wenn ich will und nicht, wenn andere wollen.

Um den Knoten zu lösen, greifen Lüthge und Braun auf den guten alten Theatertrick des deus ex machina zurück. Sie lassen einen zweiten Übeltäter auftauchen, den Schlingensteller Specht, der mit einem Planwagen als Kaufmann durch die Lande zieht. Die Heide, die der alte Lüdersen als persönliches Jagdrevier betrachtet, ist für Specht ein Selbstbedienungsladen für seinen Verkaufsstand. Er ist genauso wenig um eine Ausrede verlegen:

Oberforstrat: Sagen Sie: wird hier viel gewildert? Kennen Sie Wilderer?
Specht: Wilderer? Woran soll ich die denn erkennen?
Oberforstrat: Na, müssen doch tote Tiere mit sich rumtragen. Müssen Sie doch sehen, wenn Sie so durch die Heide fahren.
Specht: Die Sache mit den toten Tieren ist nicht so einfach – nicht so einfach. Sehn Sie mal, ich selber.
Oberforstrat: Was?
Specht: Hab meinen Wagen und fahre tote Tiere. Bitte schön, hier – die hab‘ ich vor ein paar Tagen gekauft.

Am Rande eines Festes ertappt der alte Lüdersen Specht auf frischer Tat, wird aber beim Schusswechsel tödlich verwundet. Sterbend bekennt er Grete und Walter seine Untaten. Die beiden entscheiden sich, die Familienehre zu retten und behalten alles für sich. Vater hat Mist gebaut, aber wir reden einfach nicht drüber. Ohnehin gilt jetzt Specht, von den Förstern gefangen, als verantwortlich für die Wilderei.

Bedenklich: Walter und Lüder haben mehr gemeinsam, als man glauben könnte. Beide nehmen es mit Recht und Gesetz nicht immer so ganz genau. Beide laufen mit der Waffe in der Hand durch die Heide. Der eine in Uniform, der andere in Zivil. Beide finster entschlossen. Mal mehr mal weniger irrlichternd. Echte Männer eben, wehrhaft und unbarmherzig, wie bei Löns.

Monarchen der Heide: Schlafen im Moos

In den Film müssen ausgiebig Stimmungsbilder aus der Lüneburger Heide vorkommen, das hat sich beim literarischen Variéte „Hermann Löns und seiner Heide“ bewährt. Die vertrauten Heidemotive: Wacholder, Birken, Hünengräber, Heidschnucken mit Schäfer. Und Tieraufnahmen, montiert zwischen die Spielfilmhandlung. Das könnte nicht reichen.

Besser noch etwas Volkstümliches, ein Bauernfest, mit Trachtenkleidern der Region, musikalisch untermalt. Das hat mehr Schauwert als Männer bei der Torfgewinnung oder Fischreiher und Hirsche allein. Und das Liebespaar kann miteinander tanzen. Vor allem erinnert es an den „lustigen Ehemann“, den Schlager aus „Wolzogen’s buntem Theater“ von 1901. Besonders, wenn man Karl Blume dazu ein Lönslied singen lässt. Ein Paar, gekleidet in altmodische Kostüme, führt umständlich einen Tanz auf. Dazu die Musik. Das war 1901 zum Start des „Überbrettls“ eine sichere Bank, das wird es jetzt für einen modernen Unterhaltungsfilm.

Besser kann man Karl Blume und die Lönslieder nicht einbauen. Blume, Spielmann, Trobadour, ein Hauch von Minnesang. Er verzückt das Publikum bei den Live-Shows mit seiner warmen, sonoren Baritonstimme, das muss in den Tonfilm. Lönslieder sind der Soundtrack, der das Leben in der Heide begleitet. Bin ich in der Heide, singe ich seine Lieder. Nur: Ein Mann mit Gitarre allein funktioniert vielleicht auf der Bühne, aber nicht auf der großen Leinwand.

Lüthge und Braun greifen auf einen Klassiker des populären Theaters zurück, um Blume im Film unterzubringen, das liederliche Kleeblatt aus Nestroys Posse „Lumpacivagabundus“ von 1833. Drei umherziehende Handwerker, Schuster Knieriem, Tischler Leim und Schneider Zwirn, zu Landstreichern geworden. Und einer singt, um ihr Lebensgefühl auf den Punkt zu bringen. Das „Kometenlied“, von Knieriem auf der Bühne intoniert, behandelt die angeblich drohende Apokalypse durch Kometensturz und war damals, vor 100 Jahren, europaweit ein Hit.

So machen wir das! Drei Vagabunden, unterwegs in der Heide. Lustige Typen, für einen Spaß zu haben. Einer singt stimmungsvolle Lieder, von Löns natürlich. Das Kleeblatt ist Teil der Naturkulisse aus Wacholder, Birken und Heidesträuchern. Zugleich aber auch eine personifizierte Heide, ein Sprachrohr der Landschaft:

Gendarm: Habt ihr jetzt eigentlichen einen festen Wohnsitz?
Monarchen: Wenn Sie da über die Heide gehen, links am Waldrand – und dann rechts am Hünengrab vorbei – und wenn Sie dann noch ein bissel weiter rübergehen, da, wo der Birkenweg anfängt. Und dann geht es noch ein bissel gradeaus – und da ist ein Stein.
Gendarm: Na, und?
Monarchen: Und da – da ist unser Palais. Das ist unser Palais.
Gendarm: Na, die Adresse muß ich mir mal notieren!

Die Heide-Monarchen wandern durch die Heide

Das Kleeblatt kann man prima als Joker einsetzen, um die Handlung voranzubringen. Die drei Bummelanten können Lüdersen informieren, wo er die schönsten Hirsche vor das Gewehr bekommt. Sie singen die Begleitmusik, wenn sich Grete und Walter beim Spaziergang rund um das Hünengrab näherkommen. Und wir lassen sie das Trachtenfest aufmischen, wenn sie sich kostenlos Bier und Kuchen organisieren. So kommt auch der Spaß nicht zu kurz.

Ach so: Die drei Vagabunden nennen wir die „Monarchen“, weil sie sich in der Heide so gut ausgekennen, so, als wäre es ihr eigenes Königreich. Ihre Berufe geben sie an mit: Nichtraucher, Künstler, Sänger. Und Sie ernähren sich, indem sie für jeden Tag der Woche Proviant bei verschiedenen Heidebewohnern zusammenschnorren.

Walter, der neue Forstgehilfe, muss das erst noch lernen:

Monarchen: Erlauben Sie, Herr Förster, daß wir Sie gleichzeitig mit unsern Eigenarten bekannt machen. Einladungen, Geschenke, Liebesgaben, werden bereitwilligst angenommen. Der Wohltätigkeit sind keinerlei Schranken gesetzt.
Walter: Sagt mal Kinder, lebt Ihr denn immer in der Heide?
Monarchen: Jawohl – wir leben immer in der Heide. Wir schlafen im Moos und decken uns mit dem Himmel zu.
Walter (zum Oberförster): Komische Kerle, tun so, als ob die ganze Heide ihnen gehört.
Oberförster: Darum heißen sie ja auch die Monarchen.
Walter: Na ob die nicht auch wildern, Herr Oberförster?
Oberförster: Die, nee – das sind anständige Kerle, die mopsen höchstens mal ’nen Zigarrenstummel.

Schlafen im Moos, mit Himmelsdecke. Vagabunden sind Lebenskünstler. Ihnen gehört die ganze Heide, nicht dem Förster in Uniform.

Jetzt braucht man beim D.L.S. Stars und zugkräftige Namen, damit der Film es auf die große Bühne schafft. Auf zum Casting.

Last-Minute-Casting für „Grün ist die Heide“

Berlin, Donnerstag, 8. September 1932, gegen 13 Uhr. Karl Blume sitzt im Restaurant des luxuriösen Central-Hotel an der Friedrichstraße. Er hat gerade zu Mittag gegessen. Das ist gar nicht so einfach. Die Gäste des Central-Hotels müssen zwischen verschiedenen Restaurants mit landestypischen Speisen wählen: Schwarzwald, Bayern, Ostfriesland, Rheinland. Schwierig. Karl Blume hat sich für das Heidelberger entschieden.

Schnell schreibt Karl auf einem gefalteten Zettel ein paar Zeilen nach Düsseldorf zu seiner Frau Ida „Bubi“ Blume. Die gehen sofort auf die Post. Es gibt Neuigkeiten, die er unmöglich für sich behalten kann.

L. Bubi!
Heute Donnerstag 11 Uhr hatte ich die erste Besprechung u. um 2 ½ geht es weiter. Augenblicklich sitze ich im Heidelberger und esse zu Mittag. Also das ganze Haus D.L.S. dreht sich um den Film „Grün ist die Heide“ fortgesetzt kommen u. gehen Leute, welche gerne mitwirken möchten. Im Film sind 3 Stromer 1. Kampers. 2. Beckers. 3 Blume. Wir 3 haben schöne Scenen. Karl macht in Humor. Fein was? Am Sonntag geht die Sache los. Komme aber vorher noch nach Düsseldorf.
Die Honorarfrage wird heute nachmittag gelöst. Nach dem Essen geht es sofort zu Herrn Präseke Grammophon u um 2 ½ wieder in’s D.L.S. Zeit ist Geld. Gema wird morgen erledigt –
Der Film wird Mitte Oktober herauskommen.
So Kleines!
Alles in Ordnung.
Morgen mehr.
Herz. Grüße u Kuß
Dein Karl.

Kein Wunder, dass Blume am Freitagnachmittag zurück nach Düsseldorf will. In Berlin reiht sich Termin an Termin. Bevor es nachmittags beim D.L.S. weitergeht, will er noch bei der Schallplattenfirma „Grammophon“ vorbeischauen und die Details für eine neue Aufnahme besprechen. Ein Besuch bei der GEMA, die Tantiemen für öffentliche Musikaufführungen kassiert und an die beteiligten Musiker auszahlt, ist für Freitag geplant. Jetzt, wo es Tonfilme gibt, wird das korrekte Abrechnen immer wichtiger.

Zuhause in Düsseldorf kann Blume nur kurz durchatmen. Am Samstag reist er nach Rotenburg (Wümme) in die Heide. Sonntag wird gedreht! Zum Glück gibt’s ja die Eisenbahn.

Und wer kommt mit in die Heide?

Zeit ist Geld: Casting beim Deutschen Lichtspielsyndikat

In den Büros des Deutschen Lichtspielsyndikats in der Friedrichstraße 225, die Straße runter vom Mittagstisch im Heidelberger, bekommt Blume in Echtzeit mit, wie man beim Film arbeitet. Es geht hoch her. Und nichts läuft wie geplant. Nerven, zum Zerreißen gespannt.

Angefangen hat die Misere, gleich nachdem Lüthge und Braun mit dem Drehbuchschreiben gestartet sind. In derselben Ausgabe des „Kinematographen“, in der das Engagement bekannt gegeben wurde, stand zu lesen, dass Johannes Meyer für die Regie verpflichtet wurde.

Kaum eine Woche später, Donnerstag 1. September, überbringt das Blatt die Hiobsbotschaft: Johannes Meyer hatte einen Autounfall! Hektisch wird umdisponiert.

Da die Aufnahmen zu dem DLS.-Film „Grün ist die Heide“ wegen der zeitlich an die Blüte gebundenen Außenaufnahmen nicht verschoben werden können, hat das DLS. an Stelle des durch einen Autounfall verhinderten Johannes Meyer mit der Regie des Film Hans Behrendt betraut.

Den Genrefilmer Hans Behrendt kann man für Außenaufnahmen bedenkenlos einsetzen. 1929 hat er die „Schmugglerbraut von Mallorcaon location mit Jenny Jugo gefilmt. In der Heide kennt er sich aus, er war mal Schauspieler am Hannoveraner Theater.

Außerdem schickt man den Kameramann Viktor Gluck mit einem kleinen Team schon mal in die Heide voraus. Gluck, „der sich als Freilichoperateur einen Namen gemacht hat“, reist nach Rotenburg (Wümme), „um von dort aus in zahlreichen Streifzügen durch die Heide Landschaftsaufnahmen zu drehen“ (Deutsche Reichszeitung 14.09.1932). Blühende Heide, Kampf zweier Hirsche: Für Kulturfilm-Elemente ist auf jedem Fall gesorgt!

Wer im Film mitspielt, ist beim D.L.S. erst ganz am Schluss ein Thema. Blume ist live dabei, „fortgesetzt kommen u. gehen Leute, welche gerne mitwirken möchten.“ In drei Tagen soll der Dreh losgehen. Das ist sportlich.

Den Zuschlag für die Försterrolle erhält der Hamburger Theaterschauspieler Peter Voß. Er bringt norddeutsches Kolorit in den Film, gibt den jungen Liebhaber im Löns-Kostüm.

Camilla Spira als Heidemädchen in "Grün ist die Heide" (1932)
Camilla Spira als blondes Heidemädchen: Die weibliche Hauptrolle
(Foto von den Atelieraufnahmen für „Grün ist die Heide“).

Immerhin eine Ankündigung aus der ersten Besetzungsliste im „Kinematographen“ vom 9. August hat sich bewahrheitet: Camilla Spira gibt wie geplant die blonde Tierärztin. Das hat seinen Grund. Spira ist von Anfang an g esetzt und bringt ihr Image als Rösslwirtin Josepha in der Berliner Erstaufführung von Ralph Benatzkys enorm beliebtem Singspiel „Im weißen Rössl“ mit. Die ideale Voraussetzung für die Hauptrolle in einem Heimatfilm!

Wer den innerlich zerrissenen, instabilen Wilderer Lüdersen gibt, wird immer noch verhandelt. Das will gut überlegt sein. Lüdersen ist die dritte Hauptrolle, die dunkle Löns-Figur des Films. Der verarmte Gutsbesitzer, der zum Wilderer wird: ein Spiegelbild des bitteren Dichterschicksals, das man von Castelles Löns-Abenden kennt. Zwei Berliner Theaterschauspieler sind in der engeren Auswahl: Bleibt es bei Eduard von Winterstein? Oder wird es Theodor Loos? Bis zum Montag bleibt offen, wer in den Zug nach Rotenburg steigt. Da haben die Dreharbeiten schon begonnen.

Immerhin eins steht fest, an diesem Donnerstagmittag um 13 Uhr. „Im Film sind 3 Stromer 1. Kampers. 2. Beckers. 3 Blume. Wir 3 haben schöne Scenen. Karl macht in Humor. Fein was?“

Die drei „Monarchen“: Kampers, Beckers, Blume

Die Heide-Monarchen: Der Sänger, der Spaßvogel, der Verschlagene
Ergebnis des Monarchen-Castings, von links nach rechts. Der Sänger, der Spaßvogel, der Verschlagene.
Nachtigall (Karl Blume), Blümchen (Paul Beckers), Alois (Fritz Kampers). Quelle: Westfälisches Musikarchiv im Stadtarchiv Hagen.

Drei Monarchen. Blume kennen wir. Aber wer sind Kampers und Beckers?

Die Rollen der zwei anderen Monarchen, die Blume begleiten, vergibt das D.L.S mit Gespür für das Publikum. Es sind Leute, die ebenfalls ein etabiliertes Image mitbringen, es aber anderen Bühnen verdanken: Schauspiel und Varieté. Richtige Stars! Und sie stehen für drei grundverschiedene Regionen Deutschlands: Rheinland, Sachsen, Bayern. Jetzt alle gemeinsam in einem einzigen Film. Das ist für jeden was dabei!

Bühne frei für Nachtigall, Alois und Blümchen.

Blume spielt Nachtigall, den singenden Monarchen, der für jede Heide-Stimmung das passende Lied auf seiner Gitarre parat hat. Er bringt mit, wofür er durch das literarische Variété „Hermann Löns und seiner Heide“, seine Konzerte und die Auftritte im Radio bekannt ist: Rheinische Fröhlichkeit und neckische Lieder im Dialekt. Gefühlvoll vorgetragene Löns-Lieder, traurig-schön. Ein moderner Spielmann und Troubadour.

Alois wird gespielt von Fritz Kampers. Alois repräsentiert den Charakter der Monarchen. Sie mögen liebenswert sein, aber mit Recht und Gesetz stehen sie auf Kriegsfuß. Kampers war schon im frühen Heimatfilm „Grüß mir das blonde Kind am Rhein“ und vor allem als Wilderer im „Jäger von Fall“ mit dabei. Aus der Ganghofer-Verfilmung bringt Kampers, in München geboren, bayrisches Flair in den Heide-Film. Kampers Rollenfach: etwas dubios, meistens lustig. Er selbst schreibt 1928: „Mein eigentliches Feld ist die Darstellung derber, kernhafter Rollen — drolliger und burschikoser Gestalten, die jedoch sympathische und verinnerlichte Züge besitzen müssen.“

1932 ist Kampers ein etablierter und gut vernetzter Filmstar, mit dem sich Zeitungsreporter zum Tee im Hotel verabreden, ein „zwangloser Kreis“. So steht es im Hamburgischen Correspondent vom 5. September, wenige Tage vor Drehbeginn. „Man kennt Fritz Kampers als Verbrechertype, als Unteroffizier aus zahlreichen Militärschwänken“. Als Mensch im Hotel ist er ein „liebenswürdiger und charmanter Gastgeber“. „Hollywood? Nein. Kampers teilt nicht diese Sehnsucht der meisten Filmstars“, hier gibt es „so reiche Betätigung und so viele Entwicklungsmöglichkeiten“.

Blümchen gibt Paul Beckers. Der ist 1932 einer der höchstbezahltesten Komiker des Landes. Er betreibt ein eigenes Varieté-Theater in Leipzig, mehrere Monate im Jahre geht er mit einem bunten Programm auf Gastspielreise. Gerade spielt Beckers im Varieté Wintergarten, einem riesigen Bühnensaal, der zum Berliner Central Hotel gehört. Beckers spielt, wo Blume zu Mittag isst! Das Programm kombiniert einen Bühnenschwank mit Gesangs- und Tanzeinlagen, die um Beckers als Mittelpunkt arrangiert sind. Beckers weiß, wie man ein Publikum zum Lachen bringt, sein Sächseln bringt garantierte Lacher.

Paul ist in der Welt herumgekommen. Früh schon entwickelt er für das Varieté-Reisetheater die Figur „Fliegentütenheinrich“, einen fahrenden Händler, der sein Geld mit dem Verkauf von Fliegenpapier verdient. Es kommt zu einer Stummfilmreihe, deren Erfolg Beckers sogar für ein Jahr in die USA führt. Danach gilt er was in den deutschen Varietés. Nur zu besonderen Anlässen tritt er noch als Fliegentütenheinrich auf. Bis jetzt. In „Grün ist die Heide“ gibt er endlich wieder einen fahrenden Gesellen! Er ist der lustige Monarch, der für Spaß und gute Laune sorgt.

Wo die drei Monarchen unterwegs sein werden, hat Produktionsleiter Hans von Wolzogen ausgekundschaftet. In den letzten Augustwochen war er im Hintergrund als location scout in der Heide unterwegs. Fotogene Schauplätze sind gefunden, Verabredungen getroffen. Das Highlight: Ein Hochzeitsfest auf dem Meyerhof in Scheeßel, mit dem örtlichen Trachtenverein in traditionellen Kostümen.

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Zu nächsten Kapitel: Reporter auf dem Trachtenfest. Dreharbeiten zu „Grün ist die Heide“ in Scheeßel.


Abbildungsverzeichnis

Die drei Heide-Monarchen (Foto Nr. 426). Filmstill von den Atelieraufnahmen zu „Grün ist die Heide“ in Berlin-Staaken, September/ Oktober 1932. Westfälisches Musikarchiv im Stadtarchiv Hagen.

Szenenfoto von den Dreharbeiten zu „Grün ist die Heide“ von 1932 (Bild 474). Westfälisches Musikarchiv im Stadtarchiv Hagen.

D.L.S. Programm 1932/1933. Der Kinematograph. Das älteste Film-Fachblatt Jg. 26 Heft 154 (9. August 1932). Public Domain. Eigenes Foto. Link zum Internet Archive.

H. U. Revel: Conrad Dreher und seine Leute. Deutsche Lesehalle Heft 48 (1899), S. 379-381. Link zur BSB München.

Anna und Xaver Terofal. Xaver Terofal als Bader Zangerl. Berliner Leben. Zeitschrift für Schönheit und Kunst 2 (1899), S. [132]. Link zur ZLB Berlin.

Das liederliche Kleeblatt: Der böse Geist Lumpacivagabundus oder Das liederliche Kleeblatt von Johann Christian Schoeller (Künstler/in) – Austria – CC BY-NC-SA. Link zu Europaeana.

Produktionsfotos zum Film. Public Domain. Eigenes Archiv.

Fritz Kampers und Camilla Spira, Szenenfoto aus „Lachende Musikanten “(930). Aus: Mein Film 1930, Nr. 260, S. 6. Public Domain. Link zu Anno.

Fritz Kampers beim Autogrammtag im Europa-Palast. Der Kinematograph. Das älteste Film-Fachblatt Jg. 26 Heft 178 (10. September 1932). Public Domain. Eigenes Foto.

Hermann Löns, Hamburg: Broschek 1916. Postkarte. Public Domain 1.0. Link zur Staatsbibliothek Berlin.

Verwendete Literatur

Recherche im Deutschen Zeitungsportal.

  • Stadtanzeiger Castrop-Rauxel und Umgebung 14.10.1931, S. 4: Köpfe am deutschen Varietee. Paul Beckers
  • Hamburger Tageblatt 10.07.1932, S. 4: Hermann Löns als „Film-Manuskript“.
  • Westfälische Zeitung 14.07.1932, S. 2: „Der erste Hermann-Löns-Film“.
  • Westfälische neueste Nachrichten, 17.08.1932, S. 2: Geplantes Programm des D.L.S.
  • Deutscher Reichsanzeiger und preußischer Staatsanzeiger 03.09.1932, S. 10: Eintrag von Neppachs Filmfirma im Handelsregister zum 17. August 1932
  • Hamburgischer Correspondent. Abendausgabe 05.09.1932, S. 6: Tee bei Fritz Kampers
  • Deutsche Reichszeitung 14.09.1932, S. 5: Ein Löns-Film (Beginn der Dreharbeiten)
  • Neue Mannheimer Zeitung 02.02.1933, Seite 4: Rezension zur Erstaufführung des Films „Grün ist die Heide“ (Inhalt des Films)

Fritz Kaelber und das Deutsche Lichtspiel-Syndikat. Recherche bei zeitpunkt.nrw und im Internet Archive.

  • Gründung der Düsseldorf Film AG, Prokurist Fritz Kaelber. Kölnische Zeitung 14.2.1922 und 3.5.1922.
  • Namensänderung der Düsseldorf Film AG zu Filmhaus Bruckmann und Co. AG. Kölnische Zeitung 13.7.1922.
  • Duisburger General-Anzeiger 1.5.1924 und Der Mittag 6.5.1924: Gründungsausschuss des D.L.S. am 29.4.1924 in Elberfeld, Sitz wird Düsseldorf.
  • Der Kinematograph Jg. 19 Nr. 963 (2. August 1925), S. 18: Bruckmanns Abschied von Düsseldorf. Link zum Internet Archive.
  • Düsseldorfer Zeitung 18.4.1926: Sitz des D.L.S. nach Berlin verlegt.
  • Fritz Kälber nicht mehr Vorstandsmitglied beim Filmhaus Bruckmann. Düsseldorfer Stadt-Anzeiger 21.11.1928.
  • Der Kinematograph. Jg. 23 Heft 268 (15.11.1929): Das Erbe Heinrich Grafs. (Fritz Kälber wird Filialleiter bei der Deutschen Universal).
  • Der Kinematograph. Jg. 25 Heft 11 (14. Januar 1931): Fritz Kälber geht zum Lichtspiel-Syndikat. Link zum Internet Archive.
  • Der Kinematograph. Jg. 25 Heft 173 (30. Juli 1931): Beginn der D.L.S.-Konvention in Berlin. Link zum Internet Archive.
  • Der Kinematograph. Jg. 26, Heft 40 (26. Februar 1932): Rund um das Lichtspiel-Syndikat. Link zum Internet Archive.
  • Der Kinematograph. Jg. 26 Heft 147 (29. Juli 1932): D.L.S.-Vertretertagung in Berlin. Link zum Internet Archive.

Flugplatz Staaken. Link zu industriekultur.berlin.

Meldungen zum Film „Grün ist die Heide“ im Fachblatt „Der Kinematograph “ 26 Jg. (1932).

  • Nr. 133 (9. Juli 1932): Reaktion auf die erste Filmankündigung „Grün ist die Heide“
  • Nr. 143 (23. Juli 1932): Ankündigung der D.L.S.-Vertretertagung
  • Nr. 147 (29. Juli 1932): Bericht über den ersten Tag der D.L.S.-Vertretertagung
  • Nr. 154 (9. August 1932): D.L.S. Programm 1932/1933.
  • Nr. 167 (26. August 1932): Drehbuchautoren und Regisseur für „Grün ist die Heide“
  • Nr. 171 (1. September 1932): Regisseur für „Grün ist die Heide“ geändert, Drehbeginn bleibt 10. September, Außenaufnahmen starten vorher
  • Nr. 179 (13. September 1932): Camilla Spira und Peter Voß verpflichtet
  • Nr. 182 (16. September 1932): Theodor Loos als dritter Hauptdarsteller, Besetzung abgeschlossen
  • Nr. 186 (22. September 1932): Atelieraufnahmen beginnen
  • Nr. 196 (6. Oktober 1932): Aufnahmen fertiggestellt

Robert Neppach: Hinter den Kulissen des Filmarchitekten. In: Das große Bilderbuch vom Film. Herausgegeben vom Film-Kurier. Zusammengestellt von Hubert Miketta, Berlin 1927, S. 24-27. Link zum Internet Archive.

Kampers, Fritz. In: Treuner, Hermann: Filmkünstler. Wir über uns selbst, Berlin: Sibyllen-Verlag 1928, ohne Seitenzahl. Link zum Internet Archive.

Zulassungskarte „Grün ist die Heide“. Prüfdatum 17.11.1932. Bundesarchiv, Berlin-Lichterfelde. Signatur BArch R 9346-I/21412. Link zum Bundesarchiv. Die Zensurkarte enthält den kompletten Sprechtext des Films und listet die zensierten Passagen auf.

Recherche zu den Schlierseern:

  • Davidson-Theater. Das Auftreten des Schlierseer Bauerntruppe. Jägerblut. Wisconsin Vorwärts. (Milwaukee, WI) 23 Dec. 1895, p. 4. Retrieved from the Library of Congress. Link zu Chronicling America.
  • Max Schoenau: Berliner Plauderei. Münchner neueste Nachrichten 14.11.1899 Vorabendblatt, S. 1-2. Link zur BSB München. (Schlierseer und die Roulotte)
  • Eugen Zabel: Moderne Bühnenkunst, Bielefeld und Leipzig: Velhagen & Klasing 1911, S. 26. Link zum Internet Archive. (Szene aus „Jägerblut“ mit Terofal)

Film-Kurier 8.8.1932: D.L.S.: 19 Filme. Link nach Berkeley.